{"id":15966,"date":"2011-09-21T10:55:15","date_gmt":"2011-09-21T10:55:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/09\/sandro-veronesi-xy\/"},"modified":"2022-06-16T22:02:36","modified_gmt":"2022-06-16T20:02:36","slug":"sandro-veronesi-xy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/09\/sandro-veronesi-xy\/","title":{"rendered":"Sandro Veronesi: XY"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"330\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/veronese.jpg\" alt=\"veronese.jpg\"\/> In diesem Roman geht es um eine Frau, die nach 15 Jahren wieder Ski fahren m\u00f6chte. Damit sie das am Ende auch tun kann, sterben elf Menschen eines gewaltsamen Todes. Eigentlich ist &#8222;XY&#8220; wie der &#8222;Ulysses&#8220; von James Joyce, nur andersrum. Im Mittelpunkt steht ein R\u00e4tsel, das nicht gel\u00f6st werden kann, weil es keines ist. &#8222;XY&#8220; ist kein Krimi und auch nicht mehr als das, man lernt daraus aber, wie Krimi nicht funktioniert, wenn er funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sehr kryptisch also. In der N\u00e4he des abgelegenen italienischen Bergdorfes San Giuda (kein Handy, kein Fernsehen, kein Internet) sind an einem Wintermorgen zw\u00f6lf Menschen mit dem Pferdeschlitten unterwegs. Sie passieren einen aus romantisch-touristischen Gr\u00fcnden k\u00fcnstlich vereisten Baum. Dann sind elf dieser Menschen tot (ein Pferd auch), ein kleines M\u00e4dchen verschwindet spurlos. Der Baum f\u00e4rbt sich rot, in ihm pocht das Blut der gesamten Menschheit. Die Opfer starben an Krebs oder weil sie gek\u00f6pft wurden, auch vergewaltigt, sie erstickten an einer Brotrinde oder wurden Opfer eines seit zwei Jahrhunderten ausgestorbenen Hais.<\/p>\n\n\n\n<p>Merkw\u00fcrdig. Eher unglaublich. Und dazu der Baum mit dem Blut. Dahinter steckt der Teufel oder der liebe Gott. Auch die ermittelnden Beh\u00f6rden ahnen das und beeilen sich, das Massaker als das Werk islamistischer Terroristen zu deklarieren, wozu man flugs s\u00e4mtliche Tote k\u00f6pft, wie es so Islamistenart ist. Nur Don Ermete, der Pfarrer des Ortes, gibt sich mit dieser rationalen Erkl\u00e4rung nicht zufrieden, er bemerkt, wie sein Dorf auseinanderbricht, wie alle psychischen Wunden, die geografische und soziale Isolation sowie die Folgen fortw\u00e4hrender Inzucht geschlagen haben, aufbrechen. Ihm zur Seite steht die junge Psychologin Giovanna, bei der zum Zeitpunkt der Bluttat selbst und ganz wortw\u00f6rtlich eine Wunde wieder aufgebrochen ist, eine 15 Jahre alte Schnittverletzung an der Hand. Gemeinsam versuchen sie den Menschen zu helfen, die pl\u00f6tzlich keine Wurzeln mehr haben und sich vom Namenspatron ihres Dorfes, dem f\u00fcr die Verzweifelten zust\u00e4ndigen Heiligen Judas Thadd\u00e4us, verraten f\u00fchlen (der nat\u00fcrlich von Unwissenden stets mit einem anderen Verr\u00e4ter namens Judas verwechselt wird). Schwieriger Roman, was?<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie gar nicht &#8222;wirklich&#8220;, so voller Bilder und Parabeln und Symbole, Anti-Krimi. Aber, ganz unter uns: &#8222;XY&#8220; ist in etwa so schwierig wie der schon genannte &#8222;Ulysses&#8220;, also eigentlich kein Problem, wenn man ein Buch nicht mit der Angst betritt, man m\u00fcsse schon Literaturwissenschaftler sein, um es zu verstehen. Mit anderen Worten: Ein Roman der Klasse Franz Kafka. Alles bedeutet etwas anderes als da geschrieben steht, aber eigentlich z\u00e4hlt nicht das, was da geschrieben steht, sondern das, was man daraus liest.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel: Giovanna hat sich vor 15 Jahren mit dem Brotmesser verletzt. Sie war eine talentierte Skil\u00e4uferin auf dem Sprung in die Nationalmannschaft, aber danach ist es aus mit ihrer Karriere. Genau diese Narbe bricht wieder auf, medizinisch unerkl\u00e4rlich, aber es ist eben ein Bild. Die Vernarbung, die wieder zur offenen Wunde wird, das Verdr\u00e4ngte, das sich zur\u00fcck ins Bewusstsein blutet und schmerzt. Einen \u00e4hnlich gelagerten Fall gibt es auch unter den Dorfbewohnern, einen talentierten Skispringer, der seinen Sport nach einem Vipernbiss nicht mehr aus\u00fcben konnte und seitdem in San Giuda vor sich hin d\u00e4mmerte, bis ihn die furchtbaren Ereignisse befreien.