{"id":16025,"date":"2005-10-07T08:10:53","date_gmt":"2005-10-07T08:10:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/krimikultur-die-forschung\/"},"modified":"2022-06-12T23:35:52","modified_gmt":"2022-06-12T21:35:52","slug":"krimikultur-die-forschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/krimikultur-die-forschung\/","title":{"rendered":"Krimikultur &#8211; die Forschung"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/freitagsessay.gif\" alt=\"freitagsessay.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Was wir gemeinhin Literaturgeschichte nennen, ist das Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit. Der Versuch, die \u00fcber die Jahrhunderte geschaffenen Textmassen zu b\u00e4ndigen, zu kategorisieren, zu bewerten, um sodann einen Kanon der besten und charakteristischsten Werke zu pr\u00e4sentieren. So etwas hat seine T\u00fccken. Ist abh\u00e4ngig vom Zeitgeschmack, von der gerade g\u00e4ngigen Forschungsmethode, h\u00e4ufig auch nicht ohne politisch-gesellschaftliche Hintergedanken zusammengestellt. Was nicht in ein Schema passt, bleibt oft unber\u00fccksichtigt oder wird ohne R\u00fccksicht auf Verluste in ein Schema gepresst.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Ordnungssystem der Literatur vertraut auf Epochen und Qualit\u00e4t. Schreibt sich so leicht. Vor allem dann, wenn sich die Werke, deren Platz in der Literaturgeschichte bestimmt werden soll, weder dem einen noch dem anderen Kriterium f\u00fcgen wollen. Krimis zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe an anderer Stelle versucht, mich mit dem Begriff \u201eGenre\u201c auszus\u00f6hnen, indem ich alles, was \u201eGenre\u201c sein k\u00f6nnte, in eine vertikale Ordnung gebracht habe. Krimi w\u00e4re demnach alles \u2013 vom literarischen Meisterwerk bis hinunter zum Groschenheft. Er schneidet sich durch die Zeiten, die Moden, die Epochen und \u2013 sehr wichtig \u2013 Krimi steht nicht nur f\u00fcr ein Dramaturgie- und Handlungsmuster, sondern auch f\u00fcr eine Technik, die Erz\u00e4hlebenen aufbricht, \u00f6ffnet, miteinander verzahnt, wie es nur der Krimi kann und wie man sie auch in Texten verwendet sieht, die eigentlich Nichtkrimis sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies nur kurz. Es soll lediglich aufzeigen, dass sich Krimis dem \u00fcblichen literaturwissenschaftlichen Procedere widersetzen, darauf pochen, in ihren Eigenarten genauso wahrgenommen zu werden wie in ihren offensichtlichen Korrespondenzen zur \u201eallgemeinen Literatur\u201c. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Krimi die unterschiedlichsten Einfl\u00fcsse in sich aufgenommen. Er verdankt sehr viel der Romantik und ihrem Blick auf die Psyche; nicht weniger dem Schauerroman oder der Aufkl\u00e4rung, auch dem Realismus, dem Expressionismus, aber auch dem Trivialen, Starkgeb\u00e4rdigen usw. Und umgekehrt wird auch ein Schuh draus.<\/p>\n\n\n\n<p>Schriftsteller, die es weit von sich weisen w\u00fcrden, als \u201eKrimiautoren\u201c bezeichnet zu werden, haben den Krimi als Technik genutzt, d.h.: einige seiner ureigenen Elemente zur Strukturierung ihrer nichtkriminellen Intentionen eingesetzt. Raabe, Nabokov, Schmidt sind in diesem Zusammenhang schon h\u00e4ufiger genannt worden, f\u00fcgen wir Heimito von Doderer (\u201eEin Mord den jeder begeht\u201c) und den leider stark untersch\u00e4tzten Albert Drach (\u201eUntersuchung an M\u00e4deln\u201c u.a.) hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber macht die Germanistik aus dem Krimi? Ein bezeichnendes Beispiel ist der von Sandro M. Moraldo herausgegebene Band \u201eMord als kreativer Prozess. Zum Kriminalroman der Gegenwart in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz\u201c, der die Beitr\u00e4ge eines im Dezember 2002 stattgefundenen Kongresses in Mailand (!) versammelt. Um es gleich vorweg zu sagen: Was uns hier pr\u00e4sentiert wird, ist solide, kenntnisreiche, manchmal sogar erhellende Forschung; kein Zweifel. Doch schon der erste Aufsatz von Volker Neuhaus, der \u201edie Schwierigkeiten der Deutschen mit dem Kriminalroman\u201c thematisiert, zeigt andererseits die Misere, in die sich Literaturwissenschaft scheinbar zwangsl\u00e4ufig hineinman\u00f6vriert, wenn sie sich mit Krimis auseinandersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es beginnt vielversprechend: <em>\u201eWill man einen so genannten Kriminalroman besonders loben, attestiert man ihm, im Grunde gar keiner zu sein \u2013 ein zweideutiges, ja dubioses Kompliment, wie ich meine.