{"id":15972,"date":"2005-09-09T07:48:00","date_gmt":"2005-09-09T07:48:00","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/authentisch\/"},"modified":"2022-06-05T23:54:16","modified_gmt":"2022-06-05T21:54:16","slug":"authentisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/authentisch\/","title":{"rendered":"Authentisch?"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/freitagsessay.gif\" alt=\"freitagsessay.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Romane sind fiktiv, und manche beruhen auf Tatsachen, sind in ihrer Wurzel \u201eauthentisch\u201c. Doch sind sie damit auch schon \u201ewahr\u201c?<br \/>Die in der ersten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts ver\u00f6ffentlichten &#8222;Causes c\u00e9l\u00e8bres et int\u00e9ressantes&#8220; des franz\u00f6sischen Juristen Francois Gayot de Pitaval sind der Proto- und Archetyp jener Sammlungen von \u201ewahren Kriminalf\u00e4llen&#8220;, die seither einen eigenen Zweig im Ge\u00e4st des Krimis ausbilden. Pitaval sah sich durchaus als Lehrer des Volkes, in dem die dargereichten wahren Geschichten reinigenden Schrecken verbreiten sollten. Die \u201eAuthentizit\u00e4t\u201c stand im Dienste der Belehrung, das schlechte, aus dem Leben gegriffene Beispiel, wird passgenau in die Leben der Leser verpflanzt, eine Art moralischer Herzschrittmacher.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Friedrich Schiller, der eine Auswahl der Pitavalschen Sammlung herausgegeben hat, nennt seine Erz\u00e4hlung \u201eDer Verbrecher aus verlorener Ehre\u201c im Untertitel \u201eEine wahre Geschichte\u201c \u2013 was richtig ist und falsch zugleich. Tats\u00e4chlich basiert Schillers Erz\u00e4hlung auf Begebenheiten, die man dem \u201eSonnenwirt\u201c, einem im Schw\u00e4bischen w\u00fctenden R\u00e4uberhauptmann, nachsagte. Und schon da wird es interessant, denn schon hier bekommt das scheinbar \u201eFaktische\u201c seinen fiktiven Anstrich. Wer hat hier was \u201enachgesagt\u201c? Wer formuliert die Quintessenz der Taten des \u201eSonnenwirts\u201c und werden damit die \u201eFakten\u201c nicht schon \u201eFiktion\u201c, weil, wann immer Wirklichkeit transportiert wird (sei es m\u00fcndlich, sei es schriftlich), die Last den Gegebenheiten des Bef\u00f6rderungsmittels zu folgen und sich ihnen anzupassen hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann: \u201eEine wahre Geschichte\u201c ist ein Widerspruch in sich. Entweder ist etwas wahr \u2013 oder eine Geschichte. Oder: Die Wahrheit h\u00f6rt dann auf, wenn sie Geschichte wird, oder: Die Geschichte ist ihre eigene Wahrheit. Oder: Wirklich sind nie die Fakten, wirklich ist die Art und Weise ihrer subjektiven Wahrnehmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Pitaval stand auch Schiller im Dienste einer h\u00f6heren, moralischen wie \u00e4sthetischen Wahrheit. Die verbiegt man, wenn es der Sache hilfreich ist, die auch &#8222;Aufkl\u00e4rung&#8220; hei\u00dfen kann, aber selten ohne Manipulation auskommt, weil sich das Tats\u00e4chliche nicht um Philosophie und ihre Axiome k\u00fcmmert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sache diente auch die Idealisierung tats\u00e4chlich gelebt habender Gesellen \u00e0 la \u201eSonnenwirt\u201c, wie sie die sogenannte \u201eSchund- oder Kolportageliteratur\u201c seit dem Ende des 18. Jahrhunderts betrieb. Au\u00dfer der Tatsache dieses Gelebthabens und dem Umstand, dass wirklich am x.x.x. im Ort Y. die Tat Z. geschah, ist alles erstunken oder erlogen. Sagen wir besser: So frisiert, dass es das Abenteuerbed\u00fcrfnis eines Publikums befriedigte, dem an der Wahrheit so sehr gelegen war, dass es sie in ihrer unwahrsten Form akzeptierte, denn L\u00fcgen haben vielleicht kurze Beine, aber bestimmt machen sie kurze Weile.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter in der Literaturgeschichte. Edgar Allan Poes \u201eDas Geheimnis der Marie Roget\u201c beruft sich auf den authentischen Fall der Ermordung einer gewissen Marie Rogers. Indem Poe die Fakten wie ein Kriminalbeamter gewichtet und wertet, glaubt er den T\u00e4ter \u00fcberf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Er benutzt also das Faktische, um es fiktiv zu vollenden. Dass auf Grund der Poe\u2019schen Detektivarbeit der M\u00f6rder von Marie Rogers nicht identifiziert wurde, sei nur am Rande erw\u00e4hnt. Wahr an der Geschichte w\u00e4re h\u00f6chstens, dass es so gewesen sein k\u00f6nnte. Eine aus Fakten destillierte Hypothese.