{"id":15509,"date":"2011-03-19T10:27:20","date_gmt":"2011-03-19T10:27:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/03\/ein-genre-faellt-in-sich-zu-sich-zusammen-william-faulkners-die-freistatt\/"},"modified":"2022-06-12T22:47:04","modified_gmt":"2022-06-12T20:47:04","slug":"ein-genre-faellt-in-sich-zu-sich-zusammen-william-faulkners-die-freistatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/03\/ein-genre-faellt-in-sich-zu-sich-zusammen-william-faulkners-die-freistatt\/","title":{"rendered":"Ein Genre f\u00e4llt in sich zu sich zusammen. William Faulkners \u201eDie Freistatt\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/freistatt.jpg\" alt=\"freistatt.jpg\" width=\"177\" height=\"300\"\/><strong>Lexikonwissen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Sanctuary<\/strong> (engl.): Zuflucht, Schutzgebiet, Freist\u00e4tte, Freistatt (gehoben), Altarbereich, Heiligtum, heiliger Ort<br \/><\/em><br \/><em>\u201eSch\u00e4tzen Sie Faulkner im allgemeinen nicht; oder aber nur speziell dieses 1 Buch?\u201c. \u201eAllgemein nich. Und schpeziell schon gleich gar nich.\u201c<\/em> (Arno Schmidt, \u201ePiporakemes!\u201c; mit dem <em>\u201e1 Buch\u201c<\/em> ist der Erz\u00e4hlband \u201eNew Orleans Sketches\u201c gemeint, den Schmidt \u00fcbersetzt hatte)<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>\u201eIm Mai 1929 stellte Faulkner die erste Version des Romans Sanctuary (Die Freistatt) fertig. Das Buch erschien 1931 und behandelt die weibliche Sexualit\u00e4t und den moralischen Verfall. Das Buch, das f\u00fcr damalige Zeiten recht freiz\u00fcgig war und im Pulp-Fiction-Stil verfasst ist, wurde zum Erfolg und machte Faulkner auch im Vereinigten K\u00f6nigreich und in Frankreich bekannt.&#8220;<\/em>(Wikipedia; vergessen Sie <em>\u201edie weibliche Sexualit\u00e4t und den moralischen Verfall\u201c<\/em> und vor allem den <em>\u201ePulp-Fiction-Stil\u201c<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>&#8218;<em>&#8218;To me it is a cheap idea, because it was deliberately conceived to make money. (\u2026) I (\u2026) invented the most horrific tale I could imagine and wrote it in about three weeks and sent it to (Harrison) Smith, who had done &#8218;The Sound and the Fury&#8216; and who wrote me immediately, &#8218;Good God, I can&#8217;t publish this. We&#8217;d both be in jail.&#8216; &#8220; <\/em>(William Faulkner im Vorwort zur Modern-Library-Ausgabe von \u201eSanctuary\u201c 1932)<\/p>\n\n\n\n<p>Hat William Faulkner einen Kriminalroman geschrieben? Achtung, der Mann ist Nobelpreistr\u00e4ger! Andererseits: Der Mann wollte endlich einmal mit dem Schreiben Geld verdienen (das verf\u00fchrt auch weniger talentierte Geister zum Krimipfusch). Und: Er war bei der Verfilmung von Raymond Chandlers \u201eThe big sleep\u201c am Drehbuch beteiligt. Einer Anekdote zufolge verkn\u00e4ulte sich diese Arbeit irgendwann so sehr, dass weder der Regisseur Howard Hawks noch Faulkner selbst wussten, wer nun genau wen ermordet hatte und bei Chandler anriefen, der es auch nicht wusste. Einer anderen Lesart zufolge war es Hauptdarsteller Humphrey Bogart, der nach der Filmpremiere diese Frage stellte. Jedenfalls: Faulkner kennt auch die untersten Schubladen der Branche, ein von den Trivialit\u00e4ten unber\u00fchrter Dichter war er, obwohl menschenscheu, nicht. Aber deswegen gleich ein \u201eKrimiautor\u201c? Wir werden sehen. \u201eDie Freistatt\u201c (\u201eSanctuary\u201c) erschien 1931 und brachte tats\u00e4chlich den erhofften finanziellen Gewinn. Das Buch ist \u201eskandal\u00f6s\u201c, weil es nicht nur Sexualit\u00e4t in einigen ihrer b\u00fcrgerlich tabuisierten Formen thematisiert (Vergewaltigung, Impotenz, \u201eperverse