{"id":14997,"date":"2000-04-02T11:11:00","date_gmt":"2000-04-02T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=14997"},"modified":"2022-06-03T14:53:43","modified_gmt":"2022-06-03T12:53:43","slug":"fink-fliessen-lassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2000\/04\/fink-fliessen-lassen\/","title":{"rendered":"Fink &#8211; Flie\u00dfen lassen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Country oder nicht. Nach drei CDs sind Fink zur beliebtesten deutschen Band im Hinternet-Hauptquartier aufgestiegen. H\u00f6chste Zeit also f\u00fcr ein Interview mit Nils Koppruch und Co. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Polkas, Eselsgebisse und K\u00fcchenkonzerte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Wie sehen eigentlich die Anf\u00e4nge von Fink aus? Ihr habt Euch 1996 formiert. Aber woraus?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Wir waren zwei Leute, die gerade aus einer Band ausgestiegen sind und was anderes machen wollten. Ohne gro\u00dfen Ehrgeiz, das als richtige Band zu betreiben. Zum Rest sind wir durch superviele Zuf\u00e4lle gekommen. Hauke war eigentlich Gitarrist bei \u00b4ner Band namens &#8222;Huah&#8220;. Wir hatten ihn gefragt, ob er Lust h\u00e4tte, mal zu trommeln, und so ist er dazugekommen. Am Bass hatten wir verschiedene Leute, meist Freunde, haben aber schnell gemerkt: Wenn man kontinuierlich arbeiten will, ist es wichtig, dass man eine feste kreative Gruppe hat. Der musikalische Hintergrund war immer ein sehr unterschiedlicher, das ist jetzt auch noch so.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Wie sehen die unterschiedlichen musikalischen Vorlieben der einzelnen Fink-Mitglieder aus?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas:<\/strong>&nbsp;<em>Nils ist ein gro\u00dfer Bob Dylan-Fan und hat sich viel mit fr\u00fcher amerikanischer Volksmusik besch\u00e4ftigt. Ich bin eher so\u00b4n alter Experimental-Rocker. Ich mag Can gern, finde aber auch Volksmusik gut. Keine deutsche, sondern internationale. Sibirische Schamanen-Musik oder Gamelan-Orchester aus Indonesien&#8230; Dinesh hat vorher bei der Nationalgalerie gespielt, das war Rock, und Henning hat fr\u00fcher mal bei der Hamburger Band Concord getrommelt, die machen Experimental-Pop. Er frickelt aber auch viel zu Hause rum, mit \u00b4nem Vierspurger\u00e4t, und schreibt so Minimal-Pop-Geschichten. Insgesamt gibt\u00b4s bei uns viele Einfl\u00fcsse, nicht nur Rockmusik. Ich hab fr\u00fcher viel Jazz gespielt, und Henning ist auch ein guter Jazz-Trommler.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Ich hab mich eine Weile sehr mit US-amerikanischer Country-Musik befasst. Das kann man auf der ersten Platte schon sehr konkret nachh\u00f6ren. Mich hat aber nicht das interessiert, was man so vermeintlich kennt, sondern das, was noch fr\u00fcher passiert ist, in den 30-er und 40er-Jahren. Eigentlich hatte ich mit Country-Musik gar nichts zu tun und fand das auch ganz furchtbar reaktion\u00e4r und wei\u00df und doof. Drauf gekommen bin ich dann \u00fcber Bands, die ich f\u00fcr sehr innovativ hielt, wie Giant Sand und den sogenannten Cow-Punk. Ich glaub, sowas gibt\u00b4s gar nicht mehr, Blood on the saddle zum Beispiel. Ich hab mich gefragt, wo haben die Leute das eigentlich her, und hab dann angefangen zu forschen. Vom Ergebnis war ich superfasziniert. Aber bei der zweiten Platte war das schon: Okay, wir haben jetzt das gemacht, es hat uns niemand ausgelacht daf\u00fcr, jetzt wollen wir das Feld musikalisch weiter \u00f6ffnen. Wir verstehen uns nicht als Genre-Musiker, sondern da der musikalische Hintergrund schon recht unterschiedlich ist und wir doch \u00b4ne relativ demokratisch funktionierende Band sind, ist es wichtig, dass sich jeder einbringen kann. Was uns gemeinsam ist, sind eher so merkw\u00fcrdigere Sachen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Konkret?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Ich kann das nicht richtig beschreiben, aber interessant sind zum Beispiel so archaische Sachen. Zum Beispiel: Lass uns doch mal \u00b4ne Polka machen, und zwar so, dass wir glauben, das w\u00e4r auch noch Popmusik.