{"id":15959,"date":"2011-07-07T07:07:12","date_gmt":"2011-07-07T07:07:12","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/07\/guido-rohm-hitler-im-regen\/"},"modified":"2022-06-17T21:12:00","modified_gmt":"2022-06-17T19:12:00","slug":"guido-rohm-hitler-im-regen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/07\/guido-rohm-hitler-im-regen\/","title":{"rendered":"Guido Rohm: Hitler im Regen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Kurzkrimis leben von ihrer Beschr\u00e4nktheit, von der Pointe, die am Ende die ganze Last des Plots zu tragen hat. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Guido_Rohm\">Guido Rohm<\/a>s \u201eHitler im Regen\u201c, hier exklusiv ver\u00f6ffentlicht, kommt ohne diese Pointe aus, vielleicht weil die Geschichte kein Kurzkrimi ist, sondern ein zu einer Szene komprimierter potentieller Roman. Wortspielerisch, gedankenspielerisch. Ein weiterer Beitrag in unserer losen Serie zum &#8222;politischen Krimi&#8220;.) <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Hitler im Regen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4nde fliegen hoch. Die H\u00e4nde fliegen zum Himmel. Ein steifer Gru\u00df. Hitlergru\u00df. Und ich mittendrin. Die Haare abrasiert. Instruiert. Bringen Sie uns Informationen. Wir wollen wissen, was die planen. Also laufe ich mit. Die laufen nicht, die marschieren, Heil Hitler, ich kann ihn in den Gesichtern sehen, den verh\u00e4rmten kleinen Maler, Postkartenmaler, Maler f\u00fcnftklassiger Bilder, ein r\u00f6hrender Hirsch im Gras, Hundeliebhaber, was hat der mit den Hunden getrieben, frage ich mich, sage es nicht, denn die w\u00fcrden mich f\u00fcr solche Gedanken t\u00f6ten. Die H\u00e4nde fliegen. Der rechte Arm wird in den Himmel gestreckt, gereckt, verreckt doch ihr Hurens\u00f6hne, denke ich, spreche es nicht aus, denn die w\u00fcrden mich in einer stillen Ecke ablegen.<br \/>&#8222;Siehst du, da sind sie!&#8220;, schreit Eckhard.<br \/>Eckhard tr\u00e4gt eine Nickelbrille, er ist Deutscher, ich bin Deutscher, schreit Eckhard, und Deutschland, schreit Eckhard, soll den Deutschen bleiben.<br \/>Eckhard rei\u00dft die Hand zum Himmel. Diese H\u00e4nde wollen den Himmel vom Himmel holen, die wollen den Himmler in den Himmel heben, damit der Himmel zuk\u00fcnftig ein Himmler ist, ein Ort f\u00fcr die Deutschen, irre Bande, denke ich, sage es nicht, mein Fehler, denke ich, nein, ist es nicht.<br \/>Ich arbeite f\u00fcr den Verfassungsschutz. Ich bin einer von denen geworden. Ich gr\u00f6le ihre Parolen. Ich schreie sie in den Himmler hinauf, der Himmler verdunkelt sich, da kommt eine Gewitterwolke, dunkel und tr\u00fcb, die schiebt sich vor die Sonne. Es regnet. Schlechte Zeiten f\u00fcr eine Neonazidemonstration, Heil Hitler, Herr Eckhard, Arschloch, denke ich, dich werden wir auch noch einbuchten, werden wir nicht, aber das wei\u00df ich damals noch nicht, denn Eckhard wird an den Folgen der Immunschw\u00e4che AIDS sterben, Heil Hitler, Herr Eckhard, Sie k\u00f6nnen abtreten, k\u00f6nnen dem F\u00fchrer nun unter seine siebtklassigen Maleraugen treten, unter die Augen des Gnoms aus Braunau, wegen dem sind wir hier, und dann denke ich an Karin, meine Frau, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe.