{"id":15707,"date":"2005-06-01T07:47:07","date_gmt":"2005-06-01T07:47:07","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/extremlesen-und-literarische-krimis\/"},"modified":"2022-06-13T00:45:12","modified_gmt":"2022-06-12T22:45:12","slug":"extremlesen-und-literarische-krimis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/extremlesen-und-literarische-krimis\/","title":{"rendered":"Extremlesen &#8230; und &#8222;literarische&#8220; Krimis"},"content":{"rendered":"\n<p>Den Fforde hab ich, seufzend, in die Ecke gelegt. Helgason beeindruckt nach wie vor, 600 Seiten lang. Christoph G\u00fcskens &#8222;Faust auf Faust&#8220; wurde zu Ende gebracht, Besprechung folgt. Und nu?<br \/>Zwei neue Krimis liegen bereit, wie sie unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnten. Horst Eckerts ja schon vielseitig besprochene &#8222;617 Grad Celsius&#8220; und Nury Vittachis &#8222;Der Fengshui-Detektiv und der Computertiger&#8220;. Hier die n\u00fcchtern-d\u00fcstere deutsche Wirklichkeit, dort der bizarr-witzige asiatische Okkultismus. Mal sehen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Etwas anderes ist mir heute morgen wieder in den Sinn gekommen. Dass man mich n\u00e4mlich, wo ich auch geh und steh, mit &#8222;literarischen Krimis&#8220; \u00e4rgern m\u00f6chte. Neulich erz\u00e4hlte mir eine Dame vom Fach, Verlag A verlege historische, Verlag B regionale und Verlag C literarische Krimis. Ich stellte mir sofort die dicke Headline im Feuilleton der FAZ vor: &#8222;G\u00fcnter Grass hat einen neuen literarischen Gegenwartsroman geschrieben!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Krass, nicht? Ich m\u00f6chte ja gar nicht mit der ber\u00fcchtigten Literatur-Definition kommen, die unsereinem in der &#8222;Einf\u00fchrung in die Literaturwissenschaft&#8220; ins staunende Hirn doziert wurde. &#8222;Literatur ist die Gesamtheit alles Geschriebenen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4? Glaubten wir damals nicht, ist aber was dran. Vielleicht, wenn in tausend Jahren der Planet endlich in Tr\u00fcmmern liegt, wird irgendwer einen alten Einkaufszettel von mir finden (&#8222;4 Paar graue Socken, Ravioli, Schuhcreme schwarz&#8220;) und in Ermangelung anderer schriftlicher Zeugen der Vergangenheit in den Literaturkanon erheben. Wie mit den Merseburger Zauberspr\u00fcchen seinerzeit, Autor unbekannt. Kann mir aber nicht passieren, weil ich auf alles, auch auf Einkaufszettel, meinen Namen nebst Kurzvita setze.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber schweifen Sie nicht ab, Herr dpr. &#8222;Literarische Krimis&#8220; sind das Thema, und das hei\u00dft doch, wenn ich jetzt nicht ganz bl\u00f6d bin, dass Krimis nicht per se literarisch sind. Sondern?<\/p>\n\n\n\n<p>Mal googeln&#8230; Moment, habs gleich&#8230;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Sie m\u00f6gen die Bezeichnung \u201aliterarischer Krimi&#8216; nicht?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ach, eigentlich interessiert mich die Frage, ob etwas \u201aKunst&#8216; oder \u201aLiteratur&#8216; ist, gar nicht besonders. Ich lese gerne gute B\u00fccher, die mir auf interessante Weise etwas \u00fcber die Welt und die Menschen erz\u00e4hlen, das ist alles. Aber Sie kennen vielleicht die Anekdote, dass Georges Simenon angeblich n\u00e4chtelang nicht schlafen konnte, wenn man einem seiner &#8222;Maigrets&#8220; nachgesagt hat, das sei ja richtige Literatur. Er versuchte, alles \u201aLiterarische&#8216; zu tilgen. Ich glaube ganz einfach, dass noch zu viele deutsche Krimiautoren ein etwas gehemmtes Verh\u00e4ltnis zum Genre haben. Dass sie sich nicht trauen, die Gesetze des Krimis zu erf\u00fcllen. Sie wollen immer zeigen: Eigentlich bin ich ein K\u00fcnstler, ein Dichter. Aber ein Krimi-Leser will nicht den Virtuosenst\u00fcckchen des Autors applaudieren, er will mit solidem Handwerk gut unterhalten werden. Allerdings: Es kommt jedem Buch zugute, wenn sein Autor sich in der literarischen Tradition auskennt.