{"id":15901,"date":"2005-08-12T11:31:52","date_gmt":"2005-08-12T11:31:52","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/schule-der-rezensenten-auch-fuer-dich-2\/"},"modified":"2022-06-06T20:58:11","modified_gmt":"2022-06-06T18:58:11","slug":"schule-der-rezensenten-auch-fuer-dich-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/schule-der-rezensenten-auch-fuer-dich-2\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten: Auch f\u00fcr dich!"},"content":{"rendered":"\n<p>Du magst Wolf Haas und bedauerst, dass der keine 62 Romane geschrieben hat? Du kennst das Internet und wei\u00dft, dass es dort Krimiforen gibt? Na, dann auf! W\u00e4hle dich in ein solches Forum ein und stelle die entscheidende Frage: \u201eIch lese gerne Wolf Haas und m\u00f6chte gerne wissen, ob Ihr mir \u00e4hnliche Krimis empfehlen k\u00f6nnt\u201c. Die Antworten werden nicht auf sich warten lassen, und eine wird sein: \u201eVersuch es doch mal mit dem Erstlingsroman \u201ePr\u00e4lat Abels letzte Fahrt\u201c von Gunnar Steinbach. Der schreibt auch so abgefahren!\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als akribischer Mensch besuchst du jetzt die \u2192<a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/book\/edition.jsp?edi=140776\">Homepage<\/a> des Verlags, wo auch gleich zwei h\u00fcbsch positive Meinungen zu Steinbachs Krimi auf dich warten (dass auch eine negative deiner dort harren k\u00f6nnte, hast du als intelligenter Mensch eh nicht erwartet). <em>\u201eAtmosph\u00e4risch dicht, stilistisch brillant\u201c<\/em>, so preist die \u201eSchweriner Volkszeitung\u201c, <em>\u201esarkastisch, beklemmend\u201c<\/em> f\u00fcgt \u201eDer Standard\u201c hinzu, versteigt sich dann aber zu der Mordsdummheit: <em>\u201eund fast zu gut f\u00fcr einen Kriminalroman, der als Unterhaltungsangebot daherkommt.\u201c <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schon willst du den Krimi in den \u201eWarenkorb\u201c legen, da fallen dir die famosen \u2192<a href=\"http:\/\/www.alligatorpapiere.de\/aktuell.html\">\u201eAlligatorpapiere\u201c<\/a> ein. Mal schau`n, was die so k\u00fcnden. Und tats\u00e4chlich: Die Suchfunktion der famosen \u201eAlligatorpapiere\u201c wirft dir zwei Rezensionen aus. Die erste stammt von Thomas W\u00f6rtche in seinem \u2192<a href=\"http:\/\/www.kaliber38.de\/woertche\/leich0705.htm\">Juli-\u201eLeichenberg\u201c<\/a>(Zutritt nur f\u00fcr Leute, die 3 Euro f\u00fcr 6 Monate zahlen; aber das lohnt sich), die zweite aus Joachim Feldmanns \u2192<a href=\"http:\/\/www.alligatorpapiere.de\/feldmanns-schusswechsel-sieben-borkum.html\">&#8222;Schusswechsel&#8220;<\/a>. Renommierte Namen, das, und du beginnst zu lesen. Und dein Gesicht wird l\u00e4nger und l\u00e4nger, deine Gedanken ratloser und ratloser. H\u00e4? Gibt\u2019s das? Was ist passiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas Schreckliches: Thomas W\u00f6rtche senkt den Daumen nach unten, Joachim Feldmann reckt ihn hoch. Hallo? Von Rezensionen erwartest du schlie\u00dflich, dass sie dich bei deiner Kaufentscheidung unterst\u00fctzen, das ist so eine Stiftung Krimitest, und wenn etwas mies ist, dann ist es mies, und wenn etwas gut ist, dann ist es halt gut. Was f\u00fcr einen K\u00fchlschrank gilt, hat gef\u00e4lligst auch f\u00fcr einen Krimi zu gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht bist du ein \u00fcbler Zeitgenosse und mutma\u00dft spontan, W\u00f6rtche sei ja wohl nichts weiter als ein verhinderter Krimiautor, so wie wahrscheinlich alle \u201eKritiker\u201c verhinderte Autoren sind und ihren Frust an tats\u00e4chlichen Autoren ablassen. Oder du hast aus den vielen Krimiforenbeitr\u00e4gen gelernt, wo immer dann, wenn etwas nicht so rezensiert wurde, wie es dem Leser gepasst h\u00e4tte, dieser Satz steht: \u201eDer Kritiker da soll doch erst selbst einmal so ein Buch schreiben, aber das kann er ja nicht. Also darf er auch nicht kritisieren\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mag aber auch sein, dass du Joachim Feldmann unterstellst, er sei ein Sch\u00f6nwetterkritiker. Hei\u00dft: Was ihm in die Finger kommt, das mag er. Weil: Wenn er mal etwas Negatives schreiben sollte, w\u00e4re der