{"id":15898,"date":"2011-05-18T06:36:05","date_gmt":"2011-05-18T06:36:05","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/das-buch-und-ich\/"},"modified":"2022-06-07T15:02:51","modified_gmt":"2022-06-07T13:02:51","slug":"das-buch-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/das-buch-und-ich\/","title":{"rendered":"Das Buch und ich"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Die Diskussion um das Wesen und die Wirkung politischer Krimis geht weiter. Und zwar, was nahe liegt, unter dem Gesichtspunkt der N\u00fctzlichkeit des Lesens \u00fcberhaupt. Else Laudan beschreibt, warum sie liest und was ein Roman haben muss, um keine Zeitverschwendung zu sein. Pers\u00f6nlich \u2013 und nat\u00fcrlich politisch&#8230;)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein ganz wichtiger Punkt, \u00fcber den wir noch nicht viel gesagt haben, ist die Rezeption, also wie ein Buch bei mir wirkt, nachhallt, in mir arbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Vielleserin habe ich an jeden guten Roman unbedingt die Forderung, dass er mich nicht unbeeindruckt lassen darf. Ich will \u00fcberrascht, mitgerissen, gepackt werden, ich m\u00f6chte mitfiebern, aber auch staunen. F\u00fcr Science-Fiction und phantastische Literatur gibt es den Begriff des \u201eSense of Wonder\u201c, das finde ich ein interessantes Kriterium. Es bedeutet, dass beim Lesen neue Welten, Perspektiven, Aspekte den Geist anregen, sodass man ins Staunen ger\u00e4t. F\u00fcr mich sollte das jede gute Erz\u00e4hlung leisten, ob ich nun Jules Verne und Stanislav Lem oder Hesse, Steinbeck, Nabokov lese, Irving oder van de Wetering: Ich will beim Lesen nicht Zeit rumkriegen, sondern mich bereichern, meinen Horizont um irgendwas erweitern (sei es nun durch die Form oder durch Inhalte des Geschriebenen). Und zwar nicht wie beim Sachbuch durch meinen Eigeneinsatz m\u00fchsamen Erschlie\u00dfens und Mitdenkens, sondern (wichtig:) m\u00fchelos, genie\u00dfend. Das verlange ich von fiktionaler Literatur, dazu ist sie f\u00fcr mich da. Deshalb schm\u00f6kere ich so gern, und deshalb glaube ich auch wirklich, dass Romanlesen durchaus schlauer macht. Es ist ein ziemlich tiefgehender Akt der Kommunikation: Jemand erz\u00e4hlt etwas, und ich nehme es in mich auf, verarbeite es, lasse mich davon beeindrucken und sogar ver\u00e4ndern. Denn nach einem wirklich guten Buch bin ich nicht mehr genau dieselbe, die ich vorher war. Ja, genau das will ich von guter Lekt\u00fcre: Sie soll mich <em>bewegen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einen politischen Kriminalroman kann ich ausgehend von dieser Erwartung noch etwas Konkreteres definieren: Politische Krimis zeigen mir Aspekte der Wirklichkeit und erz\u00e4hlen von Gesellschaft \u2013 von der, in der ich lebe, oder einer, in der ich nicht selbst unterwegs bin. Sie er\u00f6ffnen mir oder verdeutlichen mir Lebensweisen, Bedingungen, Zusammenh\u00e4nge aus der realen Welt. Wenn es gute politische Krimis sind, f\u00fcllen sie Themen so mit Leben, dass ich das Erz\u00e4hlte als \u201ewahr\u201c empfinde, als zutiefst glaubhaft und plausibel, sodass es sich als Mitdenkenswertes, als eine Art Wissen, wie das Leben unter bestimmten Umst\u00e4nden ist, in meine Assoziationswelt einordnen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispiel. Wie dpr richtig schrieb, wissen wir sowieso, dass Wirtschaftsbosse menschenverachtend und Politiker korrupt sind. Doch beim Lesen von Dominique Manotti (<em>Letzte Schicht, Roter