{"id":14306,"date":"2000-08-31T11:11:00","date_gmt":"2000-08-31T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=14306"},"modified":"2022-09-04T23:50:44","modified_gmt":"2022-09-04T21:50:44","slug":"schniff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2000\/08\/schniff\/","title":{"rendered":"Schniff"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zum Tod von Carl Barks<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Name klingt selbst, wie von Disney ausgedacht. Und blieb immer eine Art Geheimk\u00fcrzel. Vieles schwingt unausgesprochen mit: Donald Duck, die unverkennbare Handschrift, die lange Anonymit\u00e4t, der sp\u00e4te Ruhm, die teuren \u00d6lbilder und viel, viel Ehrfurcht. Will man erwachsenen Comic-Fans einen Ausdruck infantiler Bewunderung ins Gesicht hexen, reichen zwei Worte: Carl Barks. Ein Mythos, der durchaus auf die Anh\u00e4ngerschaft zur\u00fcckstrahlt: sie waren es, die intuitiv Unterschiede zwischen den Zeichenstilen der Duck-Comics ausmachten. Mangels Namensnennung blieb Barks lange schlicht &#8222;der gute Zeichner&#8220;. Dass er dem gleichmacherischen Disney-Etikett entrissen wurde, war das Verdienst der Fans. Umgekehrt gab Barks den Lesern Gelegenheit, sich ihrer selbst zu vergewissern.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.hinternet.de\/comic\/epitaph\/images\/dd01.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>1935 zeichnete Barks zum ersten Mal f\u00fcr Disney, ein halbes Jahr arbeitete er als Zwischenphasenzeichner am Schneewittchenfilm mit. Nach sechs Monaten wechselte er die Abteilung, wurde Storyboarder und Brainstormer, half Geschichten zu entwickeln &#8211; und hatte seinen ersten Kontakt mit der Ente! Die war zu diesem Zeitpunkt bereits \u00fcber ein Jahr alt, 1934 hatte Donald Duck seinen ersten Auftritt im Zeichentrick &#8222;The wise litte hen&#8220;, und in Mickeys Trickfilmdeb\u00fct &#8222;Steamboat Willie&#8220; war er auch schon dabei. Als Sidekick. Dass er es nicht blieb, war das Verdienst von Carl Barks, aber erst einige Zeit sp\u00e4ter. Denn erst versuchte der sich noch (erfolglos) als H\u00fchnerfarmer, um 1942 zu Disney zur\u00fcckzukehren. Im selben Jahr entstand Barks\u00b4 erste gezeichnete Duck-Story, allerdings noch nach einem Skript, das urspr\u00fcnglich f\u00fcr einen Zeichentrickfilm vorgesehen war: &#8222;Donald Duck finds Pirate Gold&#8220;. Die 64 Seiten teilte sich Barks mit Jack Hannah. Es war zugleich auch das erste Originalmaterial eines &#8222;Donald Duck Comic Books&#8220; (auf deutsch: ein Heftchen). 1945, als Donald nach Mexico schippert, um dort Bohnen abzuholen, begann die \u00c4ra Barks so richtig. Ab diesem Zeitpunkt machte er Donald, die Ducks und Entenhausen dem, was die Fans so lieben. Nebenbei erfand er Onkel Dagobert, F\u00e4hnlein Fieselschweif, Daniel D\u00fcsentrieb, die Panzerknacker, Gundel Gaukeley und Gustav Gans &#8211; und dosierte ihre Eins\u00e4tze wohl\u00fcberlegt, um ihrem Verschlei\u00df vorzubeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang der 60er Jahre machen Fans schlie\u00dflich den Mann hinter den &#8222;guten&#8220; Zeichnungen ausfindig, 1971 wurde sein Name auch in Deutschland publik, da war Barks schon seit f\u00fcnf Jahren in Rente. Als Fans ihn best\u00fcrmten, die Ducks in \u00d6l zu malen, holte er sich von Disney die Genehmigung, und schon bald erzielten die Bilder bei Sotheby\u00b4s astronomische Preise.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.hinternet.de\/comic\/epitaph\/images\/dd02.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Leicht \u00fcbersieht man, dass Barks nicht nur Zeichner, sondern kompletter Geschichtenerz\u00e4hler mit ausgepr\u00e4gtem Sinn f\u00fcr Gags und Timing war. Bei Disney war man im zweiten Anlauf (ab 1942) rasch dazu \u00fcbergegangen, Barks nicht nur die Bilder, sondern die Konzeption ganzer Stories anzuvertrauen. \u00dcbrigens inklusive der Texte, denn Barks war auch auf dem Gebiet des Wortwitzes ein Meister. Den Zeichnungen sieht man auf den ersten Blick an, warum sie Barks zur Legende machten. Mit wenigen Strichen lie\u00df er seine Enten jede Facette emotionaler Regungen empfinden. Die Energie und der unwiderstehliche Charme seiner Bilder waren nicht zu kopieren. Akribisch bereitete er jedes Setting, jedes Lokalkolorit vor. Ein amerikanischer T\u00fcftler, der eine Einrichung, die durch das Hineinpumpen von Luft gesunkene Gegenst\u00e4nde heben sollte, patentieren lassen wollte, hatte Pech: eine \u00e4hnliche Konstruktion hatte Barks schon in Entenhausen testen lassen, mit Ping-Pong-B\u00e4llen. Das Patent wurde verweigert. Eine Anekdote, die paradigmatisch f\u00fcr den Barks\u00b4schen Einfallsreichtum und seinen spezifischen Realismus steht. Die Mischung aus Irrealit\u00e4t und Wirklichkeit geh\u00f6rte zum Erfolgsrezept seiner Comics. Enten sind eben auch nur Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sorgf\u00e4ltig gestaltete Barks das Verh\u00e4ltnis zwischen Donald und seinen Neffen, lie\u00df ihn in etlichen Berufen antreten, meist gipfelten diese Versuche in Katastrophen, w\u00e4hrend die Abenteuer in der Regel gl\u00fccklich endeten. Der Weltenbummler, den man durch Donalds exotische Trips in Barks vermutete, war er allerdings nicht. Bildb\u00e4nde, Readers Digest und naturwissenschaftliche Enzyklopedien leisteten bei der Entwicklung der Plots gute Dienste.