{"id":15984,"date":"2005-09-16T07:43:48","date_gmt":"2005-09-16T07:43:48","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/marktgesetze\/"},"modified":"2022-06-12T23:34:29","modified_gmt":"2022-06-12T21:34:29","slug":"marktgesetze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/marktgesetze\/","title":{"rendered":"Marktgesetze"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/freitagsessay.gif\" alt=\"freitagsessay.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wieso garantiert einem das Verlegen von Teppichb\u00f6den, Bearbeiten von Akten oder Unterrichten von Kindern normalerweise ein passables Einkommen, nicht aber das Schreiben oder \u00dcbersetzen von B\u00fcchern? Ewige Frage.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und immer wieder aktuell. Binnen weniger Stunden sind mir am Wochenanfang drei Informationen zugegangen, die eben diese Frage direkt oder indirekt stellten. Zun\u00e4chst \u2192<a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/kulturheute\/417085\/\">die Meldung<\/a>, man habe Tobias Scheffel die \u00dcbersetzung der Vargas-Krimis entzogen, weil er anstelle von Einmalhonorar eine Umsatzbeteiligung verlangt hatte.<em> \u201eNur knapp \u00fcber 1000 Euro verdient ein vollbesch\u00e4ftigter \u00dcbersetzer im Monat nach Abzug von B\u00fcro- und Recherchekosten &#8211; ein Hungerlohn.\u201c, <\/em>schreibt die Berichterstatterin Dorothea Marcus, und dazu sei nichts weiter gesagt, geschweige denn kommentiert. Wir halten es als Faktum fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich von Herrn Scheffels Schicksal erfuhr, hatte ich etwas in dem Reclam-B\u00e4ndchen \u201eTheorie des Kriminalromans\u201c gebl\u00e4ttert und war auf einen Artikel von Ingeborg Zaunitzer-Haase gesto\u00dfen, 1971 im Wirtschaftsteil der \u201eZeit\u201c erstver\u00f6ffentlicht, aber von ungebrochener Aktualit\u00e4t. Es geht um die Krimiproduktion der damals f\u00fchrenden Verlage Rowohlt, Ullstein, Goldmann und Heyne sowie die wirtschaftlichen Begleitumst\u00e4nde derselben. 2,80 DM kostete damals etwa ein rororo-Thriller, der in einer durchschnittlichen Auflage von 17.500 St\u00fcck \u201eauf den Markt geworfen\u201c wurde, in die Bahnhofsbuchhandlungen zumeist. Von diesen 2,80 DM erhielt der Autor f\u00fcr gew\u00f6hnlich einen Groschen, so dass er, wurde die Startauflage abgesetzt, mit satten 1.750 DM den wohlverdienten Urlaub in seiner s\u00fcdfranz\u00f6sischen Ferienvilla antreten konnte. Der \u00dcbersetzer, die \u00dcbersetzerin eines rororo-Thrillers konnte mit etwa 1200-1300 DM Honorar rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll an dieser Stelle nicht darum gehen, die Verlagskalkulation einer kritischen Sichtung und Bewertung zu unterziehen. Ich gehe jetzt einmal ganz naiv davon aus, dass alles \u201eseine Richtigkeit\u201c hat, f\u00fcr einen Autor, einen \u00dcbersetzer eben nicht mehr drin ist, Sortimenter und Buchh\u00e4ndler auch leben wollen, Verleger desgleichen, dass letztere nicht ausnahmslos Mercedes-Cabrios in der Doppelgarage haben und keinen Zweitwohnsitz in Steuerparadiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber eine Sache Dinge f\u00e4llt mir auf: Wie sehr sich B\u00fccher in den letzten 30, 35 Jahren verteuert haben. Um das, \u00fcber\u2019n Daumen, F\u00fcnf- bis Sechsfache, also \u00fcberdurchschnittlich, fast auf dem Niveau der unversch\u00e4mten, dilettantischen, kundenfernen Deutschen Bahn, gewiss nicht auf dem der L\u00f6hne und Geh\u00e4lter. Ich will auch das hier nicht kritisieren. Es mag gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr geben. Andere sehen das anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eKrimi-Couch\u201c-Rezensent Thomas K\u00fcrten etwa, der seine \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimi-couch.de\/krimis\/daniel-dubbe-tropenfieber.html\">Besprechung <\/a>von Daniel Dubbes \u201eTropenfieber\u201c mit den Worten beschlie\u00dft:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201e(&#8230;) bleibt der Preis des B\u00fcchleins ein ganz wesentlicher Kritikpunkt. \u20ac 12,90 f\u00fcr ein 160 Seiten dickes Werk ist schlichtweg eine Unversch\u00e4mtheit und tr\u00fcbt die Krimi-Couch-Bewertung ganz wesentlich.