{"id":16089,"date":"2005-10-26T07:59:35","date_gmt":"2005-10-26T07:59:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/zum-regionalkrimi-2\/"},"modified":"2022-06-05T01:24:08","modified_gmt":"2022-06-04T23:24:08","slug":"zum-regionalkrimi-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/zum-regionalkrimi-2\/","title":{"rendered":"Zum Regionalkrimi"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/regional.gif\" alt=\"regional.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Regionalkrimis, so h\u00f6rt man, waren auch diesmal wieder ein Messethema. Sie sind es wohl schon, seit der erste dieser Sorte \u2013 ich wei\u00df nicht, welcher \u2013 aus dem Dickicht schriftstellerischer Phantasie auf das freie Feld des Buchhandels trat. Geliebt hat man sie nie \u2013 aber gekauft. Totgesagt werden sie seit langem \u2013 und seit langem erfreuen sie sich eines gesunden Daseins. Und es tut sich nichts?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich gebe zu, dass mich das Thema \u201eRegionalkrimi\u201c eigentlich genauso wenig interessiert wie das Thema \u201ehardboiled\u201c oder \u201ecozy\u201c oder \u201ehistoric\u201c oder \u201eThemenkrimi\u201c. Ich lese Krimis, that\u2019s it. Gestehe aber auch, dass ein anderer, leicht den Intimbereich der Peinlichkeiten entbl\u00f6\u00dfender Grund mich bislang von einer allzu tiefsch\u00fcrfenden Analyse des Regionalkrimis abgehalten hat. Mein Saarl\u00e4ndertum n\u00e4mlich. Es gibt auch \u201eSaarland Krimis\u201c, doch von solch schauderhafter Qualit\u00e4t, dass mir schon schlecht wird, wenn ich daran denke. Elaborate des Gutmeinens und der Pseudoheimatkunde, voller Klischees und Floskeln, sprachlich abwechselnd auf dem Stand aufsatzschreibender Viertkl\u00e4ssler und unter der Einwirkung LSD-\u00e4hnlicher Drogen von fabulierenden Gymnasiallehrern verfasster philosophischer Traktate. So etwas schreckt ab und schafft Vorurteile.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtig peinlich ist mir das Thema aber deshalb, ich kann es nicht verschwiegen, weil ich selbst ein St\u00fcckchen \u201eRegionalkrimi\u201c in der Schublade habe, seit Jahren schon. Sollte es mir einmal danach sein, geteert und gefedert zu werden, vollende ich einfach das Ding, ver\u00f6ffentliche es und warte dann gelassen ab, bis mir der P\u00f6bel die T\u00fcr einschl\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich neben der Zurkenntnisnahme saarl\u00e4ndischer \u201eKrimis\u201c an Regionalem bislang genossen habe, ist wenig. Die \u201eEifel-Krimis\u201c von Jacques Berndorf nat\u00fcrlich, mit denen die Erfolgsgeschichte begann und an denen mich nicht ihr Eifelbezug st\u00f6rt, sondern das allzu h\u00e4ufige Bem\u00fchen des Zufalls. Schreiben kann der Mann, man muss es ihm lassen, und die Dinger lesen sich locker runter. Wer die Eifel liebt, liebt auch die Eifelkrimis \u2013 es gibt schlechtere Arten, geografische und literarische Neigungen miteinander zu verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und sonst? Mir f\u00e4llt gerade ein, dass ich einen \u201eNiederrhein-Krimi\u201c positiv besprochen habe und einen \u201eK\u00f6lsch Krimi\u201c \u00fcberhaupt nicht, weil er nun doch zu grauslig und mir gerade nicht nach der Aussch\u00fcttung von geistigen Stresshormonen war. Ach ja, vom Herr Franzinger habe ich hier auch mal was besprochen, einen \u201eKaiserslautern-Krimi\u201c n\u00e4mlich, und diese Besprechung ist mir, ob der alten Konkurrenz von Saarl\u00e4ndern und Pf\u00e4lzern, ziemlich launig geraten. Ansonsten bin ich jetzt etwas verwirrt. Ist Friedrich Ani ein Autor von Regionalkrimis? Wolf Haas? Robert Brack? Kinky Friedman gar, dessen Erstling man ja nachgesagt hat, er tauge auch als Kneipenf\u00fchrer durch Greenwich Village?