{"id":16002,"date":"2005-09-26T07:37:32","date_gmt":"2005-09-26T07:37:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/schule-der-rezensenten-7-2\/"},"modified":"2022-06-07T05:43:51","modified_gmt":"2022-06-07T03:43:51","slug":"schule-der-rezensenten-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/schule-der-rezensenten-7\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten -7-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es ist die binsigste aller Weisheiten: Schreibe 1000 Lobhudeleien und einen Verriss, und man wird dich bis ans Ende deiner Tage \u201eden furchtbaren Kritiker\u201c nennen. So ist das. Und warum ist das so?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDa hatt ich einen Kerl zu Gast,<br \/>Er war mir eben nicht zur Last;<br \/>Ich hatt just mein gew\u00f6hnlich Essen,<br \/>Hat sich der Kerl pumpsatt gefressen,<br \/>Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt.<br \/>Und kaum ist mir der Kerl so satt,<br \/>Tut ihn der Teufel zum Nachbar f\u00fchren,<br \/>\u00dcber mein Essen zu r\u00e4sonieren:<br \/>&#8222;Die Supp h\u00e4tt k\u00f6nnen gew\u00fcrzter sein,<br \/>Der Braten brauner, firner der Wein.&#8220;<br \/>Der Tausendsakerment!<br \/>Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>So w\u00fctete schon der junge Goethe, und dass er, just als er das schrieb, selbst ein Kritiker war, ist wohl pikant, \u00e4ndert aber nicht an der ewigen Wahrheit des Gedichteten: Kritiker sind M\u00e4kler, daf\u00fcr leben sie, das baut sie auf. Jeder Verriss ist ein Racheakt, Rache f\u00fcr die schlimmste Selbsterkenntnis: Sie zerst\u00f6ren, weil sie selbst nichts schaffen k\u00f6nnen und nicht in der Lage sind, die Einstellungsvoraussetzungen zu erf\u00fcllen, die schon Friedrich Schlegel, der Gro\u00dfmeister der Kritik, f\u00fcr den Berufsstand formuliert hat:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201ePoesie kann nur durch Poesie kritisiert werden. Ein Kunsturteil, welches nicht selbst ein Kunstwerk ist, entweder im Stoff, als Darstellung des notwendigen Eindrucks in seinem Werden, oder durch eine sch\u00f6ne Form, und einen im Geist der alten r\u00f6mischen Satire liberalen Ton, hat gar kein B\u00fcrgerrecht im Reiche der Kunst.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Eine droht mit Totschlag, der Andere legt die Latte in lichte H\u00f6hen; man riskiert es trotzdem, denn man schreibt ja nicht f\u00fcr die Autoren, sondern f\u00fcr die Leser. Auch einen Verriss.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leser? Ist es nicht die erste Pflicht des Kritikers, die Leser an all den lockenden Nichtigkeiten vorbei zu geleiten, hin zu dem Pretiosen? Bei \u00fcber 700 j\u00e4hrlichen Neuerscheinungen ist es doch eh Illusion zu glauben, man k\u00f6nne dem Leser die schlechten aussortieren, um ihn dann mit dem H\u00e4uflein der guten allein zu lassen! Also konzentriere dich auf die Empfehlung, Kritiker, und verkneif dir das Verteufeln!<\/p>\n\n\n\n<p>Zumal Verrisse zwar l\u00e4nger im Ged\u00e4chtnis der Leser verbleiben, nicht aber unbedingt auf Gegenliebe treffen. In einer Habt-Euch-Lieb-Gesellschaft wie der unsrigen, die auf \u201efairer Streitkultur\u201c besteht, wo ein Anrempeln der Person verp\u00f6nt ist und jeder Kritik an der Sache sogleich ein \u201eDann mach\u2019s doch erst mal besser!\u201c entgegenschallt, gilt Tucholskys simple Feststellung wenig, die da lautet:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wer in der \u00d6ffentlichkeit Kegel schiebt, mu\u00df sich gefallen lassen, da\u00df nachgez\u00e4hlt wird, wieviel er getroffen hat.