{"id":14139,"date":"2005-06-08T07:55:49","date_gmt":"2005-06-08T05:55:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=14139"},"modified":"2022-06-07T04:08:38","modified_gmt":"2022-06-07T02:08:38","slug":"andreas_hoppert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/andreas_hoppert\/","title":{"rendered":"Andreas Hoppert: Die Medwedew-Variante"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8222;Watching the detectives&#8220; l\u00e4sst lesen. Diesmal Dr. Bernd Kochanowski den neuesten Krimi von Andreas Hoppert, &#8222;Die Medwedew-Variante&#8220;.Jeden Morgen das Gleiche. Ratlos liegt Marc Hagen da und wei\u00df nicht, wer er ist, wo er ist und was gestern war: Er leidet an einer partiellen Amnesie. Alle Erinnerung an sein fr\u00fcheres Leben, an Familie, Freunde und Bekannte sowie an alles was sich gestern ereignete, ist in einem schwarzen Loch verschwunden. Seine einzige Verbindung zu der j\u00fcngeren Vergangenheit ist das Tagebuch, welches er f\u00fchrt. Tag f\u00fcr Tag kann er dort wieder nachlesen, was er in den Vortagen erlebte oder was ihm erz\u00e4hlt wurde. Nicht-personenbezogenes Wissen und sein logisches Denkverm\u00f6gen sind nicht beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Marc Hagen verl\u00e4sst seine Wohnung in Bielefeld kaum: Agoraphobie (Platzangst). Mit Ausnahme kleinerer Episoden spielt sich das ganze Geschehen des Romans in den R\u00e4umen seiner Wohnung ab. \u0084Die Medwedew-Variante\u0093 von Andreas Hoppert schafft eine Stimmung wie bei einem Theaterst\u00fcck: St\u00e4ndig klingelt es an der Wohnungst\u00fcr, Unbekannte treten auf, erz\u00e4hlen ihm wer sie sind, wer er ist, was sie von ihm wollen und dass andere Unbekannte ihn bel\u00fcgen. Dabei ist der Wissensvorsprung des Lesers gering, die schemenhaften Beschreibungen der Personen erlauben ihm keine sicherere Zuordnung als Marc Hagen. Im Gegenteil. Zum Ende hin kommt Marc zu \u00e4hnlich blitzgescheiten Schlussfolgerungen wie sie einst Poirot aus dem Hut zauberte.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00e4tselhaftes gibt es genug: Einer der sich als Freund ausgibt, kommt regelm\u00e4\u00dfig vorbei, Marcs Tagebuch verschwindet, ein Koffer mit einem belastenden Video taucht auf und pl\u00f6tzlich ist da eine Leiche. Die Geschichte die anf\u00e4nglich gem\u00e4chlich, ja fast tr\u00e4ge daher kommt, gewinnt an Fahrt. Kaum noch \u00fcberschaubar scheinen die M\u00f6glichkeiten, und wo das gute Ende f\u00fcr Marc sein mag, ist f\u00fcr den Leser nicht zu erahnen. Und in diesem Gew\u00fchl steht dann pl\u00f6tzlich unser Hagen und durchschl\u00e4gt den entscheidenden Knoten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch f\u00fchrt dieses Buch nicht dazu, dass der Leser sich vor Spannung die Fingern\u00e4gel abkaut. Und die Amnesie ist kein literarisches Thema, welches der Autor bearbeitet und mit dem sich der Leser auseinandersetzen muss, sondern Stilmittel, um einen Krimi zu strukturieren. Nein, es ist eher eine launige Story, bei der sich die Geschichte wie ein Zitteraal hin und her windet, Tatsachen st\u00e4ndig neu zu deuten sind und Klarheit erst nach dem Ende besteht. Kurzum, wie es der Titel, als erster und letzter Spa\u00df des Autors mit dem Leser, andeutet, ein Buch f\u00fcr \u0084Schachspieler\u0093. Auch vom sprachlichen Aufbau her besteht eine N\u00e4he zum Theaterst\u00fcck. Hier wird wenig Spannung durch Beschreibungen geschaffen, wenige Innenansichten sind zu betrachten, sondern die Dialoge vermitteln die vermeintlichen und tats\u00e4chlichen Fakten, aus denen Marc und der Leser ihre Schl\u00fcsse ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erinnert ein wenig an eine Langfassung von Roald Dahl und das muss ja nichts Schlechtes bedeuten. Andreas Hoppert kann man zugestehen, hier ein eigenst\u00e4ndiges Werk vorgelegt zu haben, keine \u00dcbertragung New Yorker \u00c4sthetik nach Bielefeld, nicht frei von Humor, aber frei von dieser unernsten comedy-fr\u00f6hlichen Leichtigkeit, die so gerne die Krimis deutscher Provenienz bev\u00f6lkert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Andreas Hoppert: Die Medwedew-Variante. <br \/>Grafit 2005, 192 Seiten, 7 \u0080 95<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Watching the detectives&#8220; l\u00e4sst lesen. Diesmal Dr. Bernd Kochanowski den neuesten Krimi von Andreas Hoppert, &#8222;Die Medwedew-Variante&#8220;.Jeden Morgen das Gleiche. Ratlos liegt Marc Hagen da und wei\u00df nicht, wer er ist, wo er ist und was gestern war: Er leidet an einer partiellen Amnesie. 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