{"id":14487,"date":"1997-12-08T11:11:00","date_gmt":"1997-12-08T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=14487"},"modified":"2022-07-06T02:42:49","modified_gmt":"2022-07-06T00:42:49","slug":"markus-caspers-70er-einmal-zukunft-und-zurueck-utopie-und-alltag-1969-1977","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/12\/markus-caspers-70er-einmal-zukunft-und-zurueck-utopie-und-alltag-1969-1977\/","title":{"rendered":"Markus Caspers &#8211; 70er &#8211; einmal Zukunft und zur\u00fcck: Utopie und Alltag 1969-1977"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Markus-Caspers70er-Einmal-Zukunft-und-zurueck.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"323\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Markus-Caspers70er-Einmal-Zukunft-und-zurueck.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14490\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Markus-Caspers70er-Einmal-Zukunft-und-zurueck.jpg 300w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Markus-Caspers70er-Einmal-Zukunft-und-zurueck-139x150.jpg 139w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Wenn Sie sich zur Zeit mit Anfang Zwanzig schon alt f\u00fchlen, dann sind Sie wahrscheinlich weiblich und befinden sich im Erdgescho\u00df einer H&amp;M-Filiale (wahlweise auch in einer Fu\u00dfg\u00e4ngerzone oder an der Bushaltestelle): als erwachsener Normalo sind Sie konfrontiert mit einem Haufen Lolitas im Unilook (hautenge Strickpull\u00f6verchen, Schlaghosen, Schuhsohlen in Gr\u00f6\u00dfe einer Packung Kn\u00e4ckebrot und die unvermeidlichen langen Haare mit Madonnenscheitel). Die 70er am Ende der 90er &#8211; wir leben bekanntlich in einer Welt der Zitate: Retro, Recycling und Stilmix sind die Stichworte (Snobs sprechen von Eklektizismus)!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das ultimative Buch zum Thema &#8222;70er Jahre&#8220; hat der Kulturwissenschaftler Markus Caspers (Jahrgang 1960) ver\u00f6ffentlicht. Sein Werk ist vor allem eine gro\u00dfformatige Augenweide, nur so l\u00e4\u00dft sich der Geist der 70er angemessen einfangen! Mich (Jahrgang 1972) hat der Band auf eine Zeitreise in die Niederungen meiner fr\u00fchesten Kindheit geschickt, und um meine Kompetenz in Sachen 70er und als Rezensentin entsprechender Werke unter Beweis zu stellen, konnte ich Erinnerungen meinerseits nicht ganz aus diesem Artikel ausschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorweg noch ein Wort zur Optik: Caspers hat nicht nur eine Unmenge photographischer Dokumente zusammengetragen, sondern sein Werk auch ganz im Sinne der 70er durchgestylt, vom Schrifttyp bis hin zur liebevollen Gestaltung der Rahmen erl\u00e4uternder Blocktexte und Seitenzahlen etc. Gewarnt sei allerdings vor mitunter allzu harten Kontrasten in Sachen Kolorierung, das geht &#8211; wenn auch nicht in\u00b4s &#8211; daf\u00fcr aber auf\u00b4s Auge\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Balsam f\u00fcrs innere Ohr sind dagegen Caspers\u00b4 sprachliche F\u00e4higkeiten, er ist ein Meister des Lakonismus, und viele seiner Formulierungen sind einfach zu gut, um sie zu unterschlagen. Meine pers\u00f6nliche Hitliste steht am Ende dieses Textes.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ehemaliger Werbeschaffender richtet Caspers sein Augenmerk besonders auf visuelle Ph\u00e4nomene (&#8222;<em>Dieses Buch fahndet \u00e4sthetisch.<\/em>&#8222;), die er in seinen Texten analytisch ausleuchtet. Das Sammelsurium der Erscheinungen gliedert er in Kategorien wie Wohnen, Architektur und St\u00e4dtebau, Autos, Datenverarbeitung, Musik- und Bildtechnologien, Werbung, Mode, Sex und Unterhaltung &#8211; kurz: Utopien, Programme und Zeitgeist. Eine wahre tour de force durch die bunte Welt der 70er!