Glamour<\/em>) erschlie\u00dft sich mir, wie so ein Typ das vor sich selbst rechtfertigt. Ich kann f\u00f6rmlich miterleben, was f\u00fcr Folgen welche administrativen Winkelz\u00fcge und mafi\u00f6sen Mauscheleien auf gelebten Alltag haben. Das hat eine Wucht, die sich stark vom allgemeinen \u201esowieso wissen\u201c unterscheidet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Manotti kommt noch zweierlei hinzu: Sie schreibt \u00fcber wahre Begebenheiten, und sie schreibt unglaublich knapp und klar, was einen gewaltigen Sog erzeugt. Nach der Lekt\u00fcre ist Zeitunglesen nicht mehr dasselbe f\u00fcr mich: Ich sehe die vormals so abstrakten Parteien tagespolitischer und neuzeithistorischer Verwicklungen jetzt vor mir, wie sie mit jovialer Miene Leben ausl\u00f6schen oder sich an die Kandare nehmen, um etwas voranzutreiben \u2013 ich kann sogar erkennen, worin ich ihnen gleiche, welche \u00e4hnlichen Impulse mich treiben, wenn ich in meinem kleinen Alltagskosmos Entscheidungen treffe. Manotti holt mir die Welt n\u00e4her heran \u2013 und bei ihren Themen will das einiges hei\u00dfen, denn Wirtschafts- und Staatsaff\u00e4ren sind sonst nicht der Stoff, aus dem mein Alltag besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Beispiele. Don Winslow stellt mir in <em>Tage der Toten<\/em> mehrere Protagonisten des mexikanischen Drogenkriegs vor \u2013 und selbiger ist danach nicht l\u00e4nger ein abstraktes, fernes und unbegreifbares Debakel, sondern ein fast schon \u00fcberblickbares Interessengewirr. Deon Meyer erschafft in <em>Das Herz des J\u00e4gers<\/em> einen Helden, dessen Entwurzelung mir eine Ahnung von s\u00fcdafrikanischer Identit\u00e4t vermittelt, und liefert reichlich Hintergrund mit \u2013 gepackt im Fluss der Story kriege ich nebenbei erz\u00e4hlt, wie die Verh\u00e4ltnisse im \u201eneuen\u201c S\u00fcdafrika sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gilt genauso f\u00fcr vertrauteres Terrain. Nehmen wir Berlin, die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, aber die ich 1988 verlie\u00df. Keine Dokumentation kann mir die Folgen der Wende in Westberlin so sinnlich und komplex nahebringen, wie Pieke Biermann das z.B. in <em>Herzrasen<\/em> schafft: Ganz dicht am Polizeialltag erlebe ich, was f\u00fcr ein Eiertanz Kriminalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung in einer Stadt wird, in der die Nachwehen von 40 Jahre Ideologie und Herrschaft aufeinanderprallen, w\u00e4hrend alle nur denkbaren Kriegsgewinnlermentalit\u00e4ten das diffuse Terrain zu ihren Gunsten nutzen. (Wohlgemerkt, das steht da nicht so, sondern erz\u00e4hlt wird eine packende Kriminalgeschichte mit viel Atmosph\u00e4re und lauter lebendigen, widerspr\u00fcchlichen Figuren, die man ins Herz schlie\u00dft oder inbr\u00fcnstig verabscheut.) Zum Sommer 1989 und auf die \u00f6stliche Seite der Mauer komme ich mit Dagmar Scharsichs <em>Die gefrorene Charlotte<\/em>, und <em>Der gr\u00fcne Chinese<\/em> f\u00fchrt mich gar in der Geschichte zur\u00fcck bis 1909, wo ich Szenarien, politische Verstrickungen und Personen des Kaiserreichs kennenlerne, indem ich einer leidenschaftlichen Erz\u00e4hlerin durch eine spannende, parallel im Heute verankerte Kriminalgeschichte folge.