{"id":14309,"date":"1999-11-02T11:11:00","date_gmt":"1999-11-02T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=14309"},"modified":"2022-07-06T02:42:02","modified_gmt":"2022-07-06T00:42:02","slug":"f-k-waechter-im-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/11\/f-k-waechter-im-interview\/","title":{"rendered":"F. K. Waechter im Interview"},"content":{"rendered":"\n<p>Die \u00c4hnlichkeit mit Rainer Langhans ist verbl\u00fcffend, zumindest optisch. Auch wenn die Lockenm\u00e4hne mittlerweile silbrig und fein ist. Nicht mehr der Afrokopf von fr\u00fcher, und vermutlich zu keinem Zeitpunkt so verfilzt wie der von Langhans. Aber der hatte ja bekanntlich auch anderes zu tun. Wo soviele Frauen befriedigt werden wollen, bleibt die Hygiene halt auf der Strecke. Das Denken auch, aber darum geht\u00b4s hier nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"155\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/fk-waechter.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14314\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/fk-waechter.jpg 200w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/fk-waechter-145x112.jpg 145w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Wahrscheinlich-guckt-wieder-kein-Schwein.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Wahrscheinlich-guckt-wieder-kein-Schwein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14312\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Wahrscheinlich-guckt-wieder-kein-Schwein.jpg 409w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Wahrscheinlich-guckt-wieder-kein-Schwein-123x150.jpg 123w\" sizes=\"(max-width: 409px) 100vw, 409px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Friedrich Karl (oder Eff Ka) Waechter jedenfalls hat sein Hirn noch an und ist produktiv wie eh und je. Ob er nun f\u00fcr Kinder oder Erwachsene produziert, wei\u00df er selbst nicht. Solche Grenzziehungen sind ihm zuwider. Auch im k\u00fcnstlerischen Bereich: Zeichner oder Schriftsteller? Nicht zu entscheiden. Die Mehrfachbegabung teilt Waechter \u00fcbrigens mit einem anderen geb\u00fcrtigen Danziger, den es sp\u00e4ter ebenfalls nach L\u00fcbeck verschlug: G\u00fcnter Grass. Lustiger Zufall. Das war\u00b4s aber auch schon an Gemeinsamkeiten. Waechters Brille sieht viel schlauer aus, den Schnauzer verbietet ihm sein Sinn f\u00fcr \u00c4sthetik, und statt struppiger Drahtwolle hat er Haare auf dem Kopf. Haare!<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/der-rote-wolf.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/der-rote-wolf.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14313\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/der-rote-wolf.jpg 398w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/der-rote-wolf-120x150.jpg 120w\" sizes=\"(max-width: 398px) 100vw, 398px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3257004842\/hintenet\"><\/a>Waechters Werk ist riesig. Werbung und Plakate hat er gestaltet, bei Titanic, Twen, Pardon und \u00b4Welt im Spiegel\u00b4 mitgewirkt, gemeinsam mit Henscheid, Gernhard, Poth und Bernstein die &#8222;Neue Frankfurter Schule&#8220; gebildet, die progressive Satire-Werkstatt der 68er. Aufkl\u00e4rung ging ihm stets vor Nonsens, deshalb warf er Anfang der 90er bei Titanic das Handtuch, als ihm das Blatt zu sehr in Richtung Spa\u00dfmacher-Fraktion abdriftete. Still ist es deshalb nicht um ihn geworden. F\u00fcr sein 1998 erschienenes Buch &#8222;Der rote Wolf&#8220; bekam er den Deutschen Jugendbuchpreis. Und