<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/hausfrau-und-kuechenkugel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"251\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/hausfrau-und-kuechenkugel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14491\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/hausfrau-und-kuechenkugel.jpg 200w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/hausfrau-und-kuechenkugel-120x150.jpg 120w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><figcaption>70er Jahre Hausfrau (links) mit K\u00fcchenkugel (rechts) in sanften Farben (\u00fcberall)<br \/><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Mein Favorit ist die Abteilung &#8222;Wohnen&#8220;. Wohnlandschaften aus kombinierbaren Polsterelementen (brauner Samtcord), kleine bunte Plastiktischchen auf Rollen, Partykeller mit Fototapete, K\u00fcchenschr\u00e4nke mit eingebauten Radios &#8211; \u00fcberhaupt, die K\u00fcche: auf den Fliesen Prilblumen und in den H\u00e4nden der Hausfrau die Plastik-K\u00fcchenkugel &#8222;Avantgarde&#8220;(!) von Villeroy&amp;Boch &#8222;<em>in den typischen aggressionshemmenden Farben der 70er: was mag darin sein? Weltraumnahrung, Soilent Green oder einfach nur Landeier?<\/em>&#8220; &#8211; mein pers\u00f6nliches Lieblingsphoto mit einem der herrlich s\u00fcffisanten Kommentare des Autors.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den Dreh \u00b4rum wurden in der BRD auch die Produkte einer schwedischen Einrichtungskette heimisch, bekannt f\u00fcr ihre in Eigenmontage zu errichtenden Regalw\u00e4nde (die einen Besucher in der damals neuen Wohnung meiner stolzen Tante verwundert konstatieren lie\u00dfen, er kenne zwar kombinierte Wohn-Schlafzimmer, aber noch nicht Wohn-Schlaf-Keller!).<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"80\" height=\"105\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/caspers3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14492\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Und nicht zu vergessen: M\u00f6bel im Weltraum-Design, in knalligen Farben und kugelf\u00f6rmig (s. u.), wo nicht, so doch wenigstens mit abgerundeten Ecken. Wieder fungierte das Fernsehen als Vorreiter, man denke nur an die Olivetti-Deko von &#8222;W\u00fcnsch Dir was&#8220;, das poppige Mobiliar in Ilja Richters &#8222;Disco&#8220; und im weitesten Sinne auch an die beeindruckende Kommandozentrale der fr\u00fchen ZDF-Hitparade.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Parameter der 70er Jahre waren Formen und Farben, Muster und Materialien. W\u00e4hrend es innen weich und rund sein mu\u00dfte (&#8222;<em>Am Anfang war das Raumschiff Erde: eine Kugel.<\/em>&#8222;), entstanden nach au\u00dfen Makrostrukturen in Lego-Manier, geschichtet aus Zellen, Modulen, Kapseln und Waben (man denke nur an die &#8222;Dalli Dalli&#8220;-Deko, das spinnwebartige Zeltdach des M\u00fcnchner Olympiastadions samt zugeh\u00f6rigem Olympischem Dorf &#8211; f\u00fcr das, so mutma\u00dft Caspers, Kofferradios und Transistoren Pate standen), gipfelnd im &#8222;Raster&#8220; &#8211; ob als Negativutopie der St\u00e4dteplanung oder in Sachen Fahndungsmethoden als \u00c4rgernis linksradikaler Terroristen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausdruck des damaligen Betondenkens waren Zentren aller Art (Einkaufs-, Schul-, Verwaltungs-, Sport- und B\u00fcrgerzentren), &#8222;<em>die schon durch die Benennung als &#8218;Zentrum&#8216; ihr Aussehen verrieten<\/em>&#8222;. Und durch deutsche Innenst\u00e4dte wanden sich fortan sogenannte &#8222;Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Farben dominierten Braun, Orange und Gelb-T\u00f6ne (in der Tat: auf den ber\u00fchmten &#8222;ersten&#8220; Photos liege ich nicht etwa auf einem B\u00e4renfell, sondern auf braun-orange-gelb-gestreiften Matrazenst\u00fccken!). &#8222;<em>Selbst auf dem Mond f\u00e4hrt man ein sportliches Orange.