{"id":15456,"date":"2011-04-06T09:31:52","date_gmt":"2011-04-06T09:31:52","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/04\/simon-beckett-verwesung\/"},"modified":"2022-06-07T17:21:51","modified_gmt":"2022-06-07T15:21:51","slug":"simon-beckett-verwesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/04\/simon-beckett-verwesung\/","title":{"rendered":"Simon Beckett: Verwesung"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/beckett_verwesung.jpg\" alt=\"beckett_verwesung.jpg\" width=\"217\" height=\"354\"\/> <em>(Jochen K\u00f6nig, VIce Senior Editor-in-Chief &amp; Master of the Breakfasttable der Krimicouch, liest Simon Beckett und nimmt damit den LeserInnen die Arbeit ab. Ein menschenfreundlicher Service von wtd)<\/em><br \/>Simon Beckett ist ein Ph\u00e4nomen. W\u00e4hrend seine fr\u00fchen Romane \u2013 auch von seinen Fans &#8211; eher verhalten aufgenommen werden, werden die Fortsetzungen der Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter sehns\u00fcchtig erwartet. Ein wenig erstaunt der Erfolg schon, denn die Geschichten, die Beckett erz\u00e4hlt, sind nicht besonders originell, bzw. im Falle von \u201eLeichenbl\u00e4sse\u201c ein blo\u00dfes, jammervolles W\u00fchlen in Eingeweiden, das in einer geschmacklosen Wanderung durch Leichenberge endet. Irgendwo dazwischen ein gesichtsloser Psychopath, ausgestattet nat\u00fcrlich mit dem g\u00e4ngigen hervorragenden Intellekt und dem \u00fcberstrapazierten Zufall zun\u00e4chst auf seiner Seite, bevor der Deus Ex Machina sich gegen ihn wendet.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Becketts Personal setzt sich zusammen aus den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen der Kriminalliteratur und \u2013filme der letzten anderthalb Jahrhunderte. Da finden sich starrk\u00f6pfige, bigotte Pfarrer und gem\u00fctliche Dorfpolizisten, ebenso wie \u2013 v\u00f6llig ironiefrei &#8211; hochverd\u00e4chtige G\u00e4rtner; Beerdigungsunternehmer, die bei Roger Corman in die Lehre gegangen sein k\u00f6nnten, und die g\u00e4ngigen Snobs, angesiedelt gerne in Hunters Arbeitsumfeld, damit sie dem r\u00fchrigen Forensiker mit wenig kollegialer Arroganz ihre Herablassung bezeugen k\u00f6nnen. Was ihnen im jeweiligen Buch nicht gut bekommt.<br \/>Und David Hunter selbst: alles andere als ein strahlender Held; steht er doch best\u00e4ndig unter Leidensdruck. Zum einen weil Frau und Tochter Opfer eines t\u00f6dlichen Autounfalls wurden, zum anderen weil ihm in \u201eKalte Asche\u201c selbst \u00fcbel mitgespielt wurde. Was er dem geneigten Leser in \u201eLeichenbl\u00e4sse\u201c wieder und wieder vor Augen h\u00e4lt, bzw. pl\u00e4rrt. Es wird zwar behauptet, er sei ein anerkannter Fachmann auf seinem Gebiet, aber so richtig belegen l\u00e4sst sich dies anhand seiner Abenteuer nicht. Wichtiger ist sowieso, dass Hunter \u00e4u\u00dferst talentiert darin ist, immer dort in der Welt aufzutauchen, wo gerade gar schr\u00f6ckliche Verbrechen ver\u00fcbt werden.<br \/>Sein Autor l\u00e4sst ihn auch gerne mal im Stich, wobei besonders \u201eChemie des Todes\u201c durch nachl\u00e4ssige Recherche unangenehm auff\u00e4llt. Wer mit Diabetikern umspringt wie Beckett w\u00e4hrend des ersten Hunter-Auftritts, der k\u00f6nnte Gefahr laufen, vom Retter zum Sterbehelfer zu mutieren.