{"id":15602,"date":"2011-05-02T10:13:49","date_gmt":"2011-05-02T10:13:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/die-moerder-sitzen-anderswo-sjoewall-wahloeoe-die-taeter-und-das-politische\/"},"modified":"2022-06-09T22:55:06","modified_gmt":"2022-06-09T20:55:06","slug":"die-moerder-sitzen-anderswo-sjoewall-wahloeoe-die-taeter-und-das-politische","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/die-moerder-sitzen-anderswo-sjoewall-wahloeoe-die-taeter-und-das-politische\/","title":{"rendered":"Die M\u00f6rder sitzen anderswo. Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6, die T\u00e4ter und das Politische"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Wer vom \u201epolitischen Krimi\u201c spricht, denkt an Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6. Tats\u00e4chlich waren sie in den 60er und 70er Jahren eine Offenbarung, ein Augen\u00f6ffner gleich in mehrfacher Hinsicht. Vor allem jedoch irritierten sie uns, weil eine liebgewordene und oft beschworene Wahrheit infrage gestellt wurde. Sozialkritische Krimis aus Schweden? Das waren die Eulen nach Athen, die K\u00fchlschr\u00e4nke an den Nordpol, so etwas konnte es nicht geben. Hatte man uns doch lang und breit das schwedische Modell des \u201eVolksheims\u201c als die menschenw\u00fcrdigste aller Lebensformen gepriesen, das Endziel jeglicher Sozialdemokratie \u2013 und dann das. Wir lasen von faschistoiden Tendenzen bei der Polizei, von sozialer F\u00fcrsorge, die zum Terrorismus mutierte, von Rentnern, die Hundefutter essen mussten, von einem Eingriff in privateste Rechte, die selbst in modernen Hartz-IV-Zeiten ungewohnt sind.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wie uns Sj\u00f6wall und Wahl\u00f6\u00f6 dies vermittelten, war brachial, kam nicht auf die feine literarische Tour daher, bei der das Wesentliche notorisch \u201ezwischen den Zeilen\u201c zu stehen hat, als sei dort jemals etwas anderes zu finden gewesen als das wei\u00dfe Nichts. Hier stand nichts im Ungef\u00e4hren, es wurde beim Namen genannt und besa\u00df jene Kraft der Agitation, die in der Literatur eher als negatives Element betrachtet wird. Dass die zehn Romane um Kommissar Beck und sein Team dennoch weit mehr sind als politische Meinungsmache offen mit sozialistischen Ideen sympathisierender Autoren, hat mehrere Gr\u00fcnde. Neben dem aufkl\u00e4rerischen Potential sind es besonders die Beschreibung der Teamarbeit und die Entwicklung der durchg\u00e4ngigen Hauptcharaktere, die zugleich die Entwicklung des Staates, der Gesellschaft und ihrer Institutionen widerspiegelt. Wir begegnen hier also dem bereits bei J.D.H. Temme beschriebenen Ph\u00e4nomen der Reflexion abstrakter Politik in der Biografie des Individuums. Die Entwicklung ist jedoch auch k\u00fcnstlerischer Natur. Die Romane werden vielschichtiger, die Plots ausgefeilter, der Humor erreicht den Zynismus, der als eine Mischung aus Mitleid, Resignation und Wut daherkommt. Einem eher untersch\u00e4tzten Punkt wollen wir nun etwas genauer auf den Grund gehen: den T\u00e4tern in den Beck-Romanen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4mlich unterscheiden sich vom g\u00e4ngigen Typus der B\u00f6sewichte. Sie sind in Alltag eher unauff\u00e4llig und freundlich, in den Segnungen des schwedischen Volksheims vereinsamt und verarmt, von der unerbittlichen B\u00fcrokratie aussichtslos in die Zange genommen, durch \u201edie Verh\u00e4ltnisse\u201c geradezu zur Tat gedr\u00e4ngt. Zwei der M\u00f6rder aus fr\u00fcheren Romanen tauchen zudem in \u201eDer Polizistenm\u00f6rder\u201c nach Verb\u00fc\u00dfung ihrer Strafe wieder auf. Wirkliche B\u00f6sewichte, die aus niederen Motive morden, gibt es kaum, am ehesten noch in \u201eAlarm in Sk\u00f6ldgatan\u201c und \u201eEndstation f\u00fcr Neun\u201c. Selbst der Kindesm\u00f6rder in \u201eDer Mann auf dem Balkon\u201c, ein sich selbst \u00fcberlassener, notd\u00fcrftig alimentierter Fr\u00fchrentner, ist bar allen Bestialischen, und \u201eDas Ekel von S\u00e4ffle\u201c ein Zwangscharakter in einer Welt aus Zw\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Charakterisierung der T\u00e4ter, die Frage nach ihren Motiven st\u00fcrzt eine der \u00e4ltesten Gewissheiten des Genres von ihrem Sockel. Wenn hier \u201edas Recht\u201c triumphiert (und vordergr\u00fcndig tut es das meistens), enth\u00fcllt es automatisch seine Niederlage, zeigt, dass es nur f\u00fcr die Letzten und Schw\u00e4chsten in der Kette der Verbrechen zust\u00e4ndig ist, nicht aber f\u00fcr das Milieu