{"id":14966,"date":"2003-03-14T11:11:00","date_gmt":"2003-03-14T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=14966"},"modified":"2022-06-03T00:22:49","modified_gmt":"2022-06-02T22:22:49","slug":"yael-hedaya-zusammenstoesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2003\/03\/yael-hedaya-zusammenstoesse\/","title":{"rendered":"Yael Hedaya: Zusammenst\u00f6\u00dfe"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Yael-Hedaya-Zusammenstoesse.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Yael-Hedaya-Zusammenstoesse.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14967\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Yael-Hedaya-Zusammenstoesse.jpg 314w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Yael-Hedaya-Zusammenstoesse-94x150.jpg 94w\" sizes=\"(max-width: 314px) 100vw, 314px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Fliehkr\u00e4fte der Liebe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht, ob Menschen \u00fcberhaupt zu einer umfassenden, den andern als Ganzes erfassenden Liebe f\u00e4hig sind\u201c, sagt die Schweizer Autorin Sybille Berg \u00fcber Yael Hedayas ersten Roman \u201eLiebe pur\u201c. \u201e Das w\u00e4re, was f\u00fcr mich das Wort bedeutet: den andern erkennen, Wohlgefallen an ihm haben, ohne Anspr\u00fcche und Erwartungen. Kann das jemand? Bitte melden\u2026\u201c Auch Hedayas zweiter Roman ist eine Liebesgeschichte. \u201eDiesmal geht sie gut aus\u201c, sagt sie selbst. Doch ihre Welt bleibt k\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Jede Romanfigur bewegt sich auf ihrer eigenen Bahn, satellitengleich, gefangen im Alltagstrott, verkapselt in Sehns\u00fcchten und unausgesprochenen Erwartungen: ein Kind ohne Mutter, ein Schriftsteller ohne neues Buch, eine Erfolgsautorin ohne Kind. Sie alle sind auf der Suche nach einer Bindung, von der sie nicht wissen, wie sie aussehen k\u00f6nnte. Mi\u00dftrauisch, vorsichtig kreisen sie umeinander, selten begegnen sie sich wirklich, eigentlich nur gewaltsam.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAccidents\u201c hei\u00dft der zweite Roman der israelischen Autorin Yael Hedaya auf Englisch, ein guter Titel. Denn Zufall oder Unfall, so genau wissen die Figuren nicht, wie sie Ver\u00e4nderung, besonders N\u00e4he, deuten sollen. Die zehnj\u00e4hrige Dana w\u00fcnscht sich nach dem Tod ihrer Mutter f\u00fcr ihren Vater eine neue Frau. Es ist zu schweigsam, zu bedr\u00fcckend im Haus. Als sie dann tats\u00e4chlich in ihr Leben tritt, schwankt Dana \u2013 mitten in der Pubert\u00e4t &#8211; zwischen neuem Frauenidol, dem sie nacheifert, und reinem Lustobjekt ihres Vaters, das sie bei aller Neugier irritiert und abst\u00f6\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie f\u00fchlt sich wie ein f\u00fcnftes Rad am Wagen und stellt peinlich ber\u00fchrt fest: \u00dcberall in der Wohnung riecht es nach Sex. \u201eNicht einmal ansehen mochte sie den Vater, wenn er mit seinem nackten, gef\u00e4hrlich strahlenden Oberk\u00f6rper auf dem Sofa lag\u201c, hei\u00dft es in Hedayas Roman, \u201eohne sich seiner neuen Monsterhaftigkeit bewu\u00dft zu sein.\u201c Ihr Vater Jonathan, Mitte 40, ein gefeierter Tel Aviver Schriftsteller, ist von der neuen Liebe selbst \u00fcberrascht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dana zuliebe hat er vor Wochen eine Selbsthilfegruppe f\u00fcr verwitwete M\u00e4nner besucht, obwohl sein Entschlu\u00df feststeht: Er will sich auf keinen neuen Menschen einlassen, und wenn, ohnehin nur auf eine Zwillingsseele, \u201est\u00fcrmisch, geistig brilliant und unvorhersehbar\u201c wie er selbst &#8211; eine Illusion, ungef\u00e4hrlich also. Trunken vom Erfolg seines Erstlingswerks, des Romans \u201eLust\u201c, und zugleich gehemmt von einer Schreibblockade, hat er sich das Korsett eines unverstandenen Witwers und K\u00fcnstlers geschneidert. Widerwillig, mehr, um die Form zu wahren, nimmt Jonathan trotzdem Einladungen zu arrangierten Blind-Date-Essen von Freunden an. Dabei lernt er Schira kennen, den Shootingstar der Tel Aviver Literatenszene.