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Vergleicht man die Preise, so hat K\u00fcrten mit seiner Kritik scheinbar Recht. Bei Goldmann etwa verlangt man f\u00fcr 320 Seiten Ian Rankin, \u201eDas zweite Zeichen\u201c, ganze 7 \u20ac, ein Sonderpreis, ja, doch auch die regul\u00e4ren 8,95 \u20ac f\u00fcr Harlan Cobans \u201eKein Lebenszeichen\u201c sind bei 448 Seiten verglichen mit Dubbes d\u00fcnnem Werk fast geschenkt. Dass dieses als &#8222;Broschur&#8220; erschienen ist, also etwas besser ausgestattet als ein Taschenbuch, sei hier nur angemerkt. Den eklatanten Preisunterschied rechtfertigt es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweites Beispiel, der Unionsverlag: F\u00fcr Thomas Kings \u201eDreadfulWater kreuzt auf\u201c waren 10,90 \u20ac zu berappen, und das bei 320 Seiten. Jorge Francos \u201eDie Scherenfrau\u201c, 192 Seiten, zieht uns immer noch 8,90 \u20ac aus der Tasche.<\/p>\n\n\n\n<p>Robert Bracks neuer Roman \u201eHaie zu Fischst\u00e4bchen\u201c, ebenfalls 192 Seiten, kostet hingegen bei der Edition Nautilus satte 12,90 \u20ac, Xavier Galls 150-Seiter \u201eAngst und Zauber\u201c aus dem Conte-Verlag gar unerkl\u00e4rliche 14,90 \u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p>Unerkl\u00e4rlich? Der Leser hat nat\u00fcrlich l\u00e4ngst gemerkt, was Herrn K\u00fcrten scheinbar entgangen ist: Die H\u00f6he des Verkaufspreises h\u00e4ngt entscheidend von der Gr\u00f6\u00dfe des Verlages ab. Schon als Kunde von Dienstleistungen des Druckereigewerbes d\u00fcrfte der zu Random House geh\u00f6rige Goldmann-Verlag bessere, das hei\u00dft billigere Karten haben als der eher mittelst\u00e4ndische Unionsverlag oder die eher klein-mittelst\u00e4ndische Edition Nautilus oder gar der kleine Conte Verlag. Von der Pr\u00e4senz in Buchhandlungen, dem Vertriebsnetz und den Werbetats ganz zu schweigen. Ein paar Flops pro Saison werfen Goldmann nicht aus der Bahn, sie sind einkalkuliert. Dem Unionsverlag geben sie schwer zu denken, Nautilus und erst recht Conte brechen sie vielleicht den Hals.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Gro\u00dfen der Branche gilt also: M\u00f6glichst viel auf den Markt werfen, um die Chance zu erh\u00f6hen, \u201eBestseller\u201c zu landen. Die tragen dann den Rest. Dass manche Billigheimer (Goldmann geh\u00f6rt ausdr\u00fccklich nicht dazu) auf Teufel komm raus den Markt mit schlecht lektorierten, lieblos pr\u00e4sentierten und meistens grauenhaft geschriebenen Krimis \u00fcberschwemmen, ist eine l\u00e4stige Nebenerscheinung dieser Praxis. F\u00fcr die Mittleren gilt: M\u00f6glichst gleichbleibend gute Qualit\u00e4t bei nur leicht \u201eerh\u00f6hten\u201c Preisen liefern, um auch mit einem \u201eAchtungserfolg\u201c in die schwarzen Zahlen zu kommen. Kleinere Verlage hingegen haben, abgesehen von der niemals sterbenden Hoffnung auf den Sensationserfolg, nur eine Chance: Auf das am Finanziellen nicht endende Verst\u00e4ndnis der Leser bauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das Risiko ein wenig minimieren kann man am Besten \u00fcber den Preis und \u00fcberzeugt davon, eine potentielle Kundschaft vorzufinden, die sich von dieser Preispolitik nicht abschrecken l\u00e4sst. Was aber bringt das dem Autor oder dem \u00dcbersetzer? Erh\u00e4lt Herr Brack, dessen Roman 4 \u20ac mehr kostet als der von Herrn Franco, diese 4 \u20ac als zus\u00e4tzliches Honorar? Oder doch wenigstens 2 davon, einen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich nicht. Der Autor bleibt in