{"id":15828,"date":"2005-07-14T12:54:26","date_gmt":"2005-07-14T12:54:26","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/david-peace-1974-die-alternativ-rezension\/"},"modified":"2022-06-13T01:04:26","modified_gmt":"2022-06-12T23:04:26","slug":"david-peace-1974-die-alternativ-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/david-peace-1974-die-alternativ-rezension\/","title":{"rendered":"David Peace: 1974 (die Alternativ-Rezension)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Achtung! Die nachfolgende Rezension gibt nicht die Meinung des Rezensenten wieder!)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>David Peaces \u201e1974\u201c geh\u00f6rt in mancherlei Hinsicht zu den \u00e4rgerlichsten Erscheinungen des bisherigen Krimijahres. Belobhudelt, mehr oder weniger verklausuliert gepriesen, von den \u201eExperten\u201c der \u201eKrimi-Bestenliste\u201c als Hype der Saison auf Rang 1 gehievt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Geschichte von Edward Dunford, Gerichtsreporter f\u00fcr das n\u00f6rdliche England, nimmt keine R\u00fccksicht auf die sensiblen und durch jahrelanges Lesen h\u00f6herer Literatur domestizierten Geschmacksnerven seiner Leser. Kleine M\u00e4dchen werden brutal ermordet, ein Bau- und Korruptionsskandal scheint damit verkn\u00fcpft, Leeds und Umgebung sind trostlos, seine Einwohner verzweifelt oder zynisch, brutal oder hilflos, wahrscheinlich alles zusammen. Gewalt regiert, die S\u00e4fte flie\u00dfen, unser Held ist so weit entfernt von einem Helden, wie es weiter nicht sein kann, am Ende \u00fcberschlagen sich die Ereignisse, alles wird gut, das hei\u00dft: Alles wird noch schlechter.<\/p>\n\n\n\n<p>Noir? Hard boiled? Ekelerregend? Nat\u00fcrlich. Meinetwegen. Vor allem aber: ein Werk, das verharmlost, aus dem es moralinsauer tr\u00f6pfelt, das von seiner krimidramaturgischen Konstruktion haneb\u00fcchen daherkommt, aufgesetzt und auf den vordergr\u00fcndigen Effekt hin in Szene gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit dem Hier und Jetzt der Handlung. Yorkshire, 1974, das sind klare Ansagen. Doch was bietet Peace? Zeichnet er ein Gem\u00e4lde dieses Ortes, dieser Zeit? Nichts weniger. Wie auch immer die Lebensumst\u00e4nde in Yorkshire im Jahre 1974 gewesen sein m\u00f6gen \u2013 wir erfahren es nicht. Stattdessen erhalten wir ein aus Variationen der Unfarbe Schwarz zusammengeschmiertes St\u00fcck erz\u00e4hlerischer Leinwand, alles ist b\u00f6se, alles hoffnungslos, alles schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Logischerweise sind auf diesem Bild die handelnden Personen als Charaktere nicht zu erkennen. Wir k\u00f6nnen, mit etwas M\u00fche, die ganz B\u00f6sen von den weniger B\u00f6sen unterscheiden, zu letzteren geh\u00f6rt auch der Protagonist Dunford, der, wann immer ihm ein schrecklicher Gedanke kommt, sogleich loskotzt. Dieses Kotzen ist quasi die moralische So\u00dfe, die sich \u00fcber den Text ergie\u00dft. Es ist eine f\u00fcrchterliche, weil eindimensionale, nicht reflektierte und nicht reflektierende Moral. Wir werden mit der Unmoral konfrontiert und haben die gef\u00e4lligst zum Kotzen zu finden. Das war\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Verharmlosend. Man schneidet einem Schwan bei lebendigem Leib die Fl\u00fcgel ab und n\u00e4ht sie auf den R\u00fccken eines ebenfalls noch lebenden kleinen M\u00e4dchens, dessen Vagina zuvor mit dem Stiel einer Rose maltr\u00e4tiert wurde. Ein Zigeunerlager brennt, die Polizei steht grinsend daneben. Die Mutter eines der verschwundenen M\u00e4dchen springt auf, schreit \u201eIch liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!\u201c, blo\u00df weil Eddie Interesse daran bekundete, das Schicksal ihres Kindes aufzukl\u00e4ren. Dann gehen sie miteinander ins Bett, die Mutter spricht von ihrem Kind, Eddie vollzieht den Akt wie eine n\u00fcchterne Buchhalterarbeit (eine der gro\u00dfartigsten Szenen des Romans). Sp\u00e4ter n\u00f6tigt er die Frau zum Analverkehr, bis das Blut flie\u00dft. Und so weiter, keine Differenzierungen, keine Tiefe.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles ist eins. So wie das Personal allenfalls am\u00f6biale Funktionen hat, so ist auch das Grauen vom Allt\u00e4glichen nicht zu trennen. Das w\u00e4re immerhin eine interessante These, wenn sie nicht mit der gro\u00dfen Schaufel auf die Seiten geschippt worden w\u00e4re, so plakativ, so erschlagend, so undurchdringlich. Man nimmt es hin \u2013 oder nicht. Kein anderer Weg ist m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Krimi selbst? Ich gestehe, dass ich es auf den letzten Seiten aufgegeben habe, die Schuldigen auseinander zu halten. Irgendetwas mit Bauspekulationen hatte es wohl zu tun, die mit Gewalt in die Handlungsf\u00fchrung gezw\u00e4ngt worden sind, weil es heutzutage zu einem \u201ekritischen Krimi\u201c dazugeh\u00f6rt, auch die Gro\u00dfkopfeten zu gei\u00dfeln. Wer hat wen ermordet und warum? Keine Ahnung. Es hat mich auch nicht mehr interessiert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e1974\u201c ist das Paradebeispiel eines v\u00f6llig \u00fcberbewerteten Krimis, dessen Sprache vorgibt, \u201eliterarisch\u201c zu sein (dabei werden stets nur die gleichen Muster wiedergek\u00e4ut; am Anfang interessant, sehr schnell jedoch erm\u00fcdend. Schnelligkeit als M\u00e4ntelchen f\u00fcr erz\u00e4hlerische Kurzatmigkeit). Diese Sprache wohl auch ist es, neben der schieren Brutalit\u00e4t, die unsere Kritiker hat zu Kreuze kriechen lassen. \u00dcber einen solchen Roman schreibt man nichts Schlechtes, zumal wenn der Vorg\u00e4nger-Rezensent es auch nicht getan hat. So baut sich Hype auf. Schade, Schande.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Diese Rezension dient ausschlie\u00dflich dem Ausbau der Meinungsvielfalt. Sie ist negativ, weil alle anderen positiv sind. Sie w\u00e4re positiv, w\u00e4ren alle anderen negativ.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">David Peace: 1974. <br \/>Liebeskind 2005, 384 Seiten, 22 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Achtung! Die nachfolgende Rezension gibt nicht die Meinung des Rezensenten wieder!) David Peaces \u201e1974\u201c geh\u00f6rt in mancherlei Hinsicht zu den \u00e4rgerlichsten Erscheinungen des bisherigen Krimijahres. 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