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch sie leidet unter einer Schreibkrise, qu\u00e4lt sich mit ihrem zweiten Buch, leidet unter Perfektionsdrang. Ihren Romanerfolg sieht sie eher als \u201eKind des Zufalls\u201c und ihre Beziehungen bisher als gescheiterte, fl\u00fcchtige Vorformen von Liebe. Zu den arrangierten Blind-Date-Essen geht sie inzwischen mit einer fast diebischen Vorfreude, den aufgetriebenen Single der Freunde abzulehnen. Diesmal irrt sie: Jonathan gef\u00e4llt ihr gef\u00e4hrlich gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Yael Hedaya erz\u00e4hlt wieder eine Dreiergeschichte, allerdings tragen ihre Figuren jetzt Namen, und statt eines Hundes taucht jetzt ein Kind auf. Das Kind allerdings ist nicht das Gegenst\u00fcck zur Bindungsangst des Paares wie in \u201eLiebe pur\u201c, sondern selbst wie Schira und Jonathan zerrissen zwischen der \u201eAngst, da\u00df es etwas daraus w\u00fcrde\u201c und \u201eder Angst, da\u00df nicht.\u201c Die beiden Schriftsteller werden ein Paar auf Probe, das Patchwork-Familien-Experiment beginnt \u2013 in einer Stadt, wie sie passender nicht sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Tel Aviv wirkt auf Schira \u201eherrlich normal und sehr selbstbezogen, als begegnete sie individuellem Leid mit kollektiver Respektlosigkeit, ohne da\u00df man ihr daf\u00fcr b\u00f6se sein konnte\u201c. Schira sieht die Stadt als eine \u201eArt Metronom, das auch zu einer schwerm\u00fctigen Melodie fr\u00f6hlich und unbeirrt vor sich hintickte\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf elliptischen Bahnen bewegen sich Hedayas Figuren aufeinander zu und entfernen sich wieder \u2013 eine Art Satellitenliebe. Anstrengend ist jede Ann\u00e4herung und langwierig, ein m\u00fchsames Aufschlie\u00dfen des inneren K\u00e4figs, skeptisch, immer bem\u00fcht, die eigene Fassade zu wahren. Schlie\u00dflich hei\u00dft Liebe f\u00fcr Schira und Jonathan zun\u00e4chst nur: Abh\u00e4ngigkeit, Beklemmung, das Ende des Schreibens. So sinnlich der gegenseitige Reiz auch ist: Die Fliehkraft bleibt st\u00e4rker als die Schwerkraft.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZusammenst\u00f6\u00dfe\u201c hei\u00dft auch der Roman im Roman, mit dem Schira in Tel Aviv ihren Debuterfolg feierte: die Geschichte einer Liebe, die sie selbst gern erlebt h\u00e4tte. Ein Mann und eine Frau begegnen einander nach Autounf\u00e4llen nachts in der Notaufnahme und f\u00fchlen sich im Gespr\u00e4ch pl\u00f6tzlich \u201ewie zwei Kinder, die sich gegenseitig zun\u00e4chst scheu ihre Sammelkarten zeigen, bis sie feststellen, dass sie genau dieselben besitzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich gewaltsam sind die Einschnitte, die die Hedayas Figuren tats\u00e4chlich ver\u00e4ndern: der Unfalltod der Mutter, der Ehefrau, der Tod der eigenen Eltern. Bevor Liebe ohne Bedr\u00e4ngnis m\u00f6glich wird, stehen Abschiede bevor, die die drei Charaktere letztlich aus ihrer Erstarrung befreien. Dana entdeckt die eigene Sexualit\u00e4t und bem\u00fcht sich nicht mehr, andern zu gefallen, zum \u201eAuswahlteam\u201c der Klasse zu geh\u00f6ren. Jonathan gibt das Schreiben auf, unterrichtet stattdessen als Dozent in Jerusalem, und Schira