{"id":15139,"date":"2004-06-07T11:15:30","date_gmt":"2004-06-07T09:15:30","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2004\/06\/laura-waco-drei-uhr-frueh-in-hollywood\/"},"modified":"2022-06-14T22:41:35","modified_gmt":"2022-06-14T20:41:35","slug":"laura-waco-drei-uhr-frueh-in-hollywood","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2004\/06\/laura-waco-drei-uhr-frueh-in-hollywood\/","title":{"rendered":"Laura Waco: Drei Uhr fr\u00fch in Hollywood"},"content":{"rendered":"\n<p>Kann man in Beverly Hills leiden, auf dem Sunset Boulevard, dem palmenges\u00e4umten Paradies der Sch\u00f6nen, Satten und Reichen? Man kann. Wie und woran, zeigt Laura Waco, 1996 bekannt geworden mit ihrer Autobiographie Von Zuhause wird nicht erz\u00e4hlt, f\u00fcr den Spiegel die \u201ebislang ergreifendste deutsch-j\u00fcdische Gegenwartsgeschichte\u201c. Ihr neues Buch Drei Uhr fr\u00fch in Hollywood umfa\u00dft Kurzgeschichten \u00fcber das Leiden in Los Angeles. Es sind einzelne, fast akribisch kalt beobachtete Schicksale, poetisch-lakonisch erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Manche lesen sich kurzweilig, scharfsinnig wie die Episode Rachel oder Rivka auf dem Friedhof am Freeway, andere, wie die Titelgeschichte, ausufernd, schleppend wie eine durchwachte Nacht. Doch der Stil pa\u00dft zur Hauptfigur, einer Anruferin in einer Radioshow, die sich nach einer sinnlosen Wortschlacht um Hitler und den Holocaust durch einen neuen Tag schleppt, der wieder ausgehalten, ertragen werden mu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichten der kalifornischen Autorin sind stets bitter und heiter, klare Momentaufnahmen, schonungslose Skizzen von paranoiden Hausfrauen, armen Verwandten aus \u00dcbersee, alternden Malern, \u00fcbergewichtigen, hypochondrischen Tanten, geprellten Presseopfern und k\u00fchl rechnenden Witwern. Ihr Buch ist eine Sammlung sonniger Geschichten von gebrochenen Menschen. In Vorspiel &#8211; Szene f\u00fcr zwei Personen in einer K\u00fcche Amerikas klagt eine Frau ihrem Mann bei Bier und Backkartoffeln: &#8222;Meine Mutter sagte, ich habe hohle Br\u00fcste, weil sie bereits ein Jahr, nachdem sie zwischen den Leichen in Bergen-Belsen gelegen war, schwanger wurde. Wie konnte ich denn da vollkommen sein?&#8220; \u00dcberall bricht Erinnerung durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Laura Waco, 1947 in Freising geboren, ist als Achtzehnj\u00e4hrige nach Kanada ausgewandert und seit 1968 in Los Angeles mit einem Rechtsanwalt verheiratet. Sie ist die Tochter deutsch-polnischer Juden. Ihre Eltern haben Dachau und Bergen-Belsen \u00fcberlebt. &#8222;Meine Eltern waren die direkten Opfer, und wir waren die indirekten&#8220;, hat sie einmal gesagt. Laura Waco schreibt nicht in Englisch, sondern in Deutsch, &#8222;in einer merkw\u00fcrdigen Distanz und in einer Sprache, die wie stehengeblieben erscheint&#8220;, urteilte Elisabeth Bauschmidt in der S\u00fcddeutschen Zeitung \u00fcber ihr Deb\u00fct 1996, das Regisseur Michael Verhoeven verfilmte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kritiker beeindruckten stets die unaufdringliche, unideologische, verst\u00f6rende Prosa, ihre &#8222;freundlich verpackten Horrorgeschichten \u00fcber die zerst\u00f6rerischen Folgen des Holocaust&#8220;. Nach dem Erstlingserfolg Von Zuhause wird nichts erz\u00e4hlt &#8211; eine j\u00fcdische Geschichte aus Deutschland erschien Good Girl, ein Roman \u00fcber Miriam, eine arme J\u00fcdin aus Europa. Ihre Herkunft ist ihren US-Verwandten peinlich, die aus ihr eine gute Amerikanerin machen wollen. Doch Miriam bemerkt: &#8222;Ohne Geld war der Mensch keinen Cent wert.