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nun, das meine ich auch. Doch schon der n\u00e4chste Abschnitt l\u00e4sst mich schaudern: <em>\u201eIch spreche vom Kriminalroman, obwohl ich eigentlich den Detektivroman meine; denn leider hat sich Richard Alewyn mit seiner klaren Distinktion \u201aDer Kriminalroman erz\u00e4hlt die Geschichte eines Verbrechens, der Detektivroman die Geschichte der Aufkl\u00e4rung eines Verbrechens (&#8230;)\u2019 nicht durchsetzen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zu Recht nicht. Wer n\u00e4mlich mehr gelesen hat als ein paar Klassiker, wei\u00df, dass diese Trennung in der Praxis nichtig ist. Einmal, weil meist beides erz\u00e4hlt wird, dann, weil \u201edie Geschichte des Verbrechens\u201c h\u00e4ufig auch die \u201eVorgeschichte\u201c, gewisserma\u00dfen die Disposition enth\u00e4lt. Einige der gelungensten Texte des aktuellen Jahres etwa lassen zudem den Begriff des \u201eDetektivromans\u201c obsolet werden, weil in ihnen ein klassischer Detektiv \u00fcberhaupt nicht vorkommt. Lindsays \u201eDes Todes dunkler Bruder\u201c, Levisons \u201eBetriebsbedingt gek\u00fcndigt\u201c, Peaces \u201e1974\u201c \u2013 und wie Astrid Paprotta in ihrer zu Recht hochgelobten \u201eH\u00f6hle der L\u00f6win\u201c mit dem Detektorischen umgeht, hat nun auch nichts mehr mit irgendwelchen klassischen Einteilungen zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun gut. Neuhaus\u2019 Aufsatz endet damit, dass er sechs Autoren nennt, die f\u00fcr ihn den aktuellen state of the art in Sachen deutscher Detektivroman repr\u00e4sentieren: Gisbert Haefs, Jakob Arjouni, Wolf Haas, Bernhard Schlink, Carsten Sebastian Henn und Stefan Winges. Und nun wird es, leider, sehr komisch. Was haben diese, doch eigentlich recht unterschiedlichen Autoren gemeinsam? Man glaubt es kaum: Alle sind sie erfolgreiche Hochschulabsolventen! <em>\u201eGemeinsam ist den sechs hier genannten Autoren die f\u00fcr die Spielfunktion ihrer Detektivromane offenbar g\u00fcnstige Kombination nach internationalen Vorbildern: Die Autoren sind samt und sonders poetae docti, und ihre Helden sind Privatdetektive.\u201c <\/em>Sp\u00e4testens jetzt m\u00f6chte man den Band mittelschwer ver\u00e4rgert aus der Hand legen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die weiteren Beitr\u00e4ge nun bringen, wie schon gesagt, gute Literaturwissenschaft. Es werden Romane rezensiert, literarisch potente Werke \u2013 doch von ihrer ja nun schlecht zu leugnenden Eigenart, Krimis zu sein \u2013 kaum ein Wort. Nichts \u00fcber Spannung (von suspence [Hochschulabsolventen schreiben bitte &#8222;suspense&#8220;, s.u.] reden wir gar nicht), nichts \u00fcber die Zersplitterung von Wirklichkeit unter der Gewalt des Verbrechens, stattdessen die bekannte Kost. D\u00fcrrenmatts Polizisten reflektieren <em>\u201edie negativen Aspekte der schweizerischen Gesellschaft\u201c<\/em>, Wolf Haas zeigt <em>\u201eden verbalen B\u00fcrgerkrieg im gespaltenen \u00d6sterreich\u201c<\/em>, Arjouni erzeugt eine Umwelt, <em>\u201edie konkret gesellschaftlich determiniert ist und keinen domestizierten Freiraum mehr offen l\u00e4sst\u201c<\/em>, und und und&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ist ja nicht falsch, nein, das wirklich nicht. Krimis sind Literatur und Literatur zeigt all das auf. Aber Krimis sind auch Krimis und besitzen vielleicht eine Art Mehrwert, einen zus\u00e4tzlichen Schl\u00fcssel f\u00fcr die Seelen, die Zust\u00e4nde, die Allt\u00e4glichkeiten. Dass durch dieses wissenschaftliche Raster von vornherein alles f\u00e4llt, was den Anspr\u00fcchen nicht gen\u00fcgt \u2013 noir, hardboiled etc. (alles was nicht promoviert hat&#8230;) \u2013 versteht sich leider von selbst. Und bes\u00e4\u00dfen wir hierzulande eine Modesty Blaise \u2013 man w\u00fcrde sie innerhalb der Hochschulen und Kongresse nicht zur Kenntnis nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber genug. Nur ein Blick in den Abgrund. In einer funktionierenden Krimikultur wartet viel Arbeit auf die Literaturwissenschaft. Nicht nur mit den Texten \u2013 auch mit sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Sandro M. Moraldo (Hg.): <br \/>Mord als kreativer Prozess. Zum Kriminalroman der Gegenwart in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz. <br \/>Universit\u00e4tsverlag WInter Heidelberg 2005. 180 Seiten, 30 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was wir gemeinhin Literaturgeschichte nennen, ist das Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit. Der Versuch, die \u00fcber die Jahrhunderte geschaffenen Textmassen zu b\u00e4ndigen, zu kategorisieren, zu bewerten, um sodann einen Kanon der besten und charakteristischsten Werke zu pr\u00e4sentieren. 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