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Wenn Ihr solch gro\u00dfen Wert darauf legt, Euch musikalisch immer weiter zu \u00f6ffen, was hat man dann als N\u00e4chstes von Euch zu erwarten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas:<\/strong>&nbsp;<em>Uns interessiert, Songs zu schreiben, ohne explizit Songs zu machen. Das hei\u00dft, dass man die Musik einfach mal flie\u00dfen l\u00e4sst und nicht in irgendwelchen veralteten Songstrukturen kleben bleibt, aber dass trotzdem keine Improvisationsmusik entsteht, wo ein St\u00fcck auf der CD 72 Minuten lang ist, sondern schon mit einzelnen Songs.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Aber das ist keine Latte, an der man sich abarbeitet, sondern das zeigt sich erst, wenn wir anfangen zu arbeiten. Es spricht auch nichts dagegen, einen Song mit \u00b4ner veralteten Songstruktur zu machen. Die Aufgabe stellt sich am einzelnen Lied, oder es ist eine konzeptionelle Idee. Wir sind zum Beispiel extreme Saxophonhasser, da k\u00f6nnte man sich zur Aufgabe machen, mal was Vern\u00fcnftiges mit einem Saxophon zu machen. Aber es gibt keinen Masterplan, der festlegt, was wir machen wollen. Au\u00dferdem ist man als Musikant und K\u00fcnstler \u00fcberhaupt bem\u00fcht, dass man sich nicht wiederholt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Mit dem Country-Etikett, das Euch oft aufgeklebt wird, habt Ihr ziemliche Probleme, oder?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Ja, weil wir uns eben nicht als Genremusiker verstehen. Leute, die jetzt als erstes die Mondscheiner-Platte h\u00f6ren, w\u00fcrden uns nicht mit Country in Verbindung bringen, wenn die nicht irgendwo gelesen h\u00e4tten, dass Fink mit Country spielen. Es gibt wohl ein, zwei Titel, wo das rauszuh\u00f6ren ist, aber von der Mehrzahl her w\u00fcrde niemand drauf kommen, dass das was mit Country zu tun hat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Euer Album &#8222;Mondscheiner&#8220; klingt ganz anders als der Vorg\u00e4nger &#8222;Loch in der Welt&#8220;. Holprig, folkig und auch chansonesk. Manchmal scheint es, als w\u00fcrdet Ihr Eure Texte regelrecht inszenieren und ihnen die Musik st\u00e4rker auf den Leib schneidern als fr\u00fcher.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Nein, das seh ich nicht so. Sie sind nur anders gemacht als auf den anderen Platten. Hier versuch ich, Charaktere dar\u00fcber darzustellen, wie sie erz\u00e4hlen. Ich sag nicht, der-und-der tut dies-und-das, und daran kann dann irgendjemand merken, was f\u00fcr ein komischer Vogel das ist, sondern ich lasse den Ich-Erz\u00e4hler des St\u00fcckes erz\u00e4hlen. Im Prinzip eine literarische Herangehensweise, die auf den andern Platten nicht so stark war. Es war eine andere Erz\u00e4hlweise, aber die Texte waren nie nur Beigabe.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Musikalisch seid Ihr auf der Mondscheiner sehr vielschichtig: Rock, Country, Folk, Chanson und Blues.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Blues ist ja eigentlich auch so\u00b4n b\u00f6ses Wort wie Country. Und es ist sicherlich ein Wagnis, wenn man sich wie wir von Anfang an \u00fcber bestimmte Sachen einfach hinwegsetzt und sagt: Lass uns was machen, was nicht dem Klischee entspricht. Das Ding mu\u00df an sich funktionieren, ohne dass das einen Namen bekommt. Und hinterher kommt jemand und sagt &#8222;Ah, das h\u00f6rt sich bluesig an, aber ich find\u00b4s nicht schlecht&#8220;. Ja, m\u00f6glicherweise kann man sich das dann auch so anh\u00f6ren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;F\u00fcr Rockmusiker habt Ihr eine ziemlich ungew\u00f6hnliche Instrumentierung: Banjo, Mandoline, Lapsteel-Gitarre, Harmonika&#8230; Und was bittesch\u00f6n ist ein Eselsgebiss, und was ist eine Schifferfl\u00f6te?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Ein Eselsgebiss ist ein Percussion-Instrument. Angeblich war das fr\u00fcher aus Eseln gemacht. Das h\u00f6rst Du auf &#8222;So fass ich\u00b4s an&#8220;, das ist dieses Drrrrrrrrrr. So haben die Z\u00e4hne geklappert beim Esel, wenn man die gegeneinander geschlagen hat. Das mit der Schifferfl\u00f6te ist eigentlich nur ein Witz. Das war eine Melodika mit einem Schlauch dran, die hat unser Tour-Musiker Martin Wenk gespielt. Und weil es sich so \u00e4hnlich anh\u00f6rt wie ein Akkordeon, hat irgendwer mal gesagt &#8222;Martin und seine Schifferfl\u00f6te&#8220;.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Und der Rest? Sind das nur Effektinstrumente oder macht man damit automatisch ganz andere Musik?