{"id":15856,"date":"2005-07-27T07:45:30","date_gmt":"2005-07-27T07:45:30","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/iain-levison-betriebsbedingt-gekuendigt-2\/"},"modified":"2022-06-06T22:48:18","modified_gmt":"2022-06-06T20:48:18","slug":"iain-levison-betriebsbedingt-gekuendigt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/iain-levison-betriebsbedingt-gekuendigt-2\/","title":{"rendered":"Iain Levison: Betriebsbedingt gek\u00fcndigt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das Hinternet ist stolz auf sich. Ein hochkar\u00e4tiger Gastkritiker bespricht f\u00fcr uns exklusiv Iain Levisons Roman \u201eBetriebsbedingt gek\u00fcndigt\u201c. Und Vinzenz Wehrlin, arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Sprecher des \u201eWahlb\u00fcndnisses Schwarzer September\u201c (der Zusammenschluss aller im Bundestag vertretenen demokratischen Parteien zur Abwehr der roten Gefahr), zeigt sich schwer beeindruckt. Aber lesen sie halt selbst.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Diesen Roman wird man, wenn das Gute am 18. September gesiegt hat, als Zwangslekt\u00fcre in den Warter\u00e4umen der Arbeitsagentur auslegen! Ein Signal, liebe Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger! Und au\u00dferdem mit knappen 220 Seiten \u00fcberschaubar, lehrreiche und kurzweilige Lekt\u00fcre f\u00fcr die Wartezeit auf den tristen Fluren.<\/p>\n\n\n\n<p>Worum geht es in Iain Levisons Krimi? Ein Mensch namens Jake hat seine Arbeit in der Fabrik verloren. Das ist tragisch, wie wir alle wissen, aber angesichts der allgemeinen Lage nicht zu \u00e4ndern, jedenfalls nicht unter einer rotgr\u00fcnen Regierung oder gar einer g\u00e4nzlich roten mit diesem nervigen Saarl\u00e4nder da. Jake ist bedr\u00fcckt, und auch das verstehen wir gut. Doch bleibt er es auch? Mitnichten! Jake bekommt eine Chance \u2013 und er nutzt sie! Diese Chance, wieder auf dem Arbeitsmarkt Fu\u00df zu fassen, hat nichts mit Jakes erlerntem Beruf zu tun. Er soll Menschen umbringen, was nicht einmal die Arbeitsagentur, die doch sogar H\u00e4kelkurse f\u00fcr Einarmige finanziert, in einer Weiterbildungsma\u00dfnahme lehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland, das wissen wir alle, w\u00fcrde jeder Mensch es entr\u00fcstet von sich weisen, einen Job zu machen, den er nicht gelernt hat (Politiker ausgeschlossen)! Das ist unser gro\u00dfer Standortnachteil! Professoren, die W\u00fcrstchen verkaufen, ja, selbst h\u00f6here Angestellte, die den Wald fegen \u2013 die gibt es bei uns nicht! Schon allein deswegen ist Jake, allenfalls angelernter Killer, ein Vorbild f\u00fcr jene Benutzer der sozialen H\u00e4ngematten, die wir (wartet nur, bis der 18. September vor\u00fcber ist!) aber derma\u00dfen kappen werden, dass ganz Deutschland durch den harten Aufprall fetter und fauler \u00c4rsche auf dem Boden der \u00f6konomischen Tatsachen \u2013 aber jetzt gehen die realpolitischen Visionen mit mir durch, ich bitte um Entschuldigung und kehre zu Levisons Buch zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Jake mordet also und verdient ganz gut dabei. Ja, aufgepasst!, er mordet selbst in seiner Freizeit, unbezahlte \u00dcberstunden sozusagen, er mordet, weil er einem Freund den Arbeitsplatz sichern will, im freiwilligen Ehrenamt gewisserma\u00dfen. Jake hat erkannt, dass man nur als Arbeiter ein sinnvolles Leben f\u00fchren kann. Sch\u00f6n; er ist immer noch sauer auf die Shareholder mit ihren Values, auf die Globalisten und Gewinnmaximierer \u2013 wir verzeihen es ihm. Die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge versteht Jake nicht, aber sein Instinkt sagt ihm, dass jede Arbeit besser ist als keine. Oder, wie es unser Mitglied Westerwelle neulich wieder einmal anl\u00e4sslich einen Stehempfangs f\u00fcr die St\u00fctzen der Industrie zum Besten gab: Sozial ist, was Arbeit schafft (Mei, was haben die gelacht!)