{"id":16048,"date":"2005-10-10T16:20:33","date_gmt":"2005-10-10T16:20:33","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/hygienehysterie\/"},"modified":"2022-06-05T23:49:23","modified_gmt":"2022-06-05T21:49:23","slug":"hygienehysterie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/hygienehysterie\/","title":{"rendered":"Hygienehysterie"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Dieser emotionale Beitrag bezieht sich auf die &#8222;Rezensentenethos&#8220;-Diskussion. Siehe letzte Beitr\u00e4ge. Zitiert wird nicht.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Totale Hygiene ist die Wurzel der Krankheit. \u00dcbertriebene Reinlichkeit kann Allergien ausl\u00f6sen, schw\u00e4cht unsere Abwehrkr\u00e4fte \u2013 und gedeiht doch nie bis zu jenem Zustand der Vollkommenheit, der uns dazu legitimieren w\u00fcrde, als perfekte Sauberm\u00e4nner und \u2013frauen aufzutreten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dass wir in einer Gesellschaft der Hygienehysterie leben, braucht nicht weiter ausgef\u00fchrt zu werden. Es sind zumeist die allerschlimmsten Drecksp\u00e4tze, die mit Schn\u00fcffelnase und anklagendem Zeigefinger durch die Landschaft tappen, bigotte und lupenreine K\u00f6rper, in denen eine dreckige Seele wohnt, eine Mentalit\u00e4t, die zum Himmel stinkt, ein Gehirn, darauf kapriziert, Unrat zu denken. Wasch dich mal, du! Und tust du das nicht, w\u00e4schen WIR DICH.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ich bestehe weiterhin auf das Bisschen Dreck, das mich von allen anderen unterscheidet, die sich von allen anderen unterscheiden, weil sie eben auch ein Bisschen dreckig sind. Ich bin nicht objektiv sauber. Ich wei\u00df nicht, was Objektivit\u00e4t ist, und ich will es auch gar nicht mehr wissen. Ich bin ein Subjekt mit meinen eigenen Regeln und Gewohnheiten, meinen eigenen Schw\u00e4chen und St\u00e4rken, meiner eigenen Ideologie, meiner eigenen moralischen Richtschnur. Das muss jetzt kein Mensch glauben, aber das ist so.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schreibe Rezensionen. Unter anderem. Seit etwa Anfang 2005 in meinem Weblog, davor \u00fcberall sonst, wo man sie haben wollte und vielleicht sogar bereit war, daf\u00fcr zu zahlen (was seltener der Fall war als umgekehrt). Als ich mit dem Rezensieren von Kriminalromanen anfing, kannte ich niemanden aus der \u201eBranche\u201c. Keinen Krimiautor, keinen Verleger, keinen Herausgeber, nicht einmal Leser. Jetzt ist das anders; hat sich so ergeben. Aber rezensieren tue ich nach wie vor so, wie ich angefangen habe. Ein Buch lesen, sich dar\u00fcber Gedanken machen, diese Gedanken in eine ansprechende und hoffentlich informative Form bringen, dann ver\u00f6ffentlichen. So soll es sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das ist nicht \u00fcberall so. \u00dcberraschung. W\u00e4re ich nicht drauf gekommen. W\u00e4re ich nat\u00fcrlich doch. Man reiche mir eine xbeliebige Dissertation und ich sage dir nach fl\u00fcchtiger Begutachtung des Anmerkungsapparates, bei welchem Doktorvater der Verfasser, die Verfasserin promoviert hat. Bei der zitierten Person mit den meisten und positivsten Eintr\u00e4gen n\u00e4mlich. Das ist keine Zauberei, sondern Leseerfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Finden Sie das jetzt schmutzig? Ach wo! Ich sag Ihnen mal was: Wenn Sie promovieren, werden Sie zur Hure. Sie verkaufen sich dem- oder derjenigen, der am Ende den