selbst, aus dem heraus Verbrechen entstehen. Bei Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 hat die Tat des Einzelnen keinen prim\u00e4r genetisch vorgegebenen Ausl\u00f6ser, sie ist eine soziopolitische Konsequenz. Man mordet, weil man gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr hat \u2013 und das erinnert nicht zuf\u00e4llig an Raymond Chandlers ber\u00fchmtes Zitat zum Werk seines Kollegen Hammett: \u201eHammett gab den Mord den Leuten zur\u00fcck, die Grund haben zu morden, und nicht nur da sind, um eine Leiche zu liefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6s T\u00e4terzeichnungen sind hochpolitisch. Zum einen entlarven sie das Recht als Farce, als Herrschaftsinstrument. Zum anderen deklarieren sie das Individuum zum letztlich willenlosen Gesch\u00f6pf seiner Sozialisation. Es muss so handeln, wie es handelt, sein Entscheidungsspielraum ist \u00e4u\u00dferst begrenzt. All das ist also keine Frage mehr von Gut oder B\u00f6se, Recht oder Unrecht, selbst die Polizisten empfinden Mitleid mit den T\u00e4tern, so wie sie Mitleid mit den Opfern empfinden und im Laufe der Romanreihe auch erkennen, dass sie selbst keine Handelnden sind, sondern Objekte, mit denen Handel getrieben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Man mag diese Einstellung als weltfremde Sozialromantik abtun und in der Negierung einer souver\u00e4nen intellektuellen Instanz, die letztenendes den Willen regiert, gar den Zynismus der kommunistischen Ideologie wiedererkennen, die zur Befreiung von der kapitalistischen Herrschaft \u00fcber diesen Willen aufruft und doch nur durch eine andere, keineswegs besseren zu ersetzen gedenkt. Das \u00e4ndert nichts an der Konsequenz, mit der Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 eine allgemeine Entwicklung der Kriminalliteratur fortschreiben, ohne die \u201edas Politische\u201c undenkbar bleibt und die systemkonformen Bahnen des Genres zum literarisch-aufkl\u00e4rerischen Hamsterrad macht. Ein Text wird genau dann politisch, wenn er die Zw\u00e4nge der Gegensatzpaare, der bipolar geregelten Verh\u00e4ltnisse \u00fcberwindet. Recht und Ordnung auf der einen Seite, Unrecht und Anarchie auf der anderen \u2013 das sind keine naturgegebenen Parameter, es sind Instrumente der Macht. Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 greifen sie dort an, wo sie sich am unverbl\u00fcmtesten zeigen, bei den T\u00e4tern, die als Gefahr f\u00fcr dieses Herrschaftssystem bestraft werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Chandlers Diktum richtete sich gegen den Mord, der als blo\u00dfes Spiel fungiert und das Genre durch best\u00e4ndiges Repetieren der alten Muster zum Unterst\u00fctzer der herrschenden Verh\u00e4ltnisse macht. Dieses Wiederk\u00e4uen des Recht\/Unrecht-Futters verhindert \u201ePolitik\u201c. Oder anders: Nur wer das Schema der Ordnung \u00fcberwindet, wie es der blo\u00dfe Spannungstext abfeiert und st\u00fctzt, handelt politisch, wobei es letztlich keine Rolle spielt, wo sich diese \u00dcberwindung abspielt: im Denken des Einzelnen oder im Rahmen dessen, was wir gemeinhin Politik nennen. Diese Angriffe gegen die Ordnung finden sich also bei Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 ebenso wie bei, sagen wir, Patricia Highsmith, sie sind auch keine \u201eneue\u201c Entwicklung (siehe etwa Temme), sondern eine durch den Leserwillen in eine dominante Position versetzte, die sich \u201eden Markt\u201c mit all den Konkurrenzunternehmen unpolitischer Kriminalliteratur teilt. Mit literarischer Qualit\u00e4t hat das zun\u00e4chst gar nichts zu tun. Es handelt sich zun\u00e4chst um blo\u00dfe Absichtserkl\u00e4rungen, Vorgaben zur Weltbeschreibung. Chandler war nicht \u201ebesser\u201c als Christie, WEIL er politisch schrieb, Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 erheben sich nicht ihres Engagements wegen \u00fcber die Harmlosigkeiten des R\u00e4tselmordes. Sie tun es, weil es ihnen gelingt, aus ihren Absichten glaubw\u00fcrdige, \u00fcberzeugende Literatur zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer vom \u201epolitischen Krimi\u201c spricht, denkt an Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6. Tats\u00e4chlich waren sie in den 60er und 70er Jahren eine Offenbarung, ein Augen\u00f6ffner gleich in mehrfacher Hinsicht. Vor allem jedoch irritierten sie uns, weil eine liebgewordene und oft beschworene Wahrheit infrage gestellt wurde. Sozialkritische Krimis aus Schweden? 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