{"id":15948,"date":"2005-09-02T07:46:52","date_gmt":"2005-09-02T07:46:52","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/arbeitslos-und-spass-dabei\/"},"modified":"2022-06-07T14:55:15","modified_gmt":"2022-06-07T12:55:15","slug":"arbeitslos-und-spass-dabei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/arbeitslos-und-spass-dabei\/","title":{"rendered":"Arbeitslos und Spa\u00df dabei"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/freitagsessay.gif\" alt=\"freitagsessay.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wer in Deutschland Humor ernstnimmt, gilt als humorlos. Wer in Deutschland humoristisch schreibt, gilt als originell. Wer in Deutschland \u00fcber Trag\u00f6dien lacht, lacht meistens \u00fcber den Trag\u00f6den und nicht \u00fcber die Umst\u00e4nde, die ihn dazu machen. Auch im Krimi.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Hartz IV, Arbeitsmarkt\u201creform\u201c: Man wei\u00df nicht, wen man mehr bemitleiden soll. Die Arbeitslosen, denen man die W\u00fcrde nimmt; die Politiker, die mit \u00fcberlebten Rezepten hilflos und panisch eine neue Welt abkochen wollen; die Arbeitgeber, die grinsend am Ast s\u00e4gen, auf dem sie jahrzehntelang bequem sa\u00dfen. Oder die Literatur, die zu alledem schweigt? Der es gen\u00fcgt, wenn die Handlanger des Elends einen sch\u00f6nen Stabreim \u2013 \u201eF\u00f6rdern und fordern\u201c \u2013 gedichtet haben, der so dumm und verlogen ist wie alle Slogans aus allen Werbekaschemmen, wo man Sprache gef\u00fcgig macht? Aber nein, so ganz schweigt man eben nicht. Arbeitslosigkeit ist ein Thema im Krimi, ganz langsam bricht das Sujet in die nichts weniger als heile Welt. Und, seltsam, immer mit Humor.<\/p>\n\n\n\n<p>Es begann mit Iain Levisons \u201eBetriebsbedingt bek\u00fcndigt\u201c, der Geschichte eines Mannes, der seine Arbeitslosigkeit dadurch \u00fcberwindet, dass er zum Auftragskiller wird und diesen neuen Job so sauber und bieder aus\u00fcbt wie jeden anderen auch. Das Buch ist gelobt worden, sehr zu recht, auch \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/07\/iain-levison-betriebsbedingt-gekuendigt.php\">hier<\/a>. Denn Levison beschreibt das Bizarre der Situation, ihre L\u00e4cherlichkeit und ihre Abgr\u00fcndigkeit. Man lacht. Aber nicht der Protagonist ist komisch, die Gesellschaft und ihre Regeln sind es. Und man lacht vor allem dort, wo die Tugenden des Arbeitnehmers, der einen Menschen t\u00f6tet, nichts weiter sind als die Tugenden des Arbeitnehmers, der ein Auto montiert oder ein Kassenbuch f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun gibt es, aus deutschen Landen, einen zweiten Krimi, der \u201eArbeitslosigkeit\u201c thematisiert. Sagt man. Jedenfalls tut dies der Gmeiner-Verlag in seinem Waschzettel.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ordnung; f\u00fcr den Inhalt eines Waschzettels kann man die Autorin Sinje Beck nicht verantwortlich machen. Die, nebenbei, aus der Werbebranche kommt, und auch das ist nichts prinzipiell Ehrenr\u00fchriges. Ihr Roman \u201eEinzelk\u00e4mpfer\u201c schildert die Verwicklungen, in die der Mittvierziger Heiner Himmel ger\u00e4t, arbeitslos, geschieden, also zwangsl\u00e4ufig verarmt, doch mit der guten Idee gesegnet, sich selbst f\u00fcr 7 \u20ac die Stunde als \u201enimm mich mit!\u201c- M\u00e4nnlein vor ein Einkaufszentrum zu stellen. Zun\u00e4chst mit m\u00e4\u00dfigem Erfolg, dann mit katastrophalem. Heiner ger\u00e4t in die Aktivit\u00e4ten einer kriminellen Vereinigung, wird pl\u00f6tzlich mutig und&#8230; aber man kennt den Inhalt von vielen anderen Gelegenheiten aus Film, Buch und Fernsehen. Sinje Beck macht das ganz okay, wenn man so etwas mag; als Erz\u00e4hlerin ist sie nicht einmal schlecht, \u201ePotenzial\u201c attestiert man ihr durchaus \u2013 nur: Wenn Sie blo\u00df nicht so witzig w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Darum soll es gehen. Witzigkeit. Und um es klar zu sagen: Ich w\u00e4re der Letzte, der es einer Autorin, einem Autor aus quasi moralischen Gr\u00fcnden untersagen w\u00fcrde, ein ernstes Thema mit Witz zu bearbeiten. Im Gegenteil. Ich kenne Comics und Kom\u00f6dien zu Auschwitz, die ergreifender sind als jede \u201eernste\u201c Aufarbeitung, ich finde Chaplins \u201eGro\u00dfen Diktator\u201c decouvrierender als eine Tausendseiten-Analyse des Anstreichers und Aquarellisten, und bei Lubitschs \u201eSein oder Nichtsein\u201c lache ich selbst anl\u00e4sslich der zwanzigsten Wiederholung Tr\u00e4nen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, es geht um etwas ganz anderes. Um die Angriffsfl\u00e4che, die sich Humor sucht, um seine generelle Funktion in einem Text. W\u00e4hrend sich bei Levison die Situation-an-sich als humorhaltig erweist und von eben diesem Humor perforiert und blo\u00dfgestellt wird, fokussiert sich die Witzigkeit bei Beck ganz auf den Protagonisten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eVom arbeitslosen Blechschlosser zum arbeitslosen Werbekaufmann \u2013 Heiner Himmels steile Karriere. Immerhin sind die Arbeitslosen heute besser qualifiziert als vor 20 Jahren, k\u00f6nnte ich mir vorstellen. (&#8230;) Bin zwar arbeitslos, aber nicht frei von Visionen. Ohne Job, aber nicht ohne Ideen. Langhaarig, aber nicht langweilig und ich habe gelernt, bilde ich mir ein. Wer nichts tut, dem wird auch nichts getan.