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Weder noch. Banjos sind halt ungew\u00f6hnlich, weil man damit sofort Genremusiker verbindet, Countrymusiker oder Folkspezialisten, die sich echt einer Sache verpflichten. Wir benutzen die wie \u00b4ne Gitarre. Es geht nicht um eine Idee, die dahintersteht, sondern einfach nur um den Sound. Nat\u00fcrlich ist Fink keine E-Gitarren-Band, und mit akustischen Instrumenten kannst Du nunmal keine gro\u00dfen Feedbacks machen. Aber ich wei\u00df nicht, ob das Einflu\u00df darauf hat, wie die St\u00fccke geschrieben werden. Ich schreib eh auf \u00b4ner ganz normalen Wandergitarre.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Fr\u00fcher wart Ihr daf\u00fcr bekannt, \u00fcberwiegend im Sitzen zu spielen. Nicht gerade die typische Rock\u00b4n\u00b4Roll-Haltung. Ist das immer noch so?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Nee, das mit dem Sitzen kommt aus der Zeit, als wir noch zu zweit oder zu dritt waren und gleich von vornherein klarstellen wollten: Heute wird nicht getanzt! Viele Leute haben uns so auch zum ersten Mal gesehen: H\u00e4? Wieso sitzen die denn? Wer sitzt denn schon?! Diese komischen Typen sitzen da!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Um noch einen weiteren Mythos zu hinterfragen &#8211; Spielen Bands wir Ihr vergleichsweise leise?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Nee, auch eine Westerngitarre kannst Du ziemlich laut machen, und wir spielen live auch viel mit E-Gitarre. Aber es ist ein Unterschied zu einer klassischen Rockband, die hinter sich drei Marshall-Turner hat. Und wie laut das ist, bestimmt letztendlich sowieso unser Mischer.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Kriegt ihr mit, wer eure Musik so h\u00f6rt? Ist das ein besonderes V\u00f6lkchen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Ja, ich glaub schon, dass das ein besonderes V\u00f6lkchen ist. Es sind Leute, die im Hintergrund so amerikanische Sachen haben. Glitterhouse haben einmal im Jahr ein Festival, da waren wir vor zwei Jahren eingeladen und wurden damit angek\u00fcndigt, dass das ja wohl ein Wagnis w\u00e4re, uns vorzustellen, weil wir ja deutsch singen w\u00fcrden. Heute kommen viele Leute, die uns damals gesehen haben, und sagen: Was ihr gemacht habt, ist da extrem rausgefallen. Nat\u00fcrlich liegt\u00b4s tats\u00e4chlich auch daran, dass wir deutsch gesungen haben, wir waren halt keine Amerikaner. Es gibt schon so\u00b4n Hintergrund von Leuten, die sich auskennen mit dieser Art von Musik &#8211; die wissen, was Calexico ist, was Giant Sand ist, die amerikanischen Folk-V\u00f6gel halt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Im Internet kann man Euer Tourtagebuch lesen. Da steht viel Am\u00fcsantes drin, aber mit den Schlafpl\u00e4tzen hattet Ihr Probleme. Hat sich das gebessert?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Beim ersten Teil waren wir mit dem Wohnmobil unterwegs, da gab\u00b4s \u00fcberhaupt keine Probleme, das war sehr sehr angenehm. Und auf der laufenden Tour hatten wir immer super Hotels. Vielleicht sind wir auf dem aufsteigenden Ast, wer kann das wissen? Aber in der Liga, wo wir spielen, kommt\u00b4s halt immer wieder vor, dass Du bei Veranstaltern in Privatwohnungen schl\u00e4fst. Und manche, die das nicht wirklich professionell machen, k\u00f6nnen nicht wissen, dass Du das jetzt schon seit drei Wochen hast, jeden Abend, und die denken, &#8222;Oh wieso, das ist doch ganz geil, noch \u00b4n bi\u00dfchen Party zu haben abends. Und auf \u00b4ner Luftmatraze kann man ja auch mal schlafen oder auf irgendwas.&#8220; Nur wenn man das tats\u00e4chlich drei Wochen macht, dann steigen manchmal schon die Anspr\u00fcche an eine Decke oder an ein Bett. Und auf der Tour waren wir ja alle relativ grippig, und dann ist das halt superanstrengend.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;In Hamburg habt Ihr fr\u00fcher oft in Caf\u00e9s gespielt. F\u00fcr Rockbands eher ein ungew\u00f6hnlicher Auftrittsort.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>In Hamburg gibt es eine relativ gro\u00dfe Musikszene und das, was da dranh\u00e4ngt. Da gibt\u00b4s schon ein paar Bars und Clubs, wo man durchaus mal was Spezielles machen kann, wenn man da nachfragt. Wir haben zum Beispiel auch nachmittags in einem Caf\u00e9 gespielt, da war so\u00b4n kleiner Erker oben, da sa\u00dfen wir in einem ganz kleinen Loch und haben da drin gespielt. Es hatte keinen wirklichen Konzertcharakter. Die Leute haben Kuchen gegessen, und wir haben da gesessen und Musik gemacht. Auch in ganz kleinen Bars. Ich hab sogar mal in einer Pizzeria gespielt. Das war mit einer anderen Band, wir hatten einen Offtag in Wiesbaden, wollten aber trotzdem spielen und sind halt in eine Pizzeria gelaufen und haben gefragt, ob wir da spielen k\u00f6nnen.