{"id":16101,"date":"2005-10-28T07:52:02","date_gmt":"2005-10-28T07:52:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/krimikultur-noch-einmal-kommunikation-2\/"},"modified":"2022-06-16T21:51:18","modified_gmt":"2022-06-16T19:51:18","slug":"krimikultur-noch-einmal-kommunikation-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/krimikultur-noch-einmal-kommunikation-2\/","title":{"rendered":"Krimikultur &#8211; noch einmal Kommunikation"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/freitagsessay.gif\" alt=\"freitagsessay.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein paar erg\u00e4nzende Anmerkungen zur Kommunikation, wie sie in einer funktionierenden Krimikultur stattfinden k\u00f6nnte. Mein letzter Freitagsessay hat, wenigstens einen Tag lang, wenigstens im kleinen, \u00fcberschaubaren Kreis, eine hitzige, vielleicht auch richtungslose, ganz bestimmt aber notwendige Diskussion ausgel\u00f6st. Man kann auch sagen: Wir kommunizierten \u00fcber Kommunikation und kommunizierten pr\u00e4chtig aneinander vorbei.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das aber ist nun nicht tragisch; im Gegenteil. Es beweist zum einen, dass es ein Kommunikationsbed\u00fcrfnis gibt; zum anderen, dass wir wohl zun\u00e4chst kreuz und quer durcheinander reden m\u00fcssen, bevor sich aus dieser Kakophonie so etwas wie eine gemeinsame Leitmelodie erheben kann, die zwar alles andere nicht abrupt stoppt, aber doch, vielleicht, strukturiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne auf die Diskussion nun en d\u00e9tail eingehen zu wollen, kann man sie doch in wenigen S\u00e4tzen zusammenfassen. Es gibt bei Autoren wie Kritikern Vorurteile, die auf Erfahrungen basieren, deren Legitimit\u00e4t hier nicht untersucht werden kann, die aber nun einmal vorhanden sind. Das mag an sich diametral gegen\u00fcberstehenden Anspr\u00fcchen und Erwartungen liegen. Hier beklagt man eine zu d\u00fcnnh\u00e4utige, verst\u00e4ndnislose Kritik, was speziell den deutschen Krimi anbetreffe. Dort ebenfalls D\u00fcnnh\u00e4utig und Verst\u00e4ndnislosigkeit, wenn Autoren Stellung zu ihrem Selbstverst\u00e4ndnis und ihrer Arbeit nehmen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Positiv ist allerdings, dass beide Seiten reden wollen. So beginnt es ja immer, das ist die erste Stufe eines kommunikativen Aktes. \u00dcberhaupt zum Gespr\u00e4ch bereit sein \u2013 der \u201eGegenseite\u201c zuh\u00f6ren \u2013 der Austausch von Informationen und Argumenten \u2013 und, sp\u00e4ter, sp\u00e4ter, sp\u00e4ter: einen greifbaren oder doch wenigstens theoretischen Nutzen aus diesem Akt ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Diskussion habe ich den Eindruck gewonnen, dass man sich im Moment noch gegen\u00fcbersteht. Was ja sch\u00f6n ist, weil man sich dabei in die Augen sieht; aber auch gef\u00e4hrlich, weil ein Gegen\u00fcber immer an Fronten erinnert, an Konkurrenz, an Grabenk\u00e4mpfe. Man schnappt nach Luft und bl\u00e4st sie sich um die Ohren. Manchmal ist diese Luft erhitzt, ohne zwangsl\u00e4ufig hei\u00dfe Luft zu sein, manchmal ist ihr Ausblasen eine Droh- oder Dominanzgeb\u00e4rde. Alles ganz normal; das ersch\u00fcttert uns nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht w\u00e4re es ein tragf\u00e4higer Ansatz, wenn die Autoren ihre Autorenschaft, die Kritiker ihr Kritikertum und die Leser ihre Lesernatur f\u00fcr eine Weile ablegten, um ganz neutral als das zu fungieren, was sie hinter dem Mantel ihres Spezialistentums sind: Menschen, die sich f\u00fcr Krimis interessieren. Und die zun\u00e4chst einmal, entspannt und locker, \u00fcber all das reden, was ihnen an Krimis gef\u00e4llt und was nicht, wo sie etwas besser machen w\u00fcrden oder alles beim Alten belie\u00dfen, welche Bed\u00fcrfnisse sie haben und welche keinesfalls, was man noch br\u00e4uchte und wobei man