{"id":15896,"date":"2005-08-13T08:00:00","date_gmt":"2005-08-13T08:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/sommerkrimi-5\/"},"modified":"2022-06-09T22:51:42","modified_gmt":"2022-06-09T20:51:42","slug":"sommerkrimi-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/sommerkrimi-5\/","title":{"rendered":"Sommerkrimi -5-"},"content":{"rendered":"\n<p>Auf den fernen Kontinent der Kindheit f\u00fchrt uns der heutige Sommertrip. Nein, eine Feuerzangenbowle werde ich nicht ansetzen. Statt der Dampfmaschine sorgten Beatles und Stones f\u00fcr m\u00e4chtig Druck, die harmlosen Streiche waren dem gewichen, was sp\u00e4ter als \u201e1968\u201c legend\u00e4r wurde, und in Bonn d\u00fcmpelte die Gro\u00dfe Koalition, die uns auch heuer wieder erwartet.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sei\u2019s drum. Davon bekam ich nichts mit. Meine kriminelle Energie ersch\u00f6pfte sich im Eintunken kreischender M\u00e4dchen in die Chlor-Piss-Br\u00fche des Freibades, und das w\u00f6chentliche Aufsuchen der kleinst\u00e4dtischen Pfarrb\u00fccherei war der einzige Tribut, den ich einer allm\u00e4hlich sich meiner bem\u00e4chtigenden Leselust zollte.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Pfennige betrug die Leihgeb\u00fchr f\u00fcr Sch\u00fcler, zehn f\u00fcr Erwachsene, und Karl-May-B\u00e4nde z\u00e4hlten als Erwachsenenb\u00fccher, w\u00e4hrend \u00fcbel kastrierte Ausgaben des \u201eLederstrumpf\u201c und von \u201eGullivers Reisen\u201c als kindgerechte Lekt\u00fcre durchgingen. Doch nach denen stand mir der Sinn nur am Rande, ja, das waren Ersatzbeschaffungen, Sekund\u00e4rbefriedigungen, weil ich wieder einmal des wahren Objektes der Begierde nicht habhaft geworden war: \u201eDas rote U\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag, an dem mir das sonst st\u00e4ndig ausgeliehene Buch in die H\u00e4nde fiel, war ein Highlight meines jugendlichen Daseins, und w\u00e4re ich schon in der Pubert\u00e4t gewesen, h\u00e4tte ich das \u00e4ltliche Fr\u00e4ulein, das mir diesen \u201eKinderkrimi\u201c schlie\u00dflich aush\u00e4ndigte und daf\u00fcr meinen F\u00fcnfer in Empfang nahm, schier abgek\u00fcsst. Heimrennen, kein Gedanke mehr an die M\u00e4dels in der Br\u00fche des Freibads, Buch aufgeklappt, lesen. Und entt\u00e4uscht sein. Nicht richtig entt\u00e4uscht. Aber irgendwie schon, nicht wissen warum.<\/p>\n\n\n\n<p>1932 war Wilhelm Matthie\u00dfens \u201eDas rote U\u201c erstmals erschienen, die Geschichte einer Jugendbande, der ein geheimnisvolles und unsichtbares \u201erotes U\u201c Briefe mit Anweisungen schreibt, sich zum Anf\u00fchrer aufschwingt und den vier Jungs plus ein M\u00e4dchen immer wieder neue und heikle Aufgaben stellt. Da gilt es, die V\u00f6gel des versoffenen Schusters aus dem Gef\u00e4ngnis ihrer Kellervoliere zu befreien, einem Arbeitslosen binnen einer Woche Arbeit zu verschaffen oder daf\u00fcr zu sorgen, dass an einem ganz bestimmten Tag die Schule ausf\u00e4llt. Endlich tauchen auch wahre Ganoven auf, es kommt zu einer Entf\u00fchrung, einer Verfolgungsjagd, einer dramatischen Rettung auf n\u00e4chtlichem Eis \u2013 und das \u201erote U\u201c offenbart sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau. Das war\u2019s. Denn wer sich hinter dem Namen \u201erotes U\u201c verbirgt, es ist so klar wie Klo\u00dfbr\u00fche, von Anfang an, und entweder war ich sauer, weil ich nicht sofort erriet, wer der Geheimnisvolle ist, oder ich war sauer, weil ich es sofort erriet und damit des roten Spannungsfadens verlustig ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ja. Jetzt, beim Wiederlesen hab ich es nat\u00fcrlich sofort rausgekriegt. Man ist ja \u00e4lter und reifer geworden, krimierfahren und das, was man einen \u201eabgewichsten Leser\u201c nennt, dem die schriftstellerischen Kniffe eines Wilhelm Matthie\u00dfen (1891 \u2013 1965 \u00fcbrigens) nur noch ein m\u00fcdes L\u00e4cheln entlocken. Daf\u00fcr sorgt anderes f\u00fcr Erheiterung. Etwa die Stelle, in der begr\u00fcndet wird, warum ein M\u00e4dchen in einer Jungenbande t\u00e4tig sein darf:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eSilli war das einzige M\u00e4dchen in der Bande und hatte ein helles K\u00f6pfchen. Sonst w\u00e4re sie auch gar nicht aufgenommen worden, obwohl sie Boddas\u2019 Schwester war. Und es hatte Boddas auch allerlei M\u00fche gekostet, seine Freunde von Sillis Wert zu \u00fcberzeugen. Freilich, nachher h\u00e4tten sie das schlaue blonde M\u00e4del nicht mehr missen m\u00f6gen. Keiner konnte so lecker Karnickel braten wie sie, konnte so wunderbar die zerrissenen Jacken und Hosen flicken; und wenn es irgendwo keinen Ausweg mehr gab \u2013 Silli wusste gewiss den aller-, allerletzten noch zu finden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ist das nicht niedlich, meine lieben emanzipierten Leserinnen? Doch, es macht schon Spa\u00df, diesen Kinderkrimi nach Jahrzehnten noch einmal in der Hand zu halten. Zumal er sauber geschrieben ist, mit den herk\u00f6mmlichen Mitteln Spannung erzeugt und f\u00fcnf Helden schafft, die man als Kind gerne auch sein m\u00f6chte. Obwohl \u2013 wenn ich heute die Wahl h\u00e4tte zwischen \u201eRotes U\u201c-Lesen und M\u00e4dels in Wasser eintunken \u2013 ich wei\u00df nicht, f\u00fcr was ich mich entscheiden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Wilhelm Matthie\u00dfen: Das rote U. <br \/>dtv 1985 (Neuauflage 2005). 172 Seiten, 5,50 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den fernen Kontinent der Kindheit f\u00fchrt uns der heutige Sommertrip. Nein, eine Feuerzangenbowle werde ich nicht ansetzen. 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