Ersatzbefriedigung\u201c), sondern ein n\u00fcchtern ern\u00fcchterndes Bild vom Leben in den s\u00fcdlichen Staaten der USA zeichnet, in dem sich offener Rassismus, Bigotterie und Verelendung zu einer gesellschaftlichen Schmierage vereinigen. Das erinnert sofort an Joe R. Lansdale, der nun wirklich ein Krimiautor ist und von Faulkner gelernt haben mag, ohne ihn zu imitieren. Noch ein Wort zu Faulkners Nobelpreis. Er bekam ihn \u201ef\u00fcr seine kraftvolle und k\u00fcnstlerisch selbst\u00e4ndige Leistung in Amerikas Romanliteratur\u201c (offizielle Begr\u00fcndung) 1950 verliehen, allerdings r\u00fcckwirkend f\u00fcr 1949, als eine \u201eSperrminorit\u00e4t\u201c in der schwedischen Jury Faulkners Wahl verhindert hatte. Warum, ist nicht bekannt, das Skandalon \u201eDie Freistatt\u201c mag eine Rolle dabei gespielt haben, das bleibt jedoch Spekulation. Der Legende nach musste Faulkner von seiner Frau zur Annahme \u00fcberredet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Morast der Geschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman beginnt mit dem klassischen Konflikt von Kriminalliteratur: Gut und B\u00f6se treffen sich. Horace Benbow, Rechtsanwalt, hat seine Familie verlassen und ist auf dem Weg in seine Heimatstadt, wo er im Haus der verwitweten Schwester unterkommen will. Er unterbricht seine Reise, um an einer Quelle zu trinken, wo ihn der Alkoholschmuggler und Ganove Popeye \u00fcberrascht. <em>\u201eDas war etwa um vier Uhr an einem Nachmittag im Mai. Sie hockten da und sahen einander \u00fcber die Quelle weg an, zwei Stunden lang.\u201c <\/em>Dann nimmt Popeye Benbow mit zu einem versteckt gelegenen, heruntergekommenen Haus, Zentrale der Schnapsbrenner um ihren Chef Goodwin. Ein ganz spezielles V\u00f6lkchen hat sich dort versammelt, Gescheiterte und Zukurzgekommene, darunter eine Frau, ehemalige Prostituierte, mit der Goodwin ein Baby hat, das in einer Kiste liegen muss, um vor den Ratten sicher zu sein. Nach einer durchzechten Nacht kann Benbow das Quartier unbeschadet verlassen und seine Fahrt fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits in dieser Ouvert\u00fcre verwandelt sich das Schema von Gut und B\u00f6se in das von Reich und Arm, Gebildet und Ungebildet. Es ist die Sprache, die beide Seiten trennt. Benbow schwadroniert in seiner Trunkenheit eine Menge Zeug, das die lauschende Frau nicht versteht (<em>\u201eEr ist irre.\u201c<\/em>) und die ebenfalls lauschenden M\u00e4nner zu stummen Zuh\u00f6rern degradiert, denen der Sinn von Benbows Worten verborgen bleibt (der Leserschaft im \u00dcbrigen auch). Im Haus seiner Schwester lernt Benbow deren Verehrer Gowan kennen, einen plumpen, blasierten J\u00fcngling, dessen Trunkenheit die Handlung zu ihrem dramatischen Kern f\u00fchrt. Gowan und die siebzehnj\u00e4hrige Sch\u00fclerin Temple Drake, eine kokette Sch\u00f6nheit aus gutem Hause, steuern Goodwins Heimst\u00e4tte an, um sich mit Schnaps einzudecken, haben eine Autopanne und m\u00fcssen die Nacht wie zuvor Benbow in der \u201eFreistatt\u201c verbringen, womit das Schicksal seinen Lauf nimmt. L\u00fcstern umkreisen die M\u00e4nner die noch jungfr\u00e4uliche Temple, w\u00e4hrend Gowan sturzbetrunken schl\u00e4ft und am Morgen feige Rei\u00dfaus nehmen wird, ohne sich weiter um seine Begleiterin zu k\u00fcmmern. Es kommt, wie es kommen muss. Ein Mann wird erschossen, Temple vergewaltigt, der T\u00e4ter Popeye verschwindet mit dem M\u00e4dchen und bringt es im Bordell der Madame Reba in Memphis unter. Goodwin, der die Mordtat anzeigt, wird als Tatverd\u00e4chtiger verhaftet, Benbow \u00fcbernimmt seine Verteidigung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Morast des