<\/em>&#8220; (Gemeint ist der Lunar Rover der Apollo 17-Mission Anno 1973), auch Gr\u00fcn und Curry sollen hier nicht vergessen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die musterw\u00fctigen 70er res\u00fcmiert Caspers unter dem Begriff &#8222;<em>horror vacui<\/em>&#8222;: Angst vor der Leere, als die Zukunftseuphorie der fr\u00fchen 70er bedauerlicherweise Realit\u00e4t und Desillusionierung weichen mu\u00dfte. Diese psychologisierend-nachsichtige Deutung entschuldigt das schrille, aufdringliche Durcheinander, das jede sich bietende Fl\u00e4che eroberte. (Nicht zuf\u00e4llig sind die 70er das Jahrzehnt der &#8222;Sticker&#8220;, die legitimen Nachfolger der &#8222;Buttons&#8220;!) An den W\u00e4nden tummeln sich Poster, Setzk\u00e4sten, Korktafeln und Pinnw\u00e4nde. &#8222;<em>Alles mu\u00df geschm\u00fcckt, verziert, gestaltet werden. Eine wei\u00dfe Wand gilt als besonders ausgefallener Stil.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: ein Ornamentalismus aus Farb- und Formkombinationen, &#8222;<em>die uns 25 Jahre sp\u00e4ter zur Sonnenbrille greifen lassen<\/em>&#8222;.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"80\" height=\"96\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/caspers5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14495\"\/><figcaption>Otto-Katalog Modelle der 70er<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>In Sachen Materialien regierte die Synthetik (auch in bezug auf Kleidung: &#8222;F\u00fcr den modisch bewu\u00dften Jugendlichen der 70er ist die Jeanshose oft das einzige Kleidungsst\u00fcck aus Naturfaser.&#8220;), von Schaumstoff bis Klebefolie und so weiter. Die Trias des &#8222;guten Geschmacks&#8220; bildeten Flokati, Breitcord und Schleiflack.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bereich der Technologien beginnen die 70er mit einer Phase der Klobigkeit, es darf geklotzt werden: sperrige Stereoanlagen und Kassettenrecorder (bespielbare Kompakt- Kassetten avancieren zum unverzichtbaren Vehikel der Jugendkultur!) mit ausladenden Kopfh\u00f6rern, gigantische Rechenmaschinen etc. weichen schlie\u00dflich im Zuge der Miniaturisierung Errungenschaften wie Taschenrechner, Walkman und Chip. Meist sind diese Dinge Abfallprodukte der Raumfahrttechnik, wie etwa die Digitaluhr. Im Bereich des Computers, der zunehmend popul\u00e4rer wurde (PC hei\u00dft schlie\u00dflich Personal Computer, oder?) und eine neue Sprache mit sich brachte, wurde die Lochkarte von der Floppy-Diskette abgel\u00f6st. &#8222;E<em>ndlich gab es im Genre des Agentenfilms ein neues Spielzeug.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Wegmarken der 70er: High Fidelity, Kunstkopf-Stereophonie und Quadrophonie, heute allesamt nostalgisch, wer legt schon Wert auf 3 D-Klangqualit\u00e4t\u2026 Der Vier-Kanal-Technik des Quadrophonie-Sounds waren nur wenige Vorf\u00fchrungen verg\u00f6nnt, denn &#8222;<em>die Evolution kam mit den vierohrigen Menschen nicht schnell genug nach.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"395\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/caspers7.