{"id":16058,"date":"2005-10-13T07:46:00","date_gmt":"2005-10-13T07:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/untersuchung-an-krimis-albert-drach\/"},"modified":"2022-06-08T01:07:19","modified_gmt":"2022-06-07T23:07:19","slug":"untersuchung-an-krimis-albert-drach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/untersuchung-an-krimis-albert-drach\/","title":{"rendered":"Untersuchung an Krimis: Albert Drach"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/krimix.gif\" alt=\"krimix.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>(&#8222;KrimiX&#8220; sind Krimis, die keine sind und doch welche sind. Gemixtes halt. Diese Tierchen sind \u00fcbrigens der Regelfall in der Literatur, blo\u00df wissen es die wenigsten. In dieser Reihe sollen also B\u00fccher vorgestellt werden, die man als genretreuer Kritiker und Leser nicht &#8222;Krimi&#8220; nennen w\u00fcrde, die aber unbedingt dazugeh\u00f6ren. \u00dcbrigens ist der Leser durchaus zur Mitarbeit aufgefordert. Nutzt die Kommentarfunktion, um Gesch\u00f6pfe zu benennen, von denen ihr auch nicht so genau sind, ob sie nun oder ob eher nicht. Wer selbst etwas Ausf\u00fchrlicheres zu einem solchen Titel schreiben m\u00f6chte, schicke mir eine <a href=\"mailto:dpr@hinternet.de?subject=KrimiX\">Mail<\/a>.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEs soll Wind gegeben haben, und diese Versicherung erscheint glaubhaft, wenn festgehalten wird, dass die R\u00f6cke, n\u00e4mlich die unteren \u00e4u\u00dferen Kleidungsst\u00fccke der Weibspersonen in Bewegung gerieten und die Anschauung der dann noch d\u00fcrftiger bedeckten Oberschenkel zulie\u00dfen, so dass sich M\u00e4nner veranlasst f\u00fchlten, ihre Kraftwagen anzuhalten und auf das Angebot der beiden, an der noch unvollendeten Autobahn wartenden sogenannten M\u00e4del einzugehen, indem diesen zur Mitfahrt die Wagent\u00fcren ge\u00f6ffnet wurden. Es muss au\u00dferdem geregnet haben, wenn als richtig angenommen wird, dass auch die Blusen der zwei in Frage kommenden Frauenzimmer geradezu am Leibe klebten, was im \u00fcbrigen auch dem Umstand zugeschrieben werden kann, dass sie nur unzureichende, d.i. kaum nennenswerte W\u00e4schest\u00fccke darunter getragen haben d\u00fcrften. Wie lange sie trotz ihrer durch Wind und Regen hervorgehobenen Eignung zur Aufnahme in einem sonst nur von einer m\u00e4nnlichen Person besetzten Kraftwagen hatten warten m\u00fcssen, dar\u00fcber liegen blo\u00df die Angaben erw\u00e4hnter M\u00e4del vor.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr eine Sprache ist das? Man muss sich einlesen, aber auch wenn man das vergangene Jahrhundert an sich vorbeiziehen l\u00e4sst, liegt es ja nicht wie ein offenes Buch vor einem, das man locker durchschm\u00f6kern k\u00f6nnte. Das Personal, das einem begegnet, ist nicht leicht zu durchschauen; vielleicht Teufel, vielleicht Clowns; vielleicht das eine nur die Kehrseite des anderen, Gro\u00dfer Diktator und Witzfigur, Goebbelspathos und stand up comedian.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Sprache ist genau das: irgendwie d\u00e4monisch, irgendwie komisch. Es ist die Sprache des 20. Jahrhunderts, es ist das 20. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der sie schrieb: Albert Drach. 1902 nahe Wien geboren, ein Jude mit der zeittypischen Biografie, 1946 zur\u00fcck, als Anwalt in M\u00f6dling t\u00e4tig, da war auch seine gro\u00dfe literarische Zeit schon vorbei. 1988 mit dem B\u00fcchner-Preis ausgezeichnet, sehr umstritten, Herr Reich-Ranicki h\u00e4lt das Werk Drachs f\u00fcr zu Recht vergessen, ein Urteil, das sehr viel \u00fcber die Zurechnungsf\u00e4higkeit dessen, der es gef\u00e4llt hat, aussagt. Ein paar Jahre lang steht Drach halbwegs im Licht der interessierten \u00d6ffentlichkeit, danach: wieder Stille. 1995 gestorben.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Untersuchung-an-Maedels.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Untersuchung-an-Maedels.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-24986\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Untersuchung-an-Maedels.jpg 300w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Untersuchung-an-Maedels-91x150.jpg 91w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eWas wiederum die Esmeralda Nepalek anlangt, so war sie im Wohnhause ihres Vaters so schlecht und recht aufgezogen worden. Ihre Mutter Barbara, geborene Wyklacil, soll sich sehr \u00fcber das Kind gefreut haben. Da sie aber bei der Geburt starb, d\u00fcrfte ihre Freude nicht lange angedauert haben, wenn sie \u00fcberhaupt echt war, denn es handelte sich immerhin um das vierzehnte Kind, noch dazu nach einer langen Pause.