Feins\u00e4uberlichen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir f\u00fcr einen Moment davon ausgehen, bei \u201eDie Freistatt\u201c handele es sich um einen Krimi, wie man ihn, getr\u00e4nkt von leserlichen Erwartungen und als gesetzestreuer Genreb\u00fcrger, erwartet, finden sich bis zu diesem Stand der Handlung tats\u00e4chlich alle Ingredienzien und ausgelegten dramaturgischen F\u00e4den. Wir haben Gut und B\u00f6se mitsamt ihrer personifizierten Protagonisten kennengelernt (Benbow \/ Popeye), ein Transfer aus diesem Abstrakten ins gesellschaftlich Konkrete (arm\/reich, ungebildet\/gebildet) hat stattgefunden, wer Opfer und wer T\u00e4ter ist, steht zweifelsfrei fest. Kein Whodunit, doch da unser Held Rechtsanwalt ist, ein f\u00e4lschlich Beschuldigter auf seinen Prozess wartet und die Tatzeugin Temple verschwunden ist, rechnet man mit einem \u201eGerichtskrimi\u201c, dem entsprechende Ermittlungen durch Benbow vorausgehen. Um es vorwegzunehmen: Auch die \u00fcberraschenden Wendungen, Bestandteile jeder Spannungsstrategie, werden nicht fehlen, von den n\u00e4heren Umst\u00e4nden der Vergewaltigung (die uns Faulkner zun\u00e4chst wohlweislich verschwiegen hat) bis zur Aussage des Opfers.<\/p>\n\n\n\n<p>Sukzessive beschreibt Faulker nun, wie sich die Dichotomien ausweiten. Temple etwa hat sich in ihrer verzweifelten Lage vorgestellt, sie k\u00f6nne zum Mann werden und damit der Sch\u00e4ndung \u201eauf nat\u00fcrliche Weise\u201c entgehen, nachdem sie zuvor durch das mantraartige Wiederholen von <em>\u201eMein Vater ist Richter\u201c <\/em>beschworen hatte, nicht an diesen Ort, unter diese Menschen zu geh\u00f6ren . Immer st\u00e4rker tritt auch der Gegensatz von b\u00fcrgerlicher Scheinmoral und redlicher Wahrheitsliebe in den Vordergrund, der von Schwarz und Wei\u00df sowieso, wenn auch nur als allgegenw\u00e4rtiges Randthema. Es ist wie eine Flut, die uns all diese Gegensatzpaare zutreibt, um sie dann im weiteren Handlungsverlauf heillos miteinander zu vermengen. Was nun nicht gegen \u201eKrimi\u201c spricht, h\u00f6chstens f\u00fcr eine seiner avancierteren Formen jenseits des als kurzweiliges Lesefutter produzierten Schematischen. Hier treffen Welten aufeinander und provozieren Konflikte, die aber dadurch, dass die Trennung dieser Welten immer obsoleter wird, nicht gel\u00f6st, sondern versch\u00e4rft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies geschieht auch durch die Sprache selbst, wenn der Jargon der einzelnen Gruppen (Schwarze radebrechen, Heuchler sind bis in die Syntax ordin\u00e4r, Biedere versteigen sich ins moralisch Gestelzte) immer wieder von herrlich schwurbelnden Sentenzen konterkariert wird, von raunenden Bildern und Metaphern, schachtelsatzweise \u00fcberh\u00f6hter Naturbeschreibung, alles h\u00fcbsch auf der Grenze zwischen Kunst und Kitsch, wunderbar ausbalanciert \u00fcber dem Abgrund. Auch hier prallen Welten aufeinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie wechseln die Vorzeichen. Wir erleben, wie aus dem Opfer Temple Drake die T\u00e4terin Temple Drake wird, nicht aus eigenem Verschulden, sondern ob der Situation, in der sie sich befindet und deren Dynamik sie zwangsl\u00e4ufig in eine andere Klasse Mensch katapultiert. Die Frau Goodwins hingegen erhebt sich in all ihrer st\u00f6rrischen Verzweiflung zur Heldin und immer ist das Kind dabei, dieses kr\u00e4nkelnde, gesichtslose Wesen, das \u2013 wie Temple es bei ihrem Besuch in der Freistatt instinktiv wei\u00df \u2013 todgeweiht ist wie alles.