{"id":15734,"date":"2005-06-28T07:39:29","date_gmt":"2005-06-28T07:39:29","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/george-p-pelecanos-the-sweet-forever\/"},"modified":"2022-06-13T17:14:03","modified_gmt":"2022-06-13T15:14:03","slug":"george-p-pelecanos-the-sweet-forever","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/george-p-pelecanos-the-sweet-forever\/","title":{"rendered":"George P. Pelecanos: The sweet forever"},"content":{"rendered":"\n<p>Es klingt wie eine Zukunftsvision unserer Gesellschaft, die mit dem Familienkonzept des 19.Jahrhunderts den Alleinerziehenden des 21.Jahrhunderts begegnet: Jugendliche Drogendealer, denen die Schule das Lesen nicht beigebracht hat, 11j\u00e4hrige, die, allein auf sich gestellt, auf den Strassen \u00b4rumgammeln und Strassen, auf denen Bandenmitglieder zahlreicher sind als Polizisten. Washington DC im Jahre 1986 in George P. Pelecanos Buch \u201eThe sweet forever\u201c. Fast wie im wirklichen Leben, zerf\u00e4llt dort langsam die Ordnung: Der B\u00fcrgermeister ist kriminell, die Stadt pleite, und die Polizei kommt gegen die wachsende Kriminalit\u00e4t nicht an.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein Drogenkurier rast sich mit seinem Auto vor dem neuen Schallplattenstore \u201eReal Right Records\u201c von Marcus Clay zu Tode. Und der kleine Installateur Eddie Golden der zuf\u00e4llig in der N\u00e4he ist, meint, dem Zauberlehrling gleich, dass seine Stunde gekommen sei. Einmal Hero sein, einmal sich beweisen &#8230; heldenmutig nimmt er Geld aus dem Auto an sich. Aber die Geister, die er ruft, drohen nicht mit dem Besen, die erschie\u00dfen 11j\u00e4hrige, weil diese auf den Strassen der Stadt Dealer spielen. Es beginnt eine Suche nach dem Geld. Korrupte Polizisten suchen, die Drogendealer suchen und auch Clay wird mit hineingezogen. Die B\u00fcrger wollen Sicherheit, die Drogendealer ihren Bezirk s\u00e4ubern und Polizisten vermeiden, dass ihre Nebengesch\u00e4fte auffliegen. Am Ende High Noon; es geht nicht mehr nur ums Gesch\u00e4ft, sondern um die Ehre, um das Gewissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Pelecanos hat hier eine Geschichte mit gro\u00dfer erz\u00e4hlerischer Substanz geschaffen. Die Erz\u00e4hlperspektive wechselt in rascher Folge: Kinder, Drogendealer, Polizisten und die Mannschaft von \u201eReal Right Records\u201c. Allen kann der Leser \u00fcber die Schulter schauen. Sehr gelungen ist das, wenn dann die Schnitte \u00fcber mehrere Protagonisten in einer Szene gehen. Pelecanos Personen sind keine Stereotypen. Er bricht das Beziehungsgef\u00fcge zwischen Gut und B\u00f6se mehrfach. Auch korrupte Polizisten haben ein Gewissen, B\u00fcrger famili\u00e4re Probleme und Drogendealer ein Herz. Die Mitgliedschaft in einer Bande ist die einzige M\u00f6glichkeit f\u00fcr Jugendliche, dem Ghetto zu entkommen. Und nat\u00fcrlich sind die Grenzen zwischen Gut und B\u00f6se unscharf, wenn die B\u00fcrger sich die gleichen Drogen in die Nasen ziehen, welche die B\u00e4uche der Dealer f\u00fcllen. All dieses erz\u00e4hlt Pelecanos im Stile der amerikanischen Noir-Schule, schonungslos und sehr n\u00fcchtern. Hier liegt vielleicht auch das einzige Manko des Buches. Pelecanos ist ein eher vers\u00f6hnlicher Mensch. Dem Buch fehlt ein wenig die den Leser verst\u00f6rende Emotionalit\u00e4t. Dieses hat er im n\u00e4chsten Buch \u201eShame the devil\u201c meiner Meinung nach besser gemacht. \u201eThe Sweet forever\u201c ist, wie alle B\u00fccher Pelcanos, aber auch ein Buch der Popkultur. Pelecanos ist der zeitgen\u00f6ssischen Musik sehr verbunden und so ziehen diese und die Bilder von Basketball\u00fcbertragungen den Leser auch \u00b4rein in die Strassen der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der dritte und vorletzte Band der Washington noir Serie. Diese \u00fcberspannt den Zeitraum von den 40er Jahren bis in die 90er Jahre und geh\u00f6rt zu den wenigen Serien, deren Seriencharakter eine innere stringente Logik besitzt. Jedes Buch kann man solo lesen, aber der Wandel der Zeit l\u00e4sst sich an den immer wieder auftauchenden Personen besser festmachen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist wohl \u201eEine s\u00fcsse Ewigkeit\u201c der einzige Band der Serie, den es nicht nur gebraucht in deutscher Sprache zu kaufen gibt. Der bei Kritikern zurecht wohlgelittene Pelecanos scheint nicht so gut beim deutschen Leser anzukommen. Schade eigentlich. Demjenigen, der das amerikanische Original liest, bietet sich ein gro\u00dfer &#8211; sprachlich noch knackigerer &#8211; Lesegenuss und \u2013 soviel sei jetzt schon verraten \u2013dann in der Folge ein gro\u00dfer Abschluss der Serie mit \u201eShame the devil\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>George P. Pelecanos: The sweet forever. Englische Taschenbuchausgaben:  1. Serpent&#8217;s tail 2000. 298 Seiten, 11,95 \u20ac;  2. Dell Publishing Company 1999, 384 Seiten, 6,99 \u20ac. deutsch als &#8222;Eine s\u00fc\u00dfe Ewigkeit&#8220;: Dumont 2003, 19,90 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es klingt wie eine Zukunftsvision unserer Gesellschaft, die mit dem Familienkonzept des 19.Jahrhunderts den Alleinerziehenden des 21.Jahrhunderts begegnet: Jugendliche Drogendealer, denen die Schule das Lesen nicht beigebracht hat, 11j\u00e4hrige, die, allein auf sich gestellt, auf den Strassen \u00b4rumgammeln und Strassen, auf denen Bandenmitglieder zahlreicher sind als Polizisten. Washington DC im Jahre 1986 in George P. 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