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14496\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/caspers7.jpg 200w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/caspers7-76x150.jpg 76w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption><em>&#8222;Die zaghaft beginnende Disco-Musik wurde sogleich in Formationst\u00e4nzen unsch\u00e4dlich gemacht&#8230;&#8220;<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\u00dcber musikalische Entwicklungen und Trends der 70er sind ganze B\u00fccher geschrieben worden (von eigens daf\u00fcr geschaffenen Musik-Autoren und -Journalisten), Caspers leistet zumindest einen skizzenhaften Abri\u00df und macht auf das W\u00f6rtchen &#8222;live&#8220; aufmerksam: ein Attribut, &#8222;<em>das von nun an Fernsehshows, Konzert\u00fcbertragungen, Mitschnitte auf Platte ziert. &#8218;live&#8216; ist deshalb so wichtig, weil immer nur Konserven &#8218;live&#8216; sind: eine Paradoxie, die zum Markenartikel wird.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres fragw\u00fcrdiges Produkt der 70er sind die Bl\u00f6delbarden: &#8222;<em>junge b\u00e4rtige M\u00e4nner, die geistreich-harmlos \u00fcber dieses und jenes reimend r\u00e4sonnierten und sich stilistisch zwischen wilhelminischem Studentenulkus und Popnostalgie im Skiffle-Sound bewegten.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Fernsehger\u00e4t gesellt sich die Fernbedienung als &#8222;<em>drahtlose Schaltzentrale h\u00e4uslicher Macht<\/em>&#8222;. Zum Zappen gibt\u00b4s allerdings noch zuwenig Programme, und die senden nichtmal den halben Tag lang (television\u00e4re Gro\u00dfereignisse: Mondlandung, Ali gegen Frazier und Elvis aus Hawaii), daf\u00fcr strahlen die Apparate in genauso unertr\u00e4glichen Farben wie alles \u00fcbrige (meine andere Tante hatte einen gelben (!) Fernseher. Aua.) Neu ist auch eine Erscheinung namens Video, die vor allem an der Schwelle zu den 80ern Einzug in deutsche Haushalte h\u00e4lt (hab ich erstmals Ende der 70er bei einen Klassenkameraden zu Hause kennengelernt, nie wieder hat mich eine technische Neuheit derma\u00dfen &#8222;erschlagen&#8220;, damals war das f\u00fcr mich schlicht Hexerei &#8211; mindestens so unerkl\u00e4rlich wie die SF-Apparaturen des Baron Lefuet, mit denen er den armen Timm Thaler vom heimischen Bildschirm aus an jedem Punkt der Erde observieren konnte).<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"80\" height=\"89\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/caspers6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14499\"\/><figcaption>Klumpschuh der 70er<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>An fahrbaren Unters\u00e4tzen bringen die 70er den Ford Capri, den Rallye-Kadett und den Opel GT hervor. &#8222;<em>Der Mensch der Zukunft ist ein High-Tech-Nomade und seine Behausung ein technisches Etwas zwischen Fahrzeug und Haus.<\/em>&#8222;\u2026 auch am VW K\u00e4fer l\u00e4\u00dft sich noch das Diktat der runden Form ablesen.