{"id":16062,"date":"2005-10-17T07:43:02","date_gmt":"2005-10-17T07:43:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/schule-der-rezensenten-9-2\/"},"modified":"2022-06-07T00:03:00","modified_gmt":"2022-06-06T22:03:00","slug":"schule-der-rezensenten-9-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/schule-der-rezensenten-9-2\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten -9-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Lesen ist ja schon anstrengend genug. Und dann erst: Urteilen und Schreiben! Geht es nicht auch bequemer im Rezensentengewerbe? Klar doch! Einfach die 3-S-Maschine anwerfen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die 3-S-Maschine ist eine furchtbar komplizierte Apparatur, deren Innenleben wir an dieser Stelle nicht erkl\u00e4ren wollen, weil wir es selbst nicht verstehen. Ein gro\u00dfer, grauer Kasten, an dem drei Kn\u00f6pfe angebracht sind, die sich jeweils innerhalb einer 10er-Skala drehen lassen. Die Kn\u00f6pfe sind folgenderma\u00dfen beschriftet: Sprache \u2013 Story \u2013 Spannung. Das steckt im Groben die Kategorien ab, nach denen man einen Krimi bewertet. Als Rezensent habe ich mir nach der Lekt\u00fcre Eindr\u00fccke verschafft, wie es um Sprache, Story und Spannung steht, Eindr\u00fccke, die ich jetzt jeweils auf eine Zahl zwischen 0 und 10 abstrahiere und durch einfaches Drehen der Kn\u00f6pfe der Maschine mitteile. Diese beginnt, wie es Maschinenart ist, mit ohrenbet\u00e4ubender Gesch\u00e4ftigkeit meine Einstellungen zu interpretieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir zum Beispiel Robert H\u00fcltners \u201eFluch der wilden Jahre\u201c. F\u00fcr die Story gebe ich ihm eine 5, was erkennbar mittelm\u00e4\u00dfig ist, aber noch nicht viel zu besagen hat. Die Geschichte ist nicht sehr originell, was ebenfalls vorerst nicht negativ gemeint ist, denn originelle Geschichten sind so selten, dass man sich das Datum ihrer Lekt\u00fcre eh im Kalender rot anstreicht. Die sprachliche Umsetzung ist gut gelingen, geben wir ihm eine 7. F\u00fcr eine 8 fehlt mir der Humor, f\u00fcr eine 9 ein wenig sprachliche K\u00fchnheit, ja, und die 10 vergebe ich grunds\u00e4tzlich nicht, weil dann das Ende der Fahnenstange erreicht w\u00e4re, \u00fcber das ja \u2013 vielleicht erlebe ich das noch \u2013 irgendwann mal ein Krimi hinausschie\u00dft. Spannungsm\u00e4\u00dfig liegt H\u00fcltners Text auch so in der Mitte, also wieder eine 5. Sch\u00f6n. Das ging ja schnell. Die Maschine sprotzt und w\u00fcrgt, rattert und zittert, als k\u00e4me jetzt gleich ein frischer Schluck Espresso unten raus. Aber unten \u2013 da ist tats\u00e4chlich ein Schlitz \u2013 kommt, nach etwa einer halben Minute, ein St\u00fcck Papier heraus. Die fertige Rezension.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lautet: \u201eRobert H\u00fcltner hat mit seinem Roman \u201aFluch der wilden Jahre\u2019 eine durchschnittliche Handlung mit \u00fcberdurchschnittlichen sprachlichen Mitteln umgesetzt und dabei eine akzeptable Spannung erzeugt.\u201c Zufrieden?<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich nicht. So sch\u00f6n das mit der 3-S-Maschine ja auch klingen mag: Etwas mehr erwartet der Leser schon von einer Rezension. Etwa eine Kurzwiedergabe des Inhalts. Okay. Die Techniker arbeiten schon dran, das kriegen wir auch noch hin. Text wird eingelesen, Maschine fasst die Handlung grob zusammen. Jetzt zufrieden? Immer noch nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich mich so durch die Feld-Wald-Wiesen-Kritiken von Krimis lese, habe ich das Gef\u00fchl, dass die 3-S-Maschine durchaus schon in einer rudiment\u00e4ren Version eingesetzt wird. Eingescannt wird nicht das ganze Buch, der Klappentext gen\u00fcgt meistens, und dann spuckt das Maschinchen aus. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist \u2013 die Strecke selbst, die eine Beurteilung vom Zeitpunkt des Lesens bis zu ihrer schriftlichen Fixierung zur\u00fccklegt. Eine Rezension ist weder die Summe von Einzelpunkten noch das Ergebnis einer mathematischen Operation zur Errechnung des Durchschnittswertes. H\u00fcltner h\u00e4tte nach diesem Verfahren eine \u201eGesamtpunktzahl\u201c von 17; es mag sein, dass ich einen sprachlich brillanten (9 Punkte), handlungsbezogen ungeheuer originellen (noch mal 9 Punkte) Krimi habe, dessen Spannung jedoch gleich Null ist. Macht zusammen 18 Punkte, also \u201ebesser\u201c als H\u00fcltner?<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt jetzt konstruiert, ist aber gar nicht so weit von g\u00e4ngiger Praxis entfernt. Manche Krimis sind, was Handlung und Spannung betrifft, weit \u00fcber dem Durchschnitt, sprachlich jedoch unter aller Kanone. In einer Kritik k\u00f6nnte ich das beklagen und vielleicht so weit gehen, die positiven Eindr\u00fccke g\u00e4nzlich den negativen zu opfern und den Roman als missgl\u00fcckt zu bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich vom Weg gesprochen habe, den eine Kritik von der Lekt\u00fcre bis zu ihrer Verschriftlichung zur\u00fccklegt, dann ist vor allem ein mit keiner noch so hilfreichen Maschine zu messender Faktor angesprochen: meine emotionale Befindlichkeit. Warum nehme ich es bei manchen Texten (etwa den Beck-Romanen von Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6) hin, dass sie sprachlich eher bieder daherkommen, bei anderen hingegen nicht? Warum wettere ich hier gegen fehlende Spannung, w\u00e4hrend sie mir dort nicht zu fehlen scheint, obwohl sie nicht vorhanden ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Die einfachste Antwort ist auch die, die man am wenigsten begr\u00fcnden kann: Es gibt B\u00fccher, in denen ich mich wohlf\u00fchle, seien sie auch noch so spartanisch eingerichtet, und es gibt B\u00fccher \u2013 stilistische Villen, Handlungspal\u00e4ste, Spannungsburgen -, aus denen ich schnellstens wieder raus m\u00f6chte, weil es mich fr\u00f6stelt. Dies in Worte zu fassen, dem Leser auf nachvollziehbare Weise verst\u00e4ndlich zu machen, ist vielleicht die gr\u00f6\u00dfte Kunst beim Rezensieren. Und wie alle gro\u00dfe Kunst ziemlich selten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesen ist ja schon anstrengend genug. Und dann erst: Urteilen und Schreiben! Geht es nicht auch bequemer im Rezensentengewerbe? Klar doch! 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