f\u00fcr Lesungen reist der mittlerweile Zweiundsechzige auch weiterhin \u00fcbers Land. Man sollte es mal erlebt haben, wenn der Mann seine leise, heisere Stimme aufschwingt, singt, r\u00f6chelt, brummt und kr\u00e4chzt. Wenn er abtaucht in rauhe, archaische M\u00e4rchenwelten mit K\u00f6nigen, Prinzessinnen, R\u00e4ubern, T\u00e4nzerinnen und Bauern. Dargestellt mit Pfefferm\u00fchlen, Gl\u00e4sern, Flaschen, Kerzen und Knobelbechern. Lesung? Oder schon Theater? Nicht schon wieder&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;&#8222;Der rote Wolf&#8220;, Ihr Buch, das vor kurzem mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde, ist ein stilles und trauriges Werk. Ganz anders als &#8222;Wir k\u00f6nnen noch viel zusammen machen&#8220;, f\u00fcr das sie 1975 schon einmal diesen Preis bekamen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.hinternet.de\/comic\/interview\/3257008481\"><\/a>Waechter:<\/strong>&nbsp;24 Jahre sind ja auch eine Entwicklung. Ich bin noch weiter losgel\u00f6st von dem &#8222;F\u00fcr-Kinder-Produzieren&#8220; und mache mehr Geschichten, wie sie mir selbst gefallen. So hab ich damals auch schon geredet, aber das hat sich eher verst\u00e4rkt. Ich denke weniger &#8222;Was geh\u00f6rt in ein Kinderbuch?&#8220; oder an ein altersspezifisches Lesepublikum, wie das heute so notwendig ist, sondern hab einen Einfall und schau, wie ich den am besten erz\u00e4hle. Und dann ist es am Ende eher ein Kinderbuch oder auch nicht. Ein halbes Jahr nach dem &#8222;Roten Wolf&#8220; hab ich &#8222;Mein erstes Glas Bier&#8220; gemacht. Das ist insofern eine ganz \u00e4hnliche Geschichte, als es gro\u00dfe Bilder und ganz kleine, lakonische Texte gibt. Aber es ist nat\u00fcrlich kein Kinderbuch, weil: &#8222;Mein erstes Glas Bier&#8220;&#8230;&nbsp;<em>(lacht)<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>HinterNet!:<\/strong>&nbsp;&#8222;Der rote Wolf&#8220; verlangt die Mitarbeit des Lesers, um die zeitlichen Hintergr\u00fcnde zu erg\u00e4nzen. Dass die Geschichte zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt und die Vertreibung der Fl\u00fcchtlinge aus Osteuropa thematisiert, erschlie\u00dft sich nicht auf den ersten Blick.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;F\u00fcr Kinder, die nicht von Erwachsenen darauf hingewiesen werden, sind das eben ganz allgemein Vertreibung oder Krieg, wie es sie heute \u00fcberall gibt. F\u00fcr den, der genauer hinguckt und sich auskennt, ist es eigentlich leicht erkennbar an den Zeichen in den Bildern. Das Autobiographische war \u00fcbrigens im ersten Entwurf noch st\u00e4rker. Das war mir dann peinlich, deshalb hab ich es stark zur\u00fcckgenommen, aber eben nicht ganz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Ist das Autobiographische auch eine Richtung, in die es nun, aus der zeitlichen Distanz heraus, st\u00e4rker geht?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Ja, wobei aber der Ehrgeiz immer gro\u00df war, es so zu verfremden, dass es eine allgemein verstehbare und allgemeing\u00fcltige Geschichte wird. Als es auf die Flucht ging, war ich sieben Jahre alt. Die war \u00fcbrigens nicht mit dem Pferdewagen, sondern mit dem Schiff. Da hab ich geschummelt&#8230; (lacht).