<\/p>\n\n\n\n<p>So k\u00f6nnte man sich durch das Buch arbeiten, Schritt f\u00fcr Schritt, Bild f\u00fcr Bild. Hinter jedem Allt\u00e4glichen steckt etwas Grunds\u00e4tzliches, hinter jedem Grunds\u00e4tzlichen etwas Allt\u00e4gliches. Das Leben in diesem verfluchten Dorf, eine Ansammlung psychischer Krankheiten, zerbricht, der Glaube an h\u00f6here M\u00e4chte, der, weil er nicht bewiesen werden kann und muss, immer tr\u00f6stlich ist, schwindet genau in dem Moment, wo aus ihm ein BEWEIS wird. Bereits hier klingt ein dominierendes Thema des Buches an, das Gegen- und Miteinander von Geistes- und Naturwissenschaft, wie es sich auch in der Personenkonstellation Priester \u2013 Psychologin offenbart. Tats\u00e4chlich jedoch normalisiert sich das Leben in San Giuda, es kommt Bewegung hinein, die Verh\u00e4rtungen weichen auf. Giovanna und der Pfarrer werden das Dorf ebenso verlassen wie viele der Einwohner, sie sind nicht &#8222;geheilt&#8220;, aber sie sind auf dem Wege, sich selbst zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das, wie gesagt, wird uns in vielen Bildern etc. erz\u00e4hlt. Auch der &#8222;Ulysses&#8220; arbeitet so. Ein Mann spaziert durch Dublin und hinter jeder allt\u00e4glichen Banalit\u00e4t lauert das Gro\u00dfe-Ganze. In &#8222;XY&#8220; ist es, zun\u00e4chst jedenfalls, umgekehrt. Ein unerkl\u00e4rlicher Mord ersch\u00fcttert den Glauben an Gott, den man ob seiner Grausamkeit nicht mehr versteht (Zwischenbemerkung: Wie auch im j\u00fcngst erschienenen &#8222;Kettenacker&#8220; von Rainer Gross, wo die Ann\u00e4herung aus der konkreten Historie erfolgt), aber im Grunde geht es um die Aufkl\u00e4rung von Verbrechen, die man an sich selbst begangen hat, um die Chancen, die dem eigenen Leben nicht zuteil wurden. Giovanna und Don Ermete sitzen gegen Ende des Buches eine Nacht lang zusammen und suchen, ganz auf die herk\u00f6mmliche Detektivenart, nach dem Schl\u00fcssel, der die unfassbare Tat aufschlie\u00dfen soll. Sie finden dabei sich selbst, \u00f6ffnen sich selbst, sie erz\u00e4hlen, sie weinen, sie lachen, essen und trinken, die Narben brechen auf und werden wieder zu Wunden, denen man die Chance gibt, anders zu heilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist der Krimi in diesem Nichtkrimi, der nicht etwa mit &#8222;dem Genre spielt&#8220;, sondern mit der Art und Weise, wie der gr\u00f6\u00dfte aller Ermittler arbeitet: das Gehirn. Es baut heile Welten aus dem, was es vorher zerst\u00f6rt hat und es zerst\u00f6rt, was es sich als heile Welt hergerichtet hat. Es giert nach Entr\u00e4tselung und hat danach nichts Eiligeres zu tun, als Erkenntnisse in neue R\u00e4tsel zu verwandeln. Schlie\u00dflich werden alle Fesseln abgestreift, auch die der Orthografie. Auf den letzten zehn Seiten des Romans begleiten wir Giovanna bei ihrer ersten Skiabfahrt seit dem Messerschnitt, ein Text ohne Punkt und Komma, ein Text ohne Ordnung und Regeln, ein Text hin zur Befreiung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das jetzt ein &#8222;gutes&#8220; Buch, ein &#8222;guter&#8220; Krimi gar? Ja, aber man muss ihn als Leser selbst zu einem guten machen. Ein Krimi? Wenn man das notwendige Lesemodell ansetzt: nat\u00fcrlich, wie alle Literatur. Letztlich ist doch Krimi genau das: Ich schaue anderen dabei zu, wie sie in Leben lesen, als w\u00e4ren sie ein Verbrechen. Das ist immer in Bilder gepackt, zum &#8222;Genre&#8220; komprimiert, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht. Da ist jemand ermordet worden und jetzt wird das aufgekl\u00e4rt, das Wie und Wann und Wer und Warum, dann ist die Wunde zu und alles wieder gut. Nun ja. Wer \u00fcberzeugt ist, es brauche unbedingt den 87. Krimi, der uns erz\u00e4hlt, wie schlimm es in S\u00fcdafrika zugeht oder wer das wahre Verbrechen prinzipiell in den &#8222;Metropolen&#8220; verortet, f\u00fcr den eignet sich &#8222;XY&#8220; als Lekt\u00fcre nicht sonderlich. Ebenso wenig f\u00fcr die Apostel der kriminalliterarischen Leichtg\u00e4ngigkeit, alles m\u00f6glichst direkt und bilderfrei, der Krimi als Gottesdienst f\u00fcr das von unsinnigen liturgischen Regeln korsettierte Genre. Alle anderen m\u00f6gen gerne in &#8222;XY&#8220; eintauchen, um den Boden dessen, was wir heute &#8222;Krimi&#8220; nennen, wenigstens fl\u00fcchtig zu ber\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Sandro Veronesi: XY. <br \/>Klett-Cotta 2011 <br \/>(XY. 2010. Deutsch von Michael von Killisch-Horn). <br \/>394 Seiten. 22,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Roman geht es um eine Frau, die nach 15 Jahren wieder Ski fahren m\u00f6chte. 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