<br \/>Und jetzt haben wir diese K\u00fcchenkonzerte, die wir verlost hatten. Das ist supernett. Wir spielen da \u00fcberhaupt nicht verst\u00e4rkt, mit kleinem Set, akustischer Bass, akustische Gitarren, und k\u00f6nnen so nat\u00fcrlich nicht alle St\u00fccke spielen, die wir haben, das funktioniert nicht. Aber das wird immer ein ganz netter Abend.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Wegen des guten Essens?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Nee, das kann man ja vorher nicht wissen. Das Sch\u00f6ne daran ist: Du triffst Leute, die nicht zu Dir kommen, zum Konzert, sondern Du gehst sozusagen zu denen, ein Hausbesuch. Das kann nat\u00fcrlich auch bl\u00f6d sein, wenn die Leute bl\u00f6d sind, das wei\u00df man ja vorher nicht. Aber man macht Musik unter komplett anderen Bedingungen als auf der B\u00fchne, weil du nat\u00fcrlich nicht so viel h\u00f6rst. Du hast keine technischen M\u00f6glichkeiten, einmal hatten wir gar kein Mikro. Da kommts nicht so sehr auf die Nuancen an, sondern dass Du versuchst, mit den wenigen Mitteln, die du hast, m\u00f6glichst viel Krach zu schlagen, weil es sonst der F\u00fcnfte schon nicht mehr h\u00f6rt.<\/em><br \/><em>Ich m\u00f6chte das nicht jeden Tag machen, aber eigentlich ist das gut, weil man &#8211; vielleicht red ich jetzt Stu\u00df &#8211; aber wenn man anf\u00e4ngt, sosehr professionell zu spielen und nicht aufpasst, ist man auch schnell abh\u00e4ngig von diesen Sachen: dass Du vern\u00fcnftigen Monitorsound hast, dass Du richtige Mikrophone hast. Und da finde ich pers\u00f6nlich es gut, wenn man mal sagt, man schei\u00dft auf den ganzen Kram und versucht es einfach mal so. Selbst wenn man nur die H\u00e4lfte h\u00f6rt, wie bei \u00b4ner Hochzeit oder beim Dorffest.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Das stell ich mir toll vor, Fink in der eigenen K\u00fcche&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Mu\u00dft Du uns eben mal einladen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Ihr passt leider nicht in meine Mini-K\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Wir spielen auch im Schlafzimmer, das Line Up ist ja nicht so gro\u00df. Oder hast Du vielleicht ein gro\u00dfes Badezimmer?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Schon eher. Aber Ihr seid sicher viel zu teuer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Kommt drauf an, was f\u00fcr\u00b4n kaltes B\u00fcffet Du hast.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Wie steht ihr zu aktueller Musik? Gibt\u00b4s was, was euch nervt oder fehlt oder irgendwas, was ihr voranbringen wollt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Du meinst, weil wir aus Hamburg kommen, ob wir so am Diskurs &#8211;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Nein, das meine ich, weil ihr Musiker seid.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Naja, aber letztendlich macht man ja Unterhaltungsmusik, das machen alle Leute. Es gibt schlechte Unterhaltungsmusik, und es gibt Musik, die mich zum Beispiel unterhalten kann. Diese Musik unterh\u00e4lt leider die meisten Leute nicht. Aber wir sind hier nicht auf dem Kreuzzug, die Musik zu verbessern oder besser zu sein als andere Leute oder irgendwas voranzubringen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Gibt\u00b4s nichts, was Euch fehlt? Oder was Euch musikalisch zu eng ist?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas:<\/strong>&nbsp;<em>Das w\u00e4re ein extrem hoher Anspruch. Heutzutage gibt es unheimlich viel Musik, da ist es unn\u00f6tig, den Anspruch zu haben, etwas zu finden, was es noch gar nicht gibt, das dann noch zu etablieren und praktisch wie Helmut Kohl in die Geschichte einzugehen, weil man irgendwas zuf\u00e4llig, zur richtigen Zeit an einem Ort oder so &#8211; das find ich Quatsch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Aber das, was wir jetzt mit Fink machen, repr\u00e4sentiert sicherlich schon \u00b4was. Es gibt nichts Vergleichbares, jedenfalls ist mir das nicht bekannt. Es spielt immer die Vorstellung mit, dass uns das, was wir machen, im besten Falle auch noch selbst unterhalten kann, und dann scheint es vorher ja ein Defizit gegeben zu haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dinesh:<\/strong>&nbsp;<em>Ein gro\u00dfes Defizit ist, dass die Plattenindustrie kein breiteres Spektrum f\u00f6rdert. Deswegen gibt es so viele Bands, die Sachen versuchen, aber gar nicht erst auf die Idee kommen, das mit einem professionellen Anspruch zu tun beziehungsweise davon zu leben. Deswegen h\u00f6rt man leider oft nichts von diesen Bands, denn die bringen ihre Platten dann halt selber raus. Das ist ein gro\u00dfer Mangel.