{"id":15881,"date":"2005-08-09T08:40:15","date_gmt":"2005-08-09T08:40:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/jeffery-deaver-the-vanished-man\/"},"modified":"2024-04-06T03:31:54","modified_gmt":"2024-04-06T01:31:54","slug":"jeffery-deaver-the-vanished-man","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/jeffery-deaver-the-vanished-man\/","title":{"rendered":"Jeffery Deaver: The vanished man"},"content":{"rendered":"\n<p>Lincoln Rhyme ist gegenw\u00e4rtig vermutlich <em>der<\/em> legitime Nachfolger Sherlock Holmes\u2019. Wie dieser widmet er sich der minuti\u00f6sen Analyse von am Tatort gefundenen Spuren. W\u00e4hrend Sherlock Holmes mit aus heutiger Sicht etwas altmodischem Werkzeug zu Werke ging, verwendet Lincoln Rhyme [von Deaver allerdings sehr frei angewendete] \u201estate-of-the-art\u201c &#8211; Werkzeuge, wie Gaschromatograph, hochaufl\u00f6sendes Mikroskop und die Kommunikationsm\u00f6glichkeiten des Internets.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sherlock Holmes \u00fcberraschte die Leser h\u00e4ufig mit extrem eigenwilligen, teilweise willk\u00fcrlichen Schlussfolgerungen. Diese pure Form des abstrakten Krimi-R\u00e4tsels ist ziemlich schnell aus der Kriminalliteratur verschwunden; w\u00e4hrend heutzutage literarische Elemente die meisten B\u00fccher der Gattung dominieren. So gesehen sind die Romane mit Lincoln Rhyme, wenn auch technisch aufgedonnert, Relikte einer untergegangenen Krimiepoche.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnell ist klar, der T\u00e4ter in \u201eThe vanished man\u201c ist ein gelernter Magier, ein Illusionist, einer der sich wie Houdini entfesseln kann und Zauberkunstst\u00fcckchen mit den H\u00e4nden beherrscht. So einer macht es den Gegnern schwer und dem Autor leicht: Jeder Bruch im Plot kann als Zauberkunstst\u00fcck gedeutet werden. Hier liegt gleichzeitig der Reiz und die Schw\u00e4che des Buches: Deaver nimmt die T\u00e4uschungen der Illusionisten auf und, im Gegensatz zu sonstigen Gepflogenheiten im Genre, arbeitet offen mit ihnen. Das ist pfiffig und unterhaltsam, aber wenn man es \u00fcbertreibt auch erm\u00fcdend.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch besteht quasi aus zwei Teilen. Im ersten Teil ist das Buch ein typischer Vertreter der Rhyme und Sachs Serie: Das ewiggleiche Schnitzeljagdspiel, der ewiggleiche latente Zorn Rhymes \u00fcber die Welt, und wieder einmal wird seine physische Unterlegenheit ausgenutzt und er \u00fcberfallen. Soweit nichts Neues.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeffery Deaver jedoch scheint zu ahnen, dass diese Serient\u00e4tergeschichten sich totlaufen, und w\u00e4hrend der Leser das Gef\u00fchl hat, dass die Story zu Ende erz\u00e4hlt ist, expandiert sie in Wirklichkeit, versucht sich von der sinn-, ziel- und geschichtslosen Schnitzeljagd zu einer Geschichte weiter zu entwickeln. So steckt der Leser pl\u00f6tzlich irgendwie in einer Verschw\u00f6rungsgeschichte, wo wei\u00dfe Suprematisten versuchen, einen Staatsanwalt zu t\u00f6ten. Hier schl\u00e4gt die Story Hacken wie ein tollw\u00fctiger Hase. Finte um Finte und Gegenfinte um Gegenfinte, am Ende h\u00e4ngt der Leser halb besinnungslos in den Seilen und l\u00e4sst die Geschichte mit sich geschehen. Das mag, wie Achterbahnfahren, eine Weile ganz unterhaltsam sein, aber eine Geschichte wird daraus eigentlich nicht. Nein, letztlich hat der Autor die Geschichte zu Tode pirouettiert. Die Vielzahl der Einf\u00e4lle l\u00e4sst die Handlung nicht komplex, sondern gewollt erscheinen und manche der Handlungsf\u00e4den sind so kurz entwickelt, dass sie (paradoxerweise) vom Leser antizipiert werden k\u00f6nnen \u2013 nur, dass Rhyme auf die L\u00f6sung kommt, wirkt mitunter etwas willk\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei arbeitet Deaver in diesem Buch mit einer Idee, die wirklich Potential besitzt, und er ist eigentlich ein guter Schriftsteller. Einer, der gekonnt turbulente Szenen vor sich hertreiben kann, der seine Sprache beherrscht und Symbolik geschickt einsetzen kann. Und erz\u00e4hlen &#8230; erz\u00e4hlen kann er sowieso &#8230; nur leider keine Geschichten.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jeffery Deaver: The vanished man. A Lincoln Rhyme Novel. <br \/>Pocket Books 2004, 528 Seiten, 7,49 \u20ac<br \/>(deutsch als \"Der faule Henker\", Blanvalet 2004, 22,90 \u20ac)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lincoln Rhyme ist gegenw\u00e4rtig vermutlich der legitime Nachfolger Sherlock Holmes\u2019. Wie dieser widmet er sich der minuti\u00f6sen Analyse von am Tatort gefundenen Spuren. 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