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein; da sind wir uns fast einig. Regionalkrimi ist was anderes. Wagen wir eine polemische Definition: Ein Regionalkrimi ist ein St\u00fcck Literatur, das an die geografischen Instinkte der potentiellen Leser appelliert. Geografische Instinkte hat jeder. Mich etwa zieht es gen Norden, und daher lese ich jeden Islandkrimi, jeden Gr\u00f6nlandkrimi, jeden Nordpolarkrimi. Ich lese einen Krimi also aus Gr\u00fcnden, die f\u00fcr einen Krimi, die f\u00fcr Literatur \u00fcberhaupt, strenggenommen keine Rolle spielen d\u00fcrften. Ein Islandkrimi hat bei mir immer einen Pluspunkt, wenn er etwa die \u201eCafi Galleri\u201c in Reykjavik erw\u00e4hnt (bisher noch nicht vorgekommen), bek\u00e4me allerdings auch einen dicken Minuspunkt f\u00fcr das penetrante Auftreiben irgendwelcher Islandponys in Islandpullovern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sind auch Islandkrimis keine richtigen \u201eRegionalkrimis\u201c, das scheint eher ein deutsches Ph\u00e4nomen zu sein. Islandkrimis werden auch von Leuten gelesen, denen die Insel exotisch vorkommt, so wie man Indienkrimis oder Kubakrimis liest, und das ist halt die andere Seite des geografischen Instinkts, dessen Kompassnadel nicht nur nach dem Vertrauten und Geliebten hin ausschl\u00e4gt, sondern auch nach dem Fremden und, wer wei\u00df, Bedrohlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Island ist weit weg, kommen wir zur\u00fcck ins Saarland. Warum schreibt einer einen Saarland Krimi? Weil er genau wei\u00df, dass er damit in die lokale Zeitung kommt. Und in den lokalen Buchhandlungen lesen darf. Weil er, wenn er clever ist, noch die ziemlich lange Mainzer Stra\u00dfe in Saarbr\u00fccken mehrfach erw\u00e4hnt, um alle dort Ans\u00e4ssigen als wohlgesonnene und kaufbereite Leser zu gewinnen. Weil er seinen M\u00f6rder nicht unbedingt in, sagen wir, Haus Nr. 12 leben l\u00e4sst (dort leben vielleicht nur ein paar alte Leutchen, die meistens ihre Lesebrillen verlegt haben), sondern in Haus Nr. 56, worin sich gar ein Dutzend Mietparteien konsumfreudiger Menschen darauf freut, einen Krimi zu erwerben, wo der M\u00f6rder genau in dem Haus wohnt, das auch sie beherbergt, und \u2013 schwupp \u2013 hast du wieder ein paar Exemplare verkauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind nun nat\u00fcrlich rein materialistische Gr\u00fcnde \u2013 es gibt auch andere. Etwa schlichtweg der, dass ein Autor gut daran tut, \u00fcber Dinge zu schreiben, die er kennt. Warum soll ich meinen Helden durch Hamburg stolpern lassen, wenn ich dazu einen Stadtplan brauche und mich eh damit blamiere, weil die Stra\u00dfenf\u00fchrung inzwischen l\u00e4ngst eine andere ist? Auch kann es n\u00fctzlich sein, Dialoge in einem Dialekt wiederzugeben, weil dann die Dinger nicht so h\u00f6lzern wirken. Erstaunlicherweise tun das wohl die wenigsten Autoren von Regionalkrimis (jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass in den B\u00fcchern, die ich gelesen habe, auf richtigen Dialekt gr\u00f6\u00dfter Wert gelegt wurde. Abgeschliffener, ja, kommt vor. Das ist wie damals bei Ohnsorgtheater, wo sie den Bayern auch kein Plattdeutsch zumuten wollten).