{"id":15744,"date":"2005-06-20T07:47:41","date_gmt":"2005-06-20T05:47:41","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/summer-camp-5-2\/"},"modified":"2022-08-09T02:09:29","modified_gmt":"2022-08-09T00:09:29","slug":"summer-camp-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/summer-camp-5\/","title":{"rendered":"Summer Camp -5-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/crimecamp_5.jpg\" alt=\"crimecamp_5.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Das ist schon merkw\u00fcrdig. Wir haben Anfang und Ende eines Krimis, wir haben eine Konstruktion, die das Funktionieren der Erz\u00e4hlperspektive(n) regeln soll \u2013 und jetzt soll pl\u00f6tzlich schon \u201edie Sprache\u201c abgehandelt werden. Wie denn das?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Schon recht. Um uns detailliert \u00fcber Sprache zu unterhalten, brauchen wir die Sprecher. Jeder von ihnen (bitte um Verzeihung, dass ich jetzt nicht jedesmal auch noch \u201eSprecherin\u201c etc. schreibe; \u201eSprecher\u201c ist hier mal geschlechtsneutral) wird, sobald \u201eich\u201c ins Spiel kommt, so reden und denken, wie es seine Charakterisierung entspricht. Das sollte einleuchten. Die auch nur kursorische \u00dcberpr\u00fcfung von Krimis jedoch lehrt uns eines Besseren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Roman, in dem aus der Ich-Perspektive erz\u00e4hlt wird, steckt zumeist in einer Klemme. Nehmen wir eine ganz allt\u00e4gliche Situation: Ich gehe zum Kiosk und kauf mir eine Wurst. Wie k\u00f6nnte man das schreiben?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch verlie\u00df das Haus durch den Hinterausgang. Es regnete. Ich klappte den Kragen meines Mantels hoch, was nichts weiter als ein Reflex war, eine hilflose Geste, denn es regnete stark. Die Stra\u00dfe war menschenleer, wenn man davon ausgeht, dass Kinder keine Menschen sind, sondern schreiende Monster, und ich ging davon aus, denn ich war w\u00fctend auf die ganze Welt. Am Kiosk lachte mir das Fr\u00e4ulein entgegen, und ich lachte zur\u00fcck. Hatte nichts zu bedeuten. Ich sagte: Ne Rote, und sie machte sich ans Werk.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst: Ich habe geschrieben, wie ich die Wohnung verlasse, in welcher Stimmung ich bin, wohin ich gehe, was ich dort tue. Ich habe es nat\u00fcrlich f\u00fcr den Leser geschrieben, nur f\u00fcr ihn, denn ich pers\u00f6nlich kenne keinen Menschen, der sich unter dem Produzieren solcher Gedanken auf den Weg machen w\u00fcrde, einer Wurst habhaft zu werden. Ergo: Die Ich-Perspektive ist eine verkappte Er-Perspektive, und tats\u00e4chlich k\u00f6nnte man in diesem Text das \u201eIch\u201c locker durch das \u201eEr\u201c ersetzen, ohne auch nur eine Spur von \u2013naja, nennen wir es Atmosph\u00e4re zu verlieren. Die einzige Alternative w\u00e4re ein \u201eIch\u201c, das versuchte, wirklich das wiederzugeben, was im Moment der Handlung in ihm vorgeht \u2013 und das selbstverst\u00e4ndlich in einem angemessenen, d.h. wohl nicht \u201eliterarischen\u201c Sprachstil. Diese Alternative jedoch w\u00e4re f\u00fcr ein literarisches Werk untauglich, das mit den Lesern kommuniziert und ihm Informationen gibt, wie man sie sich selbst nicht zu geben braucht.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00fcrden wir nun den obigen Text konsequent in der dritten Person Singular halten, st\u00fcnden wir vor einem anderen Dilemma. Dem n\u00e4mlich, dass dann die Stimme des Erz\u00e4hlers uns Intimit\u00e4ten aus der Gedanken- und Gef\u00fchlswelt der handelnden Personen mitteilte, die nur diese wissen und ergo formulieren k\u00f6nnen (\u201eEr war w\u00fctend auf die ganze Welt.\u201c)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf was ich mit diesen Ausf\u00fchrungen vorbereiten will, ist die Sensibilit\u00e4t, die wir bei der sprachlichen Umsetzung der jeweiligen Erz\u00e4hlperspektive walten lassen sollten. Unsere Sprache muss dehnbar sein. Eine Konsequenz daraus ist zum Beispiel, dass \u2013 je subjektiver, intimer das Mitgeteilte wird \u2013 unsere Sprache von ihrer grammatischen Ideallinie abweicht. Sobald die Erz\u00e4hlinstanz innerhalb einer Person lokalisiert werden kann (also \u201eich\u201c gesagt wird), zerbr\u00f6ckelt das Dudendeutsch. Je \u201eobjektiver\u201c das Mitgeteilte wird (also ein \u201eEr\u201c reportiert), desto mehr konsolidiert es sich zu n\u00fcchterner, beschreibender Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00f6rt sich nat\u00fcrlich einfacher an, wie es am Ende sein wird. Und \u2013 I know, I know \u2013 es d\u00fcrfte all diejenigen d\u00fcpieren, die auf \u201eEinheitlichkeit des Stils\u201c bestehen, d.h., um es zu pointieren, die Literaturentwicklung der letzten na sagen wir 100 Jahre nicht zur Kenntnis nehmen und immer noch von einer \u201eSchreibe\u201c murmeln, einer \u201eunverwechselbaren\u201c gar. \u2013 Wogegen ich nichts habe, nein. Da gibt es ganz wundersch\u00f6ne. Aber ich habe etwas gegen Ausschlie\u00dflichkeit aus Denkfaulheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Sollte unser sprachlicher Plan, der hier nur kurz skizziert werden konnte, aufgehen, dann werden Erz\u00e4hlperspektiven und Sprache zu einem soliden Spannungsbogen verbunden sein, dessen Feinbearbeitung via Personenzeichnung und Handlung geschehen muss. In der n\u00e4chsten Folge des Summer Camps werden wir also die handelnden Personen vorstellen. Das Thema Sprache und Stil wird uns aber noch besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist schon merkw\u00fcrdig. Wir haben Anfang und Ende eines Krimis, wir haben eine Konstruktion, die das Funktionieren der Erz\u00e4hlperspektive(n) regeln soll \u2013 und jetzt soll pl\u00f6tzlich schon \u201edie Sprache\u201c abgehandelt werden. Wie denn das?<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-15744","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15744","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15744"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15744\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15744"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15744"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15744"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}