{"id":15714,"date":"2005-06-06T07:43:44","date_gmt":"2005-06-06T07:43:44","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/summer-camp-3\/"},"modified":"2022-06-12T02:01:43","modified_gmt":"2022-06-12T00:01:43","slug":"summer-camp-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/summer-camp-3\/","title":{"rendered":"Summer Camp -3-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/crimecamp_3.jpg\" alt=\"crimecamp_3.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Redet man von \u201eErz\u00e4hlperspektive\u201c, wird fast immer der Begriff \u201eKamera\u201c assoziiert. Das \u201eIch\u201c filmt die Handlung aus der Perspektive einer handelnden Person, das \u201eEr\u201c h\u00e4ngt die Kamera quasi \u00fcber dem Handlungsraum auf und gibt wieder, was sich dort tut. Sie folgt einer oder mehreren Personen, ist n\u00fcchterner und distanzierter als die Ich-Perspektive, deren Vorteile eher in der subjektiven F\u00e4rbung des Geschilderten sowie der leichteren Identifikationsm\u00f6glichkeit des Lesers mit dem Erz\u00e4hler liegen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich und Er k\u00f6nnen jeweils variieren. Conan Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten etwa werden im \u201eIch\u201c aus der Perspektive Doctor Watsons erz\u00e4hlt, der die Abenteuer auch explizit notiert und den Helden Holmes ins Zentrum der Er-Perspektive stellt. Der beabsichtigte Effekt liegt auf der Hand. Indem er sich selbst als Autor ins Spiel bringt, vermag er die ungew\u00f6hnlichen F\u00e4higkeiten des Detektivs durch den eigenen, \u201eunmittelbaren\u201c Ich-Kommentar hervorzuheben. Als (meistens) Nebenperson der Handlung dient er zudem als Stichwortgeber und, da weniger logischen Gem\u00fcts, zus\u00e4tzlicher Verst\u00e4rker des Holmes\u2019schen Genius. Dieser wiederum darf nicht als \u201eIch\u201c kenntlich gemacht werden, denn das Geniale wird erst genial, wenn es einem \u201enormalen\u201c und staunenden Gespr\u00e4chspartner quasi druckreif mitgeteilt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im neueren deutschen Krimi arbeitet Wolf Haas mit einer ebenso originellen wie umstrittenen Perspektivtechnik: Die Handlung wird aus der Sicht eines nicht weiter explizierten \u201eIch\u201c erz\u00e4hlt, dessen Sprache, um es vorsichtig zu formulieren, \u201eeigen\u201c ist und so gar nicht dem Korrektdeutsch entspricht. Das Berichtete ist an ein ebenso wenig kenntliches \u201eDu\u201c adressiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Originell, weil sich hier eine Erz\u00e4hlebene au\u00dferhalb der eigentlichen Handlung auftut, die den Text ironisiert, umstritten, weil Haas\u2019 Technik so gar nicht den Konventionen entspricht. Die Stimme des \u201eIch\u201c \u00fcbernimmt die F\u00e4rbung des Glases, durch das man die Handlung verfolgt und schafft zugleich besagte Ebene, die zwar imagin\u00e4r bleibt, aber vorstellbar ist. Vielleicht sitzen zwei am Stammtisch zusammen, und A erz\u00e4hlt B von Detektiv Brenners Abenteuern?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt sind weitere wichtige Stichworte gefallen: Erz\u00e4hlebene, F\u00e4rbung des Glases. Bei reinen \u201eEr\u201c-Perspektiven ist es praktisch gesetzm\u00e4\u00dfig so, dass die Kamera \u00dcBER der eigentlichen Erz\u00e4hlebene h\u00e4ngt. Sie ist Auge und Schreibhand des Autors, der ebenso imagin\u00e4r wie vorstellbar \u00fcber allem schwebt und alles dirigiert. Gelegentlich schleicht sich in die eigentliche T\u00e4tigkeit des Erz\u00e4hlens ein Element dieser \u00fcbergeordneten Ebene ein. Etwa dann, wenn der Autor einen Kommentar abgibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Beginn des 10. Kapitels meines \u201ePromiMassakers\u201c (ich nehme hier ein Beispiel aus eigener Produktion, weil ich da genau wei\u00df, dass es beabsichtigt war) hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eSo also sah ein Fernsehstudio von innen aus. Krawuttke blickte sich staunend um. Nicht, dass es ihn beeindruckt h\u00e4tte. Er las lieber und verd\u00e4chtigte die elektronischen Medien nicht ganz zu Unrecht, sie w\u00fcrden die Menschen noch mehr verbl\u00f6den als es die Druckmedien und die Schulen schon erfolgreich praktizierten.