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Metamorphosen sind, wie die Initialisierung der dazu notwendigen Kontraste, allgegenw\u00e4rtig. Im Bordell der Madame Reba werden aus den Gutb\u00fcrgerlichen wie kaum anders zu erwarten sexs\u00fcchtige Heuchler, Rassisten vergn\u00fcgen sich mit schwarzen Prostituierten usw. Und auch Benbow verwandelt sich, er wird immer mehr vom anfangs vermuteten Positivhelden zur tragischen Gestalt, seine Souver\u00e4nit\u00e4t ist br\u00fcchig, er verstrickt sich heillos in private Traumata, dessen dominierendes und zugleich banalstes darin besteht, dass er f\u00fcr seine Frau jeden Freitag eine Kiste Garnelen vom Bahnhof abholen und nach Hause schleppen musste, wobei ihm stinkende Br\u00fche aus dem undichten P\u00e4ckchen auf die Hose tropfte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Heilige Orte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt ist, auf den Punkt gebracht, ein einziges Chaos. Was man braucht, sind Fluchtpunkte, Fluchtburgen, jene titelgebende \u201eFreistatt\u201c eben. Diese zu lokalisieren, f\u00e4llt indes schwer, denn es gibt wenigstens drei davon, wahrscheinlich sogar f\u00fcnf. Goodwins H\u00fctte nat\u00fcrlich, wo sich das Leben der Ausgesto\u00dfenen in einem zwar labilen, aber ausreichenden gesellschaftlichen Gleichgewicht h\u00e4lt. Dann Benbows Elternhaus, in das er schlie\u00dflich umzieht, ein Platz der Kindheitserinnerungen, der rein bleiben muss, wie es Benbows Schwester verlangt, als ihr Bruder die Frau Goodwins bei sich aufnehmen m\u00f6chte. Auch Madame Rebas Bordell ist \u201eein heiliger Ort\u201c, eine Kirche der erlaubten S\u00fcnden. Man k\u00f6nnte sogar Temple Drakes Schule dazunehmen, nach deren problemloser Gleichf\u00f6rmigkeit sie sich zur\u00fccksehnt, und das Gef\u00e4ngnis, in das Goodwin ohne zu klagen wechselt, als seine urspr\u00fcngliche Fluchtburg nicht mehr zu einer solchen taugt. In diesem Gef\u00e4ngnis sitzt auch ein wegen des Mordes an seiner Frau zum Tode verurteilter Neger. Jeden Abend beginnt er, seine Spirituals zu singen, andere Schwarze versammeln sich unter seinem Fenster und stimmen in den Gesang ein. Das ist eine der st\u00e4rksten Szenen des Buches, sie ist gespenstisch und beruhigend zugleich, das Gef\u00e4ngnis als ein idealer Ort f\u00fcr die gesellschaftlich Geknebelten, der Kerker als Metapher f\u00fcr die weltvergessene Harmonie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat, nebenbei, eine Menge mit \u201eKrimi\u201c zu tun, dessen heilige Orte bisweilen heilige Handlungen sind, Ma\u00dfnahmen zur Wiederherstellung von Recht, Ordnung und \u00dcbersichtlichkeit in einer ma\u00dfstabslos gewordenen, von Verbrechen regierten Welt. Ob man so weit gehen sollte, die Lekt\u00fcre von Kriminalromanen als eine solche heiligende, weil auch reinigende Handlung zu bezeichnen (und damit den Krimi als quasi heiligen Ort zu lokalisieren), sei jedem als ein mehr oder weniger n\u00fctzliches Gedankenspiel selbst \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Ende ist der Anfang<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Finale von \u201eDie Freistatt\u201c ist so dezidiert \u201eAnti-Krimi\u201c, dass man entz\u00fcckt \u201eKriminalliteratur!\u201c ausrufen m\u00f6chte. Alles was Faulkner in seiner Komplexit\u00e4t dargestellt und bis zu seiner nat\u00fcrlichen Unkenntlichkeit entwickelt hat, wird hier durch die brutale Banalit\u00e4t des Lebens selbst in seine beruhigenden Bahnen zur\u00fcckgelenkt und somit erst zum wahren Grauen. Ein paar dreiste L\u00fcgen, der gro\u00dfe Verallgemeinerer vox populi, die Resignation, das Sichf\u00fcgen, das zu Benbows R\u00fcckkehr zu Frau und Stieftochter f\u00fchrt: Und schon ist alles wie zuvor und nicht mehr so, wie es einmal war. Bis auf das Kind. Dieses zum Tode verurteilte Gesch\u00f6pf ohne Namen, ohne Geschlecht. In einer der letzten Szenen des Buches erfahren wir etwas \u00fcber die