w\u00fcnscht sich ein Kind von ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Hedayas Roman liest sich wie eine Fortsetzung zu \u201eLiebe pur\u201c, wie eine Analyse nicht nur schmerzender, sondern auch heilender Bindungen. Ihr zweites Buch ist eine 750 Seiten f\u00fcllende Studie \u00fcber die Einsamkeit, das Heranwachsen und \u00c4lterwerden, \u00fcber Sterben, Abschiednehmen und Neubeginn &#8211; allerdings im Gegensatz zur lakonischen Sprachgewalt ihres Debuts diesmal ausgedehnt, zerfasert, verloren oft in Detailepisoden, in den Lebensstr\u00e4ngen ihrer Figuren. Vielleicht liegt es daran, dass die Identifikation m\u00fchsamer gelingt als bei Mann, Frau und Hund in \u201eLiebe pur\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer ein Fan von Hedayas pr\u00e4ziser, seismographischer Prosa ist und \u00c4hnliches erwartet, wird entt\u00e4uscht. \u201eLiebe pur\u201c war ein kurzes, schonungslos sezierendes Meisterwerk \u00fcber das Elend der Liebe. Seine St\u00e4rke lag in der Konzentration auf eine gnadenlos zulaufende Geschichte, erz\u00e4hlt mit einer Mischung aus Melancholie und Brutalit\u00e4t &#8211; ein n\u00fcchterner Abgesang auf den Selbstbetrug und das Mi\u00dftrauen in der Liebe. Etwas dieser Erz\u00e4hlkraft ist noch in \u201eZusammenst\u00f6\u00dfe\u201c sp\u00fcrbar, immer dann, wenn die israelische Bestseller-Autorin Banalit\u00e4t in Trag\u00f6die verwandelt, Unbedeutsamkeit in Traumatismus, Offensichtlichkeit in Intensit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den beeindruckendsten Kapiteln des neuen Romans etwa geh\u00f6rt Schiras Abschied vom ihrem sterbenden Vater. \u201eWie schutzlos doch unsere Eltern im Alter unseren Blicken ausgeliefert sind\u201c, denkt sie im Krankenzimmer. Erb\u00e4rmlich und grimmig wirkt ihr alter Vater am Tropf, im Bett am Ende \u201ewie ein Baum an einem Wintertag, klein, fahl und dennoch tapfer\u201c. In Schira w\u00e4chst pl\u00f6tzlich die Angst, die Welt drau\u00dfen k\u00f6nne zu ihnen hereinsickern.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine stille Spannung herrscht im Raum, ungekannt, eine unaufgeregte Begegnung ohne Worte, eine N\u00e4he ohne Bedingungen. Schira wundert sich, wie klar doch der letzte, alles endende Augenblick ist: \u201eDer Tod schien das Material, mit dem er arbeitete, gut zu kennen, er verrichtete seine Arbeit treffsicher und nuancenreich, verfranste sich nicht in endlosen Formulierungen, war frei von Widerspr\u00fcchen und Selbstha\u00df.\u201c Der Tod ist keine K\u00fcnstlernatur, denkt sie: \u201eDer Tod ist ein hochprofessioneller Handwerker.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Satz eines Emily-Dickinsons-Gedicht, den Yael Hedaya immer wieder zitiert: \u201eAfter great pain a formal feeling comes\u201c, trifft nicht nur auf Schiras Gedanken am Bett ihres sterbenden Vaters zu, sondern vor allem auf Hedayas sehr eigene Art zu schreiben &#8211; eine poetische St\u00e4rke. Nichts r\u00fcckt den Leser distanzloser an das Erlebte.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Yael Hedaya:<br \/>Zusammenst\u00f6\u00dfe<br \/>Diogenes, 751 Seiten, \u20ac 24,90<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fliehkr\u00e4fte der Liebe \u201eIch wei\u00df nicht, ob Menschen \u00fcberhaupt zu einer umfassenden, den andern als Ganzes erfassenden Liebe f\u00e4hig sind\u201c, sagt die Schweizer Autorin Sybille Berg \u00fcber Yael Hedayas ersten Roman \u201eLiebe pur\u201c. \u201e Das w\u00e4re, was f\u00fcr mich das Wort bedeutet: den andern erkennen, Wohlgefallen an ihm haben, ohne Anspr\u00fcche und Erwartungen. 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