{"id":16066,"date":"2005-10-19T08:06:06","date_gmt":"2005-10-19T08:06:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/adolph-muellner-der-kaliber\/"},"modified":"2022-06-12T23:36:48","modified_gmt":"2022-06-12T21:36:48","slug":"adolph-muellner-der-kaliber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/adolph-muellner-der-kaliber\/","title":{"rendered":"Adolph M\u00fcllner: Der Kaliber"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/Muellner.jpg\" alt=\"Muellner.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Keine Sorge; die Geschichte des Kriminalromans muss nicht neu geschrieben werden. Nach der Lekt\u00fcre von Adolph M\u00fcllners Novelle \u201eDer Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten\u201c w\u00e4re es indes angebracht, sie wenigstens zu erg\u00e4nzen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es ist das Erscheinungsjahr 1828, das die Sache ein wenig brisant macht. 13 Jahre vor der gemeinhin als \u201eGeburtsstunde des modernen Krimis\u201c gefeierten Ver\u00f6ffentlichung von Edgar Allan Poes \u201eDie Morde in der Rue Morgue\u201c wandelt unversehens ein Detektiv durch die deutsche Provinz, ein Beamter namens \u201evon L.\u201c, der einen mysteri\u00f6sen Mord aufzukl\u00e4ren hat. Im \u201eScheidewald\u201c, wo allerhand Diebsgesindel sein Unwesen treibt, stirbt der Kaufmann Heinrich Albus in den Armen seines ihn begleitenden Bruders Ferdinand an einer heimt\u00fcckischen Kugel. Dieser Ferdinand, nervlich \u00e4u\u00dferst exaltiert, macht sich bittere Vorw\u00fcrfe. Hat er, der bewaffnet war, durch seine Reaktion das Verbrechen eskalieren lassen?<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl: von L. ermittelt. Wie er dies tut, hat nun wirklich nichts von der deduktiven und induktiven Brillanz eines Auguste Dupin, so dass die gelinde Erwartung, von L. sei ein Vorl\u00e4ufer des Poe\u2019schen \u201erole models\u201c und als solcher in seine vollen Rechte zu setzen, rasch entt\u00e4uscht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dennoch: Um die Rekonstruktion der Ereignisse, mithin die Fixierung von Wirklichkeit, geht es auch bei M\u00fcllner. Das Reizvolle daran: Es sind gleich zwei Detektive am Werk. Einmal nat\u00fcrlich von L., der die Dinge n\u00fcchtern und amtlich korrekt analysiert (obgleich er der Verlobten Ferdinands gegen\u00fcber mehr als nur Sympathie hegt, also \u201ebefangen\u201c ist), dann aber auch der von Schuldgef\u00fchlen geplagte Ferdinand selbst, dessen Interpretation der Dinge eine v\u00f6llig andere als die des Beamten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>So kommt es schlie\u00dflich zu der durchaus originellen Konstellation, dass nicht, wie in Kriminalromanen sonst \u00fcblich, der Detektiv die Schuld des T\u00e4ters zu beweisen trachtet, sondern \u2013 gegen den entschiedenen Willen des letzteren \u2013 dessen Unschuld. Das Ende der Novelle wiederum sieht die schiere Faktizit\u00e4t obsiegen, die Macht der Indizien ist es, die Recht und Wirklichkeit wiederherstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcllner, ein ebenso erfolgreicher Dramatiker wie ber\u00fcchtigter Betriebsquerulant, befindet sich mit \u201eDer Kaliber\u201c zwischen der Psychologie der Romantik und der beschreibenden N\u00fcchternheit des Realismus. Dort steht er ganz dicht bei Poe. Dem mag wohl nicht zu nehmen sein, die Psyche mit analytischer Strenge seziert zu haben \u2013 M\u00fcllner jedoch hat sich das Verdienst erworben, \u00fcberhaupt klargemacht zu haben, um was es Poe eigentlich geht: um Erkenntniswege und ihre Sackgassen, um Rekonstruktion, die nicht selten zur Konstruktion wird. Ist Poe also zu Recht ein \u201emoderner Autor\u201c, so sollte man M\u00fcllner den Titel eines Zuarbeiters der Moderne nicht vorenthalten.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Adolph M\u00fcllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten. <br \/>Liliom Verlag 2002. 125 Seiten,15 \u20ac. ISBN: 3-934785-01-8. <\/pre>\n\n\n\n<p>Da das Buch nicht bei Amazon oder Co. zu bestellen ist, wende man sich direkt an den Verlag, der prompt und versandkostenfrei gegen Rechnung liefert: \u2192<a href=\"http:\/\/www.liliomverlag.de\/literatur\/muellner.htm\">Liliom Verlag<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine Sorge; die Geschichte des Kriminalromans muss nicht neu geschrieben werden. Nach der Lekt\u00fcre von Adolph M\u00fcllners Novelle \u201eDer Kaliber. 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