!<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben: Man hat als Leser zun\u00e4chst gewisse moralische Bedenken. Auftragsm\u00f6rder? Ist das, rein christenm\u00e4\u00dfig, nicht eigentlich verboten? Nun, Menschen, die vierzig Jahre lang hart und vern\u00fcnftig gearbeitet haben, binnen kurzer Zeit in die Armut zu schubsen, war auch mal verboten! Aber die Reformen, die wir nicht nur hierzulande, aber besonders hierzulande brauchen, machen auch nicht vor den \u00fcberkommenen Werten unserer Vorv\u00e4ter halt. Im Gegenteil. Wer das Grundgesetz austrickst, der kann sich auch an Mord und Totschlag gew\u00f6hnen, wenn es Arbeitspl\u00e4tze schafft. Agenda 2010, ganz praktisch, ganz ohne Sozialromantik.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gestehe frank und frei, dass mich Jakes Geschichte zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt hat. Das hehre Ethos der Arbeit, dieses l\u00e4ngst verloren gegangene Gut, das uns nach 45 aus der Schei\u00dfe gezogen hat \u2013 es lebt noch! Ein Mann erf\u00fcllt seine Pflichten dort, wo man ihn hinstellt! Er denkt nicht moralisch, sondern \u00f6konomisch, er wei\u00df, dass Arbeit frei ma&#8230; \u00e4h, ich wollte sagen: Dass Arbeit und Freiheit eins sind, und da uns die Freiheit inzwischen so piepegal geworden ist, ist es uns auch schnurz, mit welcher Arbeit wir sie uns erk\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Levison hoch anzurechnen, dass er in seinem Bem\u00fchen, die ge\u00e4nderten sozialen und moralischen Rahmenbedingungen aufzuzeigen, auch vor dem letzten logischen Schluss nicht zur\u00fcckschreckt. Eigentlich muss in einem Krimi immer das Gute siegen, und das Gute, das ist immer die Polizei. Jedenfalls in den alten Krimis, die noch mitten im Reformstau geschrieben wurden. Auch hier wird der Freund des gepflegten literarischen Verbrechens umdenken m\u00fcssen. Agatha Christie? Gut und sch\u00f6n, aber in unserer heutigen Welt nicht mehr zu gebrauchen. Das Gute, das ist der Wille, durch eigener H\u00e4nde Arbeit zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben zu verdienen! Nicht immer Sozialknete abgreifen! Jake, der seinen Job sehr erfolgreich erledigt, beschlie\u00dft am Ende, das Joch der abh\u00e4ngigen Besch\u00e4ftigung endg\u00fcltig abzulegen und als kleiner mittelst\u00e4ndischer Unternehmer, sprich: Mitbesitzer einer Tankstelle, selbst Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen und f\u00fcr bl\u00fchende Landschaften zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland, das wissen wir, h\u00e4tte es Jake schwerer, w\u00fcrde ihm die exorbitante Gewerbesteuer einen Strich durch die Rechnung machen, ihm die Butter vom Brot, die Radkappen vom Ferrari nehmen. In Wisconsin indes, wo Levisons Roman spielt, reicht die Bankb\u00fcrgschaft eines Gro\u00dfkriminellen. Das nennen wir B\u00fcrokratieabbau! Und so sind alle zufrieden. Jake, der eine scharfe Braut, eine florierende Tankstelle und ein zerlegbares Gewehr mit Zielfernrohr und Schalld\u00e4mpfer bekommt, die Gesellschaft, der man einen Arbeitslosen mehr erspart hat, und, last but not least, die deutsche Politik, die mit Levisons Buch in der Hand fr\u00f6hlich in den Wahlkampf ziehen kann. Auch hierzulande gibt es einen Markt f\u00fcr Auftragsmorde! Man muss ihn nur bedienen! Ich danke Ihnen f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ja: Und schreiben kann dieser Levison auch noch! Pointiert, witzig, \u00f6konomisch, intelligent. Falls das irgend jemanden interessiert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Iain Levison: Betriebsbedingt gek\u00fcndigt. <br \/>Matthes &amp; Seitz 2005.218 Seiten, 19,80 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Hinternet ist stolz auf sich. 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