{"id":14115,"date":"2011-05-05T09:26:25","date_gmt":"2011-05-05T07:26:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=14115"},"modified":"2022-05-29T02:14:13","modified_gmt":"2022-05-29T00:14:13","slug":"dominique-manotti-roter-glamour","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/dominique-manotti-roter-glamour\/","title":{"rendered":"Dominique Manotti: Roter Glamour"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/glamour.jpg\" alt=\"glamour.jpg\" width=\"200\" height=\"333\"\/> <em>\u0084Es ist, und ich wage wieder das schockierende Wort, schnuppe, ob der Schriftsteller Karl Marx besingt oder die Jungfrau Maria. Hauptsache, er tut das gut (&#8230;)\u0093 <\/em>(Arno Schmidt)<\/p>\n\n\n\n<p>Stimmt. Dominique Manotti k\u00f6nnte \u00fcber alles schreiben, man w\u00fcrde es gerne lesen, denn Dominique Manotti kann schreiben (&#8230; und Andrea Stephani kann \u00fcbersetzen; dieses Lob gleich vorweg). Und so ist es wohl auch: Sie schreibt \u00fcber alles. \u00dcber das m\u00f6rderische Intrigengeflecht der hohen Politik und ihrer Organisationen ebenso wie \u00fcber die Entwicklung einer jungen Frau maghrebinischer Abstammung, \u00fcber V\u00e4ter und sonstige F\u00e4denzieher, aus dem Ruder laufende Befehlsempf\u00e4nger und emanzipatorische Abnabelungen (beides \u00e4hnelt sich), mit einem Wort: Dominique Manotti schreibt \u00fcber das Leben.<br \/>Dabei beginnt \u0084Roter Glamour\u0093 abschreckend, mit einer kurzen Erkl\u00e4rung der Autorin, die Organisationsstruktur der franz\u00f6sischen Polizei betreffend. Dagegen ist man in Deutschland erfreulich \u00fcberschaubar, eine Menge Abk\u00fcrzungen gilt es sich zu merken (oder immer wieder aufzufrischen), aber mit dem Hinweis, man k\u00f6nne sich auch einfach so durch die Lekt\u00fcre treiben lassen, beruhigt uns Manotti wieder. Die Komplexit\u00e4t dieses Systems wird zum politischen Thema des Buches. Eine dieser Organisationen, der direkt dem franz\u00f6sischen Staatspr\u00e4sidenten unterstellte Antiterrorstab, hat einen Waffendeal mit dem Iran eingef\u00e4delt. Angeblich zum Wohle franz\u00f6sischer Geiseln, aber in Wahrheit geht es um Profit. Nur: Das Flugzeug mit den Waffen st\u00fcrzt unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden ab, der Chef des Stabs, Bornand, ger\u00e4t in Bedr\u00e4ngnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wird noch heikler, als ein Untergebener Bornands, der Polizist Fernandez, die Prostituierte und Spitzelin Katryn ermordet. Nun kommt die junge Noria Ghozali ins Spiel, eine Fl\u00fcchtige aus den patriarchalischen Zw\u00e4ngen des Elternhauses, im Polizeidienst untergekommen, ehrgeizig und hartn\u00e4ckig genug, den Fall mehr und mehr zu erhellen. Aber die Strippenzieher sitzen nat\u00fcrlich woanders: In den polizeilichen Konkurrenzorganisationen, in den mafi\u00f6sen Strukturen von Banken und Scheinfirmen, die alle an den schmutzigen Gesch\u00e4ften verdienen. Es geschehen weitere Morde, nur der Pr\u00e4sident der franz\u00f6sischen Republik \u0096 ein Sozialist, hei\u00dft er Fran\u00e7ois Mitterrand? \u0096 will von alledem nichts wissen. Schlie\u00dflich ist er ganz moralisch steriler Staatsmann und sein \u0084roter Glamour\u0093 vertr\u00e4gt sich nicht mit dem schmutzigen Rot von Blut.