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4\u00dft man die 70er Jahre Revue passieren, d\u00fcrfen auch Trimm-Dich-Pfade, die EsPeDe, Softsex-Filmchen und Discokugeln nicht fehlen, ebensowenig Mengenlehre (genau: die Blechschachtel mit den bunten Plastikpl\u00e4ttchen in der ersten Klasse, nur geschlagen vom Held meiner Grundschulzeit: Uli, dem Fehlerteufel), Bezugspersonen statt Verwandten, Glasfaserlampen, die Sendung &#8222;Tele-Spiele&#8220;, die Entdeckung der neuen (kaufkr\u00e4ftigen) Klasse der &#8222;Teenager&#8220;, frischw\u00e4rts, porentief rein, Bluna, Sinalco, Frau Sommer, Fa-M\u00e4dchen, Erika Mustermann, H\u00e4schenwitze und der wohl beste Werbeclip aller Zeiten: Charles Wilps Afri-Cola-Spot, in dem glamur\u00f6se Frauen an einer beschlagenen Scheibe lecken, ziemlich strange\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der puren Ph\u00e4nomenologie legt Caspers aber auch die vor lauter B\u00e4umen verstellte Sicht auf den Wald frei: auf Dinge, die entweder zu banal sind oder einfach noch nicht lange genug zur\u00fcckliegen, um bewu\u00dft wahrgenommen zu werden. Das betrifft zun\u00e4chst den eigenwilligen zeitlichen Umfang: &#8222;<em>Dekaden halten nicht immer 10 Jahre und schon gar nicht, was sie versprechen<\/em>&#8222;. Caspers\u00b4 Jahrzehnt dauert acht Jahre, seine 70er beginnen Ende der 60er und enden an der Wendemarke des Jahres \u00b477, dort offenbart sich das Janusgesicht der 70er Jahre. &#8222;<em>Sie waren utopisch und nostalgisch, sozial und individualistisch, hoffnungsvoll und depressiv zugleich<\/em>&#8220; &#8211; &#8222;<em>zwiesp\u00e4ltig (wie jede Epoche)<\/em>&#8222;.<\/p>\n\n\n\n<p>In der bunten, fr\u00f6hlichen Fr\u00fchphase herrscht noch emphatischer Optimismus, der sich in Weltraum-Phantasmen sowie neuen Technologien manifestiert und im magischen &#8222;Jahr 2000&#8220; zum Symbol gerinnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch schon ab 1974 scheitert die Realisierung vieler in den 60er Jahren begonnener Projekte und f\u00fchrt zur Zuflucht im Altbekannten (die erste Retro-Welle rollt an, im Focus: die goldenen Zwanziger und die muffigen F\u00fcnfziger). Bev\u00f6lkerungswachstum, Umweltverschmutzung und Ressourcenknappheit sind bereits Anfang des Jahrzehnts in aller Munde und lassen nichts Gutes ahnen. Als Antwort auf Zukunftseuphorie wie -paranoia entsteht als neue wissenschaftliche Disziplin die Futurologie.<\/p>\n\n\n\n<p>1977 schlie\u00dflich zeigt sich die Fratze des deutschen Herbstes (die Zeit, in der mein Vater beim abendlichen Nachhausekommen \u00f6fters von gesperrten Br\u00fccken und Polizeikontrollen berichtete), der Anschlag auf die &#8222;heiteren&#8220; Spiele von M\u00fcnchen war nur ein Vorbote des Terrors.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende des Jahrzehnts alarmieren ein erster Nuklear-Unfall und diverse Tankerungl\u00fccke, Atomkraft und Waldsterben werden zu Schlagw\u00f6rtern, B\u00fcrgerinitiativen und WGs beerben APO und Kommunen der 68er-Bewegung, &#8222;Christiane F.&#8220; ist in aller Munde, McDonalds-Filialen, Punks und \u00d6kopapier markieren den \u00dcbergang in die 80er. Bundesdeutsche Leinw\u00e4nde beherrschen Katastrophenfilme und schwer verdauliche cineastische Erzeugnisse \u00e0 la Fassbinder, Schl\u00f6ndorff und von Trotta.<\/p>\n\n\n\n<p>Zukunftsangst (No future!) und Endzeitberechnungen machen den 70ern auch im Geiste den Garaus. Wie zum Hohn zitiert Caspers einen Hit der &#8211; mit Verlaub &#8211; wohl l\u00e4cherlichsten Band der 70er (neben Status Quo, den Heavy Metal Kids etc.): &#8222;<em>We\u00b4ll fly you to the promised land, the promised land (Les Humphries Singers 1972)<\/em>&#8222;\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>In den 70ern wird Jugend zum Wert per se: &#8222;<em>Zeichen der Jugend werden auch von denen \u00fcbernommen, die eigentlich nicht mehr dazugeh\u00f6ren<\/em>&#8222;. Wohin das f\u00fchren kann, macht jedes Lindenberg-Interview aufs neue schmerzhaft deutlich\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Sex und Freizeit sind beherrschende Themen in Theorie und