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Sie lesen hier auf einem Symposium \u00fcber &#8222;Aggressionsmanagement bei Kindern und Jugendlichen&#8220;. Hilft Lesen bei solchen Problemen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Die Frage hab ich mir nie gestellt. Wenn ich sage, ich schreibe haupts\u00e4chlich so, dass es mir gef\u00e4llt, ist es schon etwas dreist, davon auszugehen, dass es anderen auch gef\u00e4llt. Wie das mit kranken Kindern ist, kann ich nicht beantworten. Ich glaube, dass emotionale Dinge schon ganz kleinen Kindern pr\u00e4sent sind. Das, was Shakespeare bewegt &#8211; Liebe, Ha\u00df, Neid, Eifersucht, Tod &#8211; , sind alles Dinge, die schon ganz kleine Kinder bewegen und interessieren. Und es spricht sicher auch eistig Behinderte eher an als irgendwas anderes auf der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Sie weigern sich, zwischen Kinder- und Erwachsenenb\u00fcchern eine strikte Grenze zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Ja, es gibt eine bestimmte Art von P\u00e4dagogik, die ich schrecklich finde, die so zu wissen glaubt, was f\u00fcr den Achtj\u00e4hrigen richtig ist, und ihm das dann auch liefert. Das ist f\u00fcr mich eine arrogante Haltung, weil sie dem Kind etwas ganz Entscheidendes verwehrt , n\u00e4mlich das R\u00e4tselhafte, nicht restlos Verst\u00e4ndliche, was f\u00fcr Erwachsene den Hauptreiz an der Literatur ausmacht. Das ist bei Kindern genauso. Jeder, der sich an seine Kindheit erinnernt, kennt noch die Faszination, die die B\u00fccher hatten, die h\u00f6her im Regal, also au\u00dfer Reichweite standen. Alles, was kein Kinderkram ist, ist attraktiv.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchen sind allerdings \u00fcberhaupt kein Kinderkram, und es ist von \u00dcbel, dass sie in Deutschland als solcher angesehen werden. Fr\u00fcher waren M\u00e4rchen etwas ganz Realistisches. Das einzige Unrealistische daran war dieser Zauberkick, den man brauchte, weil die Wirklichkeit so hart war, dass man da sonst nicht raus kam. Die Tochter des K\u00f6nigs zur Frau zu kriegen, war etwas v\u00f6llig Verblasenes. Es mu\u00df fr\u00fcher sehr viel Gel\u00e4chter unter den Zuh\u00f6rern hervorgerufen haben. Durch die Br\u00fcder Grimm sind die M\u00e4rchen f\u00fcr die Kinderstube entdeckt wurden, was sicher ein Verdienst ist. Aber auch durch sie wurden sie schlie\u00dflich als etwas Alterspezifisches und Kindliches angesehen, was sie nicht sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Sie selbst haben M\u00e4rchen auch zu Theaterst\u00fccken f\u00fcr Kinder umgearbeitet und inszeniert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Ja, aber immer, wenn die Inszenierung gut war, wurde das Kinderpublikum ganz schnell verdr\u00e4ngt. Das war auch bei Clowns-Geschichten so. Wenn die Inszenierung gut ist, gehen die Erwachsenen rein! Deshalb nehm ich manchmal andere Titel, die nicht von den Grimms sind. Dann wird das abends gespielt und ist voller Erwachsener. &#8222;Die Bremer Stadtmusikanten&#8220; ist \u00b4Kinderkram\u00b4, aber wenn es &#8222;Die elenden Vier&#8220; hei\u00dft, kommen die Erwachsenen, obwohl eigentlich beide Male die Geschichte von ausgedienten alten Herrschaften, von Arbeitslosen, beschrieben wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Ihren B\u00fcchern merkt man an, wieviel Gedanken Sie sich darum machen, was man Kindern beim Gro\u00dfwerden mit auf den Weg geben sollte. Ich denke da auch an den &#8222;Anti-Struwwelpeter&#8220;&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3257007175\/hintenet\"><\/a>Waechter:<\/strong>&nbsp;Ja, da gibt\u00b4s Teile, die typisch p\u00e4dagogisch sind, obwohl der Ansatz damals eher ein satirischer war als ein p\u00e4dagogischer. Es war komisch, den Hoffmann um 180 Grad zu drehen und das