Lebensgeschichte des \u201eB\u00f6sewichts\u201c Popeye und das ist nicht das \u00fcbliche \u201eVerbrecher sind auch Menschen\u201c-Pl\u00e4doyer, es geht weit, weit dar\u00fcber hinaus und h\u00e4lt den Teufelskreis, den Faulkner beschreibt, am Leben. Es ist kein Erz\u00e4hlzufall, dass man Popeye in jungen Jahren kein langes Leben voraussagte (analog zu Temple Drakes Prophezeiung angesichts des Kindes in der H\u00fctte). Ein verkorkst geborenes, verkorkst aufgewachsenes Etwas von Mensch, nicht einmal wirklich \u201eMann\u201c, weil sexuell unf\u00e4hig und zum Zuschauen und widernat\u00fcrlichen Geschlechtsakten verdammt, und da gibt es nun ein Kind, dem das gleiche Schicksal droht, es ist ihm in die schmutzige Wiege gelegt, es kann ihm nicht entrinnen, Teufelskreis eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann mir nicht helfen, aber jetzt im Nachgang der Geschichte fallen mir Derek Raymonds assoziative Definitionen von \u201eNoir\u201c ein, wie sie in \u201eDie verdeckten Dateien\u201c nachzulesen sind. Diese Vermengung von Biografie und Literatur\u00e4sthetik (denn Raymond definiert hier wohlgemerkt nicht das kriminalliterarische \u201eSubgenre Noir\u201c) mit dem Zielpunkt der schieren Aussichtslosigkeit, ein desastr\u00f6ses Dasein qua Geburt. Faulkners Text kommt mir vor wie eine zus\u00e4tzliche und kraftvolle Bebilderung dieser Apokalypse.<\/p>\n\n\n\n<p>Und weil ich so sch\u00f6n am Assoziieren bin und in meiner Freistatt doch die aktuelle Welt Stunde um Stunde als Gast begr\u00fc\u00dfen muss: Der Text beschreibt auch den Mechanismus auswegloser Situationen, in denen das tr\u00f6stliche Heil der dichotomischen Ordnung (beherrschbar \/ au\u00dfer Kontrolle) zum Unheil wird, alles unbeherrschbar wie ein in der Kernschmelze befindlicher Atomreaktor, den man aus der Luft mit Spr\u00fchwasser duscht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Krimi, kein Krimi, ist das wichtig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gedankenspiel: Bef\u00e4nde sich \u201eDie Freistatt\u201c im Kanon der klassischen Kriminalliteratur, wenn ihr Autor nicht den Nobelpreis gewonnen h\u00e4tte? Eine zweite Variante: Fiele Joe R. Lansdale aus diesem Kanon, wenn er den Nobelpreis zuerkannt bek\u00e4me? Statt einer Antwort die kleine Anekdote, die zu dieser kleinen Untersuchung des Faulkner-Textes Anlass gab. Auf Facebook legte mir der Verleger des unver\u00e4chtlichen Pulpmaster-Verlags, Frank Nowatzki \u201eDie Freistatt\u201c ans Herz, die ihm wiederum sein Autor Jim Nisbet ans Herz gelegt hat. Jim Nisbet hat mit \u201eDunkler Gef\u00e4hrte\u201c einen feinen Kriminalroman verfasst, an dem wir die ganze Diskussion um Krimi oder Nichtkrimi genauso durchexerzieren k\u00f6nnten wie bei Chester Himes, Derek Raymond oder eben William Faulkner. Neben der leidigen U- und E-Literatur-Geschichte und dem noch leidigeren Schemadenken w\u00e4re bei dieser Diskussion vor allem der Leser mit seinen Erwartungen ins Visier zu nehmen, mit seinen Erwartungen, die eine Les-Art vorgeben, f\u00fcr die der Autor eines Buches \u201enichts kann\u201c. Die momentan irrwitzigste Form dieser Les-Art gipfelt in dem Lob, ein sogenannter \u201eRegionalkrimi\u201c erspare den Kauf eines Reisef\u00fchrers. Das ist etwa so, als w\u00fcrde ich \u201eDie Blechtrommel\u201c von G\u00fcnter Grass nur lesen, weil mich Kleinw\u00fcchsigkeit interessiert, die \u201eAntigone\u201c als Dokument antiker Bestattungsriten oder Begr\u00e4bnisordnungen zu Rate ziehen und Nabokovs \u201eLolita\u201c bildungsbereiten P\u00e4derasten als Pflichtlekt\u00fcre ans Herz legen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich greifen die einzelnen Parameter bei der Beantwortung der Frage, was Krimi sei und was nicht, erbarmungslos ineinander. Auch hier verb\u00fcnden sich der verquere Ordnungssinn und das individuelle intellektuelle Chaos, um die Vermarktungsmaschinerie anzutreiben, die ihre Etiketten braucht, um so etwas Komplexes wie \u201eein Buch\u201c zu verkaufen. Und ebenso nat\u00fcrlich kann man diesem Prozess nicht entkommen, ist jede vern\u00fcnftige Rezension zugleich auch ein Definitionsansatz \u201eWas ist Krimi?