Verlag b\u00f6se und w\u00fcrde ihm keine Freiexemplare mehr schicken, und wer wei\u00df, wie viel B\u00fcchergeld die Frau Feldmann ihrem Mann monatlich gibt, das k\u00f6nnte dann knapp werden und der Herr Feldmann m\u00fcsste mit dem Rauchen aufh\u00f6ren, damit es f\u00fcr ein paar Krimis mehr reicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn du so oder so \u00e4hnlich denkst, bist du ein Fall f\u00fcr die \u201eSchule der Rezensenten\u201c. Nein, dort soll man nicht lernen, wie man eine Rezension schreibt, sondern wie man sie liest. Wer eine Rezension lesen kann, der ist auch auf dem besten Wege, eine schreiben zu k\u00f6nnen, das stimmt schon, aber da fehlt doch noch etwas. In der \u201eSchule der Rezensenten\u201c wirst du also lernen, dass sowohl der Herr W\u00f6rtche als auch der Herr Feldmann Recht haben k\u00f6nnten. Du wirst z.B. bemerken, dass W\u00f6rtche vor allem der fehlende Realit\u00e4tsgehalt bei Steinbach missf\u00e4llt. \u201e<em>Die Personen sind mehr Karikatur als dem Leben abgelauscht, und dennoch nicht reine Literatur\u201c<\/em>, schreibt er, und das stimmt auch. Feldmann hingegen stellt fest: <em>\u201eMit Elmar Kugelmeyer tritt endlich ein Ermittler an, dessen Charakter durch keine exzentrische Angewohnheit interessant gemacht werden muss.\u201c<\/em>, und das widerspricht irgendwie der W\u00f6rtche\u2019schen Einsch\u00e4tzung, ja?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, gar nicht. W\u00f6rtches Bezugssystem ist blo\u00df ein anderes. Er m\u00f6chte Realit\u00e4t, ist jedoch bereit, darauf zu verzichten, wenn die Story auf eine andere Ebene gehoben wird, in der nicht die Realit\u00e4t der Dinge, sondern die der Kunst-Sprache gewahrt bleibt. Im Grunde findet er Steinbachs Ansatz sympathisch \u2013 aber eben misslungen. Er balanciert auf schmalem Grat und st\u00fctzt ab, was durchaus ehrenvoll sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Feldmann hingegen stellt die Mittelm\u00e4\u00dfigkeit des Helden heraus, die die Abgefahrenheit der Handlung und des handelnden Personals ironisch bricht. Und du wirst lachen: So kann man das auch sehen. Realit\u00e4t ist f\u00fcr Feldmann eben nicht die Wahl zwischen Authentizit\u00e4t und Kunst, seine Definition verl\u00e4sst die Textebene gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt f\u00fcr dich vielleicht etwas abgehoben, und ich will jetzt mit der Rezension der Rezensionen auch aufh\u00f6ren. Sollte ja auch nur ein Beispiel sein. Am Ende n\u00e4mlich musst DU dich entscheiden, auf welcher Seite zu stehst: auf der von W\u00f6rtche oder der von Feldmann? Beide liefern saubere Arbeit und plattit\u00fcden sich nicht durch die gro\u00dfe bunte Welt der Slogans wie \u201espannend!\u201c, \u201esaulustig!\u201c, \u201ehab mich gut am\u00fcsiert!\u201c. Nein, sie begr\u00fcnden, was sie meinen. Aber das muss man schon herausarbeiten als Leser, weil nur dann eine Rezension wirklich hilfreich ist. Und das kann man lernen, sehr wohl kann man das lernen, und das ist gar nicht so schwer.<\/p>\n\n\n\n<p>Und bald, wenn die \u201eSchule der Rezensenten\u201c erst mal ihren Betrieb aufgenommen hat, kannst auch du es lernen! F\u00fcr \u201ekleines Geld\u201c, wie man so sch\u00f6n sagt, n\u00e4mlich f\u00fcr gar keins!<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ja, noch zwei Sachen: Der Herr W\u00f6rtche h\u00e4tte auch dem Herrn Feldmann seine Kritik schreiben k\u00f6nnen und umgekehrt. Das muss ein anst\u00e4ndiger Rezensent einfach drauf haben, wenn es sich anstrengt, sonst ist er kein Kritiker, sondern blo\u00df ein \u00dcberzeugungst\u00e4ter. Und: Ich habe das Buch zuf\u00e4llig gerade auch gelesen, und n\u00e4chste Woche bekommst du meine Meinung dazu zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Du magst Wolf Haas und bedauerst, dass der keine 62 Romane geschrieben hat? Du kennst das Internet und wei\u00dft, dass es dort Krimiforen gibt? Na, dann auf! W\u00e4hle dich in ein solches Forum ein und stelle die entscheidende Frage: \u201eIch lese gerne Wolf Haas und m\u00f6chte gerne wissen, ob Ihr mir \u00e4hnliche Krimis empfehlen k\u00f6nnt\u201c. 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