{"id":15833,"date":"2011-05-14T09:30:11","date_gmt":"2011-05-14T09:30:11","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/nachruf-auf-guido-rohm\/"},"modified":"2022-06-09T22:53:42","modified_gmt":"2022-06-09T20:53:42","slug":"nachruf-auf-guido-rohm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/nachruf-auf-guido-rohm\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Guido Rohm"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"225\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/pathologie-252.jpg\" alt=\"pathologie-252.jpg\"\/> Der Kriminalschriftsteller Guido Rohm (<em>Blut ist ein Fluss<\/em>, als Simon Beckett <em>Tiere<\/em> u.a.) hat heute, in den fr\u00fchen Morgenstunden des 14. Mai 2011 \u2192<a href=\"http:\/\/guidorohm.wordpress.com\/2011\/05\/14\/guido-rohm-segnet-das-zeitliche\/\">das Zeitliche gesegnet<\/a>. Diese an sich schon ersch\u00fctternde Nachricht trifft mich umso schwerer, als ich selbst diese Katastrophe ausgel\u00f6st habe. Bei den Arbeiten an meinem neuen, sehr mysteri\u00f6sen, inzwischen schon Kultstatus erreicht habenden Werk <em>Das gro\u00dfe Totenbuch der Kriminalliteratur. Eine Vademekum f\u00fcr die ganze Familie <\/em>(im Herbst bei Conte) war mir aufgefallen, dass noch kein Kriminalschriftsteller, keine Kriminalschriftstellerin an einem 14. Mai die Welt betreten resp. das Zeitliche gesegnet hat. Eine entsprechende launige Aufforderung bei Facebook nahm Rohm zum Anlass, mir in die Hand hinein zu versprechen, dieses Manko p\u00fcnktlich zu beheben. Er hat Wort gehalten. Wer aber war Guido Rohm?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Geboren wurde er am 26.8.1970 in Fulda, der alten erzkonservativen Bischofsstadt, in der er auch zum Manne reifte. Die r\u00e4umliche N\u00e4he zu den Kirchenf\u00fcrsten, die alles M\u00f6gliche segneten, blo\u00df nicht das Zeitliche, weckte schon fr\u00fch den Wunsch, ebenfalls auf dem Gebiet der Segnungen t\u00e4tig zu werden. Zugleich jedoch war die best\u00e4ndige Indoktrination mit klerikalem Moralterror pr\u00e4gend f\u00fcr das nach Wissen und Erkenntnis d\u00fcrstende Kind. So etwa trieb die Behauptung, dauerndes Onanieren f\u00fchre zu Erblindung und der Ausbildung des sogenannten Spermabuckels, den jungen Rohm dreimal t\u00e4glich zu \u00f6rtlichen Augen\u00e4rzten und Orthop\u00e4den. Auch die sogenannte Erbs\u00fcnde machte ihm zu schaffen. Bedeutete nicht die Tatsache, dass er den Vornamen mit einem FDP-Vorsitzenden teilte, alles M\u00f6gliche, nur nichts Gutes? Und war ROM nicht an mehr als einem Tag erbaut worden, er, ROHM, aber in Windeseile gezeugt? All das nagte an ihm und f\u00fchrte dazu, dass sich das Minderwertgef\u00fchl, gepaart mit dem Schuldgef\u00fchl, endlich Bahn brach und Guido Rohm zu schreiben begann. <em>Alles muss raus<\/em>, hatte der Kaufmannslehrling im Berufsschulunterricht erfahren \u2013 und er handelte danach.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst ohne Erfolg. Seine experimentelle Prosa (<em>Ein Schei\u00dftext<\/em>, 1992, Selbstverlag) re\u00fcssierte ebenso wenig wie seine Lyrik (<em>Ein Schei\u00dfgedicht<\/em>, 1994, Selbstverlag) und seine dramatischen Versuche (<em>Ein Schei\u00dftheaterdreck<\/em>, 1995, aufgef\u00fchrt von der Klasse 9A des katholischen M\u00e4dchengymnasiums Rosa Luxemburg Fulda). Inzwischen Filialleiter bei TENGELMANN, verlegte sich der Autor endlich und schlie\u00dflich auf das Schreiben von Kriminalromanen. In einem Gespr\u00e4ch mit der Presse \u00e4u\u00dferte er dazu: <em>Das Schreiben von Kriminalromanen ist recht simpel. Einer mordet, einer wird ermordet, einer ermittelt und einer liest den ganzen Schei\u00df. Letzteres hoffentlich viele. <\/em>Bevor er jedoch mit seinem Deb\u00fct <em>Blut ist ein Fluss<\/em> (Seeling Verlag, 2010) zum Liebling der Kritiker und Cocktailpartys wurde, versuchte er sich unter dem Pseudonym Samuel Beckett an schwachbr\u00fcstigen Thrillern \u2013 und hatte endlich, wenigstens finanziellen, Erfolg. Zu Bestsellerehren gekommen, k\u00fcndigte er bei TENGELMANN und leistete sich eine Finca bei Facebook, wo er sein Dasein als Neureicher mit allerhand zumeist nervigen Eintr\u00e4gen genoss.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun also hat Guido Rohm das Zeitliche gesegnet. Die Fahnen in Fulda wehen bereits auf Halbmast, die ortsans\u00e4ssigen Augen\u00e4rzte und Orthop\u00e4den trauern um ihren besten Kunden, die ebenfalls ortsans\u00e4ssigen Bisch\u00f6fe sehen sich best\u00e4tigt: Selbstbefriedigung, auch literarische, f\u00fchrt zu nix Gutem, h\u00e4tte er doch uns mal machen lassen. Das Werk Guido Rohms aber lebt weiter, ein zweiter Krimi ist f\u00fcr den Herbst angek\u00fcndigt, <em>das gro\u00dfe Totenbuch der Kriminalliteratur <\/em>wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Farewell, Guido Rohm, well done.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kriminalschriftsteller Guido Rohm (Blut ist ein Fluss, als Simon Beckett Tiere u.a.) hat heute, in den fr\u00fchen Morgenstunden des 14. Mai 2011 \u2192das Zeitliche gesegnet. Diese an sich schon ersch\u00fctternde Nachricht trifft mich umso schwerer, als ich selbst diese Katastrophe ausgel\u00f6st habe. 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