Praxis, die erprobte Einheit von Rock, Jugend und Protest splittert sich auf, Jungw\u00e4hler entwickeln gar eine leichte Pr\u00e4ferenz f\u00fcr die CDU, der Groove der Schwarzen und Schwulen New Yorks wird im Zuge der Disco-Welle in Tanzschulen kanalisiert, aber das ist eben schon Ende der 70er\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Auch innerfamili\u00e4r verlagern sich die Gewichte: &#8222;<em>War der Kampf der 68er eine Auseinandersetzung 25j\u00e4hriger mit der politisch und wirtschaftlich tonangebenden Elterngeneration der 50- bis 60j\u00e4hrigen, so spielte sich der Generationskonflikt in den 70ern eher als Scharm\u00fctzel zwischen 16j\u00e4hrigen mit dem Wunsch nach mehr Taschengeld, leistungsf\u00e4higeren Stereoanlagen, Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung, erstem motorisiertem Zweirad und ihren auf der Jugendwelle schwimmenden, Jeans und Koteletten tragenden Eltern ab.<\/em>&#8220; Die Auseinandersetzungen der 68er mit Eltern und Staat wurden zudem dadurch versch\u00e4ft, da\u00df die Adressaten immer auch Vertreter der Nazi-Generation waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ernteten ideologie- und konsumkritische Jugendliche der 60er noch ein \u00e4rgerliches &#8222;Geh doch r\u00fcber&#8220;, verband beide Schichten nun das generations\u00fcbergreifende Gebot des &#8222;Kauf mich&#8220; &#8211; verk\u00fcrzt ausgedr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"73\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/caspers8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14497\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/caspers8.jpg 150w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/caspers8-145x71.jpg 145w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><figcaption>Audi 80 Coup\u00e9<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Und was ver\u00e4ndert sich auf dem Gebiet der \u00c4sthetik? Das weiche, bunte Design mit all seinen Rundungen und W\u00f6lbungen mu\u00df der Keilform Platz machen, am deutlichsten an den PKW-Formen ablesbar. Die l\u00e4rmende Farbvielfalt r\u00e4umt das Feld, fortan dominieren ein &#8222;<em>technoid anmutendes Mattschwarz oder ein edel gl\u00e4nzendes Schwarz<\/em>&#8222;. Darauf reagiert auch die allgemeine Befindlichkeit: &#8222;<em>Die Heiterkeit ist zur Ironie mutiert, die Naivit\u00e4t zur berechnenden Pose<\/em>&#8222;.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der R\u00fcckschau wird zudem deutlich, da\u00df mit den 70ern die letzte eigenst\u00e4ndige Stilepoche des 20. Jahrhunderts in Deutschland endete, die Popmoderne unter dem gro\u00dfen Dach der Postmoderne. Die coolen 80er waren &#8222;<em>das Jahrzehnt der Friseure, Designer und Makler<\/em>&#8222;, und die 90er recyclen &#8211; die 70er! (Wenngleich nat\u00fcrlich auch die 70er Relikte der dumpfen 50er und der 60er-Sachlichkeit einschlie\u00dfen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande sei bemerkt, da\u00df Caspers\u00b4 Buch bei mir auch einige Wissensl\u00fccken geschlossen hat, die nicht unmittelbar die 70er betreffen. Diese Informationen beziehen sich unter anderem auf:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Oben-ohne-Demos w\u00e4hrend Adorno-Vorlesungen<\/li><li>die Aufdeckung manipulativer Machenschaften der Werbung durch einen aufmerksamen amerikanischen Kulturkritiker der 50er Jahre mit dem Hinweis auf kartoffelschalenfarbene Kartoffelsch\u00e4ler, die aus Versehen weggeworfen und st\u00e4ndig nachgekauft werden m\u00fcssen<\/li><li>den Plan eines amerikanischen Forschers, angesichts beunruhigender Umweltver\u00e4nderungen eine Glaskuppel \u00fcber Manhattan zu spannen, die Smog fernhalten und ein g\u00fcnstiges Mikroklima schaffen sollte.