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas:<\/strong>&nbsp;So war das ja bei uns auch, im Prinzip.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dinesh:<\/strong>&nbsp;<em>Sicher war das so bei uns auch, insofern tragen wir auch dazu bei, das nicht zu revolutionieren. Oder zumindest voranzutreiben, dass da eine Artenvielfalt nicht total ausstirbt und dass alles so eng bleibt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Bis auf den Ruhrpottler Henning kommt ihr alle aus Hamburg. Aus welchem Teil genau?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Unser Zuhause ist relativ begrenzt: St. Pauli, Altona und die Randgebiete drum rum.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Wie stark seid ihr von der Stadt und der dortigen Musikszene gepr\u00e4gt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Naja, es ist die Stadt, in der man lebt und in der man einkaufen geht. In Hamburg gibts eine ziemlich gro\u00dfe Musikszene. Das beg\u00fcnstigt nat\u00fcrlich das Musikmachen an sich, weil man nicht ein totaler Freak ist, wenn man Musik machen will. Das ist so schon schwer genug. Wenn Du jemandem erz\u00e4hlst, Du bist Musiker, dann fragt der meistens: &#8222;Machst Du auch noch \u00b4was Vern\u00fcnftiges?&#8220; Das ist in einer Stadt mit vielen Musikern sicher einfacher. Au\u00dferdem gibt es eine Infrastruktur: Plattenlabels, \u00dcbungsr\u00e4ume&#8230; Und egal, welche Musik Du in Hamburg machst, Du wirst dort immer wahrgenommen als Jemand: &#8222;Da mu\u00df ja irgendwas sein, weil, die kommen aus Hamburg.&#8220; Egal, was f\u00fcr\u00b4n Schei\u00df Du machst.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas:<\/strong><em>&nbsp;Gleichzeitig find ich das aber auch schwer in Hamburg, weil es einfach un\u00fcbersichtlich ist. Ich hab in verschiedenen Bands gespielt, und wenn man jemanden gesucht hat, war es immer schwierig, einen passenden Part zu finden. Wenn, ist es immer zuf\u00e4llig passiert, ohne dass ich gesucht habe. In dem Moment, wo ich gesucht hab, hab ich nie jemanden gefunden. Der Zufall spielt eine total gro\u00dfe Rolle. Und es gibt in Hamburg tausend Musiker, die ich \u00fcberhaupt nicht kenne. Es gibt halt auch verschiedene Szenen, die keine Ber\u00fchrungspunkte haben. Und das wiederum kann ich mir in einer kleineren Stadt leichter vorstellen, dass man da eine gewisse Familie aufbaut oder dass der Zusammenhalt da leichter herzustellen ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Und es ist so, da\u00df Du in der Szene, von der wir jetzt reden, auch relativ mi\u00dftrauisch begutachtet wirst. Es gibt da schon, wie wahrscheinlich \u00fcberall, eine Art &#8222;Musikerpolizei&#8220;. In Hamburg ist das jetzt nicht mehr so schlimm. Aber vor vor sieben, acht Jahren war es auch eine Frage von Ideologie, Musik in einer bestimmten Szene zu machen. Was darf ich machen, und was darf ich nicht machen? Darf ich \u00fcber Liebe singen, darf ich \u00fcber das-und-das singen? Diese Szene hatte einen sehr hohen Anspruch, war aber eigentlich viel zu unfrei. Und sobald Du da wahrgenommen wirst von einer \u00d6ffentlichkeit, gibt&#8217;s schon Leute, die sich das auch sehr mi\u00dftrauisch angucken.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dinesh:<\/strong>&nbsp;<em>Die Hamburger Schule war im Endeffekt eine neue Art von Spie\u00dfertum, das die Leute brauchten. Jedenfalls streckenweise.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Gutes Stichwort. Zur Hamburger Schule steht Ihr n\u00e4mlich in einem sehr interessanten Bezug. Ihr seid mittlerweile bei L\u00b4age d\u00b4or unter Vertrag, \u00b4dem\u00b4 Hamburger Schule-Label. Ihr habt auf Eurem zweiten Album auch einen Song von Tocotronik gecovert, macht aber selbst keine \u00b4typische\u00b4 Hamburger Schule-Musik. Wie steht Ihr zu dem Thema \u00b4Hamburger Schule\u00b4?