<br \/>Egal, denn Hunters Haupteigenschaft besteht darin, erst einmal wenig zu begreifen (sein Lieblingssatz, in unterschiedlichen Varianten in jedem Roman zu finden, lautet deshalb auch: \u201eIch hatte das Gef\u00fchl etwas Wichtiges \u00fcbersehen zu haben\u201c), im letzten Drittel des Romans irgendwie auf den b\u00f6sen Drahtzieher zu sto\u00dfen und in t\u00f6dliche Gefahr zu geraten. Er kommt allerdings nicht darin um, obwohl es ihm an Schlagfertigkeit jeder Art mangelt. Aber vielleicht ist genau dies einer der Faktoren seines Erfolgs: David Hunter weckt Mitleid und elterliche Gef\u00fchle. Das hat Beckett raus. Ebenso das Gesp\u00fcr, die Lust am morbiden Zuschauen mit dem altehrw\u00fcrdigen \u201emurder at the vicarage\u201c zu verbinden. CSI-Gepl\u00e4nkel in Feld, Wald, Wiese, Moor. Hunters F\u00e4higkeiten als Forensiker haben kaum Einfluss auf Ermittlungen und Plot. Bei seinem aktuellen Auftritt weniger als je zuvor.<br \/>Was man auch positiv sehen kann: was explizite forensische Finger\u00fcbungen angeht, ist \u201eVerwesung\u201c das bislang zur\u00fcckhaltendste Buch Becketts. Hier gewinnt der heimelige Cozy mit Gothic-Touch, der sich in unheilschwangeren Stimmungsbildern gem\u00fctlich ausmehrt, \u00fcber weite Strecken die Oberhand. Am Anfang darf Hunter zwar helfen, eine skelettierte Leiche auszugraben und ein paar Binsenweisheiten \u00e4u\u00dfern, die prompt vom ehrgeizigen und neidischen Kollegen, dem forensischen Arch\u00e4ologen Leonard Wainwright, als die eigenen zum besten gegeben werden. Worauf der redliche David alles andere als amused ist. Aber das war\u2019s auch schon. Im Prinzip k\u00f6nnte Hunter auch biederer Angeh\u00f6riger der Friseurinnung sein, der zuf\u00e4llig in die Untaten des frauenmordenden Jerome Monk verwickelt wird. Monk, der w\u00e4hrend der R\u00fcckblende zu Beginn des Romans im Gef\u00e4ngnis sitzt, bricht nach acht Jahren Haft aus. Umgehend bringt er die Menschen aus Hunters Umfeld, die an der damaligen Suche nach den Gr\u00e4bern seiner Opfer beteiligt waren, in die Bredouille. Dass sein Herumstreifen durch\u2019s neblige Dartmoor nicht nur f\u00fcr Spannung sorgt (\u201eO schaurig ist&#8217;s \u00fcbers Moor zu gehn\u201c wusste Annette von Droste-H\u00fclshoff schon lange vor \u201eVerwesung\u201c), sondern einige \u00dcberraschungen f\u00fcr fast s\u00e4mtliche Beteiligten bereith\u00e4lt, d\u00fcrfte dem gewieften Simon Beckett-Leser von Beginn an klar sein.<br \/>Beckett hat das sogenannte \u201eWinthropping\u201c f\u00fcr sich und seinen Roman entdeckt. \u201eDas ist eine Technik, die in den 1970er Jahren entwickelt wurde, um Waffenverstecke zu finden. [\u2026] Winthropping ist eine M\u00f6glichkeit, eine Landschaft zu lesen, um die Stellen zu finden, wo man mit gr\u00f6\u00dfter Wahrscheinlichkeit etwas verstecken kann.\u201c Nun denn.<br \/>Flugs wird eine Krimihandlung drum herum gestrickt, w\u00e4hrend der das Personal erst auf lustige Gr\u00e4bersuche geschickt wird, bevor man sich auf eine wilde Hatz durch\u2018s schl\u00fcpfrige Moor mit angeschlossener Minenerkundung begibt. Da stolpert es sich ganz ordentlich und Beulen bleiben nicht aus. Was sowohl die k\u00f6rperliche Beschaffenheit wie die Beziehungen der Protagonisten untereinander angeht.<br \/>Fast muss man Beckett daf\u00fcr bewundern wie wenig ihn Plausibilit\u00e4t und Realit\u00e4tsbezug interessieren. Mehrfach wird darauf hingewiesen was f\u00fcr ein \u00fcbermenschlich starker und perfider Zeitgenosse der monstr\u00f6se Jerome Monk ist. Trotzdem nimmt ihm die unbewaffnete(!) Polizeieskorte, nach Protesten eines windigen Anwalts, die Handschellen(!!) ab, damit der arme Kerl, der Dartmoor wie seine Westen- und Ostentasche kennt, nicht strauchelt(!!!). Wen wundert es, das kurz darauf fideles Polizistenkegeln angesagt ist, w\u00e4hrend sich David Hunter und seine liebliche Kollegin Sophie Keller fast ins H\u00f6schen machen?<br \/>\u00dcberhaupt Jerome Monk. Eine bemitleidenswerte, geburtszangengesch\u00e4digte Mischung aus Baron Frankensteins Gesch\u00f6pf und Quasimodo. M\u00f6glicherweise aber auch, und das w\u00fcrde einiges erkl\u00e4ren, eine Hommage an Ady Berber, jenen chargierenden, augenrollende Ex-Ringer, der in den Edgar Wallace-Verfilmungen gerne die tumbe, schamlos ausgebeutete Hilfskraft teuflischer Geister war.