{"id":15234,"date":"2004-09-13T15:18:26","date_gmt":"2004-09-13T15:18:26","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2004\/09\/wolfgang-ludewig-gluecksritter-im-labyrinth-der-leidenschaften\/"},"modified":"2022-06-26T03:12:45","modified_gmt":"2022-06-26T01:12:45","slug":"wolfgang-ludewig-gluecksritter-im-labyrinth-der-leidenschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2004\/09\/wolfgang-ludewig-gluecksritter-im-labyrinth-der-leidenschaften\/","title":{"rendered":"Wolfgang Ludewig: Gl\u00fccksritter im Labyrinth der Leidenschaften"},"content":{"rendered":"\n<p>Saarl\u00e4nder, die Romane schreiben? Das stimmt fast so hoffnungsvoll wie einarmige Zwerge beim Hammerwerfen. Und ein Titel wie &#8222;Gl\u00fccksritter im Labyrinth der Leidenschaften&#8220; animiert geradezu zum Nichtlesen. W\u00e4re aber ein Fehler.<\/p>\n\n\n\n<p>Worum geht es in Wolfgang Ludewigs Roman (den Titel wiederhole ich jetzt nicht mehr)? Birdie und Mollie, zwei Saarbr\u00fccker Langzeitstudenten\/ABMler brechen im Jahre 1991 nach Kreta auf, um dort zu urlauben, d.h. f\u00fcr ein paar Wochen einer s\u00fcdlicheren Variante ihres saarl\u00e4ndischen Lebens zu fr\u00f6nen, dessen Eckpfeiler Suff, Sex und Quatschen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Saarland ist rasch verlassen, und das ist gut so; denn leider ist auch Ludewig von der anscheinend typischen saarl\u00e4ndischen Autorenkrankheit, bei der Beschreibung ihrer Heimat in den dr\u00f6gen Duktus eines Angestellten des Saarbr\u00fccker Fremdenverkehrsvereins zu fallen, heimgesucht worden.<\/p>\n\n\n\n<p><cite>&#8222;\u00dcber die Saarstra\u00dfe gelangte er zum St. Johanner Markt. Der \u201aMarkt&#8216;, wie ihn die Saarbr\u00fccker liebevoll nennen, hatte sich vom ehemals verrufenen Rotlichtbezirk zum Aush\u00e4ngeschild saarl\u00e4ndischer Lebensart entwickelt. Klein-Paris sozusagen.&#8220;<\/cite><br \/>(Nebenbei bemerkt w\u00e4re mir, dem bekennenden Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen-Hasser, lieber, die Nutten st\u00fcnden sich dort noch die Beine in den Bauch. Angenehmer als in Stra\u00dfencaf\u00e9s breitgesetzte Schickimicki-\u00c4rsche ist dieser Anblick allemal.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist aber quantit\u00e9 n\u00e9gligeable, wie der Klein-Pariser sagt, ebenso der Reiseweg via Berlin und Prag. Ja, auch der Aufenthalt auf Kreta ist nichts, was Ludewig und seine Helden zu breitangelegten geografisch-soziologischen Reflexionen inspiriert. Was allein z\u00e4hlt, sind die Dialoge von Birdie und Mollie. Ihretwegen lohnt das Lesen dieses Buches.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie quatschen wirklich \u00fcber Gott, die Welt, Pop und Architektur, denn die solide Halbbildung der beiden Geisteswissenschaftler muss raus wie alles andere, das man nicht richtig verdaut hat. Und hier nun gelingen Ludewig geradezu aparte und durch die Bank wahre Psychogramme einer Spezies Mensch, die es Anfang der Neunziger zuhauf und auch heute noch mehr als genug gibt: den leicht asozialen Besserwisser im eigenen Saft, der bevorzugt alkoholisch ist. H\u00f6ren wir kurz in einen solchen Dialog:<\/p>\n\n\n\n<p><cite>&#8222;Mollie, wenn es gesellschaftliche Ver\u00e4nderung durch Literatur gibt, dann nur, wenn sie massenwirksam ist.