{"id":13638,"date":"2004-12-05T14:51:31","date_gmt":"2004-12-05T13:51:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=13638"},"modified":"2022-06-18T02:32:02","modified_gmt":"2022-06-18T00:32:02","slug":"am-rande-der-buchstaben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2004\/12\/am-rande-der-buchstaben\/","title":{"rendered":"Am Rande der Buchstaben"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Myla-Goldberg-Die-Buchstabenprinzessin.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Myla-Goldberg-Die-Buchstabenprinzessin.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-29362\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Myla-Goldberg-Die-Buchstabenprinzessin.jpg 306w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Myla-Goldberg-Die-Buchstabenprinzessin-92x150.jpg 92w\" sizes=\"(max-width: 306px) 100vw, 306px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Ein Buchstabierwettbewerb deckt das Geheimnis einer scheinbar intakten Familie auf. Myla Goldbergs &#8222;Buchstabenprinzessin&#8220; ist eine beklemmende Studie \u00fcber Besessenheit, Einsamkeit und mystische Sehnsucht<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Harmlos sollte ihr Roman beginnen, heiter, sonnig wie eine Reader\u00b4s Digest Geschichte, sagt Myla Goldberg, und immer dunkler, befremdender werden. Die Schriftstellerin aus Brooklyn, die ein Jahr in Prag gelebt und Englisch unterricht hat, und sich in New York mit Aushilfsjobs durchs Leben schlug, gilt seit drei Jahren als neue, ungew\u00f6hnliche Stimme, als gro\u00dfe Hoffnung der jungen amerikanischen Literaturszene.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Bee Season&#8220;, ihr hochgelobtes Deb\u00fct von 2001, das mit Richard Gere und Juliette Binoche gerade verfilmt wird, erscheint jetzt, \u00fcbersetzt von Christiane Buchner und Martina Tichy, im Kindler-Verlag. &#8222;Bee&#8220; bedeutet im Englischen Buchstabe, Biene, aber auch Tick, Spleen, ein kluger Titel also, der im Deutschen s\u00fc\u00dflich-d\u00fcmmlich zu &#8222;Die Buchstabenprinzessin&#8220; verkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titel t\u00e4uscht. Denn der Roman ist alles andere als eine heitere Geschichte \u00fcber das Erwachsenwerden, mehr als nur das Portr\u00e4t der eher durchschnittlich begabten neunj\u00e4hrigen Eliza, die &#8211; zur \u00dcberraschung ihrer Familie, die sie nie f\u00fcr etwas Besonderes hielt &#8211; auf h\u00f6chster Ebene Buchstabierwettbewerbe gewinnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Goldbergs Roman ist eine n\u00fcchterne Vivisektion einer scheinbar intakten j\u00fcdisch-amerikanischen Familie, die l\u00e4ngst zerfallen ist &#8211; ein erbarmungsloser Blick in Abgr\u00fcnde, langsam erz\u00e4hlt, akribisch, mit Atem und Ausdauer. Wer das nicht scheut, ger\u00e4t langsam in den Sog einer komplexen, faszinierend beklemmenden Studie \u00fcber Ehrgeiz, Einsamkeit, mystische Sehnsucht und Besessenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee entstand, als eine Freundin Myla Goldberg von ihrer Schulzeit, von Buchstabierwettbewerben erz\u00e4hlte, f\u00fcr die Autorin eine Art Mikro-Kosmos der Kindheit &#8211; und der rote Faden des Romans, mit dem sie Spannung aufbaut. Der Kampf der Schnellbuchstabierer, das &#8222;bee spelling&#8220;, bei dem Kinder tats\u00e4chlich auf der B\u00fchne ohnm\u00e4chtig werden, heulen, an N\u00e4geln knabbern, stottern, ist eine grausame Welt des Wettbewerbs zwischen Angst, Triumph und Versagen &#8211; eine uramerikanische Tradition.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Goldberg ein gutes Beispiel, wie sehr wir f\u00fcr die Erwartungen anderer leben, die der Eltern, Geschwister, Mitsch\u00fcler und Lehrer. &#8222;Eltern sind extrem wichtig, um herauszufinden, wer du wirklich bist&#8220;, sagt sie. &#8222;Sie geben dir eine Idee, wie du eine Weile leben willst &#8211; und wenn das mit dem \u00fcbereinstimmt, wer du bist, hast du Gl\u00fcck. Dann funktioniert es. Sonst findest du einen andern Weg.