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dinesh:<\/strong>&nbsp;<em>Ich hatte damit gar nicht soviel Ber\u00fchrung. Zwar haben wir schon Kontakt zu Leuten (und auch mit manchen mal Abende gemacht), die im weitesten Sinne dazugerechnet werden. Aber wer das genau dazurechnet, wei\u00df keiner. Es gibt einen, der sagt &#8222;Ich hab die Hamburger Schule miterfunden.&#8220; Das ist Bernd Begemann, den find ich sympathisch. Und dann gibt&#8217;s viele andere, auch viele Splittergruppen von Bands, die sich tats\u00e4chlich regelm\u00e4\u00dfig getroffen und debattiert haben, was denn zu tun sei und was nicht. Aber ich glaub, das hat mit uns gar nicht so viel zu tun.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Es gibt da schon Ber\u00fchrungspunkte. Aber das hat sich letztendlich auch wieder aufgel\u00f6st, diese Debattierclubs, soweit ich das beobachten kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dinesh:<\/strong>&nbsp;<em>Es wird schon freundlicher. Und viele, die damals gesagt haben, wir werden niemals bei der Industrie unterschreiben, haben mittlerweile bei der Industrie unterschrieben. Diese Spie\u00dfigkeit hat sich in Wohlgefallen aufgel\u00f6st, weil die auch gesehen haben, es ist nicht schlecht, von Musik zu leben. Nicht, weil man damit Geld verdient, sondern weil man dann einfach diese Musik machen kann und nicht nach f\u00fcnf Jahren aufh\u00f6ren mu\u00df, weil das nicht mehr tragbar ist oder weil man sich nicht mehr drum k\u00fcmmern kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas:<\/strong>&nbsp;<em>Im Grunde spiegelt sich da die gesellschaftliche Entwicklung wieder. Die Globalisierung. Oder die Raumfahrt. Wir starten alle von der gleichen Bodenstation, dann werden wir als Satelliten ausgesetzt in die Umlaufbahn, und da laufen mittlerweile Satelliten von \u00fcberall. Die MIR war nachher auch ein internationales Projekt, es ist irgendwie alles schei\u00dfegal. Dieser musikalische Separatismus, dass die Hamburger Schule eine gewisse Ideologie gefahren hat, das ist einfach \u00fcberholt. So \u00fcberholt wie der Kalte Krieg. Die Leute sind jetzt schon offener oder verschwinden auch von der Bildfl\u00e4che ins Private.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dinesh:<\/strong>&nbsp;<em>Aber prinzipiell mu\u00df man sagen, dass der Begriff &#8222;Hamburger Schule&#8220; von Journalisten gepr\u00e4gt ist und nicht von Musikern!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Nat\u00fcrlich, wir brauchen sowas. Aber hat die sogenannte &#8222;Hamburger Schule&#8220; nicht auch eine neue Qualit\u00e4t in die Musik und vor allem in die Texte gebracht? Hat sie nicht doch etwas auf den Weg gebracht und bewegt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Ja, unbenommen. Die haben Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre nach einem Weg gesucht, in ihrer eigenen Sprache wieder was machen zu k\u00f6nnen, was auch Leute anspricht, also im weitesten Sinne popul\u00e4r sein kann. Die Neue Deutsche Welle hatte sich erledigt, und andere Bands haben halt englisch gesungen. Dagegen haben diese Bands einen Weg gesucht, die eigene Sprache zu benutzen, ohne sich nur in Klischees aufzuhalten, wie es der Schlager tut. Das mu\u00df man ihnen hoch anrechnen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Standet Ihr auch vor der Frage &#8222;Deutsch oder Englisch?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Nee, die haupts\u00e4chliche \u00dcberlegung war eine ganz einfache. Da ich die Texte mache, ist Deutsch die Sprache, mit der ich am besten umgehen kann. Ich hab fr\u00fcher auch englisch getextet, hatte aber das Gef\u00fchl, als Einbeiniger beim Wettrennen mitzumachen, und das geht halt nicht. Dann mach ich lieber mit beiden Beinen mit, und wenn mich einer auslacht, weil ich Letzter werde, dann wei\u00df ich zumindest: Ich bin ausgelacht worden, weil ich Letzter geworden bin und nicht, weil ich auf einem Bein versucht hab, beim Wettrennen mitzumachen. Das ist ganz simpel, aber m\u00f6glicherweise hat es damit zu tun, dass viele Hamburger Bands angefangen haben, deutsch zu singen. Und dass man gesehen hat, aha, da funktioniert irgendwas auf eine Art, und das ist nicht peinlich, nicht klischeebeladen. Deren Problem, das seh ich als Musikh\u00f6rer und Fan, ist ja gewesen, dass sie &#8211; gerade, um