<br \/>Eckhard fordert uns auf, den Kampf zu suchen, er hat ein paar Linke entdeckt, lasst uns die linken Zecken zertreten, schreit Eckhard, HIV-Eckhard, der es gerne mit langhaarigen Burschen treibt, aber davon wissen wir nichts, wir ahnen es vielleicht, ich wusste es nicht, denn dann h\u00e4tten wir ihn umdrehen k\u00f6nnen, auf unsere Seite treiben, wenn Sie verstehen, was ich meine.<br \/>Die H\u00e4nde werden in den Regen gestreckt, Hitler im Regen, Hitler f\u00e4llt aus, die Burschen rennen, sie wollen sich pr\u00fcgeln, nicht alle, sie tragen Totenk\u00f6pfe in den Augen, die Augen blitzen, die Augen wollen Blut sehen.<br \/>Sie st\u00fcrmen voran, ich bin mitten unter ihnen, vergessen Sie nicht, wer Sie sind, so haben sie zu mir gesagt, begehen Sie keine Straftaten, keine Straftaten, das haben sie gesagt. Ich stehe vor einem Punk, will zischen, renn schon davon, da greift er nach einem Stein, einem herumliegenden Backstein, wie kommt denn der Backstein an diesen Ort, denn Backsteine sollten hier nichts verloren haben, er muss ihn mitgebracht haben, den Backstein, und schon schl\u00e4gt mir Eckhard auf die Schulter und dem Punk anschlie\u00dfend in die Fresse, nicht ins Gesicht, denn von einem Gesicht kann man nicht mehr reden, nachdem wir mit ihm fertig sind.<br \/>Der Regen str\u00f6mt. Der Regen weicht uns ein. Der Regen w\u00e4scht nichts aus. Die S\u00fcnden bleiben, all die Schl\u00e4ge, all die Spr\u00fcche, die Parolen, die einsamen N\u00e4chte, in denen sich Eckhard zu seinen Jungen stahl, den Jungen, denen er ins Ohr fl\u00fcsterte, lieb mich, eben der Eckhard, der nun Mord und Totschlag fordert. Ich werde ihn melden. Dann ist es zu sp\u00e4t. Dann wird er nicht mehr leben. Aber das wei\u00df ich damals noch nicht.<br \/>Unsere Truppe st\u00fcrmt und schreit und pr\u00fcgelt, die H\u00e4nde zeigen nun nicht mehr zum Himmler, da ist kein Himmler, da ist einzig nur ein dunkler Himmel \u00fcber Deutschland und Schlieren von Blut auf der Fensterscheibe eines Autos.<br \/>Ich knalle gegen einen Tisch, ich stolpere, ich falle auf einen K\u00f6rper, da f\u00e4llt man weich, mein Gesicht landet in einem fremden Gesicht, ein Frauengesicht, ein Gesicht wie das Gesicht von Karin. Feine Z\u00fcge unter einer Kappe, die nun verrutscht ist. Das fremde Frauengesicht flucht, schiebt mich fort, verfluchter Nazi, zischt der fremde Frauenmund, der Karinmund, der mich bittet, ich solle endlich nach Hause kommen, der nun schreit, hier ist einer von denen.<br \/>Ich dr\u00fccke mich nach oben, rutsche aus, st\u00fctze mich ab, st\u00fctze mich mit meinem Himmelgru\u00dfarm ab, denke, nur weg hier, bis das Frauengesicht pl\u00f6tzlich spricht.<br \/>&#8222;Horst!&#8220;<br \/>Das bin ich nicht, das bin ich, ich trage nun einen anderen Namen, die Frau unter der Kappe hat mich erkannt, sie muss mich kennen, das kann kein Zufall sein.<br \/>Ich antworte nicht, ich sehe zu Eckhard hin, der mit seinem Hitlerhuldigungsarm einem Punk das Deutschtum in die Eingeweide pflanzt, der mich irre ansieht, lacht, komm her, schreit Eckhard, komm her.