&#8220;<\/cite><br \/><cite>&#8222;Quatsch. Literatur ist immer elit\u00e4r. Es ist geradezu notwendig, dass wahre Kunst sich dem Massengeschmack entzieht.&#8220;<\/cite><br \/><cite>&#8222;Elit\u00e4rer Sack!&#8220;<\/cite><br \/><cite>&#8222;Dummschw\u00e4tzer!&#8220;<\/cite><br \/><cite>&#8222;Was ist Hemingway im Vergleich zu T.S. Eliot und Shakespeare und was sind B\u00f6ll und Grass im Vergleich zu Arno Schmidt und Rainer Maria Rilke?&#8220;<\/cite><\/p>\n\n\n\n<p>Wahre Worte. Und wir ahnen schon, wie diese hochintellektuelle Unterhaltung endet. So n\u00e4mlich:<\/p>\n\n\n\n<p><cite>&#8222;F\u00fcr mich ist nur der ein echter K\u00fcnstler, der malen kann.&#8220;<\/cite><br \/><cite>&#8222;Den deutschen Bauer auf dem Felde, du Fascho!&#8220;<\/cite><br \/><cite>&#8222;Ich Fascho? Es langt, Mollie!&#8220;<\/cite><br \/><cite>&#8222;Dein Kunstbegriff ist hochreaktion\u00e4r bis kryptofaschistisch.&#8220;<\/cite><\/p>\n\n\n\n<p>Man wird zugegeben, dass diese Dialog nur begrenzt &#8222;witzig&#8220; sind, und das ist gut so. Denn ihre eigentliche Komik beziehen sie aus ihrer Authentizi\u00e4t, aus der Selbstverst\u00e4ndlichkeit und Ernsthaftigkeit, mit der sie am laufenden Band produziert werden .<\/p>\n\n\n\n<p>Ludewig begeht dabei nicht den Fehler, seine Personen und ihre Erg\u00fcsse als Karikaturen anzulegen. Sie schweben nur ganz knapp \u00fcber der Normalit\u00e4t, was sich auch in ihren kretischen Aktivit\u00e4ten wiederspiegelt. Mollie, Birdie und all die anderen Urlaubsdeutschen sind alternative Spie\u00dfer, die in Diskos abh\u00e4ngen, Frauen resp. M\u00e4nner aufrei\u00dfen, \u00fcber den griechischen Schlendrian fluchen und heimlich den Kondomvorrat ihres Reisepartnerns checken, um \u00fcber dessen sexuelle Erg\u00fcsse auf dem Laufenden zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst gegen Ende des Romans zeigt sich diese Normalit\u00e4t in ihrer ganzen Absurdit\u00e4t, als es Mollie mit Hilfe eines Gespr\u00e4chs \u00fcber den korrekten Konjunktiv gelingt, eine Frau dort hin zu bringen, wo sie nat\u00fcrlicherweise alle landen: ins Bett.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist, wie gesagt, komisch, weil es wahr ist, und nicht wahr, weil es so komisch ist. Ludewig ist ein unterhaltsamer, gut geschriebener Roman gelungen, in dem sich Alltag und Wahnsinn geben, wie sie nun einmal sind: so unzertrennlich wie Birdie und Mollie, so siamesisch verwachsen wie Bildungskultur und Wissensm\u00fcll.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Wolfgang Ludewig:<br \/>Gl\u00fccksritter im Labyrinth der Leidenschaften.<br \/>Conte Verlag, 220 Seiten, \u20ac12,90.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Saarl\u00e4nder, die Romane schreiben? Das stimmt fast so hoffnungsvoll wie einarmige Zwerge beim Hammerwerfen. Und ein Titel wie &#8222;Gl\u00fccksritter im Labyrinth der Leidenschaften&#8220; animiert geradezu zum Nichtlesen. W\u00e4re aber ein Fehler. Worum geht es in Wolfgang Ludewigs Roman (den Titel wiederhole ich jetzt nicht mehr)? 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