nicht Gefahr zu laufen, kitschig zu sein -, extreme Kunsttexte gemacht haben. Kristof Schreuf zum Beispiel (Kolossale Jugend), der ja wirklich nur nach dieser Technik gearbeitet hat, sich W\u00f6rter rauszusuchen und die dann unzusammenh\u00e4ngend, nur nach Sprech-Rhythmus, zusammenzusetzen. Hat Burroughs auch gemacht. Das ist dann sehr artifizell und nicht verst\u00e4ndlich f\u00fcr jemanden, der\u00b4s h\u00f6rt, sondern das mu\u00dfte als Kunst rezipiert werden. Das war eine M\u00f6glichkeit, was zu machen. Aber f\u00fcr Fink ist es eher die, zu sagen, ich mu\u00df mich doch gar nicht in einer Geheimsprache ausdr\u00fccken, sondern kann doch versuchen, mich in einer Sprache auszudr\u00fccken, wie ich sie auch spreche. Und wenn das am Ende peinlich ist, dann sind wir m\u00f6glicherweise peinliche Typen, aber dann kann man nichts dagegen machen. Und es mu\u00df doch gute Texte geben im Deutschen, es gibt ja auch gute B\u00fccher von deutschen Autoren. Oder es gibt auch gute Gedichte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Eure Texte sind sehr eigen, sehr Fink-spezifisch. Welcher Background flie\u00dft da ein? Was lest Ihr zum Beispiel, und vor allem nat\u00fcrlich Nils, der nunmal fast alle Texte schreibt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Ich lese gerade &#8222;Todeskult&#8220; und besch\u00e4ftige mich mit Serienkillern, zum Beispiel mit Jeffrey Dahmer. Es interessiert mich halt, wie Serienkiller psychisch drauf sind. Grunds\u00e4tzlich interessiert mich Literatur, mich interessiert auch Lyrik, aber es gibt wenig Lyrik, die ich wirklich gut finde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Eure Texte sind sehr alltagsbezogen, ganz unspektakul\u00e4r. Da findet sich jeder drin wieder. Kann es das sein?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Naja, was mich am Alltag interessiert, sind Sachen, die nicht sehr offensichtlich sind. Ich wei\u00df nicht, ob es das ist, was die Leute meinen, wenn sie unsere Texte als Alltagslyrik bezeichnen. Aber es ist so, dass zum Beispiel auch die Sachen, die man hier auf dem Tisch sieht, alle ihre eigene kleine Geschichte haben. Da guckt man normalerweise nicht drauf, aber man kann Perspektiven verschieben, und dann k\u00f6nnen Sachen sehr interessant werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Wieso gerade dieser Perspektiven-Rutsch?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Das war eine k\u00fcnstlerische Idee. Auch als Texter versuche ich nat\u00fcrlich, bestimmte Sachen nicht einfach zu wiederholen oder zu sagen &#8222;Ich wei\u00df jetzt, das-und-das kann ich so machen&#8220;, sondern es geht auch darum &#8222;Was kann ich komplett anders machen?&#8220; Ich hab vielleicht eine Geschichte aus dieser Perspektive erz\u00e4hlt &#8211; gelingt es mir auch, eine Geschichte aus einer neuen Perspektive zu erz\u00e4hlen? Das ist dann sozusagen mein Auftrag, den ich mir stelle. Da guck ich dann, ob ich das kann oder ob ich das versuchen will. Das ist wie Spazierengehen: einen Fu\u00df hast Du vorgesetzt, dann stehst Du an der n\u00e4chsten Stelle und nimmst den n\u00e4chsten Fu\u00df<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas:<\/strong>&nbsp;<em>Das ist auch einfach eine Verhaltensfrage, die man vielleicht sogar trainieren kann, wie eben Spazierengehen. Wenn ich mit meinen Eltern fr\u00fcher spazierengegangen bin, dann ist mein Vater vorn weggegangen und hat darauf gehofft, dass der Spaziergang schnell zu Ende ist. Meine Mutter hat sich die Blumen angeguckt, und ich hab irgenwie im Dreck rumgesuhlt. Das waren drei Perspektiven von ein und derselben Handlung. Ich denke, dass Nils sich das bewu\u00dft macht und im Geiste in verschiedene Rollen schl\u00fcpft. Dann erscheinen die Dinge entweder in einem anderen Licht, oder es entstehen \u00fcberhaupt erst ganz neue Dinge. Neue Geschichten, die man drum herum spinnen kann. Es geht eben nicht darum, dass Nils aus seinem realen Leben berichtet, ein Tagebuch verklausuliert oder sich einfach nur darauf beschr\u00e4nkt, davon zu singen, wie gern er eine bestimmte Person mag. Das macht er auch, aber da h\u00f6rt es nicht auf.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Gibt es eine Frage, die Ihr immer mal gern beantworten w\u00fcrdet, die Musikjournalisten aber nie stellen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Wir sind stark an der Frage interessiert &#8222;Kann ich Euch Geld schenken?