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ist hier \u201efalsch\u201c? Nat\u00fcrlich das \u201enicht ganz zu Unrecht\u201c. Es ist ein Kommentar des Autors, der Krawuttkes Verd\u00e4chtigungen absegnet. Hier findet also ein sehr kurzer Perspektivwechsel statt: Vom Er der Erz\u00e4hlung zur Autoreninstanz. Und warum das Ganze? Einfach, weil hier zum ersten Mal der Autor ins Spiel gebracht wird und das einleitet, was das letzte Drittel des Romans bestimmen wird. Die Frage n\u00e4mlich, wer hier was erz\u00e4hlt. Ist der \u201efiktive Held\u201c gleichbedeutend mit dem Autor? Ist der M\u00f6rder der Autor?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Ich-Perspektive steht vor allem die \u201eF\u00e4rbung des Glases\u201c im Mittelpunkt. Das Ich kann etwas aus unmittelbarem Erleben berichten oder quasi, nachdem alles gelaufen ist, erinnern. Es kann in den Fall hineinrutschen wie der Leser selbst, tastend, passiv, st\u00e4ndig dabei, Informationen zu verarbeiten, oder es kann das Wissen eines Autors haben, die Geschichte vor dem Hintergrund des Endes formulieren, dramatisieren usw.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und DAS ist keine Trivialit\u00e4t! Die Entscheidung, ob ich mein Ich \u201ezeitnah\u201c durch die Handlung jage oder diese aus der zeitlichen Distanz reportieren lasse, hat vor allem stilistische Auswirkungen! Auch hier ein (etwas extremes, aber deshalb auch einleuchtendes) Beispiel, um das zu belegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMensch, was\u2019m das jetzt???!!! &#8212; Bleib auf der Fahrbahn, du A&#8230;. Wegrollen! Wegrollen! Wegrollen! Oooooh&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">oder:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer LKW, dessen gelbe Augen bislang stur auf die Stra\u00dfe geschaut hatten, wandte mir pl\u00f6tzlich sein Gesicht zu. Ich wusste, dass ich keine Sekunde \u00fcberlegen durfte, ich wusste, dass ich mich zur Seite werfen, mich ins Geb\u00fcsch rollen musste&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste Variante versucht, die unmittelbaren Gedanken des Erz\u00e4hlers in die Schriftform zu bringen, die zweite zeigt ihn quasi im Nachhinein, sich des Geschehenen erinnernd. Er hat\u2019s \u00fcberstanden und bem\u00fcht sich, das Ereignis distanziert und detailliert zu schildern. Man wird in der Praxis wohl eher die zweite denn die erste Variante antreffen. Sie entspricht zum einen eher den tradierten Erz\u00e4hlformen (die fast alle im 19. Jahrhundert entwickelt wurden) und ist risikoloser, weniger von den individuellen Sprachpr\u00e4ferenzen und dem bildlichen Vorstellungverm\u00f6gen des Lesers abh\u00e4ngig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbstverst\u00e4ndlich ist es kein Naturgesetz, dass der Kamerafokus w\u00e4hrend der gesamten Handlung auf EINER Person ruhen muss, w\u00e4hle man nun die Ich- oder die Er-Perspektive. Es ist ebenfalls kein Naturgesetz, dass innerhalb eines Textes nicht sowohl \u201eich\u201c als auch \u201eer\u201c gesagt werden kann. Ein Naturgesetz ist es aber, dass die Wahl der Perspektive immer auch Auswirkungen auf den Stil und die Erz\u00e4hlkonstruktion hat und, of course, auf die Spannungsbogen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erz\u00e4hlperspektiven sind jedenfalls eine meines Erachtens gerade in Krimis noch recht stiefm\u00fctterlich behandelte M\u00f6glichkeit, Spannung zu erzeugen. N\u00e4chstes Mal werde ich versuchen, genau das exemplarisch zu tun. Dann werden wir auch hoffentlich wissen, aus welcher Perspektive (oder welchen Perspektiven?) wir unseren Krimi erz\u00e4hlen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Redet man von \u201eErz\u00e4hlperspektive\u201c, wird fast immer der Begriff \u201eKamera\u201c assoziiert. Das \u201eIch\u201c filmt die Handlung aus der Perspektive einer handelnden Person, das \u201eEr\u201c h\u00e4ngt die Kamera quasi \u00fcber dem Handlungsraum auf und gibt wieder, was sich dort tut. 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