<\/p>\n\n\n\n<p>\u0084Roter Glamour\u0093 handelt also von der gro\u00dfen Politik, ihren Machtstrukturen und Metastasen, der letztlichen Beliebigkeit ideologischer Ma\u00dfst\u00e4be und der Verh\u00f6hnung demokratischer Prinzipien. Nur, mal ganz ehrlich: Hatten wir wirklich etwas anderes erwartet? Liefert Manotti also Best\u00e4tigungsprosa? Ein kollektives Kopfnicken Gleichgesinnter am Stammtisch der Besitzer von Universit\u00e4tsabschl\u00fcssen? Die Gefahr best\u00fcnde, w\u00e4re Manotti keine Literatin, deren Sprachbehandlung wie schon im Romanvorg\u00e4nger \u0084Letzte Schicht\u0093 allein uns auch die Jungfrau Maria schmackhaft machen w\u00fcrde, dieses stilistische Neben- und Ineinander innigster Intimit\u00e4t der Gedanken und \u00e4u\u00dferster Distanz der Milieuskizzierung. Entscheidend jedoch ist die Art, wie Manotti ihr Personal aus dem realpolitischen Tableau mei\u00dfelt. Der Drahtzieher \u0096 der Helfershelfer \u0096 die Polizistin: Figuren von beeindruckender Tiefe, zerrissene Gestalten zwischen dem Biografisch-Privaten und der Staatsr\u00e4son. Kein Zweifel: \u0084Roter Glamour\u0093 ist auch ein Meisterst\u00fcck psychologischer Kriminalliteratur. Der Bonze Bornand, der \u00fcber Leichen und einstige \u00dcberzeugungen steigt, ein pikantes Geheimnis mit seiner Geliebten teilt und am Ende vom Privaten eingeholt wird; der Helfershelfer Fernandez, funktionabel wie eine elektrische Zahnb\u00fcrste und pl\u00f6tzlich au\u00dfer Kontrolle; vor allem aber Noria Ghozali, die dem Terror des Elternhauses entflieht, sich emanzipiert, um sofort in eine andere Zwangsjacke gesteckt zu werden. Gerade ihre Entwicklung m\u00f6chte man weiter verfolgen \u0096 und kann es auch, denn im n\u00e4chsten Manotti (vom Verlag f\u00fcr den Herbst angek\u00fcndigt) kehrt sie zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>So also gelingt es der Autorin, uns eine tendenziell affirmative Lesehaltung, dieses \u0084Hab wir doch schon immer gewusst, sch\u00f6n, es noch einmal zu erfahren\u0093 des kritischen Konsumenten, gr\u00fcndlich durch die Kraft der Literatur auszutreiben. Die psychologischen Parameter des Personals finden sich in jedermanns Denken wieder, in jedermanns Reflex-, Trieb- und Instinktk\u00e4stchen. Arno Schmidt hatte recht: Karl Marx oder die Jungfrau Maria, eigentlich ist es einerlei. Nur schreiben muss jemand k\u00f6nnen, die Welt betrachten und in Literatur verwandeln. Dominique Manotti kann das. Und wie.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Dominique Manotti: Roter Glamour. Ariadne 2011 (Nos fantastiques ann\u00e9es fric. 2001. Deutsch von Andrea Stephani). 246 Seiten. 12,90 \u0080<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u0084Es ist, und ich wage wieder das schockierende Wort, schnuppe, ob der Schriftsteller Karl Marx besingt oder die Jungfrau Maria. Hauptsache, er tut das gut (&#8230;)\u0093 (Arno Schmidt) Stimmt. Dominique Manotti k\u00f6nnte \u00fcber alles schreiben, man w\u00fcrde es gerne lesen, denn Dominique Manotti kann schreiben (&#8230; und Andrea Stephani kann \u00fcbersetzen; dieses Lob gleich vorweg). 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