vorsichtig sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Thema etwa k\u00f6nnte der wohl unter deutschen Krimiautoren wenn nicht verbreitete, so doch auch nicht rare Verdacht sein, man opfere ihre Arbeit auf dem Altar einer bedingungslosen Anbetung des \u201eAusl\u00e4ndischen\u201c. Ich halte diesen Verdacht f\u00fcr unbegr\u00fcndet, und ein Blick auf die Rezensionen d\u00fcrfte hier auch Wunder wirken. Indes: Wenn ich mich dort umschaue, wo sich die \u201enormalen\u201c Leser \u00fcber ihre Vorlieben und Abneigungen austauschen, werde ich den Eindruck nicht los, man betrachte dort den deutschen Kriminalroman als einen eher minderen Vetter eines imagin\u00e4ren, zumeist englischsprachigen Kriminalfamilienvorstandes.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel sind die nach wie vor gesch\u00e4tzten Krimis aus dem Gerichtsmedizinerinnen-Milieu. Empfohlen werden Kathy Reichs, Patricia Cornwell, Tess Gerritsen, nicht aber etwa Renate Kampmann, deren Romane die entsprechenden Bed\u00fcrfnisse gewiss nicht schlechter befriedigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun keine empirisch-statistische Feststellung, sondern nur ein zuf\u00e4lliger Eindruck, der sich mir in letzter Zeit aufgedr\u00e4ngt hat, ein weiterer w\u00e4re die sehr merkw\u00fcrdige, aktuell um sich greifende pauschale Geringsch\u00e4tzung dessen, was man hier in Deutschland einmal \u201eSoziokrimi\u201c getauft hat. Da war nun wahrlich nicht alles zum Besten, aber ein Schritt in die richtige Richtung, weg vom Whodunit-Geraune und der billigen Action fr\u00fcherer Produkte deutschen Krimischaffens war das allemal, und wer genauer hinschaut, wird die durchaus segensreichen Auswirkungen dieser \u00fcberwiegend in den sp\u00e4ten 60er und 70er Jahren stattgehabten Bem\u00fchungen noch in den heutigen Krimis erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit wir wieder bei der Geschichte des deutschen Kriminalromanes w\u00e4ren, aber dazu \u00e4u\u00dfere ich an dieser Stelle nur die Vermutung, die Dominanz des Angloamerikanischen k\u00f6nnte auch etwas mit der dort noch immer sehr lebendigen Ahnenreihe zu tun haben, die Traditionen begr\u00fcndet, deren Etablierung hierzulande vor allem an U- und E-Streitigkeiten gescheitert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es rundet das Bild einer Szene, in der sich Autoren, Kritiker und Leser misstrauisch zu be\u00e4ugen scheinen und unter Kommunikation den blo\u00dfen Austausch verbaler Verd\u00e4chtigungen verstehen. Was, wie gesagt, sein muss. Die Luft muss raus, wenn die Luft nicht endg\u00fcltig raus sein soll. Aber dann sollte man aufatmen und anfangen, miteinander zu reden \u2013 und miteinander zu arbeiten. Dann w\u00e4ren auch heikle, aber wichtige Themen, wie etwa die \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=276\">neulich<\/a> von Ludger angeregte Besch\u00e4figung mit dem zwiesp\u00e4ltigen Heimatbegriff, m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Vision; und wie alle Visionen mehr aus der vagen Zuversicht als aus der konkreten Situation geboren und ein Projekt f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre, vielleicht gar Jahrzehnte. Also: reden wir mal. Die Plattformen gibt es, dem Internet sei Dank, f\u00fcr jedermann zug\u00e4nglich, kostenlos, in Echtzeit. Und zitieren wir Herrn Beckenbauers allzu gel\u00e4ufiges Schau\u2019mer mal und dann schauen wir halt mal.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein paar erg\u00e4nzende Anmerkungen zur Kommunikation, wie sie in einer funktionierenden Krimikultur stattfinden k\u00f6nnte. Mein letzter Freitagsessay hat, wenigstens einen Tag lang, wenigstens im kleinen, \u00fcberschaubaren Kreis, eine hitzige, vielleicht auch richtungslose, ganz bestimmt aber notwendige Diskussion ausgel\u00f6st. 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