Autorit\u00e4re ins Antiautorit\u00e4re zu verkehren. Und es war eher f\u00fcr die gedacht, die den Original-Struwwelpeter schon kennen. Mittlerweile ist es wohl von meinen Kinderb\u00fcchern das meistverkaufte. Das ist komisch, obwohl &#8211; so komisch eigentlich auch wieder nicht, weil es ja nach wie vor die Erwachsenen sind, die Kinderb\u00fccher kaufen. Und jetzt sind die Erwachsenen Eltern, die das als Kind vielleicht mitgekriegt haben und jetzt f\u00fcr ihre Kinder kaufen. F\u00fcr den Abschnitt mit den &#8222;Protzekindern&#8220; sch\u00e4m ich mich heute \u00fcbrigens. Das ist so typisch p\u00e4dagogisch, so &#8222;p\u00e4dagogisch-p\u00e4dagogisch&#8220;. Da bin ich auf \u00b4nen P\u00e4dagogik-Dampfer geh\u00fcpft, auf dem ich mich ungern tummle. Ich glaube, dass mein antip\u00e4dagogischer Ansatz p\u00e4dagogisch letztlich viel geschickter ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Antip\u00e4dagogisch?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Naja, ich kriege oft Vorw\u00fcrfe von P\u00e4dagogen, ich sei zu grausam oder f\u00fcr Kinder zu schwer verst\u00e4ndlich. &#8222;Das haben die Kinder nicht verstanden, selbst ich hab nichts verstanden&#8220;, hat mir mal eine Lehrerin gesagt, obwohl die Kinder alles verstanden haben, nur sie selbst nicht. Da ging\u00b4s um eine Szene in einer R\u00e4ubersprache, die mit Absicht nicht verstehbar war, um den Unterschied zu zeigen zu den H\u00f6fischen auf Schlo\u00df, die sehr genau und mit gro\u00dfer Distanz sprachen. Ich hab Kinder erlebt, die sich stritten, ob das jetzt Schwedisch oder Ungarisch ist. Das war aber okay.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Woher kommt ihr gro\u00dfes Interesse am Kindlichen und am Erz\u00e4hlen f\u00fcr Kinder?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Ich geh\u00f6re zu denen, die sich einbilden, dichter an ihrer eigenen Kindheit dran zu sein als die meisten anderen Menschen. Das gilt vermutlich f\u00fcr alle K\u00fcnstler und Literaten, dass sie zu K\u00fcnstlern werden wollen, weil sie zu den Emotionen der Kindheit noch einen Draht haben und sich lieber mit Gef\u00fchlen besch\u00e4ftigen als mit Bankgesch\u00e4ften.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Das mu\u00df aber nicht unbedingt hei\u00dfen, dass sie eine &#8222;sch\u00f6ne&#8220; Kindheit hatten, oder?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Nein, meist wird die Kindheit gerade von Erwachsenen verkl\u00e4rt, weil sie keinen Kontakt mehr zu ihr haben. Das hie\u00dfe ja auch, sich an die \u00c4ngste und die unsch\u00f6nen Dinge erinnern zu m\u00fcssen. Wenn Erwachsene ihren Kindern den &#8222;Roten Wolf&#8220; nicht zu lesen geben, weil sie ihn zu traurig finden und also in dieser Weise Zensur \u00fcben, dann, weil sie sentimentales Verh\u00e4ltnis zu ihrer Kindheit haben und meinen, das sei alles sch\u00f6n gewesen. Die haben keine Ahnung mehr von den Mordphantasien, die sie als Kind hatten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Sie selbst hatten aber auch immer viel direkten Umgang mit Kindern, oder?