{"id":16098,"date":"2005-10-27T07:48:09","date_gmt":"2005-10-27T07:48:09","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/reginald-hill-das-dorf-der-verschwundenen-kinder\/"},"modified":"2022-06-12T21:41:06","modified_gmt":"2022-06-12T19:41:06","slug":"reginald-hill-das-dorf-der-verschwundenen-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/reginald-hill-das-dorf-der-verschwundenen-kinder\/","title":{"rendered":"Reginald Hill: Das Dorf der verschwundenen Kinder"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr alle, die bisher von Reginald Hills Krimikunst nur raunen h\u00f6rten, bietet sich jetzt die preisg\u00fcnstige Gelegenheit praktischen Nachvollziehens: 636 Seiten \u201eDas Dorf der verschwundenen Kinder\u201c f\u00fcr 6 \u20ac.<br \/>636 Seiten? Das mag f\u00fcr manchen schon ein Haken bei der Sache sein. So ausf\u00fchrlich? Gar langweilig? <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Gewiss: Hill geh\u00f6rt eindeutig nicht in die Kategorie der kriminalistischen Draufg\u00e4nger, die an Plot und Stringenz kleben wie die M\u00fccke auf dem Fliegenpapier. Man kann ihn \u2013 obwohl der Vergleich gewagt ist \u2013 zu den Nutznie\u00dfern jener Riesen rechnen, auf deren Schultern der bessere Teil der erz\u00e4hlenden Literatur steht: Charles Dickens und Wilkie Collins allen voran. Hier wird, abseits von lese\u00f6konomischen \u00dcberlegungen (so schnell wie m\u00f6glich auf den Punkt kommen, in der K\u00fcrze liegt die W\u00fcrze und wie dergleichen lautet) eine Geschichte wie ein Teppich ausgerollt. Dass dabei bei aller erz\u00e4hlerischen Opulenz der Krimiplot nicht abhanden kommt und sich die F\u00e4den am Ende zu einem \u00fcberraschenden, aber schl\u00fcssigen Bild verknotet haben, spricht f\u00fcr Hills Qualit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Ort Dendale musste vor 15 Jahren einem ebenso ehrgeizigen wie eigentlich sinnlosen Staudammprojekt weichen. In den Fluten versanken auch die schrecklichen Ereignisse jener Tage: Drei kleine M\u00e4dchen verschwanden spurlos, ein dringend Tatverd\u00e4chtiger ebenfalls. Aber so wie der versunkene Ort in der Erinnerung seiner Bewohner weiterlebt, so auch die verschwundenen Kinder in den Alb- und Tagtr\u00e4umen der Hinterbliebenen. Ein Trauma, das pl\u00f6tzlich an die Oberfl\u00e4che des nur scheinbar normalisierten Lebens gesp\u00fclt wird, als wieder ein kleines M\u00e4dchen nicht nach Hause kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bew\u00e4hrte Team um Detective Superintendent Andrew Dalziel \u00fcbernimmt den Fall, der nat\u00fcrlich in die schreckliche Vergangenheit zur\u00fcckreicht und alte, schlecht verheilte Wunden aufrei\u00dft. Ihm, dem b\u00e4rbei\u00dfig-barocken Diktator, steht, nebst anderen, Peter Pascoe zur Seite, ein eher nachdenklicher und intellektueller Typ, der sich allm\u00e4hlich zum eigentlichen \u201eHelden\u201c der Geschichte entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hills Kunst des Perspektivwechsels ist erstaunlich. Sie schafft, Kapitel f\u00fcr Kapitel, ein komplexes Psychogramm der beteiligten Personen und beleuchtet die Story aus sehr verschiedenen Perspektiven, ohne sonst \u00fcbliche Klischees \u00fcber Geb\u00fchr zu strapazieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer Ausnahme allerdings, und das ist nun wirklich der einzige Schwachpunkt des Romans. Pascoes Tochter n\u00e4mlich erkrankt lebensbedrohlich an einer Hirnhautentz\u00fcndung und mit einem Schlag erlebt der Ermittler allen H\u00f6llenqualen der verzweifelten Eltern des vermissten M\u00e4dchens am eigenen Leib, was wiederum dem Leser Einblieb in die schreckliche Seelenlandschaft der Eltern gew\u00e4hren soll. Genau das ist Hills Absicht \u2013 und sie ist zu leicht durchschaubar, zu konstruiert auch, ein Schielen nach Melodramatik, dessen erz\u00e4hlerischer Mehrwert gering bleibt. Hill besitzt wahrlich filigranere Mittel, Emotionen in Bilder umzusetzen. Dass Pascoes Tochter sogar indirekt in den Fall verwickelt ist und einen wichtigen Hinweis zu dessen Kl\u00e4rung liefert, wirkt ebenfalls ein wenig arg gewollt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und trotzdem: Wer wie Hill sein Handwerk so souver\u00e4n beherrscht, darf sich auch mal bei der Wahl seiner Mittel leicht vergreifen. Zumal alles andere stimmig ist. Den Leser erwartet ein psychologisch raffiniertes Konstrukt, spannend und wohldosiert mit \u201etypisch britisch\u201c genanntem Humor durchsetzt, ein Panoptikum unterschiedlichster Charaktere und Gem\u00fctszust\u00e4nde, all das sprachlich vielseitig, stilsicher, schl\u00fcssig und fl\u00fcssig zu lesen. Gerade das Abschweifen in Privates, scheinbar Nebens\u00e4chliches steckt dabei das Terrain der eigentlichen Kriminalhandlung ab. Es geht, nebenbei, um Kultur, speziell Gustav Mahlers &#8222;Kindertotenlieder&#8220;, eine Vertonung von Gedichten Friedrich R\u00fcckerts, und auch diese \u00fcberraschende Verbindung passt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und das Ende. Als Leser hat man schnell eine vage Vermutung; nicht unbedingt im Hinblick auf den T\u00e4ter, vielmehr die Richtung betreffend, in die alles streben wird. Und ist am Ende doch \u00fcberrascht. Das nennt man reichlich guten Stoff f\u00fcr wenig Geld.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Reginald Hill: Das Dorf der verschwundenen Kinder. <br \/>Knaur 2205. 636 Seiten, 6 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr alle, die bisher von Reginald Hills Krimikunst nur raunen h\u00f6rten, bietet sich jetzt die preisg\u00fcnstige Gelegenheit praktischen Nachvollziehens: 636 Seiten \u201eDas Dorf der verschwundenen Kinder\u201c f\u00fcr 6 \u20ac.636 Seiten? Das mag f\u00fcr manchen schon ein Haken bei der Sache sein. So ausf\u00fchrlich? Gar langweilig?<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-16098","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16098","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16098"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16098\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16098"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16098"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16098"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}