&#8220; Und: Hinter dem amerikanischen Paradies von Freiheit, Hoffnung und Wohlstand verbargen sich \u00e4hnliche Albtr\u00e4ume wie die ihrer Eltern in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Der einst qu\u00e4lende Hungerschmerz in den Todeslagern der Nationalsozialisten kehrt bei den Kindern der Opfer als E\u00dfst\u00f6rung wieder: &#8222;W\u00e4hrend der Mahlzeiten schnauften sie wie die Bergsteiger, sie bissen in das Fleisch wie in einen Apfel, Saft rann ihnen den Arm hinunter&#8220;, hei\u00dft es in Good Girl. Auch in Drei Uhr fr\u00fch in Hollywood beschreibt Laura Waco eine j\u00fcdische Gesellschaft, die nichts von ihren Defekten wei\u00df, vielleicht ahnt, und sie in diesem Fall, mehr oder weniger geschickt verdr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Tante Ettu etwa, die Krautwickelspezialistin, ist Essen alles &#8211; und nur das \u00fcberm\u00e4\u00dfige Schwitzen und der schmerzende R\u00fccken sind l\u00e4stig. Die chinesischen \u00c4rzte Dr. Wong und Hong sollen ihr helfen, am besten gleich Morphium verschreiben. Ihrer Nichte ist das peinlich, sie liest in den teilnahmslosen Gesichtern der beiden: &#8222;Was war so heldenhaft an ihrer Aufopferung f\u00fcr K\u00fcche und Kinder?&#8220;, an ihrer Geschichte als Schoa\u00fcberlebende? Hatten nicht &#8222;Mama und Papa Wong t\u00e4glich bis Mitternacht mit einer Pistole in der Schublade hinter der Kasse eines Spirituosengesch\u00e4fts gestanden, jahrelang?&#8220; Die Nichte erkennt: &#8222;Nicht nur die Juden beherrschten das Monopol des Leidens. Frag die Chinesen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Weil Laura Waco in der Ferne fremd ist, vermag sie kritischer zu betrachten, was um sie herum geschieht. &#8222;Ich war ein deutscher Import in Amerika. Man nannte mich &#8218;the continental'&#8220;, sagt sie. &#8222;1971 schwor ich Treue zu Amerika und wurde ein (deutscher) US-B\u00fcrger, immer deutsch. Mit Coupons und Kreditkarten wurde ich eine gehorsame amerikanische Ehefrau.&#8220; Vergleiche zog sie immer, ironisch, sezierend, mit gro\u00dfem Abstand &#8211; wie in der Geschichte Die arme Verwandte.<\/p>\n\n\n\n<p>Belle, eine nur einen Meter gro\u00dfe, elegante Greisin aus f\u00fcrstlicher j\u00fcdischer Familie in Brest-Litowsk, aufgewachsen in Seide und Spitze, ist eine Davongekommene, mit Verwandten in den Massengr\u00e4bern und unersch\u00fctterlichem Stolz, da\u00df es das Leben mit ihr gut gemeint hat. Laura Waco hat ein Gesp\u00fcr f\u00fcr das Exemplarische der Schicksale einer traumatisierten Generation, die frei ist, aber nicht entkommen, die der Vergangenheit trotzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Belle verk\u00f6rpert all das. Siebenundneunzig Jahre alt, wei\u00dfe Lederhandschuhe, schwarze Hose, schwarze Bluse, elfenbeinfarbenes Halstuch, an einer Kette baumelnde Gl\u00e4ser, dick wie eine Taucherbrille. &#8222;Ihre Frisur ist ein Vogelnest, toupierte, maulwurfsgraue Zuckerwatte \u00fcber Falten und Spalten und spitzen Winkeln&#8220;, hei\u00dft es. Belle ist ein Frau, die ungefragt Gespr\u00e4che mit J\u00fcngeren f\u00fchrt, Butterst\u00fccke und Zahnstocher mitgehen l\u00e4\u00dft, Kellner besch\u00e4ftigt und sogar mit Jack Lemmon im Museum of TV and Radio spricht &#8211; unverfroren, wie mit einem alten Freund. &#8222;Alle bewundern sie, weil sie nicht tot ist. Eine K\u00e4mpferin mit einer Faust voller Zahnstocher&#8220;, schreibt Laura Waco. &#8222;Man liebt sie, weil sie sich nicht unterkriegen l\u00e4\u00dft.&#8220; Belle spielt die Rolle f\u00fcr sich und die anderen musterhaft. Sie gibt die W\u00fcrde in Person, die Witwe eines ber\u00fchmten Zahnarztes und einer Tochter in Malibu &#8211; ein unbedingt gewolltes Leben im Gleichgewicht.<\/p>\n\n\n\n<p>(Viola Keeve)<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Laura Waco: Drei Uhr fr\u00fch in Hollywood<br \/>Ullstein Verlag, M\u00fcnchen 2004<br \/>gebunden, 135 Seiten<br \/>Preis: \u20ac18,00<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann man in Beverly Hills leiden, auf dem Sunset Boulevard, dem palmenges\u00e4umten Paradies der Sch\u00f6nen, Satten und Reichen? Man kann. Wie und woran, zeigt Laura Waco, 1996 bekannt geworden mit ihrer Autobiographie Von Zuhause wird nicht erz\u00e4hlt, f\u00fcr den Spiegel die \u201ebislang ergreifendste deutsch-j\u00fcdische Gegenwartsgeschichte\u201c. 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