<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht auch um Mentalit\u00e4ten. Mit Hamburger Charakteren t\u00e4te ich mich halt schwerer als mit saarl\u00e4ndischen. Aber es geht noch um ein Letztes, Wichtiges: Einen Regionalkrimi werde ich immer irgendwie an den Verleger, die Verlegerin bringen. Neben drei gr\u00f6\u00dferen (Grafit, Emons, Gmeiner) gibt es noch eine Reihe regionaler Verlage, die ihre Programme gerne mit Krimis aus der Umgegend schm\u00fccken, weil die halt einen Mindestabsatz garantieren, was man von anderen, geografisch neutralen Titeln nicht unbedingt erwarten kann. Die Verlage spekulieren dabei wie die Autoren selbst darauf, dass das Geografische letztlich \u00fcber das Literarische obsiegt; will sagen: Einem Regionalkrimi, der mich durch die geliebten Flure des Saar- oder Sauerlandes, der Hocheifel oder der Norddeutschen Tiefebene f\u00fchrt, verzeihe ich einen haneb\u00fcchenen Plot eher als einem Nicht-Regionalkrimi. Ich mache Abstriche an meinen Erwartungen, Sprache und Dramaturgie betreffend, und selbst dann, wenn ich das Ding mit einem s\u00e4uerlichen \u201eMist!\u201c ins n\u00e4chste Eck knalle, bleibt mir doch vielleicht positiv in Erinnerung, dass ich wenigstens das Wort \u201eG\u00e4nshornstra\u00dfe\u201c gedruckt in einem Buch gesehen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Was nun die Verlage anbetrifft \u2013 da scheint sich etwas zu tun. Grafit etwa erweitert sein Repertoire seit einiger Zeit um holl\u00e4ndische und skandinavische Krimis, Gmeiner gibt das anf\u00e4nglich wohl \u00fcberwiegende Regionale eh zugunsten des \u201eThemenkrimis\u201c auf, Emons akzentuiert sich allgemeiner auf \u201eneue deutsche Heimatliteratur\u201c. Ob das etwas mit sinkenden Umsatzzahlen und damit einer Best\u00e4tigung der \u201eKrise des Regionalkrimis\u201c zu tun hat, wei\u00df ich nicht. Dumm ist es auf keinen Fall, denn der Wind hat die Angewohnheit, sich zu drehen. Wer morgen zu Regionalkrimis greift, schaut vielleicht mehr auf das \u201eKrimi\u201c und weniger auf das \u201eRegional\u201c. Er \/ Sie erwartet spannende Unterhaltung mit geografischem Wiedererkennungswert, nicht mehr umgekehrt einen unterhaltsamen Spaziergang mit applizierter Leiche, f\u00fcr die sich schlie\u00dflich irgendwo schon ein M\u00f6rder finden wird, selbst wenn ihn der Autor aus dem Hut zaubern muss. Wem das gelingt, der mag meinetwegen weiter \u201eRegionalkrimis\u201c schreiben und verlegen. Ich habe nichts gegen sie, aber ich bevorzuge sie auch nicht unbedingt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann recht gut beurteilen, ob ein \u201eRegionalkrimi\u201c etwas taugt oder nicht. Wenn er den Lokalkolorit notwendigerweise braucht, um seine Geschichte zu erz\u00e4hlen, dann hat er sich eine gute und tragf\u00e4hige Basis geschaffen. Ist die Erw\u00e4hnung von Orten und Stra\u00dfen, Sehensw\u00fcrdigkeiten und \u00e4hnlichen Gegenst\u00e4nden der Touristik hingegen nichts weiter als das schon erw\u00e4hnte fishing for consumers, dann \u2013 so gesehen, gibt es keine \u201eKrise des Regionalkrimis\u201c, sondern h\u00f6chstens eine Krise der schlechten Krimis. Wenn das keine gute Nachricht ist!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regionalkrimis, so h\u00f6rt man, waren auch diesmal wieder ein Messethema. Sie sind es wohl schon, seit der erste dieser Sorte \u2013 ich wei\u00df nicht, welcher \u2013 aus dem Dickicht schriftstellerischer Phantasie auf das freie Feld des Buchhandels trat. Geliebt hat man sie nie \u2013 aber gekauft. 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