{"id":14150,"date":"2005-06-10T01:48:32","date_gmt":"2005-06-09T23:48:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=14150"},"modified":"2022-06-07T03:38:31","modified_gmt":"2022-06-07T01:38:31","slug":"1978_ein_jahr_u","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/1978_ein_jahr_u\/","title":{"rendered":"1978. Ein Jahr und seine 20 Songs"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/1978-Ein-Jahr-und-seine-20-Songs.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/1978-Ein-Jahr-und-seine-20-Songs.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-24458\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/1978-Ein-Jahr-und-seine-20-Songs.jpg 278w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/1978-Ein-Jahr-und-seine-20-Songs-93x150.jpg 93w\" sizes=\"(max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Wie hie\u00df der Chic-Hit \u0084Le Freak\u0093 urspr\u00fcnglich? Und wem war er gewidmet? Wo hat sich John Travolta den Tanzstil f\u00fcr \u0084Saturday Night Fever\u0093 abgeguckt? Wer sang \u0084I will survive\u0093 auf Deutsch? Wie war Patti Smith beim Rockpalast-Auftritt drauf? Und wer hat ein ganzes Synthiepop-Album mit Rockklassikern eingespielt?All dies: Wissen zur Musik des Jahres 1978 \u0096 mitgeteilt in einem stylischen B\u00fcchlein mit minimalistischem Cover. Die CD zum Jahr steckt auf der letzten Seite. Und wer auf das \u0084Lied der Schl\u00fcmpfe\u0093, Boney M. oder Amanda Lear hofft, der wartet vergebens. Die Schlagworte hei\u00dfen zwar unter anderem Disco und Pop \u0096 aber eben auch Punk, Latin, Soul und Independent. Singer-Songwriter haben hier ihren Platz. Selbst afrikanischer Highlife ist drauf.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Also gibt\u00b4s zum Beispiel Gitarrenpop-Kl\u00e4nge von Wire, The Jam, The Only Ones, den Ramones und den Buzzcocks. Blondie sind mit \u0084Denis\u0093 dabei, die Brasilianerin Alcione mit einem Samba, Nina Hagen und die durchgeknallten Frauen-Punks von X-Ray Spex.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ja, Punk: der gilt hier schon als in den letzten Z\u00fcgen liegend. Deshalb gibt\u00b4s eines der letzten Interviews der Sex Pistols zu lesen. Sid Vicious und Johnny Rotten, die versuchen geistreich und witzig zu sein. Kommen etwas gek\u00fcnstelt r\u00fcber, aber wenigstens erf\u00e4hrt man, wie sehr sie Freddy Mercury hassen. Sagen sie zumindest.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Disco, Soul und Funk sind \u0096 nat\u00fcrlich \u0096 The Chic zust\u00e4ndig. Au\u00dferdem Linda Clifford, Lew Kirton, Gloria Gaynor und Marvin Gaye. Die Singer-Songwriter sind Patti Smith und Warren Zevon. Die afrikanischen Highlifer hei\u00dfen Sweet Talks.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht nur Musik steckt in dem B\u00fcchlein drin. Auch Kluges und Erhellendes \u00fcber das, was in und hinter der Musik steckte. Was in der Luft lag. Dass Disco alles andere als herrschaftsstabilisierender Eskapismus war. Dass sie als Musik der Schwulen und Schwarzen aus dem Ghetto kam. Und der Leistungsgesellschaft den klassenlosen K\u00f6rperkult provozierend entgegenhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der arrogante Punk bekommt sein Fett weg: aus der Mittelklasse kommend, setzte er die Maske der Gosse auf. Und machte es mit seinem rigiden Regelwerk schwer, Melodien und Virtuosit\u00e4t zuzulassen. Einige der Bands, die es trotzdem wagten, sind hier zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel davon findet sich in dem lesenswerten Essay von Philipp Oehmke \u0096 in dem zum Beispiel John Travolta outet, dass Tony Maneros Tanzstil aus dem TV abgeguckt war. Eine originelle Fotostrecke l\u00e4sst Stars, Stylings, politische Ereignisse, aber auch Eckart Witzigmanns Kreationen der Saison Revue passieren. Und zu jedem Song der CD gibt\u00b4s au\u00dferdem einen kleinen Text plus Coverfoto. Die Texte sind so unterschiedlich wie ihre Autoren und das eigentliche Juwel dieses Buches.