{"id":15728,"date":"2005-06-13T07:48:53","date_gmt":"2005-06-13T07:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/__trashed-600\/"},"modified":"2022-06-14T23:54:55","modified_gmt":"2022-06-14T21:54:55","slug":"__trashed-600","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/__trashed-600\/","title":{"rendered":"Summer Camp -4-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/crimecamp_4.jpg\" alt=\"crimecamp_4.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Geschichten bekam man in der Pr\u00e4-TV-Aera zumeist m\u00fcndlich \u00fcberliefert. B\u00fccher kosteten viel Geld, Lesenk\u00f6nnen war ein nicht allt\u00e4gliches Priv\u00edleg. Wir sprechen vom 18., vom 19. Jahrhundert.<br \/>Das war auch die Zeit, in der die modernen Erz\u00e4hlperspektiven in der Literatur heranreiften. Ihnen zugrunde lag zumeist die prototypische Situation des (um Arno Schmidt zu zitieren) \u201eErz\u00e4hlers im lauschenden H\u00f6rerkreis\u201c. Irgendjemand erz\u00e4hlte wahre oder erfundene oder aus beiden Elementen spannend gemixte Geschichten in der Er- oder Ich-Form. Der Sprecher musste, wollte er sein Publikum bei der Stange halten, einiges bedenken. Wenn ich jemandem etwas erz\u00e4hle, dann entwickelt sich im Kopf des Zuh\u00f6rers ein Film. Das ist kein geringer Aufwand, und ich tue gut daran, es meinem Zuh\u00f6rer zu gestatten, seinen Film m\u00f6glichst ohne notwendige \u201eNachbearbeitung\u201c zu drehen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als Zuh\u00f6rer im 18., 19. Jahrhundert war ich weit entfernt von den Gewohnheiten eines heutigen Fernseh- und Kinokonsumenten. Keine harten Schnitte, keine \u00dcberblendungen, kein abrupter Perspektivwechsel, eine MTV-Hektik. Klug also dass, wer einmal ER oder ICH gesagt, dabei blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Und heute? Ist es weitgehend noch so im 18., 19. Jahrhundert. Muss ja auch nichts Schlechtes sein. Zumal ich es mir als Autor heutzutage schon erlauben kann, die schlichten Gesetze der Erz\u00e4hlperspektive aufzubrechen. Nur \u2013 wie weit darf ich gehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schl\u00fcsselszene in Michelangelo Antonionis Film \u201eBlow Up\u201c ist klassisch: Ein Fotograf macht Aufnahmen in einem Park. Auf der Vergr\u00f6\u00dferungen entdeckt er bei genauerer Betrachtung einen Schatten. Eine Leiche? Den Fotografen l\u00e4sst sein Verdacht nicht mehr los. Er beginnt mit Nachforschungen und verschwindet allm\u00e4hlich in einer Welt voller vieldeutiger Zeichen, in eine Welt zwischen Wirklichkeit und T\u00e4uschung.<\/p>\n\n\n\n<p>In eine Erz\u00e4hlperspektive verwandelt: Die Kamera ist zun\u00e4chst au\u00dferhalb des Raumes platziert. Totale. N\u00fcchterne Schilderungen in der dritten Person. Langsames N\u00e4herkommen der Kamera (\u201eVergr\u00f6\u00dfern des Ausschnitts\u201c), sie f\u00e4hrt mitten in den Kreis der Handelnden, die N\u00fcchternheit der Sprache wird langsam durch eine subjektivere, daher auch spekulativere ersetzt. Dann die Fokussierung auf die einzelnen Personen. Durchdringen der Hirnschale: Aus dem Er wird Ich. JedeR der f\u00fcnf Handelnden gibt seine aktuellen Gedanken preis. R\u00fcckblenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich: Das Ganze zur\u00fcck. Bis die Kamera wieder \u00fcber der Szenerie h\u00e4ngt. Das Verbrechen findet statt. Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>So stelle ich mir den erz\u00e4hlperspektivischen Spannungsbogen der Geschichte vor. Er wird nicht der einzige bleiben, aber er ist quasi der \u201eLeitbogen\u201c, um den sich andere, eher handlungsspezifische gruppieren. Zugleich bestimmt er auch den sprachlichen Spannungsbogen. Alle zusammen schaffen die Basis dessen, was man \u201eAtmosph\u00e4re\u201c nennen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr zu Grunde liegt ein geradezu archetypisches Muster von Krimikonstruktion: Dein normaler Blick schweift \u00fcber die Szenerie, es ist alles heil, alles bieder. Erst wenn du dich den Dingen n\u00e4herst, zeigen sie ihre nicht ganz so heilen Details, ihre Br\u00fcche, ihre Abgr\u00fcnde. Mir pers\u00f6nlich sind solche Texte allemal lieber als die, in deren Oberfl\u00e4che bereits ein Abgrund von den Ausma\u00dfen des Grand Canyon klafft. Es gibt Ausnahmen. Kaputte Welten, an deren Kaputtheit es nichts mehr zu kaschieren, nichts mehr zu besch\u00f6nigen gibt. Und je n\u00e4her du kommst, desto deutlicher siehst du dahinter die Normalit\u00e4t, die alles andere als normal ist. Auch das ist Arbeit mit dem Mikroskop.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das h\u00f6rt sich nicht schlecht an, denkt jetzt der Leser. Aber, bitte, was ist eigentlich mit der Story selbst? Empfiehlt es sich wirklich, eine Erz\u00e4hlpespektive zu konstruieren, bevor man die Geschichte entwickelt hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, die Vorgehensweise bleibt jedem Autor, jeder Autorin \u00fcberlassen. Es gibt immer mehr als einen Weg, um die binsigste aller Weisheiten auszusprechen. Manche brauchen 3000 Zettel, bevor sie die Story im Kopf zusammenbauen und ablaufen lassen, manche beginnen mit dem Ger\u00fcst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bittere Wahrheit ist, dass ich mir bis jetzt keinen Gedanken \u00fcber die eigentliche Handlung unseres Krimis gemacht habe. Wird schon kommen; es gibt gen\u00fcgend \u201egute Ideen\u201c, die ganze Welt wimmelt nur so von \u201eguten Ideen\u201c, aber gute Konstrukte f\u00fcr gute Ideen sind Mangelware.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem ist es ja so: Das Ausarbeiten der Erz\u00e4hlperspektive trifft quasi eine Vorauswahl hinsichtlich der Story. Unsere Vorgehensweise, das allm\u00e4hliche N\u00e4herkommen einer immer aufdringlicheren, die Privatsph\u00e4re der Personen okkupierenden Kamera, untersagt \u201eHandlungsschwangerschaften\u201c. Niemand wird mit einer Knarre in der Hand durch die Botanik rennen und Leute killen, und wenn es doch geschehen sollte, dann als Reminiszenz desjenigen, dessen Hirnschale das Auge der Kamera soeben durchbrochen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen beim n\u00e4chsten Mal die Erz\u00e4hlperspektive hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Sprache untersuchen und gelangen somit in den inneren Bezirk jeglicher Literatur. Fokussieren, die richtige Brennweite einstellen: das ist kein Problem. Was geschieht aber mit den gefilmten Objekten? Wie ver\u00e4ndern sie sich? Was nehmen wir von ihnen wahr? So stay tuned.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschichten bekam man in der Pr\u00e4-TV-Aera zumeist m\u00fcndlich \u00fcberliefert. 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