{"id":1391,"date":"1997-06-15T11:11:00","date_gmt":"1997-06-15T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/archiv\/?p=1391"},"modified":"2022-06-06T01:18:51","modified_gmt":"2022-06-05T23:18:51","slug":"go-west-old-man","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/06\/go-west-old-man\/","title":{"rendered":"Go West, Old Man!"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Interview mit Mark Eitzel; von Mike Lehecka und Kai Martin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;It&#8217;s the end of the world as we know it&#8220;, dachten sicher die meisten treuen Fans von Mark Eitzel, als sie h\u00f6rten, da\u00df R.E.M.-Gitarrist Peter Buck der musikalische Partner auf dem <a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/06\/mark-eitzel-west-wea\/\" data-type=\"post\" data-id=\"9797\">zweiten Solo-Album<\/a> ihres melancholischen Lieblingss\u00e4ngers sein w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist wohl zu erwarten von der Kooperation eines zwar brillanten, aber d\u00fcsteren und spr\u00f6den Singer\/Songwriters mit einem notorischen Gastmusiker, der mit seiner megaerfolgreichen Band mal einen Superhit mit Namen &#8222;Shiny Happy People&#8220; hatte?<\/p>\n\n\n\n<p>Wer beeinflu\u00dft da wen, und vor allem: wie? Verliert Eitzel seine ernste und pessimistische Aura? Wird er so peinlich wie Michael Stipe, der S\u00e4nger von R.E.M, und kippt den Sinn seiner Texte zugunsten bedeutungsschwangerer Symbolik \u00fcber Bord? Ist Peter Buck am Ende der Aufnahme-Sessions so frustiert, da\u00df er sich eine seiner 25.000 E-Gitarren in den Bauch rammt und daran verblutet?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Fragen \u00fcber Fragen, die sich um k\u00fcnstlerischen Ausdruck, um Glaubw\u00fcrdigkeit und selbstgesteckte Anspr\u00fcche drehen. Fragen, die den Gr\u00fcnder, Songschreiber und S\u00e4nger des American Music Club, Mark Eitzel, aber nicht im geringsten besch\u00e4ftigen:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/19980222190935im_\/http:\/\/www.hinternet.de\/eitzel-s.gif\" alt=\"Mark Eitzel in s\/w\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p> <i>Ich bin daran interessiert, auf viele verschiedene Arten zu arbeiten. Mit Peter Buck habe ich da gar keine konkreten Resultate erwartet, ich dachte einfach nur, das ist ein netter Kerl und ein guter Musiker. <\/i><\/p>\n\n\n\n<p><i>Kennengelernt habe ich ihn, als er sich einen meiner Auftritte in Seattle ansah. Nach der Show hingen wir noch ein bi\u00dfchen zusammen rum und haben eine Menge getrunken. Wir haben uns \u00fcber Musik unterhalten und \u00fcber unsere Einstellungen und wir stimmten in allen Punkten \u00fcberein. Wir tauschten unsere Telefonnummern aus und vier Monate sp\u00e4ter hat er mich dann in San Francisco besucht, mit seiner Frau zusammen. Wir a\u00dfen zu Abend und redeten weiter und so kam uns die Idee, etwas zusammen zu machen.<\/i><\/p>\n\n\n\n<p><i>Ein paar Wochen sp\u00e4ter brachte er seinen Bass mit, um an einem meiner Songs zu arbeiten. Es endete damit, da\u00df wir stattdessen Songs zusammen schrieben und ich bin sehr froh dar\u00fcber, es hat mir enormen Spa\u00df gemacht.<\/i><\/p>\n\n\n\n<p><i>Das Album war nicht von Anfang an geplant. Es ist meiner Meinung nach auch kein besonders kommerzielles Album geworden, vielleicht einzelne Songs, aber als Ganzes ist es eine ziemlich abgefahrene Kiste. <\/i><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Einsch\u00e4tzung, der man nicht unbedingt folgen mu\u00df. &#8222;West&#8220;, die zweite Ver\u00f6ffentlichung Eitzels nach der Aufl\u00f6sung des American Music Club, klingt nach einem Kompromi\u00df zwischen poppigem Sch\u00f6nklang mit Anspruch und dem sperrigen Output eines bitteren, zum Teil auch zynischen Poeten. Wahrhaftig kein schlechter Kompromi\u00df, aber die Vokabel &#8222;abgefahren&#8220; klingt aus dem Mund eines Mannes, der schon weitaus gewagtere Alben hervorbrachte, doch etwas befremdlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich bleibt sich Eitzel textlich treu; musikalisch gibt es einige freie, fast atonale Elemente (mit sehr \u00fcberzeugenden Saxophon-Passagen), doch der Einflu\u00df Peter Bucks ist zu h\u00f6ren und er ist eher bes\u00e4nftigend als verst\u00f6rend. St\u00fccke wie &#8222;Free of Harm&#8220; oder auch &#8222;In your Life&#8220; sind sehr sch\u00f6ne, fast upliftende Mid-Tempo-Nummern, die zwar zu Mark Eitzel passen, aber dennoch ungew\u00f6hnlich aufger\u00e4umt und locker klingen. Das ist dann quasi POP!