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kam \u2013 schlecht f\u00fcr Poe, gut f\u00fcr uns \u2013 anders. Die ersten beiden Teile der l\u00e4nglichen Erz\u00e4hlung erschienen im Oktober respektive November 1842 in der Zeitschrift \u201eLadies\u2019 Companion\u201c, die Ver\u00f6ffentlichung des dritten und abschlie\u00dfenden war f\u00fcr Januar 1843 geplant. Doch just nach Teil 2 gestand eine Frau, dass Marie Rogers bei einer Abtreibung verstarb. Poe verschob die Ver\u00f6ffentlichung des dritten Teils und arbeitete diese \u201eauthentische\u201c L\u00f6sung als Alternative zur \u201efiktiven\u201c in die Geschichte ein. Fiktion sind sie beide, und innerhalb des Texte stehen sie quasi gleichberechtigt nebeneinander, eine so m\u00f6glich wie die andere, eine so unm\u00f6glich wie die andere.<\/p>\n\n\n\n<p>Poe begr\u00fcndete mit dieser Arbeit eine Tradition, in die Truman Capotes \u201eKaltbl\u00fctig\u201c ebenso geh\u00f6rt wie, ganz aktuell, \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=225\">Eoin McNamees \u201eBlue Tango\u201c<\/a>. Eine interessante Variante dieses Musters lieferte Bill Moody in &#8222;Auf der Suche nach Chet Baker&#8220;. Sein Held, ein Jazzpianist, nutzt ein Engagement in Amsterdam, um den mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden des Todes der Jazzlegende Baker nachzusp\u00fcren. Unfall oder Mord? Die Frage wird nicht beantwortet, und das eigentlich &#8222;Kriminelle&#8220; spielt sich in der Rahmenhandlung ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine dritte Spielart des Gebrauchs von Authentischem im Krimi beherrscht bis zur Obsession James Ellroy. Seine Interesse f\u00fcr Kriminalf\u00e4lle hat einen tragischen autobiografischen Hintergrund, denn Ellroys Mutter wurde das Opfer eines bis heute nicht ermittelten M\u00f6rders. Die Besch\u00e4ftigung mit \u00e4hnlichen F\u00e4llen f\u00fchrt ihn immer wieder zu diesem traumatischen Ereignis zur\u00fcck und zugleich zur Quelle seiner schriftstellerischen Kreativit\u00e4t. Das N\u00fcchtern-Faktische als ein dunkler Tunnel zur\u00fcck in die eigene Biografie. &#8222;Stephanie&#8220;, die Geschichte eines wahren Mordfalls, in Ellroys j\u00fcngster Sammlung &#8222;Endstation Leichenschauhaus&#8220; ver\u00f6ffentlicht, zeigt, wie sich der Autor von den Fakten eines an einer ihm Unbekannten begangenen Verbrechens zu gleicherma\u00dfen sentimentaler wie besessener Emphatie f\u00fcr das Opfer berauschen l\u00e4sst. Er hat Stephanie nicht gekannt, er hat seine Mutter nicht gekannt. Er schreibt, um Stephanie kennenzulernen, er schreibt, um seine Mutter kennenzulernen. Er sucht nicht den T\u00e4ter, er sucht das Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Tour de Force durch die Geschichte und die Spielarten des Authentischen im Krimi vermag dessen Bedeutung und Aktualit\u00e4t nur anzutippen. Drei Neuerscheinungen liegen gerade vor mir beziehungsweise sind angek\u00fcndigt, die die Palette erweitern: Christian von Ditfurths \u201eDas Luxemburg Komplott\u201c, eine Fortf\u00fchrung seiner \u201eWas w\u00e4re wenn\u201c- Krimis, \u201eDer B\u00fccherm\u00f6rder\u201c von Detlef Opitz, das die Geschichte des manischen B\u00fcchersammlers und Pfarrers Johann Georg Tinius ausbreitet (und auch formal sehr interessant zu werden verspricht), und schlie\u00dflich Horst Bosetzkys &#8222;Die Bestie vom Schlesischen Bahnhof&#8220;, die Story eines Berliner Frauenm\u00f6rders.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie mit solchen \u201eauthentischen F\u00e4llen\u201c umgegangen wird, verr\u00e4t eine Menge \u00fcber die Art und Weise, wie Schriftsteller allgemein mit Wirklichkeit verfahren. Sie ist einmal Mittel zum Zweck und wird diesem angepasst, sie befl\u00fcgelt die Phantasie oder dient als ideales Bet\u00e4tigungsfeld des analytischen Geistes, sie kann aber auch, wie bei Ellroy, den kreativen Prozess selbst als einen traumatischen reflektieren. Immer jedoch gilt: Sobald sich die Wirklichkeit in der Schriftform wiederfindet, ist sie eine andere geworden. Und genau das ist die Absicht, genau daf\u00fcr gibt es Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine interessante Untersuchung k\u00f6nnte der potentiellen M\u00f6glichkeit gelten, ob und wenn ja inwieweit die Fiktion die Wirklichkeit ver\u00e4ndert. Ist etwa die Sprache des Roman-Polizisten inzwischen in den Polizeialltag vorgedrungen? Sieht sich jeder Hamburger Kommissar zur Schwermut verpflichtet, weil es Herr Mankell so will? Gibt es einen Harry, gibt es einen Wagen? Ist in das Authentische l\u00e4ngst das Fiktive vermengt, das einst aus dem Authentischen geboren wurde? War es jemals anders?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Romane sind fiktiv, und manche beruhen auf Tatsachen, sind in ihrer Wurzel \u201eauthentisch\u201c. Doch sind sie damit auch schon \u201ewahr\u201c?Die in der ersten H\u00e4lfte des 18. 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