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Drach entwickelte den \u201eKanzlei- oder Protokollstil\u201c zu h\u00f6chster Vollendung, auch in \u201eUntersuchung an M\u00e4deln\u201c, einem Kriminalprotokoll, das beweist, wieviel Kraft und Flexibilit\u00e4t dieses \u201eGenre\u201c hat, wenn man es den bed\u00fcrfnislosen, blutarmen, lendenlahmen Schreiberlingen unter der kratzenden Feder wegzieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei M\u00e4dchen, Anfang zwanzig, Esmeralda und Stella, weden als Anhalterinnen von einem Autofahrer vergewaltigt und erschlagen ihn bei n\u00e4chster Gelegenheit mit dem Wagenheber. Die T\u00e4terinnen werden gefasst, die Leiche bleibt verschwunden. Jetzt beginnt, von Amtswegen, die penible Untersuchung des Tathergangs, die allerdings rasch zu einer Untersuchung der M\u00e4dchen und ihrer Vergangenheit ger\u00e4t, zu einem Schuldigschreiben bei h\u00f6chster amtlicher Pr\u00e4zision.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eAls sie aber beide zw\u00f6lf waren, wird von ihnen berichtet, da\u00df Wipfinger die Stella auch an Stellen entkleidete, die nicht mehr dem Spielbed\u00fcrfnis Unm\u00fcndiger dienten, und dort zumindest Einschau hielt, ohne da\u00df sie aus einem sonst von Natur vorhanden Abwehrbed\u00fcrfnisse ihn daran gehindert h\u00e4tte, geschweige denn, da\u00df sie damals wie seinerzeit aus eigentumsfeindlichen Gr\u00fcnden wiederum mit einem Holzscheit oder Kastanienast zugeschlagen h\u00e4tte.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Protokollanten erfahren wir nichts. Er ist der um Objektivit\u00e4t bem\u00fchte Berichterstatter, von einer peniblen Genauigkeit, die, je denunziatorischer, gef\u00fchlsk\u00e4lter, obsz\u00f6ner sie wird, uns den Gegenstand des Protokolls aus dem Blick schreibt. Am Ende sind die M\u00e4dchen die Opfer der Sprache, und die Sprache ist das Opfer derjenigen, die sie mi\u00dfbrauchen, v\u00f6llig korrekte Menschen, Untiere. Und schon stehen wir wieder im 20. Jahrhundert und betrachten uns die Typologie seiner T\u00e4ter \u2013 und siehe da: Sie sehen aus wie der, der die M\u00e4del untersuchte. Das ist, wie gesagt, hochkomisch auf der einen, unvorstellbar bestialisch auf der anderen Seite, aber auf beiden so normal, dass man es nur glauben kann, wenn man an nichts mehr glauben kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sich dereinst jemand f\u00fcr das 20. Jahrhundert interessieren sollte und, in Ermangelung anderer Dokumente, nur \u201eUntersuchung an M\u00e4deln\u201c als Quelle bes\u00e4\u00dfe (vielleicht noch \u201eDas gro\u00dfe Protokoll gegen Zwetschkenbaum\u201c von n\u00e4mlichem Verfasser) \u2013 er gew\u00f6nne ein pr\u00e4zises Bild der Zeit. Man wird dies nur einem Bruchteil der deutschen Literatur nachr\u00fchmen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kriminalroman \u00fcberzeugt \u201eUntersuchung an M\u00e4deln\u201c nat\u00fcrlich nicht, wenn man das alles eh nur als \u201eUnterhaltungsliteratur\u201c abtut und alles, was deren Grunds\u00e4tzen nicht entspricht, rasch in eine sch\u00fctzende Vitrine stellt, auf dass blo\u00df kein St\u00e4ubchen der Trivialit\u00e4t es beschmutze. Krimi ist auch eine \u00e4sthetische Kategorie, ein Allesfresser dazu, der sich von den Nichtkrimis nimmt, was er kriegen kann und im Gegenzug von den Nichtkrimis ausgeweidet wird, bis man nicht mehr zu unterscheiden vermag, was nun was ist. So betrachtet, ist \u201eUntersuchung an M\u00e4deln\u201c mehr Krimi als 90% der flotten Nichtigkeiten, die einem da so Tag f\u00fcr Tag ins Haus flattern, Bosseleien aus dem lustigen Legoland der W\u00f6rter.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Albert Drach: Untersuchung an M\u00e4dels. <br \/>dtv 1995, 11 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(&#8222;KrimiX&#8220; sind Krimis, die keine sind und doch welche sind. Gemixtes halt. Diese Tierchen sind \u00fcbrigens der Regelfall in der Literatur, blo\u00df wissen es die wenigsten. In dieser Reihe sollen also B\u00fccher vorgestellt werden, die man als genretreuer Kritiker und Leser nicht &#8222;Krimi&#8220; nennen w\u00fcrde, die aber unbedingt dazugeh\u00f6ren. \u00dcbrigens ist der Leser durchaus zur [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-16058","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16058","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16058"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16058\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16058"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16058"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16058"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}