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erkl\u00e4ren zum Beispiel, wie The Chic mit minimalem Aufwand maximale Spannung erzielten. Sie erz\u00e4hlen, wie bei Gloria Gaynor aus Soul Disco wurde. Dass The Only Ones ihre Instrumente beherrschten und deshalb vom Underground verspottet wurden. Und wie Produzent Norman Whitfield die Tanzboden-M\u00e4use schockte, in dem er die Rose Royce-Ballade \u0084Love don\u00b4t live here anymore\u0093 einfach bis zum Ende Ballade sein lie\u00df. Oder dass Nina Hagen ihr Punk-Etikett eigentlich zu Unrecht trug: jedenfalls war das schrill-sch\u00f6ne \u0084Unbeschreiblich weiblich\u0093 in der Tat vor allem gut gemachter Pop.<\/p>\n\n\n\n<p>Lesend h\u00f6rt man die Songs und kann selbst urteilen. Spielen die Ramones wirklich nur \u0084drei Akkorde\u0093 in \u0084wahnwitzigem Tempo\u0093? Warum kann man \u0084Warm leatherette\u0093 von The Normal nicht wirklich als Song bezeichnen? \u00dcbrigens: dies ist eins der kleinen Song-Schmankerl auf der CD. Der krude Synthie-Klassiker eines gewissen Daniel Miller, der als Gr\u00fcnder des Labels Mute in die Popgeschichte eingeht! Aufregend auch die Dancefloor-Seltenheit \u0084Elle et moi\u0093 von Max Berlin.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das ist das eigentliche, merkw\u00fcrdige Verdienst dieses CD-Buches: vollkommen selektiv versucht es einerseits die aufregendsten, andererseits aber auch die repr\u00e4sentativen und innovativen Seiten des Jahres \u00b478 abzubilden. Es erm\u00f6glicht, sich v\u00f6llig reinfallen zu lassen in die Stimmung von damals. Und die Songs zu h\u00f6ren, als seien sie neu \u0096 dank der Kontext-Erkl\u00e4rungen in den Texten. Mal wieder ein sch\u00f6ner Beweis f\u00fcr die Tatsache, dass nur eine Sache sch\u00f6ner ist als naives H\u00f6ren: wissendes H\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Einziges Manko: nicht alle Texte zu den Songs sind wirklich gelungen. Warum nicht wenigstens versuchen zu erkl\u00e4ren, worin die Faszination von Blondie lag? Selbst ihre Widerspr\u00fcche lassen sich benennen, wenn man es m\u00f6chte. Und dass Blondie als eine der ersten eine Rap-Passage in einem Popsong benutzten, w\u00e4re interessanter zu erz\u00e4hlen als das, was eh jeder wei\u00df: dass Debbie Harry als szenig wirkender Star ber\u00fchmt ist und dass Blondie vor ein paar Jahren noch mal einen Nummer 1 Hit hatten. Aber solche Stellen sind selten \u0096 und im Zweifelsfall immer noch dem Mut zu verdanken, die Song-Erl\u00e4uterungen v\u00f6llig subjektiv und uneinheitlich bl\u00fchen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zu vergessen: Jeder Song-Text schlie\u00dft mit einer kleinen Empfehlung zum Weiterh\u00f6ren. Mit Hinweisen auf andere aufregende Lieder der Interpreten. Oder auf die entsprechenden Best Ofs. Auf die Rock\u00b4n\u00b4Roll-Klassiker im Synthie-Gewand (der Silicon Teens alias Daniel Miller), auf Remix-Platten, unbekannte Originale, Klassiker oder einfach unn\u00fctzes Wissen. Die deutsche Version von \u0084I will survive\u0093 hie\u00df \u0084Ich \u00fcberleb\u00b4s\u0093. Von Dunja Raiter. Nimmt man gern mit auf der Klang-Text-Reise durch\u00b4s Jahr 1978. Wunderbar, Danke!<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Dies ist der Start einer 50teiligen Reihe der S\u00fcddeutschen Zeitung, in der &#8211; in kunterbunter Reihenfolge &#8211; die Jahre von 1955 bis 2004 abgehandelt werden.<br \/>Mehr Infos: \u2192 <a href=\"http:\/\/www.sz-mediathek.de\/mediathek\/shop\/catalog\/editionen\/1326.jsp\">SZ Diskothek<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">1978: Ein Jahr und seine 20 Songs<br \/>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie hie\u00df der Chic-Hit \u0084Le Freak\u0093 urspr\u00fcnglich? Und wem war er gewidmet? Wo hat sich John Travolta den Tanzstil f\u00fcr \u0084Saturday Night Fever\u0093 abgeguckt? Wer sang \u0084I will survive\u0093 auf Deutsch? Wie war Patti Smith beim Rockpalast-Auftritt drauf? 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