{"id":15911,"date":"2005-08-18T07:28:47","date_gmt":"2005-08-18T05:28:47","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/jean-amila-mond-ueber-omaha-2\/"},"modified":"2023-01-15T23:25:28","modified_gmt":"2023-01-15T22:25:28","slug":"jean-amila-mond-ueber-omaha","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/jean-amila-mond-ueber-omaha\/","title":{"rendered":"Jean Amila: Mond \u00fcber Omaha"},"content":{"rendered":"\n<p>Jean Amila (1910 als Jean Meckert geboren, 1995 gestorben) war ein Vertreter der \u201es\u00e9rie noire\u201c, jener franz\u00f6sischen Nachkriegsvariante des amerikanischen hard boiled. Eine sehr eigenst\u00e4ndige Bewegung, die den moralischen Zynismus, die schriftstellerische \u00d6konomie der Vorbilder um einige Errungenschaften der \u201ealten Welt\u201c erg\u00e4nzte. Lakonische Parolen, w\u00fctend hinausgespuckte Moral, dabei politisch wach, literarisch durchaus am Experiment und an der Provokation interessiert.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Leo Malet f\u00e4llt einem hierzulande ein, aber man sollte ihn, wenn man Amilas \u201eMond \u00fcber Omaha\u201c aufschl\u00e4gt, gleich wieder vergessen. Bei Malet erwarten uns Detektivgeschichten mit allem Drum und Dran, bei Amila geschieht zwar ein Mord, doch erst am Ende des Romans. Er ist nicht Ausl\u00f6ser der Ereignisse, sondern die Reaktion auf sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Omaha-Beach, Normandie. Hier beginnt im Juni 1944 die Invasion der Allierten, eine in ihrer Furchtbarkeit nicht mehr zu \u00fcbertreffende Opferschlacht, die Menschen als Zielscheiben aus Landungsbooten wirft, immer mehr Menschen, junge Soldaten, mehr, als die deutschen Verteidiger der K\u00fcste abschie\u00dfen k\u00f6nnen, das ist die Taktik. Unter diesen Soldaten befinden sich auch Sergeant Reilly und der Veteran Hutchins. 19 Jahre sp\u00e4ter liegt Hutchins auf dem Soldatenfriedhof an eben diesem Omaha Beach, und Reilly wacht \u00fcber die Ruhe der Toten, sorgt daf\u00fcr, dass Blumen bl\u00fchen, allmorgendlich die Fahne gehisst und die Totenerde gut ged\u00fcngt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Ableben eines der franz\u00f6sischen Friedhofsarbeiter spitzen sich die Dinge zu. Nicht nur kommt ans Licht, dass mit den Soldaten das w\u00e4hrend der Invasion verendete Vieh verscharrt wurde, auch m\u00fchsam zusammengebastelte Existenzen drohen auseinander zu brechen. Es geht um Erpressung, um das \u00dcberdr\u00fcssigwerden des eigenen Vegetierens, doch vor allem geht es um Lebensl\u00fcgen auf allen Ebenen. Das hohle Heldenzeremoniell der Soldatenfriedh\u00f6fe wird dabei ebenso entlarvt wie die Nichtigkeit jener neuen Identit\u00e4t, hinter der sich ein Deserteur 19 Jahre lang versteckt hat, und all das wird in wenigen Tagen das sein, was es immer war: L\u00fcge, Kulisse, Verkleidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Amila erz\u00e4hlt die Geschichten seiner Personen in einer so leichten wie dichten Mischung aus ironisch gebrochener Allt\u00e4glichkeit und gro\u00dfer, ehrlicher Tragik. Es geht um Kuhmist und Heldenverehrung, um Feigheit und den Mut, der sie erfordert, um einen Mann, der zu sich zur\u00fcck findet und eine Frau, die sich dabei verliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Krimi soll das sein? Ja doch; wenn man sich ein wenig von den Erwartungen l\u00f6st, die das Genre in einem zementiert hat. Amila benutzt die Elemente des Krimis \u2013 Mord, Erpressung, Leben in st\u00e4ndiger Angst vor Entdeckung -, um ein verdichtetes Bild der Welt zu schaffen, und wenn er ihr dabei den Lack abkratzt und uns das billige Material zeigt, aus der diese Welt recht eigentlich beschaffen ist, dann haben wir in diesem Bild wahrscheinlich mehr an Verbrechen gesehen, als wir in unserem Leben zusammenlesen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann dem Saarbr\u00fccker Conte Verlag nur dazu gratulieren, deutschsprachigen Lesern die M\u00f6glichkeit gegeben zu haben, mit dem Werk Amilas bekannt zu werden. Fortsetzungen erw\u00fcnscht und, dies zur Beruhigung, Amila hat sogar \u201erichtige Krimis\u201c geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Anmerkung: Auf der Umschlagr\u00fcckseite hei\u00dft es: <em>\u201eErst beim Tod des Einheimischen Fernand Delouis, der die Gedenkst\u00e4tte mit D\u00fcnger versorgt, stellt sich heraus (&#8230;)\u201c<\/em>. Dies ist nicht richtig. Fernand bleibt bis zum Schluss am Leben, es ist sein Vater Am\u00e9d\u00e9e, der das Zeitliche segnet. Beim Leser f\u00fchrt dieser Fehler zu dem putzigen Ergebnis, dass er darauf wartet, wie der nicht gerade sympathische Fernand um die Ecke gebracht wird. Und von wem? \u2013 Hier hat der Klappentexter unfreiwilligerweise Amilas Text jenen \u201esuspense\u201c verpasst, den er gar nicht hat. Und auch nicht braucht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jean Amila: Mond \u00fcber Omaha. \nConte 2005. 211 Seiten, 10 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean Amila (1910 als Jean Meckert geboren, 1995 gestorben) war ein Vertreter der \u201es\u00e9rie noire\u201c, jener franz\u00f6sischen Nachkriegsvariante des amerikanischen hard boiled. Eine sehr eigenst\u00e4ndige Bewegung, die den moralischen Zynismus, die schriftstellerische \u00d6konomie der Vorbilder um einige Errungenschaften der \u201ealten Welt\u201c erg\u00e4nzte. 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