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Roman wird der Buchstabier-wettbewerb zum Katalysator, zum Ausl\u00f6ser f\u00fcr das Auseinanderdriften der Familie. Elizas Vater Saul, Kantor in der Synagoge, Bohemian, Hausmann und Kabbala-Gelehrter, ist seit dem College ein verbittert Suchender, dem die letzte Schau der Dinge versagt geblieben ist. In seiner buchstabierbegabten Tochter erkennt er pl\u00f6tzlich mystisches Potential, will sie zur h\u00f6heren Erkenntnis f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das Reich der Buchstaben ist das Reich der Gl\u00fcckseligkeit&#8220;, hat Abraham Abulafia geschrieben, einer der ersten gro\u00dfen spanischen Kabbalisten des 13. Jahrhunderts. Saul hat ihn \u00fcbersetzt und liest seiner Tochter aus seinen B\u00fcchern vor. Besessen von Buchstaben geht Eliza aber \u00fcber seine Lektionen hinaus, liest andere Mystiker und entpuppt sich tats\u00e4chlich als spirituelle Begabung. Buchstaben sprechen pl\u00f6tzlich zu ihr, unbewusst, formen sich zu Bildern, explodieren und ordnen sich neu, klar, vor ihrem Auge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00f6nheit des Alphabets, besonders des hebr\u00e4ischen, der jahrhundertealten Tradition, erlebt sie als Ekstase, als Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen, das, wonach ihr Vater, ihre Mutter und ihr Bruder Aaron verzweifelt suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aaron, das fr\u00fchere Vorzeigekind, entt\u00e4uscht vom Vater, der sich ganz seiner Schwester und deren neu entdeckten Talent zuwendet, st\u00fcrzt sich auf \u00f6stliche Religionen, meditiert, singt, \u00fcbernachtet im Hare-Krishna-Tempel &#8211; w\u00e4hlt den rebellischen Weg zur eigenen Identit\u00e4t. Die Mutter, eine distanzierte, erfolgreiche Anw\u00e4ltin leidet unter Zwangsneurosen. Wahnsinn und Normalit\u00e4t schieben sich ineinander. &#8222;Tikkun olam&#8220;, die Reparatur der Welt, deutet sie auf atemberaubend kreative Weise &#8211; indem sie Verbrechen begeht.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jede Figur sucht nach etwas, das die Banalit\u00e4t seines Lebens \u00fcbersteigt. Jeder tut das&#8220;, sagt Myla Goldberg. &#8222;Aber die Wege, die die Familienmitglieder einschlagen sind sehr unterschiedlich. F\u00fcr mich besteht die Tragik des Romans darin, dass sie nicht erkennen, wie sehr sie das Gleiche suchen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Goldberg erz\u00e4hlt mehr statt zu zeigen. Sie interessiert, wovon eine Person getrieben wird. Ihre Prosa lebt von inneren Monologen, von der Tiefe und Vielschichtigkeit ihrer Charaktere.<br \/>Jede Figur tr\u00e4gt einen Riss in sich, eine Wunde, die sie auf seltsame Weise kultiviert, sch\u00fctzt und heilt. Alle vier Familienmitglieder sind gefangen in einem Netz von Ritualen. Sie versenken sich ganz in das, was sie glauben leben zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Vielleicht ist der Tod kein tiefer Schlaf, aus dem man nicht mehr erwacht&#8220;, geht Eliza durch den Kopf, &#8222;sondern das Leben, auf einen unentrinnbaren Moment konzentriert.&#8220; Konzentration auf die ureigene Sache verhindert aber gerade, wonach sich alle sehnen, weil sie unf\u00e4hig sind, es zu geben: N\u00e4he.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ende verbl\u00fcfft. Denn offen bleibt beim Buchstabierwettbewerb, ob sich Eliza, als sie ans Mikrofon tritt und den \u00e4ngstlich-sehns\u00fcchtigen Blick ihres Vaters auff\u00e4ngt, nun f\u00fcr die Realit\u00e4t entscheidet &#8211; dem ins Auge sieht, was ist, oder in ein Zweitleben fl\u00fcchtet wie alle andern. Vielleicht hat sie zum Schluss als Einzige die befreiende Lektion gelernt, dass es manchmal viel mehr zu verlieren gibt als zu gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Myla Goldberg: Die Buchstabenprinzessin\n\u00fcbersetzt von Christiane Buchner und Martina Tichy, \nKindler, 2004, 380 Seiten, \u008019,90<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Buchstabierwettbewerb deckt das Geheimnis einer scheinbar intakten Familie auf. 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