{"id":15532,"date":"2011-03-17T09:39:59","date_gmt":"2011-03-17T09:39:59","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/03\/hier-auch-noch\/"},"modified":"2022-06-13T01:22:06","modified_gmt":"2022-06-12T23:22:06","slug":"hier-auch-noch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/03\/hier-auch-noch\/","title":{"rendered":"Hier auch noch"},"content":{"rendered":"\n<p>Den folgenden Text kann man auch \u2192<a href=\"http:\/\/pixitybuch.wordpress.com\/\">hier<\/a> lesen, aber das ist nat\u00fcrlich Werbeumfeld und deshalb geh\u00f6rt er auch auf wtd, wo ja nicht geworben wird, das hei\u00dft anders geworben. Man kann sich auch das Werbeumfeld einmal anschauen, ist ja nix Schlimmes. Ein Autor wirbt f\u00fcr sein Buch, andere werben f\u00fcr Atomkraft, Windm\u00fchlenfl\u00fcgel begegnen diesen wie jenem, ach, so ist das nun einmal.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Wie \u201ePixity\u201c entstand<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich mag das Internet. Schlie\u00dflich kenne ich mich ganz gut aus und verdiene ab und zu ein bisschen Geld mit netztauglichen Multimedia-Anwendungen. Sogar einen Chat habe ich schon programmiert, er geh\u00f6rte zu einem \u201eLerntagebuch\u201c und funktionierte wie das meiste hinter den Kulissen dieser Wunderwelt \u00fcber das F\u00fcttern und Auslesen von Datenbanken. Selbst in Chats war ich nie, den eigenen zu Testzwecken einmal ausgenommen, wo man misstrauischen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern ein \u201eHallo, ich hab das hier gemacht\u201c hinwirft und selbstverst\u00e4ndlich keine Antwort bekommt. Aber mal ehrlich, was soll einer \u00fcber 50 auch in Chats? Einsame Damen suchen? Sich mit Gleichgesinnten \u00fcber Fu\u00dfball, Autos oder, meistens wohl, Sex unterhalten? Tausendfach die Frage \u201eWas machst du gerade?\u201c mit \u201eChatten\u201c beantworten? Nein, brauchte ich nicht.<br \/>Dann schrieb ich an einem Krimi. Eine Gruppe von Kindern r\u00e4cht sich an Erwachsenen f\u00fcr alles, was sie Kindern und der Welt \u00fcberhaupt antun, sie fackeln Billigklamottenl\u00e4den ab, verpfeifen einen H\u00fchnerfarmer, der seine Tiere mit Antibiotika aufp\u00e4ppelt, und weil es mir gerade so einfiel, erfand ich ein M\u00e4dchen, das seinem Vater eins auswischen will, weil es ihn dabei erwischt hat, wie er sich als 15j\u00e4hrige Susi in einem Chat Teenagern n\u00e4herte. So etwas gibt es, das wusste ich schon. Im Internet gibt es alles, Gesch\u00e4ftsmacher, Psychopathen, Idioten und Idealisten, gute Informationen und schlechte Informationen, alles eben, auch Fakes, Menschen, die sich mit falscher Identit\u00e4t in die \u201esozialen Netzwerke\u201c begeben. Das ist leicht, viel leichter, als sich vor eine Schule zu stellen, um junge M\u00e4dchen oder Jungs anzusprechen und ihnen einreden zu wollen, man sei eigentlich ein M\u00e4dchen, knapp 15 und interessiere sich f\u00fcr Selbstbefriedigung. Funktioniert im wirklichen Leben selten, im Internet schon.<br \/>Aber wie es nun einmal so ist, man m\u00f6chte nichts einfach so dahinschreiben, von dem man zwar gelegentlich geh\u00f6rt, das man aber selbst noch nicht erlebt hat. Sollte ich zudem ein wenig freie Zeit gehabt haben? Kaum vorzustellen, aber war wohl so. Ich suchte mir einen Chat, meldete mich als f\u00fcnfzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen an und wartete. Nichts weiter. Nach knappen zehn Minuten war ich um einige Erfahrungen und insgesamt etwa ein Dutzend d\u00e4mlicher Anmachen reicher. Es war ein \u201egemischter Chat\u201c, Alt und Jung kreuz und quer, Vierzigj\u00e4hrige nannten mich \u201eS\u00fc\u00dfe\u201c und fragten, ob ich einen Freund h\u00e4tte, f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige Jungs wollten \u201emit mir gehen\u201c, vierzehnj\u00e4hrige M\u00e4dchen brauchten eine Leidensgenossin, der sie ihren Liebeskummer vorheulen konnten. Das alles war ok und h\u00f6chstens in Ma\u00dfen d\u00e4mlich, doch dann kam Elvira. Sie war, laut Profil, 16 und wohnte in M\u00fcnchen, sie schrieb mir, fragte gleich \u201eWas hast du gerade an?\u201c und verk\u00fcndete: \u201eIch mach mirs grad mit dem Dildo meiner Mutter.\u201c<br \/>Das also war mein erster Fake. Ein \u2013 anzunehmen \u2013 Mann, der sich im Internet mit der Fotografie einer aufreizend in die Kamera l\u00e4chelnden Sechszehnj\u00e4hrigen versorgt hatte und nun munter an seiner Legende strickte: lesbisch, ohne Tabus, ein offenes Ohr f\u00fcr alle sexuellen Probleme von Gleichaltrigen. Ich lernte auch gleich den ersten Begriff des Chatvokabulars kennen: CS. Die Abk\u00fcrzung f\u00fcr \u201eCybersex\u201c oder \u201eComputersex\u201c, analog zu TS = Telefonsex. Den, CS, wollte Elvira mit mir machen, sie fragte auch, ob ich ICQ h\u00e4tte und vielleicht eine Cam, ihre w\u00e4re leider kaputt.