Daumen nach oben heben oder nach unten senken kann. Und sp\u00e4ter wird es kaum anders. Sie beschmutzen sich \u2013 oder fallen auf die Schnauze. Sie katzbuckeln oder Sie wandern aufrecht in die Arbeitslosigkeit. Shocking: Ich versteh das. W\u00e4re ich Doktorand w\u00fcrde ich es ja genauso machen. Ich w\u00fcrde darauf vertrauen, dass jeder, der nicht ganz vom \u00e4u\u00dfersten Ende der bewohnten Welt kommt, das auch wei\u00df und damit umgehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Tut mir leid, wenn Sie das anders sehen. \u00dcberall werden sie miteinander handgemein: das Ideal und die schn\u00f6de Wirklichkeit, die Moral und das Materielle. Damit so etwas nicht \u00fcberhand nimmt, gibt es Gesetze und, eben, den inneren, subjektiven Berg Sinai, von dem mir irgendein Gott (Herr Freud mag es \u201e\u00dcberich\u201c nennen) seine Gesetzestafeln entgegenwirft. Wenn ich nach ihnen lebe, bin ich ein integerer Mensch; wenn nicht: dann eben nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ei, fein. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte auch ich gerne die Gew\u00e4hr, dass alle so denken wie ich und dass auch ich, so mal die schn\u00f6de Wirklichkeit \u00fcber das Ideal zu triumphieren droht oder das Materielle \u00fcber die Moral, durch einen allgemeinen Kodex in meine Schranken verwiesen w\u00fcrde oder, bei \u00dcbertretung, bestraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir doch mal ein kleines Beispiel. Verleger A. schickt mir ein Buch von Autor B., der ihm mich, den wir jetzt mal Rezensent C. nennen wollen, zur Belieferung mit einem kostenlosen Exemplar anempfohlen hat. Selbstverst\u00e4ndlich hat mich B. vorher angemailt. Du, h\u00f6r mal, ich hab da\u2019n neues Buch&#8230; Na, okay, lass ma\u2019 kommen. Und dann kommt es.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gibt es drei realistische M\u00f6glichkeiten. Erste: Das Buch gef\u00e4llt mir. Zweite: Das Buch gef\u00e4llt mir nicht. Dritte: Das Buch ist solala. Ganz normal also noch, kein Unterschied zu jedem xbeliebigen Werk eines xbeliebigen, mir unbekannten Verfassers. Aber jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Reaktion auf M\u00f6glichkeit eins: Buch hat gefallen, wird positiv besprochen. Aus. Reaktion auf M\u00f6glichkeit zwei: Buch hat nicht gefallen. Wird auch nicht besprochen. Reaktion auf M\u00f6glichkeit drei: Buch solala, ich wei\u00df nicht, ob ich es besprechen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht mehr normal. Reaktion auf M\u00f6glichkeit zwei bei einem mir unbekannten Autor: Buch wird verrissen. Ich schone also Autor B., den Freund oder wenigstens Bekannten. Ist das verwerflich? Mag sein; aber wer w\u00fcrde anders handeln? Ich; manchmal. Wenn das Buch mich n\u00e4mlich so \u00e4rgern w\u00fcrde, dass ich es auf jeden Fall besprechen und in die Ecke stellen m\u00fcsste, und wenn der Autor damit nicht klarkommt, ist das sein Bier, dann hat er nicht kapiert, was Schreiben f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit hei\u00dft. Das mag man nun glauben oder nicht. Ich gebe zu, dass ein mir bekannter Autor eher mit der Nicht-Besprechung davonk\u00e4me als ein mir unbekannter, allerdings ist es auch nicht so, dass es hier keine Ausnahmen gibt. Ich verrei\u00dfe grunds\u00e4tzlich keine B\u00fccher, die jemand auf eigene Kosten publiziert hat, in irgend einem Wahn vielleicht, was wei\u00df ich. Das ist nat\u00fcrlich nicht in Ordnung, und das wei\u00df ich auf jeden Fall. Aber auch das ist so.