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Ja, ich war in den 60ern in der Kinderladen-Bewegung aktiv und hab da viel mit Kindern zu tun gehabt. Au\u00dferdem hab ich drei eigene Kinder in die Welt gesetzt, und dieses Selber-Kinder-Haben ist auch sowas wie eine Best\u00e4tigung dessen, noch einen Draht zur Kindheit zu haben. Auch wenn ich jede Menge Auseinandersetzungen und Zoff mit meinen S\u00f6hnen hatte, hab ich doch auch gesp\u00fcrt, was da abgeht. Aber wenn ich Kritik an meinem Vatersein \u00fcben sollte, dann war ich zu wenig Grenzensetzer und hab zu wenig den Vater gegeben. Das ist eine berechtigte Kritik, weil es notwendig ist, zu sagen &#8222;Bis hierher und nicht weiter&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Hing das mit den antiautorit\u00e4ren Idealen der 68er zusammen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Ja. Die antiautorit\u00e4re Bewegung traf mich als \u00fcber 30-j\u00e4hriger, aber trotzdem total. Ich hab alles nachgeholt, was zu kurz kam. Fr\u00fcher war ich ein geduckter und angepasster Sch\u00fcler. Mein Vater war im Krieg gefallen, also fehlte mir daheim der Trainingspartner, um mit erwachsenen M\u00e4nnern, wie den Lehrern, fertig zu werden. Die Frechheit, die ich mir als Knabe versagt habe, hab ich als 30-j\u00e4hriger nachgeholt, indem ich solche T\u00f6ne hochhielt. Doch im Grunde waren das T\u00f6ne, die ich mir als Kind gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Und die f\u00fcr mich auch notwendiger war als f\u00fcr die Generation nach mir, die es dann bekam. Aber das ist wohl immer so.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Waren die damaligen Ideen im R\u00fcckblick alle richtig?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Da hat man sicher Fehler gemacht. Vor allem den, zu wenig Eltern gewesen zu sein und sich zu sehr zum Kumpel der Kinder gemacht zu haben. Das hat sicher auch einige Vorteile, aber \u00fcberfordert die Kinder auch. Denn Grenzen gesetzt zu bekommen, hat etwas Beruhigendes und Klares. Nicht st\u00e4ndig danach lechzen zu m\u00fcssen, noch einen draufzusetzen, und noch einen draufzusetzen, bis denn endlich das Ma\u00df voll ist&#8230; Trotzdem glaube ich, ohne diese Bewegung s\u00e4he es heute noch finsterer aus als ohnehin schon. Das sag ich nun einfach so daher, weil es so wohlfeil geworden ist, \u00fcber die 68er herzuziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Warum sieht\u00b4s heute so finster aus?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Ich beobachte an jungen Menschen eine geradezu gelangweilte Haltung. Die ist erkl\u00e4rbar aus einer Resignation: &#8222;Es hat ja sowieso keinen Zweck sich noch irgendwie zu engagieren. Ich bin doch nicht bl\u00f6d, ich seh zu, wie ich meinen Spa\u00df hab.&#8220; Oder &#8222;wie ich \u00fcber die Runden komm&#8220;. Mein Theaterst\u00fcck &#8222;Schule mit Clowns&#8220; atmet ja ganz deutlich einen antiautorit\u00e4ren Geist, und es gibt Theater, die gefragt haben, ob ich nicht heute auf die ver\u00e4nderte schulische Situation hin das St\u00fcck neu schreiben will. Das ist eigentlich unm\u00f6glich oder w\u00e4re ein v\u00f6llig anderes St\u00fcck, wo nur noch der Lehrer der Clown ist und die Sch\u00fcler sagen &#8222;Ich will Leistung!&#8220; Das ist f\u00fcr mich was Unvorstellbares. F\u00fcr mich und alle Generationen vorher. Dass man hart rangenommen werden will, damit man ein t\u00fcchtiger Erwachsener wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte ein Schl\u00fcsselerlebnis auf \u00b4ner Elternversammlung, wo diskutiert wurde, ob es denn sein mu\u00df, dass Sch\u00fcler im Unterricht Kartoffelchips kauen. &#8222;Joghurt, okay, aber Chips, die machen doch so\u00b4n Krach&#8230;&#8220; Und der Lehrer antwortete &#8222;Ich wittere Lustfeindlichkeit!