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Anne Goldmann blicke ich ins Wiener Vorstadtleben und tief in die K\u00f6pfe von ein paar ganz normalen Mietshausbewohnern: In <em>Das Leben ist schmutzig<\/em> (literarisch \u00fcberraschend und erhellend) findet die Autorin eine ganz eigene Erz\u00e4hlweise und offenbart einiges, was mir so noch nie im Krimi begegnet, ja nicht einmal durch den Kopf gegangen ist. Das hat sie \u00fcbrigens mit der Franz\u00f6sin Fred Vargas gemeinsam: Deren skurrile, hochsensible Figuren regen mich stets dazu an, Menschen mit all ihren Macken, Hilflosigkeiten, bizarren Gewohnheiten inniger, liebevoller zu betrachten, ohne daf\u00fcr Besch\u00f6nigung zu brauchen. (F\u00fcr einen solchen Blick auf Menschen nehme ich sogar einen Serienm\u00f6rderplot in Kauf, wenn es denn sein muss.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles sind starke politische Krimis, finde ich, denn sie erz\u00e4hlen davon und wecken Interesse daran, wie Menschen unter welchen Bedingungen handeln, wie \u201ePolitik\u201c sich im Alltag auswirkt, wie Einzelne in den Verh\u00e4ltnissen stecken, wie eine Gegenwart zur Historie wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beispiele \u00f6ffnen dieses Feld nicht zuf\u00e4llig ins Geographische und Historische. Sind politische Krimis also gewisserma\u00dfen \u2013 Bildungskrimis? In der Tat, ja \u2013 aber es muss schon auch ein kritisches Anliegen darin stecken, meine ich, oder vielleicht besser: ein aufkl\u00e4rerisches Anliegen, eine Einladung dazu, selbst zu urteilen, selbst zu denken. Unsere begrenzte Alltagssicht auf die Welt zu erweitern, zu hinterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings: Wenn Autor oder Autorin mit erhobenem Zeigefinger schreiben, lege ich den Krimi sofort weg. Alle wirklich guten Autoren politischer Krimis verkneifen sich das Deuten, das Moralisieren. Sie beschr\u00e4nken sich auf das Erz\u00e4hlen von Geschichten, die Interesse wecken oder f\u00fcr Themen sensibilisieren, lassen das Geschilderte f\u00fcr sich sprechen und \u00fcberlassen das Fazit der Leserschaft \u2013 auch wenn ihre fiktiven Figuren zuweilen heftig urteilen. So wie Christine Lehmanns Lisa Nerz-Figur (9 Krimis bei Ariadne) gern provoziert und vorschnell urteilt, weil sie die gleichen Gemeinpl\u00e4tze im Kopf hat wie viele von uns: Sie ist eben keine platte, politisch korrekte Heldin, sondern eine Art Gestalt gewordene, unartige innere Stimme, die frech ausposaunt, was ihr in den Sinn kommt. Damit ist sie immer sehr nah an mir dran, ohne jemals im Mindesten wie ich zu sein \u2013 auch das kann gute Literatur leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte (f\u00fcr mich) fest: Gute politische Kriminalromane bewegen mich, dehnen meinen Horizont. Sie wecken mein Interesse an Lebensverh\u00e4ltnissen, regen an, das Gewohnte in Frage zu stellen. Sie erz\u00e4hlen mithilfe genretypischer Spannung von Menschen in Gesellschaft (kritisch, ohne zu moralisieren) und erweitern meinen Blick auf die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Else Laudan<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Die Diskussion um das Wesen und die Wirkung politischer Krimis geht weiter. Und zwar, was nahe liegt, unter dem Gesichtspunkt der N\u00fctzlichkeit des Lesens \u00fcberhaupt. Else Laudan beschreibt, warum sie liest und was ein Roman haben muss, um keine Zeitverschwendung zu sein. Pers\u00f6nlich \u2013 und nat\u00fcrlich politisch&#8230;)<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-15898","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15898","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15898"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15898\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}