&#8220; Und an Fragen, auf die man mit &#8222;Ja&#8220; oder &#8222;Nein&#8220; antworten kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dinesh:<\/strong>&nbsp;<em>Uns besch\u00e4ftigt t\u00e4glich, wie das so ist, auf Tour zu sein. Die ganzen Umst\u00e4nde wechseln st\u00e4ndig, aber wenn ich mir dann eine Zeitung durchles, was die anderen Musiker dar\u00fcber reden, dann denk ich: Ach Du Elend! Was soll man da machen, das ist ja immer das gleiche?!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>Unser Ex-Gitarrist Thorsten hat irgendwann das Wort &#8222;Rock-und-Rumsitzen&#8220; gepr\u00e4gt. Du sitzt den ganzen Tag rum und wartest, dass irgendwas geht. Du gehst mehr oder weniger schlaff rum und siehst am Abend noch zwei Stunden gut aus. Man mu\u00df sich ziemlich zusammenrei\u00dfen. Wir gucken uns manchmal noch \u00b4ne Burg an, machen einen kleinen Spaziergang, gehen schwimmen oder sowas. Es gibt so einen Automatismus, der ist sehr angenehm. Man gibt die Verantwortung f\u00fcr\u00b4s wirkliche Leben f\u00fcr \u00b4ne Weile auf. Alles dreht sich um zwei, drei oder auch nur eine Stunde auf der B\u00fchne, den ganzen Tag lang. Ich find das eigentlich ganz angehnem.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Wie sieht Euer Leben au\u00dferhalb der Tour aus? K\u00f6nnt Ihr vom Musikmachen leben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas:<\/strong>&nbsp;<em>Das ist extrem schwer. Wir leben auch nicht allein von Fink, sondern jeder macht noch nebenbei was anderes.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;Ich bin Taschendieb!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas:<\/strong>&nbsp;<em>Das geht allen Musikern so, die in unserer Liga spielen. Das hei\u00dft nicht unbedingt, dass die noch in die Bank gehen oder auf dem Bau arbeiten. Aber dass die vielleicht noch in anderen musikalischen Projekten mitspielen. Wir haben so\u00b4n paar Projekte am Laufen, Theatermusik oder Filmmusik, einen Titel f\u00fcr eine Dokumentation \u00fcber ein j\u00fcdisches K\u00fcnstlerduo um die Jahrhundertwende&#8230; Man kann nicht einfach in einer Band spielen wie Fink und dann glauben, da kann man jetzt die dicke Marie machen. Erstens geht es nicht darum, und zweitens funktioniert das nicht, sondern das funktioniert dann erst<\/em>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nils:<\/strong>&nbsp;<em>N\u00e4chstes Jahr! Bei uns funktioniert das immer erst n\u00e4chstes Jahr. Seit f\u00fcnf Jahren denkt man, n\u00e4chstes Jahr funktionierts.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas:<\/strong>&nbsp;<em>Aber was man nicht machen kann, ist tats\u00e4chlich einen ganz normalen Job irgendwo zu haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong>&nbsp;Habt Ihr denn nur &#8222;kreative&#8220; Nebenjobs oder gibt\u00b4s da auch noch sogenannte &#8222;Brotberufe&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas:<\/strong>&nbsp;<em>Ich hab noch halbwegs einen Brotberuf. Ich arbeite in einer Fernseh-Zeitschrift-Redaktion, bei &#8222;TV H\u00f6ren und Sehen&#8220;. Dinesh macht noch Studiotechnik, l\u00f6tet Verst\u00e4rker zusammen und macht Filmmusik. Nils malt Bilder, die er verkauft. Was Henning macht, wissen wir nicht. Henning h\u00e4lt sich da bedeckt, unergr\u00fcndliche Geldquellen&#8230;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Country oder nicht. Nach drei CDs sind Fink zur beliebtesten deutschen Band im Hinternet-Hauptquartier aufgestiegen. H\u00f6chste Zeit also f\u00fcr ein Interview mit Nils Koppruch und Co. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Polkas, Eselsgebisse und K\u00fcchenkonzerte.<\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1044,12],"tags":[1972,1095,3447,3445,1454,3448],"class_list":["post-14997","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-interview","category-musik","tag-country","tag-deutschsprachig","tag-einfluesse","tag-fink","tag-hamburger-schule","tag-nils-koppruch"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Katja Preissner","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/kp-2\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14997","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/21"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14997"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14997\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}