{"id":15712,"date":"2005-06-02T19:19:18","date_gmt":"2005-06-02T17:19:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/literarische-krimis-eine-diskussion-2\/"},"modified":"2022-08-09T02:07:20","modified_gmt":"2022-08-09T00:07:20","slug":"literarische-krimis-eine-diskussion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/literarische-krimis-eine-diskussion\/","title":{"rendered":"Literarische Krimis &#8211; eine Diskussion"},"content":{"rendered":"\n<p>Sch\u00f6n so. Meine harsche Ablehnung &#8222;literarischer Krimis&#8220; hat ihren Widerspruch gefunden. Und weil ich Bernds Kommentar f\u00fcr wichtig halte, ein Kommentar aber leider oft untergeht, er\u00f6ffnen wir ein neues Thema. Also hier der Kommentar &#8211; und meine Antwort darauf. Weitere sind nat\u00fcrlich willkommen.<br \/>Bernd schreibt:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Lieber dpr,<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>erlaube mir zweiundhalb Anmerkungen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Erstens, als literaturwissenschaftlicher Laie finde ich das Adjektive literarisch zur Bezeichnung bestimmter Krimis tauglich ! Wie es ja nun einmal bei Sprache so ist, lebt sie und deshalb kann sich die Bedeutung eines Wortes auch verschieben [wenn alle B\u00fccher Literatur darstellen, ist \u201eliterarisch\u201c in Bezug auf B\u00fccher erst einmal sinnlos]. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich bezeichnet \u201eliterarisch\u201c Krimis, bei denen sich der Autor \u00fcber Humor, Spannung und R\u00e4tsel hinaus, M\u00fche mit der sprachlichen Gestaltung gegeben hat (z.B. Ruth Rendell) oder aber wie in \u201erichtigen B\u00fcchern\u201c Darstellungen schafft, die \u00fcber den Krimitext hinaus gehen (A. Vachss \u201eShella\u201c) oder sein Buch in einen Literaturkontext einbindet (M. Connelly \u201eThe Poet\u201c \u2013 E. A. Poe -, M. Walters \u201eThe Scold\u00b4s Bridle\u201c \u2013 \u201eKing Lear\u201c -, P. Lovesey, Bloodhounds &#8211; Krimiliteratur).<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Zweitens, w\u00e4re ich mir gar nicht einmal so sicher, dass der Anteil der hauptberuflichen Autoren in den USA, Kanada und England sehr viel h\u00f6her ist. Auch dort gibt es ja einige gut beleumundete Autoren (z.B. Kathy Reich, Andrew Vachss) die \u201enur\u201c nebenberuflich schreiben. Du darfst auch nicht vergessen, dass das was aus Amerika zu uns kommt, meistens das ist, was Erfolg hat. Die breite Masse der amerikanischen Autoren, die nicht vom Schreiben leben kann, wird bei uns (vermutlich) kaum wahrgenommen, Dagegen sehen wir einen wesentlich breiteren Ausschnitt der deutschsprachigen Krimiautoren.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Und halbstens, warum ist es den so, dass deutschsprachige Autoren sich Ihr Brot anderweitig verdienen ? Neben dem \u201egehemmten Verh\u00e4ltnis\u201c der Autoren, gibt es ja wohl auch ein solches der Leser, einen wesentlich kleineren Markt und eine Fixiertheit auf gro\u00dfe Namen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Mit besten Gr\u00fc\u00dfen<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>bernd<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>PS Medwedew ist angekommen, ich arbeite dran.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und meine Antwort:<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo Bernd,<\/p>\n\n\n\n<p>so leid es mir tut, aber jetzt muss ich doch mal kurz den Literaturwissenschaftler aus dem Schrank holen. Literatur \u201eals die Gesamtheit des Geschriebenen\u201c (also nicht nur von B\u00fcchern!) zu definieren, hat seinen guten Grund. Nehmen wir das Beispiel des Einkaufszettels, den kein vern\u00fcnftiger Mensch \u201eLiteratur\u201c nennen w\u00fcrde. Nehmen wir an, ich schriebe folgendes auf diesen Zettel: \u201edas Zeug, das da immer auf die Dinger unter meinem Bett kommt\u201c. Wenn ich nun ins Warenhaus gehe und dieses \u201eZeug\u201c, von dem ich ja ganz genau wei\u00df, was es ist, kaufe, dann ist das weder gute noch schlechte Literatur, sondern halt nur ein Einkaufszettel. Jetzt nehmen wir aber an, ich gebe den Zettel dem Nachbarsjungen und schicke ihn, mir das \u201eZeug\u201c zu besorgen. Er wird scheitern. Wie anders, wenn ich einfach \u201eschwarze Schuhcreme\u201c geschrieben h\u00e4tte!