<br \/>Er nennt mich nicht bei meinem falschen Namen, keine Namen im Stra\u00dfenkampf. Die Frau sieht mich noch an. Unverwandt. Erstaunt.<br \/>Hitze wallt durch meinen K\u00f6rper. Die Hitze l\u00e4sst den Regen verdampfen. Der Dampf h\u00fcllt mich ein. Ein H\u00f6llenwesen wie aus einem Comic.<br \/>Und im n\u00e4chsten Augenblick renne ich davon, stolpere ich hin zu Eckhard, ich renne davon, vor mir, diesem Leben, hin zu Karin, die vielleicht l\u00e4ngst einen Liebhaber hat. Ich erkenne mich nicht wieder. Das bin ich nicht, das will ich nicht sein.<br \/>Ich rei\u00dfe Eckhard mit mir fort, wir spurten \u00fcber den Platz, wir m\u00fcssen hier fort, wir m\u00fcssen uns in Sicherheit bringen. Ich denke l\u00e4ngst ihre Gedanken. Ich bin l\u00e4ngst wie die. Sie haben mich in ihren F\u00e4ngen.<br \/>Bereits in drei Wochen werde ich wieder durch eine Stadt marschieren. Den Arm erhoben zum Hitlergru\u00df. Heil Hitler! Ich sp\u00fcre die Ersch\u00f6pfung in meinen Gliedern.<br \/>Ich m\u00f6chte vergehen, m\u00f6chte zerlaufen, will eins werden mit der Stra\u00dfe und den H\u00e4usern und dem Regen. Ich will mich in die Kanalisation sp\u00fclen lassen, will meinen Namen nicht mehr h\u00f6ren. Horst. Das ist lange her. Jetzt bin ich Dietmar. Didi f\u00fcr die Kumpels, mit denen ich mich schon seit so langer Zeit betrinke, die ich belausche, deren Namen ich in meinem Kopf notiere, die mich t\u00f6ten werden, wenn sie erfahren, dass da ein Horst in mir gesteckt hat.<br \/>Also renne ich die Stra\u00dfe hinunter, die Zukunft im Nacken, die Vergangenheit als Verlust in meinen leeren H\u00e4nden.<br \/>Ich renne neben Eckhard, der bald schon Geschichte sein wird, das m\u00fcsste ihm gefallen, ihm, der so sehr am Gestern h\u00e4ngt, dem das Gestern vom Kopf und aus den Augen springt, der von seinem Vater geschlagen wurde, der mit einem Zittern aufwuchs, der sich in die Kameradschaft zitterte, der nun nicht mehr zittern will und der deshalb schl\u00e4gt, damit sein Zittern niemand bemerkt.<br \/>Wir st\u00fcrmen die Stra\u00dfe hinab. Todgeweihte. Ich mitten unter ihnen. Ein Horst im Dietmar. Eine Mogelpackung, einer, der l\u00e4ngst nicht mehr sagen kann, was oben und unten ist, der l\u00e4ngt nicht mehr sagen kann, wie man den Himmel nun wirklich nennt, der mit Hitler durch den Regen st\u00fcrzt, mit der Angst im Nacken und einem Massenm\u00f6rder auf den Lippen, weil er meinte, dies sei der richtige Job f\u00fcr ihn und seinen Karin, denn so eine Ehe kann sich manchmal auch wieder einrenken, das kann wieder werden, auch wenn man das nicht glauben will.<br \/>Ich st\u00fcrme dahin und verliere mich Schritt f\u00fcr Schritt ein St\u00fcck mehr.<br \/>Ich f\u00fcrchte es nicht. Der Regen wird mich in die deutsche Kanalisation sp\u00fclen. Denn dort geh\u00f6re ich hin. Und nirgendwo sonst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Guido Rohm<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Kurzkrimis leben von ihrer Beschr\u00e4nktheit, von der Pointe, die am Ende die ganze Last des Plots zu tragen hat. 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