&#8220;. Das ist f\u00fcr mich ein Clown, der so redet und nicht merkt, dass er Verrat \u00fcbt an der Lust am Lernen! Aber das ist in unserer Gesellschaft, die ja so t\u00fcchtige, angepasste Erwachsene erziehen mu\u00df, nicht drin. Das kenn ich nur von der Survival-School der Indianer. Da gibt\u00b4s ergreifende Geschichten. Von Sch\u00fclern, die sich ihren Platz suchen im Schrank, auf dem Schrank, im Pult, mit umgedrehtem Pult. Das wird nicht als antiautorit\u00e4re Haltung begriffen, sondern als Sich-gem\u00fctlich-und-angenehm-machen, um dem Unterricht zu folgen. Als die von Ferien h\u00f6rten, haben die den Kopf gesch\u00fcttelt und gefragt, was das denn soll. Man macht doch vom Leben auch keine Ferien! Solche \u00c4u\u00dferungen sind in unserer Gesellschaft nicht denkbar. Aber dort wird jeder Sch\u00fcler geh\u00f6rt, weil er Erfahrungen gemacht hat, selbst wenn es welche mit der Sumpfdotterblume sind. Dort wird nicht die Autorit\u00e4t des Lehrers angegriffen, wenn ein Sch\u00fcler in irgendeinem Fach mehr wei\u00df als er, was ja vorkommt und hier ein furchtbarer Konflikt ist. Das w\u00e4re f\u00fcr den indianischen Lehrer niemals ein Konflikt! Das sind so die Quellen, aus denen man Utopien ziehen kann, die aber wahrscheinlich nicht mehr f\u00fcnktionieren. Auch die 68er hatten Vorstellungen, die nicht realisierbar waren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Gab es f\u00fcr Sie nach \u00b468 mal einen Punkt der Entt\u00e4uschung oder der Frustration, weil die Utopien nicht zu verwirklichen waren?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Nein, denn diese Utopien haben zun\u00e4chst mich selbst ver\u00e4ndert. In der eigenen Psyche gibt es &#8211; anders als in der Gesellschaft &#8211; immer die M\u00f6glichkeit, ein anderer zu werden. Das h\u00f6rt nie auf, gottlob.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Haben Sie heute noch viel Kontakt zu Kindern?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Naja, meine eigenen Kinder sind erwachsen, und ich bin noch kein Gro\u00dfvater (lacht). Ab und zu mach ich die Sachen, die ich sonst vor Erwachsenen mache, also die Lesungen, auch vor Kindern. Und das ist nat\u00fcrlich eine v\u00f6llig andere Sache. Da bin ich hinterher von Kindern umringt, und die wollen alles ganz genau wissen&#8230; N\u00e4chstes Jahr betreue ich in Frankfurter eine Gruppe von Sch\u00fclern als K\u00fcnstler. Denen muss ich dann erkl\u00e4ren, dass bis elf Jahre jeder ein K\u00fcnstler ist. Danach muss man praktisch von vorne anfangen, wenn man einer bleiben will. Fr\u00fcher wollte ich selbst mal Zeichenlehrer werden. Als ich dann in der Schule war, wollte ich nur noch Zeichner werden&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Was mi\u00dff\u00e4llt Ihnen am deutschen Schulsystem?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waechter:<\/strong>&nbsp;Wenn ich k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich die F\u00e4chereinteilung abschaffen. Stattdessen g\u00e4b\u00b4s ein Fach, das hie\u00dfe &#8222;Alles&#8220;! Da h\u00e4tten dann auch die Emotionen ihren Platz, die in anderen F\u00e4chern kein Thema sind. Aber man hat sie, auch in Mathe. Und ganz besonders als schlechter Sch\u00fcler, wie ich einer war. Aber das Schubladendenken hat ja seinen Grund. Die Kinder sollen sp\u00e4ter in einer Gesellschaft funktionieren, in der man entweder F\u00f6rster oder Feuerwehrmann oder Computerspezialist wird.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00c4hnlichkeit mit Rainer Langhans ist verbl\u00fcffend, zumindest optisch. Auch wenn die Lockenm\u00e4hne mittlerweile silbrig und fein ist. 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