<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Moment, wo ich den Zettel dem Jungen gebe, wird er Literatur. Und weil der Junge das Geschriebene gar nicht verstehen kann, wird er schlechte Literatur. Eine etwas genauere Definition w\u00e4re also: Literatur ist die Gesamtheit alles Geschriebenen, bei dem mit der Sprache zum Zweck einer Kommunikation mit Dritten gearbeitet wird\u201c (oder, siehe Merseburger Zauberspr\u00fcche, wenn sie vor allem sprachhistorisch wichtig ist).<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft aber auch: Der Begriff \u201eLiteratur\u201c beinhaltet kein Werturteil per se. Und genau jetzt kommen wir zum Begriff des \u201eliterarischen Krimis\u201c, der \u2013 offen oder versteckt, bewusst oder unbewusst \u2013 denunziatorisch eingesetzt wird. Er grenzt alles, was \u201enur\u201c Krimi ist aus und wirft es in den gro\u00dfen tr\u00fcben Topf \u201eUnterhaltung\u201c. Wenn er dort einmal liegt, kann ich ihm aber mit literaturkritischen Methoden nicht mehr beikommen. Ich kann als Leser \/ Kritiker zwar sagen, dass mich ein Krimi unterhalten \/ nicht unterhalten hat, aber ich kann es nicht beweisen. Ich d\u00fcrfte bei einem solchen Text, der ja dann dezidiert \u201eNicht-Literatur\u201c w\u00e4re, auch nicht mehr mit meinem Instrumentarium kommen. Personenzeichnung? Dramaturgie? Alles \u201eliterarische\u201c Begriffe, die mit \u201eUnterhaltung\u201c nichts zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits bedeutet \u201eliterarischer Krimi\u201c nat\u00fcrlich auch ein positives Werturteil. Ein \u201eliterarischer Krimi\u201c ist im normalen Sprachgebrauch gleichzusetzen mit einem \u201eanspruchsvollen Krimi\u201c. Ich k\u00f6nnte also nicht ohne immanenten Widerspruch einen \u201eliterarischen Krimi\u201c einen \u201eschlechten literarischen Krimi\u201c nennen, obwohl er das vielleicht ist. Ein \u201eschlechter literarischer Krimi\u201c w\u00e4re bestenfalls ein Nur-Krimi.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier ein Beispiel: Guillermo Martinez, \u201eDie Pythagoras-Morde\u201c. Gilt als \u201eliterarischer Krimi\u201c? Warum? Weil in ihm philosophiert wird. Nicht schlecht philosophiert, so wie das ganze Buch nicht schlecht ist. Aber eigentlich ist er ein simpler Whodunit, elegant, aber auch ein bisschen langweilig geschrieben, \u201eHochsprache\u201c eben, kantenfrei und windschnittig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss zugeben, dass die Literaturwissenschaft an der ganzen Entwicklung nicht unschuldig ist. Bis in die 70er Jahre galt ein Krimi nichts; es sei denn, er wurde von Fontane, Schiller oder D\u00fcrrenmatt geschrieben, und dann galt er auch nur deshalb etwas, weil er von LITERATEN geschrieben wurde. Das \u00e4nderte sich, als man erkannte, dass Krimis und generell \u201ePopul\u00e4rliteratur\u201c durchaus in der Lage waren, die Gesellschaft abzubilden und zu kommentieren (Stichwort: Sozio-Krimi). Hinzu kam, dass dieses Sinneswandel mit der Hoch-Zeit der sogenannten Rezeptionsforschung in der Literaturwissenschaft zusammenfiel. Nicht mehr die Qualit\u00e4t eines Textes an sich wurde untersucht, sondern seine Wirkung auf die Leser. Und da hatten Krimis und andere \u201emindere Literatur\u201c nat\u00fcrlich ein Pfund, mit dem sie wuchern konnten, weil