<br \/>Beckett gelingt es tats\u00e4chlich, Sympathie f\u00fcr den missgestalteten Monk zu wecken. Doch bevor es allzu sehr in die Tiefe reicht, geht es weiter im standardisierten Spannungstrott: Nebliges Moor, pl\u00f6tzliche Todesf\u00e4lle, sch\u00f6ne Frauen, aufrechte M\u00e4nner, tragische Gestalten und fiese Verr\u00e4ter. Nur Eddi Arent fehlt. Aber die Abwesenheit eines z\u00fcndenden F\u00fcnkchen Humors ist eh eines der Kennzeichen der Romane Simon Becketts. Es sei denn, man betrachtet die gesamten Konstrukte als ironisches Spiel mit aufgew\u00e4rmten Mustern.<br \/>Aber es spricht beileibe nicht nur Edgar Wallace aus dem Off, ein anderer Geist meldet ebenfalls alte Rechte an: \u201eVerwesung\u201c ist eine modische Variante von Arthur Conan Doyles \u201eDer Hund der Baskervilles\u201c. Der Hund wird zwar durch Jerome Monk ersetzt, und Sherlock Holmes fehlt. Aber Dr. Watson, \u00e4h Hunter, ist da und das nebelverhangene Moor auch. F\u00fcr die Tierfraktion muss ein toter Dachs reichen.<br \/>So wird einiges an Aufwand getrieben, falsche F\u00e4hrten gelegt, kleine R\u00e4tsel gel\u00f6st, ein wenig im Dunkeln getappt, \u00fcber T\u00f6pfern und Beziehungsprobleme geplaudert und gelegentlich balgt man sich herum, damit die Spannung nicht ganz in den Keller geht. Tote gibt es zwar auch zu beklagen, doch dies eher am Rande. Am Ende hat Dr. David Hunter gelernt, dass man sich in Menschen ganz sch\u00f6n t\u00e4uschen kann, ist ein bisschen betr\u00fcbt dar\u00fcber und macht weiter.<br \/>Das ist in etwa so aufregend wie Torfstechen bei tr\u00fcbem Wetter, blo\u00df nicht ganz so anspruchsvoll. Immerhin wei\u00df der geneigte Leser am Ende, dass er sich fixe Referenzpunkte suchen sollte, wenn er in seinem Garten oder Drumherum etwas verstecken m\u00f6chte. Keine verlorenen Eier mehr beim n\u00e4chsten sonnigen Osterfest. Das ist doch sch\u00f6n.<br \/>Weniger sch\u00f6n ist, dass \u201eDie Welt\u201c konstatiert: \u201eSimon Beckett hat auf dem Thron des Krimik\u00f6nigs Platz genommen\u201c. Ich habe zwar keine Ahnung, wo genau sein K\u00f6nigreich zu verorten sein soll, eins wei\u00df ich aber: Leben m\u00f6chte ich dort nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Simon Beckett: Verwesung. <br \/>Wunderlich 2011 448 Seiten. 22,95 \u20ac<br \/>(Calling of the Grave. 2010. Deutsch von Andree Hesse).<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Jochen K\u00f6nig, VIce Senior Editor-in-Chief &amp; Master of the Breakfasttable der Krimicouch, liest Simon Beckett und nimmt damit den LeserInnen die Arbeit ab. Ein menschenfreundlicher Service von wtd)Simon Beckett ist ein Ph\u00e4nomen. W\u00e4hrend seine fr\u00fchen Romane \u2013 auch von seinen Fans &#8211; eher verhalten aufgenommen werden, werden die Fortsetzungen der Reihe um den forensischen Anthropologen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":58,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-15456","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Jochen K\u00f6nig","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/jochen-koenig\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15456","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/58"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15456"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15456\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15456"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15456"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15456"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}