<br \/>Summa: Ein mir bekannter Autor hat generell bessere Chancen, der gerechten Strafe zu entgehen. Was er nicht hat: einen Freibrief. Ich nenne einen Bockmist kein Meisterwerk, keine Mediokrit\u00e4t ein \u201e\u00fcber dem Durchschnitt\u201c angesiedeltes Elaborat. Ich nenne aber, verdammt noch mal, ein gutes Buch ein gutes Buch, und h\u00e4tte ich es selbst geschrieben, w\u00fcrde ich es auch so nennen und nicht vor falscher Bescheidenheit hinter den n\u00e4chsten Pfosten kriechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe, wie gesagt, inzwischen eine Reihe von Leuten kennengelernt, die \u201eirgendwie\u201c mit Krimis zu tun haben. Ich stehe zum Beispiel mit dem Autor B. in Kontakt, weil ich mit ihm ein Projekt plane, und dieser Autor B. hat einen Krimi geschrieben, den ich positiv besprochen habe. So what? Was br\u00e4chte es, w\u00fcrde ich folgenden Disclaimer meiner Rezension vorsetzen: \u201eLiebe Leute, das ist eine Rezension, die ihr nicht ernstnehmen sollt. Ich kenne n\u00e4mlich den Autor bzw. stehe zu ihm in einer Arbeitsbeziehung\u201c. Na toll.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nehmen wir doch jetzt mal an: Es g\u00e4be eine \u201eMedienethik\u201c, einen \u201eKodex f\u00fcr Rezensenten\u201c, der es ihnen bei Androhung von Strafe untersagte, die Erzeugnisse befreundeter Autoren zu besprechen. Erstens: Dieser Kodex w\u00e4re nat\u00fcrlich h\u00f6chst unvollst\u00e4ndig, da er es dem Rezensenten auch untersagen m\u00fcsste, die Erzeugnisse seiner Feinde \/ Gegner zu besprechen. Und irgendwann k\u00e4me irgendein kluger Mensch auf den Gedanken, dass man nur noch die B\u00fccher von Leuten besprechen darf, die man vorher weder gelobt noch getadelt hat, zu denen man also in einem \u2013 aha! \u2013 absolut sauberen, sprich toten Verh\u00e4ltnis steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Folgen. Wenn Sie Autor oder Kritiker oder Verleger oder Herausgeber sind: separieren Sie sich. Ziehen Sie in die Einsamkeit, verkaufen Sie Ihr Telefon, Ihr Internet, schreiben Sie keine Briefe, antworten Sie auf keine. Zuwiderhandlung wird mit Ignoranz bestraft. Wenn ich mit dem Autor B. auf der Buchmesse auch nur ein paar nette Worte gewechselt habe, darf ich ihn nicht mehr besprechen. K\u00f6nnte ja einer gesehen haben und in seinem propperen Gehirn gleich die noch proppereren Schl\u00fcsse ziehen. Am Ende wird es dann so sein, dass jeder durchschnittlich kommunikative Autor froh sein kann, wenn ihn Fr\u00e4ulein Bertha aus Husum f\u00fcr den \u201eHusumer Krimiboten\u201c bespricht, weil hier der \u201eRezensentenkodox\u201c noch voll greift.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber bittesch\u00f6n. Her mit dem Kodex. Ich unterschreibe ihn sofort. Eine Heuchelei mehr auf dieser Welt, kommt eh nicht drauf an. Ein weiterer Sieg f\u00fcr die Ritter der objektiven Gerechtigkeit, der sauberen Mattscheibe, des sauberen Schreibpapiers, der sauberen Hirnk\u00e4sten.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit das, was ich zu diesem Thema schreiben kann, ohne mir Beleidigungsklagen einzuhandeln. Beitrag wurde nicht korrekturgelesen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Dieser emotionale Beitrag bezieht sich auf die &#8222;Rezensentenethos&#8220;-Diskussion. Siehe letzte Beitr\u00e4ge. Zitiert wird nicht.) 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