den F\u00e4ngen des Prozentualen. Rechnen wir kurz durch. Ein Roman kostet 10 \u20ac, der Autor erh\u00e4lt davon 10%, also 1 \u20ac, verkauft werden 9000 Exemplare, macht 9.000 \u20ac. Jeder Autor, jeder Verleger wird jetzt laut auflachen, denn erstens erhalten die wenigsten Autoren 10%, schon gar nicht vom Ladenpreis, und auch 9000 Exemplare wollen erst einmal verkauft sein. Aber ich kann gar nicht so optimistisch rechnen wie ich will, um das Endergebnis zu sch\u00f6nen: Es bleiben dem Autor f\u00fcr, sagen wir 6 Monate Arbeit (das ist nun so ziemlich die unterste Grenze) 9000 \u20ac Lohn, macht 1500 im Monat, brutto nat\u00fcrlich. Will er dies \u00fcbers ganze Jahr, muss er noch einen Krimi in sechs Monaten raushauen, davon wieder 9000 St\u00fcck verscherbeln&#8230;. genug: Es ist ein Hungerlohn.<\/p>\n\n\n\n<p>Und selbst wenn das Buch nun, sagen wir bei Nautilus, 15 \u20ac kosten w\u00fcrde. Dann betr\u00fcge der Monatslohn des Autors eben 2000 \u20ac, davon kann man leben, h\u00e4ngt jedoch stets \u00fcber dem Abgrund des \u00f6konomischen Scheiterns, nur durch das fragw\u00fcrdige soziale Netz von Hartz IV vor der wirtschaftlichen Zerschmetterung gesichert.<\/p>\n\n\n\n<p>Fassen wir kurz zusammen: Der Buchpreis richtet sich nach den Marktverh\u00e4ltnissen, und die sind eben nicht f\u00fcr alle gleich. So oder so: Autoren und \u00dcbersetzer profitieren kaum oder gar nicht davon. Sie m\u00fcssen, wie etwa Dubbe, mitansehen, wie man es ihre B\u00fccher vergelten l\u00e4sst, dass die Gesetze der freien Wirtschaft nun einmal so sind, wie sie sind. Versteigt man sich als &#8222;Privatmann&#8220; gar zur Ver\u00f6ffentlichung eines 360 Seiten starken Werkes, das bisher sch\u00e4ndlicherweise seit 150 Jahren ignoriert wird (ich nutze jede Gelegenheit zur Eigenwerbung!), muss man 22 \u20ac verlangen, um 2 \u20ac &#8222;Profit&#8220; zu machen, von dem gef\u00e4lligst auch noch die Digitalkosten zu bezahlen sind. Wird man das dann auch &#8222;unversch\u00e4mt&#8220; nennen?<\/p>\n\n\n\n<p>Vor Jahren habe ich eine Satire ver\u00f6ffentlicht, deren Plot etwa der war: Jedem Buch ist eine Zahlkarte beigef\u00fcgt. Hat dem Leser das Buch gefallen, kann er einen beliebigen Betrag an den Autor \u00fcberweisen, quasi als Dank f\u00fcr das intellektuelle, sinnliche Vergn\u00fcgen, das ihm der Text beschert hat. Die reinen Sachkosten hat er mit dem Buchpreis abgegolten, den immateriellen Wert honoriert er mittels besagter Zahlkarte. Da es wie gesagt eine Satire war (eine luftig feuilletonistische), wurde auch der umgekehrte Fall geschildert. Der Leser fordert den eben noch mit Lob und Geld \u00fcbersch\u00fctteten Autor zur Zahlung einer Entsch\u00e4digung f\u00fcr vergeudete Lesezeit und Langeweile auf.<\/p>\n\n\n\n<p>So weit wollen wir nat\u00fcrlich nicht gehen. Aber w\u00e4re es wirklich eine so schlechte und utopische Idee, jedem Krimi, den wir kaufen, eine Zahlkarte beizuf\u00fcgen? Und wenn dir das Buch gefallen hat und du ein wenig Geld \u00fcbrig hast, tr\u00e4gst du 2,5 ode 10 \u20ac ein, alles f\u00fcr den Autor oder, bei \u00fcbersetzten Titeln, zu gleichen Teilen f\u00fcr Autor und \u00dcbersetzer. Sorry, aber ich sehe momentan keine andere M\u00f6glichkeit, die anfangs gestellte Frage ad acta zu legen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Anmerkung: F\u00fcr die Bestimmung der Verlagsgr\u00f6\u00dfen wurde ein quantitativer Vergleich der Herbstnovit\u00e4ten angestellt (Unionsverlag: 28 Titel, Edition Nautilus: 11, Conte: 6), sie dient nur dazu, eine Relation zu veranschaulichen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieso garantiert einem das Verlegen von Teppichb\u00f6den, Bearbeiten von Akten oder Unterrichten von Kindern normalerweise ein passables Einkommen, nicht aber das Schreiben oder \u00dcbersetzen von B\u00fcchern? 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