{"id":15979,"date":"2005-09-12T07:40:06","date_gmt":"2005-09-12T07:40:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/__trashed-30\/"},"modified":"2022-06-17T18:01:01","modified_gmt":"2022-06-17T16:01:01","slug":"__trashed-30","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/__trashed-30\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten -5-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Chirurg \u00f6ffnet die Bauchdecke des Patienten, um den Zustand der inneren Organe zu untersuchen. Danach befinden sich im K\u00f6rper des Patienten: ein Skalpell, das Glasauge des Chirurgen, ein dem An\u00e4sthesisten verlorengegangenes Hustenbonbon, ein St\u00fcckchen Mull und zwei Papiertaschent\u00fccher unbekannter Herkunft. Da der Patient \u00fcber Schmerzen klagt, \u00f6ffnet der Chirurg kurz darauf die Wunde noch einmal \u2013 und schreibt einen hochkompetenten Bericht \u00fcber all die merkw\u00fcrdigen Dinge, die er da gefunden hat und die er der ungesunden Lebensweise des Patienten anlastet.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Auch der Rezensent inspiziert das Innere eines Buches wenigstens zweimal. Er liest und sammelt Informationen, er denkt \u00fcber diese Informationen nach, gewichtet sie, wertet sie, fasst zusammen, schreibt auf. Aber so wie bei unserem etwas zerstreuten Chirurgen etwas schiefgelaufen ist, so ist auch der Rezensent nicht vor dem Kunstfehler aller Kunstfehler gefeit. Etwas zu interpretieren, was er selbst im zu kritisierenden Text deponiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir noch einmal zu meiner \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/09\/jeff-lindsay-des-todes-dunkler-bruder.php\">Rezension<\/a> von Jeff Lindsays \u201eDes Todes dunkler Bruder\u201c.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEigentlich, so denkt man, hat Lindsay einen Roman \u00fcber die Obsession des Schreibens geschrieben, einen Roman \u00fcber das Ungeheuerliche, das da jeder, der zu schreiben anf\u00e4ngt, ins kulturell Wertvolle \u00fcberhohen mag. Vielleicht auch eine Hommage an Ellroy (nicht zu beweisen) und oder de Quincey (noch weniger zu beweisen).\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dass wir es hier mit einem \u201eRoman \u00fcber die Obsession des Schreibens\u201c zu tun haben, ist eine Hypothese, die der Rezensent selbst aus einer Hypothese entwickelt hat. Er beschreibt es als eine Art \u201eEingebung\u201c, unter der wir nichts weiter verstehen wollen als einen Weg, der sich ihm pl\u00f6tzlich in diesem Textgestr\u00fcpp ge\u00f6ffnet hat. Der Rezensent begr\u00fcndet den Bezug zu de Quincey durch des Romanhelden offenkundige Vorliebe f\u00fcr die \u00c4sthetik des Mordens, den zu Ellroy durch das Romanende, die \u201eAufl\u00f6sung\u201c, die sich rasch als ein innerfamili\u00e4res, fr\u00fchkindliches Trauma des Helden als Kind erahnen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Hypothese mag naheliegend sein; es k\u00f6nnte sich jedoch auch um das Ergebnis einer \u201eNachoperation\u201c handeln, deren Vorg\u00e4ngerin verpfuscht wurde. Hat der Rezensent die Bedeutung, die er dem Text beimisst, dort selbst abgelegt? Ist seine Beweisf\u00fchrung stichhaltig? Ist es nicht vielmehr so, dass er es so lesen mag, weil die Lekt\u00fcre bestimmte, an Vorbildung gebundene Assoziationen ausgel\u00f6st hat, dass aber jeder andere Leser (oder sagen wir: die meisten) es niemals so lesen w\u00fcrden?<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne Zweifel. Aber w\u00e4re es nicht eher ein Argument f\u00fcr die Vorgehensweise des Rezensenten, wenn er dem Leser eine Interpretation schenkt, die dieser wohl ohne die Kritik nicht gehabt h\u00e4tte? Sch\u00f6n; das f\u00fchrt uns etwas vom Thema weg. Sicher ist auch die Organsammlung samt unseres ungl\u00fccklichen Patienten samt der unfreiwilligen Beigaben f\u00fcr jeden Interessierten etwas, das er <em>so<\/em> noch nicht erlebt hat. Die Frage ist aber: Kann das legitim sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Gehen wir kurz zur Eingangsszene zur\u00fcck. Der Arzt \u00f6ffnet die Bauchdecke des Patienten. Er pr\u00fcft Beschaffenheit und Funktion der inneren Organe. Mag sein, dass er vieles auf den ersten Blick erkennt, manchmal jedoch bleibt auch ihm nichts weiter \u00fcbrig, als zu interpretieren, Schlussfolgerungen zu ziehen, von deren Richtigkeit er nicht unbedingt \u00fcberzeugt sein kann, die ihm indes hinreichend erscheinen, gezogen zu werden. Dann n\u00e4ht der Arzt die Bauchdecke seines Patienten wieder zu. Und so wie der Patient zu jammern beginnt, so kann auch ein Buch, das man falsch behandelt hat, in Wehklage ausbrechen. Entscheidend ist, dass man dieses Jammern h\u00f6rt und richtig deutet. F\u00fcr den Rezensenten hei\u00dft das: Mach dir von dem, was du gerade gelesen hast, dadurch ein Bild, das du es aus den Informationen in deiner Rezension nachvollziehst. Erinnern dich die Gedanken, die Gef\u00fchle, die du jetzt hast, immer noch an die Gedanken, die Gef\u00fchle, die du beim Lesen hattest? Bist du immer noch davon \u00fcberzeugt, dem Buch &#8222;gerecht&#8220; geworden zu sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist leicht gesagt; angesichts der Tatsache, dass immer, wenn ich 400 Seiten Buch in eine Seite Rezension bannen m\u00f6chte, irgend etwas auf der Strecke bleiben muss, gen\u00fcgt es schon, mir sagen zu k\u00f6nnen: In Ordnung. Das ist eine Lesart des Textes. Eine auch, die dem Leser nicht direkt entgegenspringt, die er auch ohne meine Rezension entdeckt h\u00e4tte. Ich liefere dem Leser Informationen \u00fcber das Faktische hinaus, es ist ein Angebot, weiter nichts, es ist ein seri\u00f6ses Angebot, wozu auch geh\u00f6rt, dass es der Leser nicht annehmen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Rezensent l\u00e4uft man hier immer auf d\u00fcnnem Eis, und die Last der eigenen Referenzsysteme aus Bildung und Vorlieben, aus Annahmen und Erfahrungen dr\u00fcckt schwer auf den Schultern. Das muss man aber aushalten. Und wenn man dann doch einmal einbricht? Raus und weiterlaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Chirurg \u00f6ffnet die Bauchdecke des Patienten, um den Zustand der inneren Organe zu untersuchen. Danach befinden sich im K\u00f6rper des Patienten: ein Skalpell, das Glasauge des Chirurgen, ein dem An\u00e4sthesisten verlorengegangenes Hustenbonbon, ein St\u00fcckchen Mull und zwei Papiertaschent\u00fccher unbekannter Herkunft. Da der Patient \u00fcber Schmerzen klagt, \u00f6ffnet der Chirurg kurz darauf die Wunde noch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-15979","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15979","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15979"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15979\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15979"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15979"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15979"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}