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ein Autor muss also damit rechnen, dass ich ihm im schlimmsten Falle bescheinige, bei seiner Arbeit versagt zu haben, ja, \u00fcberhaupt nichts von ihr zu verstehen. Er wird in seinem Versagen \u00f6ffentlich gebrandmarkt, seine Sprachkompetenz, mithin die Grundlage seines Schreibens, kann angezweifelt, seine Originalit\u00e4t im extremsten Fall verh\u00f6hnt werden. Und all das nicht nur nach &#8222;Faktenlage&#8220;, sondern als Ergebnis einer &#8222;Interpretation&#8220;. Ist das die Sache wert?<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal: Wer einen Verriss produziert, ger\u00e4t in die gleiche Situation wie die Person, deren Arbeit er f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rt hat. Ein Verriss provoziert die Gegenrede, sei es vom Autor, von den Kollegen oder den Lesern. Letztere reagieren auf Verrisse besonders allergisch, wenn <em>ihnen<\/em> das betroffene Buch gefallen hat. Sie scheuen vor pers\u00f6nlicher Verunglimpfung des Rezensenten nicht zur\u00fcck, und manchein Leser entscheidet sich als Folge einer allerdings merkw\u00fcrdigen logischen Schlu\u00dffolgerung sogar daf\u00fcr, das verrissene Buch nur deshalb zu erwerben, <em>weil <\/em>es verrissen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schlimmste, was einem passieren kann: Der Nachweis, selbst geschludert zu haben. Wenn ich etwa behaupte, Autor A. habe miserabel recherchiert, der deutsch-franz\u00f6sische Krieg habe nicht, wie geschrieben, 1870\/71, sondern bereits 1868\/69 stattgefunden, brauche ich nicht lange zu warten, bis mir ein freundlicher Mensch diesen meinen Irrtum zu Recht um die Ohren haut und alle anderen 99 bitteren Wahrheiten, die ich so zu sagen hatte, Makulatur werden. So betrachtet, sind Verrisse rohe Eier, deren Konsistenz man en d\u00e9tail und in aller Ruhe immer und immer wieder \u00fcberpr\u00fcfen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Also warum das alles? Warum es sich nicht leicht machen und loben, loben, loben? Ganz einfach: Idealerweise ist der Kritiker auch Teil einer Krimi-<em>Kultur<\/em>, und somit nicht nur das, was man euphemistisch einen &#8222;Kaufberater&#8220;, wahrheitsgem\u00e4\u00dfer vielleicht einen kostenlosen Trommler der Verlage nennen k\u00f6nnte. Ein Rezensent ist auch der Qualit\u00e4tskontrolle im Interesse besagter Krimikultur verpflichtet, einer Kultur, die man nur schwerlich beschreiben kann und schon gar nicht am Ende dieses Beitrags. Das riecht nach einem Freitagsessay.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch soviel vorweg: Ein Verriss kann notwendig werden, um die Stimme gegen allgemeine Entwicklungen zu erheben, die die Krimikultur gef\u00e4hrden. Dass etwa eine Warnung vor der Flut minderwertiger, weil nach immer den gleichen Vorlagen produzierter &#8222;Skandinavienkrimis&#8220;, die seit Jahren \u00fcber uns kommt, diese Flut nicht stoppen wird, ist sicher richtig. Versuchen sollte man es dennoch. Man wird niemals diejenigen erreichen, denen Qualit\u00e4t Wurscht ist, die einen 200-Vokabeln-Wortschatz bei Autoren zu sch\u00e4tzen wissen, weil das immer noch 50 mehr sind als im eigenen, die, sehr legitim, sich beim notorischen Liegen in der Sonne am Strand im verdienten Urlaub nicht anders zu behelfen wissen, als mit Exundhopp-Romanen die Langeweile zu vertreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber diejenigen, die Krimis als Literatur ernstnehmen, weil sie Literatur als unverzichtbaren Teil ihres Lebens ernstnehmen &#8211; die erreicht man doch. Es sind wenige. Aber wenn nun auch noch die Kritiker nur die Sch\u00f6nwetterseiten ausleuchten w\u00fcrden, w\u00e4ren es bald noch weniger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist die binsigste aller Weisheiten: Schreibe 1000 Lobhudeleien und einen Verriss, und man wird dich bis ans Ende deiner Tage \u201eden furchtbaren Kritiker\u201c nennen. So ist das. 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