<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man sich die Rollenverteilung der Beteiligten, dann ist das keine \u00dcberraschung:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/19980222190935im_\/http:\/\/www.hinternet.de\/eitzel-s.gif\" alt=\"Mark Eitzel in s\/w\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p> <i>Eigentlich habe ich mit der Musik auf dem neuen Album gar nicht viel zu tun. Ich war nur der S\u00e4nger. Die Musik war Sache von Peter, der Band Tuatara &#8211; Peters Nebenprojekt mit Barrett Martin (Screaming Trees) und Skerik (Critters Buggin) &#8211; und Scott McCaughey, einem der Gastmusiker auf der Platte. <\/i><\/p>\n\n\n\n<p><i>Wir haben uns dazu entschlossen, keine fetten E-Gitarren zu verwenden. Ich wei\u00df auch nicht, die langweilen uns nur. Wer braucht das noch? Wir wollten akustische Gitarren in den Vordergrund stellen. <\/i><\/p>\n\n\n\n<p><i>Bevor wir mit &#8222;West&#8220; anfingen, hatte ich gerade die Arbeit an einem Album beendet, bei dem ich mit Steve Shelley von Sonic Youth, James McNew von Yo La Tengo und Kid Congo Powers gespielt habe. Das ist eine richtige Rockplatte. Sie hei\u00dft &#8222;Caught in a trap and I can&#8217;t back out, &#8218;cause I love you too much, Baby&#8220; und wird wahrscheinlich nicht vor Ende dieses Jahres erscheinen, auch unter meinem Namen. <\/i><\/p>\n\n\n\n<p><i>Ich betrachte &#8222;West&#8220; nur als ein Projekt, es hat einfach Spa\u00df gemacht, dieses Album aufzunehmen. F\u00fcr mich ist das kein &#8222;Richtungswechsel&#8220; oder etwas in der Art. Die Platte ist okay, so wie sie ist. H\u00e4tte ich mehr Einflu\u00df auf die Musik genommen &#8211; was ich ja gar nicht wollte &#8211; w\u00e4re sie vielleicht etwas aggressiver geworden. <\/i><\/p>\n\n\n\n<p>Auch Mark Eitzels erste Soloplatte, die 1996 erschienene &#8222;60 Silver Watt Lining&#8220;, bietet allenfalls textliche Aggressivit\u00e4t. Die Musik ist ruhig und sch\u00f6n, fast schon zu sch\u00f6n, soll hei\u00dfen: beunruhigend hohe Kerzen-und-Rotwein-Kompatibilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df damals mit dem Trompeter Mark Isham auch ein nicht gerade f\u00fcr seine Alternative-Credibility bekannter Musiker beteiligt war, k\u00f6nnte den Verdacht nahelegen, Eitzel suche den Anschlu\u00df an bekannte, erfolgreiche Namen, um vielleicht endlich etwas von dem Geld einzufahren, das ihm schon lange zust\u00fcnde, g\u00e4be es einen Rock-&#8217;n&#8216;-Roll-Gott.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gedanke, den Eitzel schnell entkr\u00e4ften kann:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/19980222190935im_\/http:\/\/www.hinternet.de\/eitzel-s.gif\" alt=\"Mark Eitzel in s\/w\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p> <i>Um ehrlich zu sein: Es war \u00fcberhaupt nicht geplant, dieses Album mit Mark Isham zu machen. Der Trompeter, den ich eigentlich wollte, konnte nicht spielen; er hatte Schwierigkeiten mit seinem Mund, irgendeine Entz\u00fcndung, und so haben wir Mark mit rein genommen. Das war ein gl\u00fccklicher Zufall.<\/i><\/p>\n\n\n\n<p>Touch\u00e9. Ein Argument, das \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch sieht sich Mark Eitzel mit einem Problem konfrontiert, das vermutlich jeder K\u00fcnstler kennt, der lange genug dabei ist und sich durch seine seri\u00f6se, sehr pers\u00f6nlich gepr\u00e4gte Arbeit Fans &#8211; oder sollte man sagen: Anh\u00e4nger &#8211; erworben hat. Wenn er sich im Laufe der Jahre ver\u00e4ndert und die Perspektiven sich verschieben &#8211; was bei einem 38j\u00e4hrigen, der seit 14 Jahren Platten ver\u00f6ffentlicht, ja durchaus verst\u00e4ndlich ist &#8211; gilt er pl\u00f6tzlich als Verr\u00e4ter:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/19980222190935im_\/http:\/\/www.hinternet.de\/eitzel-s.gif\" alt=\"Mark Eitzel in s\/w\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p> <i>Ich wei\u00df noch, als bekannt wurde, da\u00df ich ein Album mit Peter Buck mache, da haben alle geschrieben, jetzt macht Eitzel den Ausverkauf, jetzt verkauft er sich. Das wollte ich mir dann nicht mehr reinziehen, auf diesen negativen Kram kann ich wirklich verzichten, vielen Dank auch.