{"id":15870,"date":"2011-05-16T09:45:24","date_gmt":"2011-05-16T09:45:24","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/dickey-osborn-household-ein-archetypus-des-krimis\/"},"modified":"2022-06-16T22:00:07","modified_gmt":"2022-06-16T20:00:07","slug":"dickey-osborn-household-ein-archetypus-des-krimis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/dickey-osborn-household-ein-archetypus-des-krimis\/","title":{"rendered":"Dickey, Osborn, Household: ein Archetypus des Krimis"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist d\u00fcnnes Eis, auf dem wir wandeln. Darunter brodelt Magma, unter der Erdkruste wie unter dem Zivilisations\u00fcberzug, und jeden Moment drohen wir einzubrechen, unser bisschen Zivilisiertheit verdampft im Triebhaften, das angelernte Gute l\u00f6st sich im archaisch B\u00f6sen auf. So jedenfalls sagt es ein Gemeinplatz der philosophischen Psychologie, davon handelt Kriminalliteratur generell. Von dieser hauchd\u00fcnnen Distanz zwischen Kultur und Natur, Gutb\u00fcrgerlichkeit und Verbrechen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Gleich zwei Romane, Klassiker der Spannungsliteratur und Belegst\u00fccke dieser Theorie, sind nun binnen Monatsfrist neu aufgelegt worden, James Dickeys <em>Flussfahrt<\/em> (Seeling Verlag) und <em>Jagdzeit<\/em> von David Osborn (Pendragon Verlag) . Man kann ein drittes Werk, 2009 wiederver\u00f6ffentlicht und nicht weniger klassisch, hinzunehmen, Geoffrey Households <em>Einzelg\u00e4nger, m\u00e4nnlich <\/em>(Verlag Kein und Aber), denn auch darin erleben wir, wie das Eis der domestizierten Triebe schmilzt und der Mensch zu dem wird, was er normalerweise zu verbergen sucht: ein seiner Natur nach unberechenbares, regelloses und h\u00f6chst egoistisches Wesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei aller Verschiedenheit der Ausarbeitung liegt diesen Texten ein gemeinsames Muster zugrunde. Sie operieren mit den Metaphern von J\u00e4gern und Gejagten, verpflanzen ihr Personal unvorbereitet in eine landschaftliche Wildnis, wo sie sich behaupten und den archaischen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Natur anpassen m\u00fcssen oder zugrunde gehen. Nach und nach verliert sich so auch noch der letzte Rest Moral, der \u00dcbergang von verstandeslastigem Menschen zur ums nackte \u00dcberleben k\u00e4mpfenden Kreatur ist flie\u00dfend. Was aber so nach au\u00dfen gebracht und als Kontrast von st\u00e4dtischer Zivilisation und l\u00e4ndlicher Archaik beschrieben wird, ist in Wirklichkeit ein innerer Konflikt, der psychisches Befinden verdeutlicht. Die Killer in Osbornes <em>Jagdzeit<\/em> schalten zwischen b\u00fcrgerlichem Funktionieren und animalischer Beutegier anscheinend souver\u00e4n und im bewussten Besitz ihrer zivilisatorischen Errungenschaften hin und her. Dickeys <em>Flussfahrt<\/em> macht das Triebhafte zu einem Bestandteil des Rationalen, es begr\u00fcndet logisch, warum man t\u00f6ten muss. Bei Household nun wird der Gejagte ebenso notwendigerweise zum J\u00e4ger, er muss es, um zu \u00fcberleben. Diese Verwandlung vom Gejagten zum J\u00e4ger und umgekehrt zerbricht das g\u00e4ngige Schema der strikten Trennung von Gut und B\u00f6se \u2013 und ist nicht nur eine psychologischer, sondern dar\u00fcber hinaus auch ein politischer Befund.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Texte von Dickey und Osborn entstanden nicht zuf\u00e4llig 1970. Sie waren eine Reaktion auf die weltpolitisch-ideologische Lage, insbesondere auf den Vietnamkrieg, der genau dieses Grundmuster des Krimis in seiner schmutzigen Praxis vorf\u00fchrte. Fl\u00e4chenbombardements mit Napalm bedeuteten eben nicht, die d\u00fcnne Schicht der Zivilisation (<em>das Gute<\/em>) sei \u00fcber dem Inferno (<em>dem B\u00f6sen<\/em>) zerbrochen. Sie waren Teile dieser Zivilisation. Households Buch, 1939 erschienen, reflektierte die diktatorischen Verh\u00e4ltnisse schlechthin, Hitlerei und Stalinismus, aber auch die sogenannten Demokratien, hinter denen ebenfalls Mechanismen der Unterdr\u00fcckung und subtilen Repression steckten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die daraus zu ziehenden Schl\u00fcsse sind in allen drei Romanen beunruhigend. Unsere Vorstellung von der d\u00fcnnen Zivilisationsschicht \u00fcber der latenten Triebhaftigkeit ist eine romantische Verbr\u00e4mung. Sie suggeriert n\u00e4mlich Beherrschbarkeit, eine zumindest versuchte \u00dcberwindung des B\u00f6sen. Doch sowohl Dickey als auch Osborn und Household wissen es besser: Die Zivilisation regiert auch in der instinktbeherrschten Wildnis unseres Ichs und dieses wiederum manipuliert unser moralisch-b\u00fcrgerliches Regelwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>Neu ist das nicht, sondern vielmehr ein Archetypus von Verbrechens- und Kriminalliteratur, nachzuweisen bei den griechischen Trag\u00f6den, bei Schiller und Kleist, bei Georges Simenon, der B\u00fcrgerlichkeit immer als eine Grundbedingung von triebhaftem Animalismus identifizierte und Dashiell Hammett, der diese Definition umkehrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrliche Besprechungen der B\u00fccher von Dickey und Osborn folgen, zu Household gibt es sie bereits \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/09\/geoffrey-household-einzelgaenger-maennlich.php\">hier<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist d\u00fcnnes Eis, auf dem wir wandeln. 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