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.hinternet.de\/comic\/epitaph\/images\/dd03.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Barks\u00b4 gr\u00f6\u00dfte Leistung war vermutlich, sein Zielpublikum, die Kinder, ernst zu nehmen. Er zeichnete f\u00fcr Erwachsene und Kinder, deshalb ist der Reiz seiner Geschichten zeitlos. Exegeten machten hinter seinem Werk selbstredend eine eigene Philosophie aus und nannten sie schlicht &#8222;Barksismus&#8220;. Die satirische Sicht auf den &#8222;Menschen&#8220; mit seinen Schw\u00e4chen und Begehrlichkeiten, die Korruption der Macht, die \u00dcberlegenheit des Reichtums &#8211; und mit Dagobert Duck, der seine Taler lieber h\u00fctet als ausgibt, ein vertracktes, aber im Kontext der Geschichten immer schl\u00fcssiges Exemplar eines Kapitalisten. Barks schuf mit Entenhausen die Chiffre einer eigenen Welt, in der wir Leser uns Zuhause f\u00fchlen durften. Auch jede seiner Stories: eine Welt f\u00fcr sich, komplex, aber geschlossen. Im Comic konnte Barks, der nie eine Zeichen-Stunde erhalten hatte, einen alten Traum ausleben. Denn das Schreiben von Kurzgeschichten scheiterte in den 20er-Jahren an seinem begrenzten Wortschatz. Im Comic nahm ihm das Bild die Arbeit ab, und er handhabte seine Ausdrucksform pr\u00e4ziser als viele Literaten. M\u00f6gen ihm in jungen Jahren auch die Worte gefehlt haben &#8211; Barks\u00b4 immenses Sprachgef\u00fchl schwang in jedem Blocktext, in jeder Sprechblase und in den Namen seiner Figuren mit. Am 25.August ist der Mann aus Oregon mit 99 Jahren an Leuk\u00e4mie gestorben. Nicht nur Entenhausen trauert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.hinternet.de\/comic\/epitaph\/images\/dd05.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Lassen wir am Ende Barks\u00b4 Feder f\u00fcr sich sprechen. Original und F\u00e4lschung: Worte \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table aligncenter\"><table  class=\" table table-hover\" ><tbody><tr><td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.hinternet.de\/comic\/epitaph\/images\/echt.gif\" width=\"249\" height=\"180\"\/><\/td><td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.hinternet.de\/comic\/epitaph\/images\/falsch.gif\" width=\"260\" height=\"180\"\/><\/td><\/tr><tr><td>echter Barks<\/td><td>billige Imitation<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><strong>Links<\/strong>:\n+ Eine ausf\u00fchrliche \u00dcbersicht \u00fcber Barks' Schaffen findet \nman in der deutschsprachigen\u00a0<a href=\"http:\/\/www.cevis.uni-bremen.de\/~meyer\/MISC\/dvw\/bbase\/\">Barks-Base<\/a>\n+ Ein weiterer\u00a0<a href=\"http:\/\/www.savoy-truffle.de\/zippo\/barks.html\">Barks-Nachruf\u00a0<\/a>von Zippo Zimmermann<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Tod von Carl Barks Der Name klingt selbst, wie von Disney ausgedacht. Und blieb immer eine Art Geheimk\u00fcrzel. Vieles schwingt unausgesprochen mit: Donald Duck, die unverkennbare Handschrift, die lange Anonymit\u00e4t, der sp\u00e4te Ruhm, die teuren \u00d6lbilder und viel, viel Ehrfurcht. Will man erwachsenen Comic-Fans einen Ausdruck infantiler Bewunderung ins Gesicht hexen, reichen zwei Worte: [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1424,900],"tags":[3006,3005,3008,442,507,896],"class_list":["post-14306","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-comics","category-in-memoriam","tag-carl-barks","tag-disney","tag-entenhausen","tag-gestorben","tag-nachruf","tag-zeichner"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Katja Preissner","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/kp-2\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14306","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/21"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14306"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14306\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14306"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14306"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14306"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}