pl\u00f6tzlich Einblicke in die \u201eniederen Schichten\u201c m\u00f6glich wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Aufnahme von Krimis in den Himmel der Literatur war aber nat\u00fcrlich an Voraussetzungen gebunden. Sie durften n\u00e4mlich pl\u00f6tzlich keine Nur-Unterhaltung mehr sein. Womit wir bei einem weiteren kritischen Punkt w\u00e4ren: Wer bestimmt, was \u201eliterarischer\u201c resp. \u201eNur-Krimi\u201c ist? Wieviel Prozent der Literaturwissenschaftler und Kritiker, glaubst du, w\u00fcrden etwa James Ellroy mit literarischen Weihen versehen? Und wie viele Donna Leon, weil sie doch so sch\u00f6n das traurig-romantische Venedig zeichnet?<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzukommt noch: W\u00fcrde ich den Begriff des \u201eliterarischen Krimis\u201c \u00fcbernehmen, d\u00fcrfte ich z.B. einen Autor wie C.H. Guenther, der viele Nummern der Kommissar X \u2013 Reihe geschrieben hat, gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen geschweige denn behaupten (was ich getan habe), es handele sich dabei um GUTE LITERATUR. Genau das aber kann ich BEWEISEN (nicht, dass ich das unterhaltsam finde, das nicht. Das ist Geschmacks- und Momentsache). Leute wie Guenther haben sich zur Erreichung ihres Ziels (das Publikum mit eskapistischen, actionreichen Stories zu unterhalten), eine origin\u00e4re Sprache antrainiert und arbeiten nach einer ausgekl\u00fcgelten Dramaturgie. Wie gesagt: Ich muss das alles nicht gut finden. Ich kann das v\u00f6llig langweilig und versatzst\u00fcckhaft finden. Dennoch ist es GUTE LITERATUR, weil sie ihre Zielgruppe mit Mitteln erreicht, die auch ein Thomas Mann etwa sich schon zu eigen gemacht hat, Sprache und Dramaturgie.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir noch zu den Autoren selbst. Erstmal: Meine Meinung, deutsche Autoren seien weniger professionell als angloamerikanische, ist ein subjektiver Eindruck, und du hast objektiv sicherlich Recht. Es geht mir aber um die Attit\u00fcde. Ich verstehe, ehrlich gesagt, Autoren nicht, die frank und frei schwafeln, es ginge ihnen \u00fcberhaupt nicht um Literatur, sondern \u201enur\u201c um Unterhaltung. Ich verstehe sie deshalb nicht, weil ich es einen Frevel finde, sein Handwerkszeug geringzusch\u00e4tzen, die Sprache n\u00e4mlich. Nat\u00fcrlich geht es um Unterhaltung, in der Literatur geht es immer um Unterhaltung. Aber wenn ich mir dieses Steckenpferdeln und Heimwerkern so anschaue, dieses gedankenlose Zusammenbosseln von Versatzst\u00fccken, ohne Ambition, das Optimale herauszuholen (man kann dabei scheitern, das ist sogar ehrenvoll!) &#8211; nee, bitte nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst lebe auch nicht von \u201emeiner Schreibe\u201c. Aber ich nehme die Literatur ernst. Sie ist Arbeit, und ich mache sie nicht nur zu meinem Vergn\u00fcgen und weil mir der Herrgott a bisserl Talent mitgegeben hat, sondern ich mache sie, um mit Lesern zu kommunizieren. \u00dcber den Text.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ganz zum Schluss: Wenn DU weiterhin Krimi und literarischen Krimi unterscheiden willst, habe ich nichts dagegen. Weil ich bei dir sicher bin, dass du es nicht aus niederen Beweggr\u00fcnden oder Gedankenlosigkeit tust. Bei vielen anderen bin ich mir da \u00fcberhaupt nicht sicher. Und widersprich mir blo\u00df weiterhin (gilt auch f\u00fcr alle andern)! (Dass du den Medwedew gekriegt hast, beruhigt mich. Ich kenne die Post auch anders.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sch\u00f6n so. Meine harsche Ablehnung &#8222;literarischer Krimis&#8220; hat ihren Widerspruch gefunden. Und weil ich Bernds Kommentar f\u00fcr wichtig halte, ein Kommentar aber leider oft untergeht, er\u00f6ffnen wir ein neues Thema. 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