<br \/>Gut, ich wusste nun, dass es tats\u00e4chlich diese Fakes gab, M\u00e4nner, die sich als kleine M\u00e4dchen ausgeben, um sich an andere kleine M\u00e4dchen heranzupirschen, auch M\u00e4nner als kleine Jungs oder reife Frauen, die ihrerseits kleine Jungs&#8230; alle Spielarten von dem eben, was man nicht mehr Erotik nennen mag, aber auch nicht Perversion nennen m\u00f6chte. Ich wusste es \u2013 und damit hat es sich.<br \/>Aber so ist das nun einmal mit Krimiautoren: Wenn sie einen guten Stoff zu erkennen glauben, heben sie ihn auf. Genau das tat ich. Ich wurde Stammgast in Chats, benutzte verschiedene \u201eNicks\u201c (Phantasienamen, mit denen man sich anmeldet) und alle waren Fakes. Von Anfang an gab ich mir Prinzipien, setzte mir Grenzen, die ich nicht \u00fcberschreiten durfte. Erstens: Nicht selbst aktiv werden und jemanden ansprechen. Zweitens: Nicht von mir aus auf das Thema Sex kommen. Drittens: Keine Bilder von jungen M\u00e4dchen stehlen und als die meinen ausgeben. Viertens: Sich auf Fakes konzentrieren.<br \/>Was mir bei diesem Eintauchen in die Welt der Chats widerfuhr, davon handelt \u201ePixity\u201c. Es war lustig und tragisch, r\u00fchrend und widerw\u00e4rtig, sehr oft langweilig und manchmal schockierend. Ich bin \u2013 hoffentlich \u2013 kein Moralapostel, der in der Netzkultur die kommende Apokalypse wittert, ich verlange nicht \u201emehr Kontrolle\u201c, \u201ePixity\u201c ist auch kein Sachbuch, sondern ein Roman. Was mich interessiert hat, war etwas ganz anderes, der Zusammenhang n\u00e4mlich zwischen den Welten, der realen und der fiktiven, die Frage auch, ob in den Chats vielleicht nur das bis zum Exzess ausgereizt wird, was im wirklichen Leben l\u00e4ngst Alltag geworden ist: das sich Verbergen hinter fremden Identit\u00e4ten und Masken, das geheime Wunschdenken, aber auch die M\u00f6glichkeiten, mit anderen Menschen Gedanken auszutauschen, die man sonst niemanden erz\u00e4hlen kann.<br \/>Nein, ich bin kein Moralapostel, aber es w\u00e4re blau\u00e4ugig, das Thema lediglich als Beobachter zu verarbeiten, das Ganze quasi akademisch-folgenlos zu schildern. Denn vergessen wir nicht, was hier geschieht: Menschen, junge Menschen werden manipuliert, sie werden gnadenlos angelogen und zu Handlungen aufgefordert, die sie besser unterlie\u00dfen. Das Objekt der Begierde der meisten Fakes ist das \u201eNacktpic\u201c. Er selbst hat sich via Internet mit entsprechendem Material versorgt und m\u00f6chte dieses nun \u201etauschen\u201c. \u00dcber private Chatprogramme wie ICQ oder MSN ist dies problemlos m\u00f6glich, man kann dort auch vor der Kamera posieren, wobei die Kameras an den Laptops der Fakes nat\u00fcrlich notorisch \u201edefekt\u201c sind, sorry, oder die b\u00f6sen \u201eEllis\u201c dem \u201eM\u00e4dchen\u201c keine Kameras gestatten.<br \/>Es gibt in \u201ePixity\u201c eine zentrale Szene, den S\u00fcndenfall, k\u00f6nnte man sagen, in der diese \u201eNacktpics\u201c ein Kind in eine verzweifelte Situation bringen. Dieser Fall ist insofern authentisch, weil es mir selbst m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, eine solche Situation heraufzubeschw\u00f6ren und meinen \u201eNutzen\u201c daraus zu ziehen. Ich h\u00e4tte nur ein, zwei Schritte weitergehen m\u00fcssen, es w\u00e4re alles so schrecklich einfach gewesen. Nat\u00fcrlich habe ich das nicht getan, doch wenn ich daran denke, dass es andere getan haben (und ich gehe davon aus), l\u00e4uft mir heute noch ein Schauer \u00fcber den R\u00fccken. Meine Recherchen in den Chats sind l\u00e4ngst beendet, ich habe niemandem Schaden zugef\u00fcgt, ich habe erlebt, wie anderen Schaden zugef\u00fcgt wurde, in einigen F\u00e4llen konnte ich warnend eingreifen, beileibe nicht in allen. Ich mag das Internet immer noch (nein, ich liebe es nicht, das w\u00e4re l\u00e4cherlich), ich halte das Internet f\u00fcr eine historische Chance, der es allerdings wie allen anderen historischen Chancen ergehen kann: Man kann sie furchtbar versemmeln und ins Gegenteil kehren. Davon handelt \u201ePixity\u201c. Ein Kriminalroman aus der virtuellen Welt, die unsere wirkliche ist. Oder andersrum.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den folgenden Text kann man auch \u2192hier lesen, aber das ist nat\u00fcrlich Werbeumfeld und deshalb geh\u00f6rt er auch auf wtd, wo ja nicht geworben wird, das hei\u00dft anders geworben. Man kann sich auch das Werbeumfeld einmal anschauen, ist ja nix Schlimmes. Ein Autor wirbt f\u00fcr sein Buch, andere werben f\u00fcr Atomkraft, Windm\u00fchlenfl\u00fcgel begegnen diesen wie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-15532","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15532","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15532"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15532\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15532"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15532"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15532"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}