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das ist die Mischung: Ein wenig naiv-d\u00fcmmliche Reflexion, eine Brise Optimismus und jene unertr\u00e4glichen Wortspielereien und Redensarten-Verballhornungen, ohne die eine ganze Generation von \u201estand up comedians\u201c nie von den \u00c4rschen hochgekommen w\u00e4re, in die man sie am Liebsten treten m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann ja verstehen, dass dieses Konzept, ein ernstes Thema zum Vorwand f\u00fcr einen Krimi zu nehmen und mit lockerer Sprache zu \u00fcberzuckern, so beliebt ist. Zeitgeist? Weniger. Worth\u00fclsen, Flapsereien, Witzchen aus dem unersch\u00f6pflichen Quell des Belanglos-Unverbindlichen waren und sind zu allen Zeiten gerne genommene Zutaten. Dabei ist es v\u00f6llig einerlei, ob sie die Personen, denen man solche D\u00e4mlichkeiten in den Mund legt, diskreditieren. Zeitgeist allerdings str\u00f6mt aus dem Thema und seiner Umsetzung. Gib nicht auf! K\u00e4mpfe! Du hast keine Chance, aber&#8230; auch so ein urspr\u00fcnglich genialer Satz (von Herbert Achternbusch, nebenbei), den beliebiger und wahlloser Gebrauch ausgeleiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar keine Thematisierung der Arbeitslosigkeit an sich, aber Sein und Tun eines Arbeitslosen bietet Sobo Sobodniks Krimi \u201eOktoberfest\u201c (dtv). Auch hier gilt: witzig, witzig. Indes: Es ist ausgeborgter Witz, der Sprachduktus Sobodniks ist der Sprachduktus von Wolf Haas. Nun h\u00e4tte ich nichts gegen einen Wolf Haas auf Speed, aber eine Aspirin nehmen und glauben, man k\u00f6nne jetzt ganze N\u00e4chte im Ballsaal der Sprache auf Rechnung eines anderen durchtanzen, ist denn doch etwas dreist. Ja, Wolf Haas auf Valium w\u00e4re auch ne sch\u00f6ne Idee&#8230; aber ich h\u00f6re jetzt auf, bevor ich anfange, wie Hunter S. Thompson zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob \u201eOktoberfest\u201c wenigstens ein akzeptabler Krimi ist, wei\u00df ich noch nicht. Stecke mitten in der Lekt\u00fcre. Dass sich der Autor mit gemopstem Witz die verkaufsf\u00f6rdernde \u201eOriginalit\u00e4t\u201c erschreiben m\u00f6chte, ist jedenfalls b\u00e4h.<\/p>\n\n\n\n<p>Humor im Krimi. 2005 war ein durchaus gutes Jahr daf\u00fcr. Gunnar Steinbachs Worteskapaden \u2013 sch\u00f6n, noch nicht ausgereift, aber immerhin -, Jeff Lindsays Serienkiller-Parodie \u201eDes Todes dunkler Bruder\u201c, Steinfest skurril und souver\u00e4n wie gehabt, Nury Vittachis Fengshui-Detektiv, ach, die unsterbliche Modesty Blaise nicht zu vergessen \u2013 und dass Friedrich Ani nicht komisch ist, wissen wir l\u00e4ngst, und er braucht es auch nicht zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Beispiele nur, wie Humor in Literatur allgemein und Krimi im Besonderen funktionieren kann. Subversiv, entlarvend, parodistisch, \u00e4tzend-sezierend oder einfach nur atmosph\u00e4risch wie in Hammetts \u201eD\u00fcnnem Mann\u201c. Humor kann, in die Sprache injiziert, bestes Wortdoping sein; kann Antipodisches miteinander verbinden und daraus Alltag schaffen. Humor kann dich auch, ganz schlicht, um Auflachen oder Ablachen bringen. Humor, der \u201eim Halse stecken bleibt\u201c, ist dagegen so ziemlich das Ekligste, das Primitivste, das D\u00fcmmste, das Nervigste. Humor, der einfach nur da ist, weil er die Schreibhand ach so locker schlenkern l\u00e4sst: vergesst es.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer in Deutschland Humor ernstnimmt, gilt als humorlos. Wer in Deutschland humoristisch schreibt, gilt als originell. Wer in Deutschland \u00fcber Trag\u00f6dien lacht, lacht meistens \u00fcber den Trag\u00f6den und nicht \u00fcber die Umst\u00e4nde, die ihn dazu machen. Auch im Krimi.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-15948","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15948","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15948"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15948\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}