<\/i><\/p>\n\n\n\n<p><i>Ich bin stolz auf die Kooperation mit Peter und w\u00fcrde es jederzeit noch mal tun.<\/i><\/p>\n\n\n\n<p>Natural-born-gegen-den-Strom-Schwimmer, sozusagen. Und in der Tat: Aufgewachsen als Sohn eines Soldaten in Taiwan und England, war Eitzel nie lange am selben Ort und lebte mit der Erfahrung, immer unterwegs und auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/19980222190935im_\/http:\/\/www.hinternet.de\/eitzel-s.gif\" alt=\"Mark Eitzel in s\/w\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p> <i>Wenn du jung bist und oft auf Reisen, dann lernst du vor allem eines: allein zu sein und dich zu besch\u00e4ftigen. Es gibt eine Menge Leute, die nicht in der Lage sind, mit sich allein zu sein. Ich kann das.<\/i><\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich hat seine Biographie mit dazu beigetragen, da\u00df er als Singer\/Songwriter so unabh\u00e4ngig geworden ist und mehr seinem Urteil vertraut als dem anderer Leute. Nat\u00fcrlich mu\u00df auch er seine Br\u00f6tchen verdienen, und ob dies ein unbewu\u00dfter Antrieb oder vielleicht ein willkommener Nebenaspekt bei der Arbeit mit Peter Buck war, mu\u00df dahingestellt bleiben, weil das niemand beurteilen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ist das eigentlich wichtig? Am Ende z\u00e4hlt doch nur das Resultat, und &#8222;West&#8220; klingt nicht so, als ob Eitzel sich daf\u00fcr h\u00e4tte verbiegen m\u00fcssen. Sein zweites Soloalbum ist abwechslungsreich und intelligent, es ist dunkel und gelegentlich freundlich und ohne jeden Zweifel ist Mark Eitzel drin, wo auch Mark Eitzel draufsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es klingt glaubhaft &#8211; wenn auch ein wenig desillusioniert &#8211; , wenn er seine Randexistenz beschreibt und auf seiner musikalischen Individualit\u00e4t beharrt, selbst in einer solch gro\u00dfen und vielschichtigen Musikszene wie die seiner Heimatstadt San Francisco:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/19980222190935im_\/http:\/\/www.hinternet.de\/eitzel-s.gif\" alt=\"Mark Eitzel in s\/w\" width=\"80\" height=\"80\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p> <i>Wir waren immer Au\u00dfenseiter in San Francisco. Ich habe zwar einige Freunde, die in Bands spielen, aber wir waren nie Bestandteil einer Szene. Wenn wir \u00fcberhaupt je zu einer Szene geh\u00f6rten, dann am ehesten zu der fr\u00fchen San-Francisco-Punkrock-Szene, jedenfalls eher dazu, als zu der Neo-Folk-Bewegung, die vor ein paar Jahren angesagt war..<\/i><\/p>\n\n\n\n<p><i>Wir spielten zwar h\u00e4ufig Konzerte mit Musikern wie Penelope Houston oder A Subtle Plague und wir gehen auch in die selben Bars, aber &#8230; eigentlich wei\u00df ich gar nicht, ob man \u00fcberhaupt von einer Neo-Folk-Szene in San Francisco sprechen kann. Und wenn es sie doch gibt, dann interessiert sie mich kaum. Meine Bereiche sind ohnehin eher Rock &#8217;n&#8216; Roll und Disco als irgendein neuer Folk-Trend. <\/i><\/p>\n\n\n\n<p>Disco??? Wir warten gespannt auf Mark Eitzels n\u00e4chstes Projekt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">* * * * *<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit Mark Eitzel; von Mike Lehecka und Kai Martin &#8222;It&#8217;s the end of the world as we know it&#8220;, dachten sicher die meisten treuen Fans von Mark Eitzel, als sie h\u00f6rten, da\u00df R.E.M.-Gitarrist Peter Buck der musikalische Partner auf dem zweiten Solo-Album ihres melancholischen Lieblingss\u00e4ngers sein w\u00fcrde. 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