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Und kurz vor knapp noch wie versprochen die <strong>Top Five<\/strong> der Caspers-Zitate:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>W\u00e4hrend die Nierentische und Am\u00f6bentextilien der 50er die Natur formal-plump imitieren, bildet die Architektur der Module die Natur anhand ihrer Funktionen und Strukturen ab &#8211; Gott dreht einen Lehrfilm.<\/li><li>Da\u00df M\u00e4nner sich modisch kleiden, ist eine relative Neuerung.<\/li><li>Mit ocker und braun l\u00e4\u00dft sich nichts versau\u00b4n.<\/li><li>Hier bin ich Pop, hier darf ich\u00b4s sein.<\/li><li>Es gab einmal eine Zeit, da trugen Menschen auch im Wohn-Schlafzimmer Sonnenbrillen, weil die Vielfalt der Farben und Formen sonst kaum zu ertragen war. Dennoch waren sie heiter gestimmt, entspannt und bereit f\u00fcr das n\u00e4chste Jahrtausend.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><br \/>Es ist schon so, wie Caspers sagt: &#8222;<em>Die Faszination heutiger Betrachter oszilliert zwischen peinlichem Ber\u00fchrtsein, wehm\u00fctigem Erinnern und sentimentalem Sehnen nach einer Zeit, in der das W\u00fcnschen offenbar noch geholfen hat.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"50\" height=\"91\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/caspers4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14498\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Was bleibt? Das Ende einer Zeitreise, das peinlichste Foto meines Lebens (ich mit f\u00fcnf auf einem Ast: wei\u00dfe Flokati-M\u00fctze mit Bommeln unterm Kinn geschn\u00fcrt, Wolljacke mit Karos &#8211; so gro\u00df, da\u00df Frankenfeld vor Neid erbla\u00dft w\u00e4re, Schlaghosen und halbhohe Schn\u00fcrschuhe, die auf schlimme Deformationen meiner F\u00fc\u00dfe schlie\u00dfen lassen, damit straft man sonst nur Patienten der Orthop\u00e4die) und eine CD mit Fernsehmelodien meiner Jugend, die ich nicht rezensieren darf. Seufz.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><br \/>Markus Caspers:<br \/>70er - einmal Zukunft und zur\u00fcck:<br \/>Utopie und Alltag 1969-1977<br \/>DuMont<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Sie sich zur Zeit mit Anfang Zwanzig schon alt f\u00fchlen, dann sind Sie wahrscheinlich weiblich und befinden sich im Erdgescho\u00df einer H&amp;M-Filiale (wahlweise auch in einer Fu\u00dfg\u00e4ngerzone oder an der Bushaltestelle): als erwachsener Normalo sind Sie konfrontiert mit einem Haufen Lolitas im Unilook (hautenge Strickpull\u00f6verchen, Schlaghosen, Schuhsohlen in Gr\u00f6\u00dfe einer Packung Kn\u00e4ckebrot und die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[6],"tags":[2591,3294,335],"class_list":["post-14487","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buch","tag-70er","tag-design","tag-jugend"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Katja Preissner","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/kp-2\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14487","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/21"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14487"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14487\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14487"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14487"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14487"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}