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Antwort stammt von Autor Jan Seghers anl\u00e4sslich eines \u2192<a href=\"http:\/\/www.janseghers.de\/content\/category\/5\/69\/33\/\">Interviews<\/a>, und das ist ja soweit alles in Ordnung, was er von sich gibt. Aber dieses &#8222;gehemmte Verh\u00e4ltnis zum Genre&#8220;, das hier deutschen Autoren unterstellt wird, ist allgemein eher das gehemmte Verh\u00e4ltnis zur Literatur, zum soliden Handwerk und zur Unterhaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kennen hierzulande ja die unselige Unterscheidung von U und E in allen kulturellen Lebenslagen,und es ist nur merkw\u00fcrdig, dass selbstverst\u00e4ndlich jeder &#8222;dagegen&#8220; ist, sie aber weiterhin munter praktiziert wird. Dass es den &#8222;Krimi&#8220; als solchen, das biedere, den &#8222;Gesetzen&#8220; folgende R\u00e4tselratest\u00fcckchen in ungelenkem Legodeutsch besonders hart trifft, hat sicher vor allem historische Gr\u00fcnde. Die meisten von uns sind mit Krimis erstmals im Heftchenformat in Kontakt gekommen oder halt \u00fcbers Fernsehen. So etwas tradiert sich, da kann ich mich noch so sehr von U \/ E emanzipieren. Das Publikum will unterhalten werden, und wie das gemeinhin aussieht, mag ein jeder allabendlich vor der Glotze bestaunen.<\/p>\n\n\n\n<p>Na und? Dann ist der handwerklich solide, aber nicht virtuosenst\u00fcckchenhafte Krimi eben handwerklich solide, nicht virtuosenst\u00fcckchenhafte Literatur. Aber nicht Nicht-Literatur, halt blo\u00df Krimi. Irgendwie m\u00fcsste es uns gelingen, sprachliche Gedankenlosigkeit ebenso gesellschaftlich zu desavouieren wie Kinderlosigkeit oder Arbeitslosigkeit. Okay, das war jetzt ein Scherz, aber leider ein schlechter, weil hart \u00fcber den Boden der Wirklichkeit schrammend.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines noch: Mir ist aufgefallen, dass deutsche Krimiautoren dies zumeist im Zweitberuf sind. Will sagen: Sie betreibens steckenpferdm\u00e4\u00dfig und passen somit in die Schopenhauersche, urspr\u00fcnglich sehr wohlwollende und positive &#8222;Dilettanten&#8220;-Definition. Im Gegensatz zu englischen und amerikanischen Autoren, wie mir scheint, die das hauptberuflich machen (und dass es auf dem Gebiet der Popmusikliteratur genauso, wenn nicht schlimmer ist, sei nur am Rande erw\u00e4hnt. Ratet mal, warum wir keine Popmusikliteraturkultur in Deutschland haben).<\/p>\n\n\n\n<p>Was der Deutsche aber nicht haupt- und brotberuflich macht, das macht er mit Liebe. Und was er mit Liebe macht, das betrachtet er sich lieber nicht so genau. Ich m\u00f6chte ja morgens auch nicht neben einer Frau aufwachen, neben der ich besser nicht aufgewacht w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Bitte an die Autoren: Macht es nicht nur mit Liebe, sondern auch so, dass eure Werke in tausend Jahren, wenn einer sie ausbuddelt, dem Ansehen der Kultur des 3. Jahrtausends keine Schande machen. Schreibt Literatur. Damit ich endlich aufh\u00f6ren kann, meine Einkaufszettel diskret zu vergraben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Fforde hab ich, seufzend, in die Ecke gelegt. Helgason beeindruckt nach wie vor, 600 Seiten lang. Christoph G\u00fcskens &#8222;Faust auf Faust&#8220; wurde zu Ende gebracht, Besprechung folgt. Und nu?Zwei neue Krimis liegen bereit, wie sie unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnten. 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