\u201c, der jedoch im besten Fall die Frage nicht beantwortet, sondern ihren Gegenstand noch mehr aus dem Fadenkreuz bef\u00f6rdert und eine neue Justierung der argumentativen Waffen notwendig macht. Und das hoffentlich bis in alle Ewigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der franz\u00f6sische Schriftsteller Andr\u00e9 Malraux (der Mann war mal, f\u00e4llt mir gerade ein, auch Staatsminister f\u00fcr kulturelle Angelegenheiten) beginnt sein Vorwort zu \u201eDie Freistatt\u201c mit den Worten:<em> \u201eFaulkner wei\u00df genau, da\u00df es Detektive eigentlich gar nicht gibt; er wei\u00df, da\u00df die Polizei nicht auf Psychologie und Scharfsinn angewiesen ist, sondern auf Denunziation (&#8230;)\u201c<\/em> und beendet es mit der Behauptung: <em>\u201eDie Freistatt \u2013 das ist der Einbruch der griechischen Trag\u00f6die in den Kriminalroman.\u201c<\/em> Das ist alles richtig, wenn wir das Hauptcharakteristikum der griechischen Trag\u00f6die in der Ausweglosigkeit auf Grund der Verh\u00e4ltnisse und der Macht des Schicksals erkennen, \u201enoir by nature\u201c sozusagen, und wenn wir, worauf Malrauxs erste Feststellung verweist, Faulkners Roman nicht einmal im Traum jener Sorte Krimi zuschlagen, in der Ratio und deduktive Logik heilige Handlungen vollbringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das bringt uns weder dazu, jedwedes R\u00e4tsell\u00f6sen als niedere Kunst zu diskreditieren noch gar die Geschichte von Kriminalliteratur an den Anfang von Literatur \u00fcberhaupt zu setzen und fortan Sophokles und seine Kollegen als Genrevertreter zu ehren. Das was wir \u201eKrimi\u201c nennen, ist ein standardisierte und legitime Form, mit den Extremen, den Dichotomien zu hantieren, sie kann, muss aber nicht in die Sph\u00e4ren vordringen, wo Nichtgenreliteratur, wenn sie den Namen Literatur verdient sich immer aufh\u00e4lt, jenseits der Kategorien n\u00e4mlich. Faulkners Roman h\u00e4lt sich hier auf, er arbeitet mit den Techniken von Spannungsliteratur, benutzt deren dramaturgisches Handwerkszeug, arbeitet MIT Krimikonventionen GEGEN Krimikonventionen und wird dadurch \u201eklassisch\u201c im Sinne einer Auffassung von Literatur, die das Verbrechen nicht nur als einen Versto\u00df gegen Regelwerke begreift, sondern als Conditio-sine-qua-non der Existenz. Oder auf Deutsch: Wer lebt, ist Opfer von Verbrechen und T\u00e4ter zugleich. Das Verbrechen als Lebensbedingung des Menschen oder franz\u00f6sisch: \u201eLa condition humaine\u201c, was nun, wie sch\u00f6n und nicht zuf\u00e4llig, der Titel des bekanntesten Werkes von \u2013 Andr\u00e9 Malraux ist. Aber das w\u00e4re eine andere Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Textgrundlage: <br \/>William Faulkner: Die Freistatt. <br \/>Deutsch von Hans Wollschl\u00e4ger, mit einem Vorwort von Andr\u00e9 Malraux. <br \/>S\u00fcddeutsche Zeitung Bibliothek (= Band 25). 271 Seiten. 4,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lexikonwissen Sanctuary (engl.): Zuflucht, Schutzgebiet, Freist\u00e4tte, Freistatt (gehoben), Altarbereich, Heiligtum, heiliger Ort\u201eSch\u00e4tzen Sie Faulkner im allgemeinen nicht; oder aber nur speziell dieses 1 Buch?\u201c. \u201eAllgemein nich. 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