{"id":16110,"date":"2005-10-31T07:43:10","date_gmt":"2005-10-31T07:43:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/schule-der-rezensenten-11\/"},"modified":"2022-06-07T17:23:08","modified_gmt":"2022-06-07T15:23:08","slug":"schule-der-rezensenten-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/schule-der-rezensenten-11\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten -11-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn der Krimikritiker pl\u00f6tzlich zum Literaturkritiker wird &#8230; der er ja eigentlich auch ist, oder? Ja, ja, aber nur \u201eauch\u201c. Denn der Krimikritiker muss zudem das in Worte fassen, was seinem mit dem Schwerliterarischen besch\u00e4ftigten Kollegen eher schnurz ist: Spannung!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Spannung geh\u00f6rt zu einem Krimi. Was aber ist ein Krimi wert, dem die Spannung verloren geht oder bei dessen Lekt\u00fcre mir die Spannung pl\u00f6tzlich gleichg\u00fcltig wird? Beides geschieht des \u00f6fteren, erst neulich wieder, und wo, warum, das kann man hier in ein paar Tagen lesen. Ein Krimi ohne Spannung ist kein Krimi: h\u00fcbsches Verdikt. Und stimmt ja auch meistens; aber nicht immer.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu den beiden anderen gro\u00dfen S der Rezensionsmaschine \u2013 Sprache und Story \u2013 ist Spannung ein naturgem\u00e4\u00df kaum in Worte zu fassendes Merkmal von Krimis. Sprache und Story kann ich beschreiben, kann die Kriterien, die ich zugrunde lege, benennen. Aber Spannung? Es soll ja Leser geben, die Autoverfolgungsjagden spannend finden. Tut mir leid; find ich \u00f6de.<\/p>\n\n\n\n<p>Allgemein kann man Spannung als das definieren, was beim Zusammentreffen von Story und Sprache an emotionaler Energie beim Leser freigesetzt wird. Boah, gehts vielleicht auch weniger theoretisch? Jo: Wenn ich mich drauf freue, endlich ans Ende eines Textes zu gelangen, finde ich es spannend &#8211; oder langweilig und froh dar\u00fcber, es irgendwann zur Seite legen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>So betrachtet, ist nat\u00fcrlich jede Literatur spannend oder nicht spannend und diese Qualit\u00e4t durchaus beschreibbar. Bei Krimis jedoch scheint mir diese Spannung intensiver zu sein, auch offener, vielleicht grobschl\u00e4chtiger, gewaltiger, existentieller. Nicht umsonst verwendet man den Ausdruck \u201epage turner\u201c selten f\u00fcr moderne Lyrik, h\u00e4ufiger f\u00fcr einen Krimi. Und zwar positiv, obwohl dieses page turning, bei dem ich schn\u00f6de die Lesegeschwindigkeit erh\u00f6he, quer- oder \u00fcberlese, blo\u00df um zu erfahren, \u201ewer\u2019s denn nun war\u201c, obwohl also dieses Leserverhalten recht eigentlich etwas Negatives, weil gegen\u00fcber Buch und Autor nicht Nettes ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Spannung ist jenes Element, das mich bei einem Krimi in die Geschichte verstrickt. Ich nehme die Stelle des Protagonisten ein, indem ich wie er aus dem Bekannten auf das noch Unbekannte zu schlie\u00dfen versuche, ja, ich werde gar zum Autor dadurch, denn ich vollziehe in Gedanken dessen Absichten und Endzwecke nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt geht mir das verloren. Irgendwo, mitten im Buch vielleicht, sage ich mir: Wurscht, wer\u2019s war. Wurscht, wie\u2019s war. Aus dem Krimikritiker wird so ein Nur-Literaturkritiker, der Sprache und Story in einer Weise zusammenbringt, die eine andere Spannung ergibt, ein anderes Deutungssystem etabliert.<\/p>\n\n\n\n<p>In die Bredouille kommt nun der Kritiker, wenn er seine Leseeindr\u00fccke als KRIMI-Kritiker auf einer KRIMI-Seite im Internet zu publizieren hat. Gut; er hat ein Buch gelesen, das unzweifelhafte Affinit\u00e4ten zu den Geboten des sogenannten Genres aufzuweisen hatte. Es wurde gemordet, es wurde ermittelt, es wurde geleugnet und gestanden, vertuscht und entdeckt. Aber irgendwann war es ihm schnurz, dem Kritiker, er hat das Buch nicht ins Eck gepfeffert (dann w\u00e4re das Urteil ja einfach), sondern weitergelesen und sich in eine andere Geschichte verstrickt, die ohne das Kriminale undenkbar zu St\u00e4nde h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen, sich aber nach und nach emanzipiert hat zu einer eigenen Ebene innerhalb der Geschichte, einer Ebene mit eigenen Gesetzen, eigener Spannung.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Problem; dann schreib ich das doch. In ein paar Tagen, wie schon erw\u00e4hnt. Aber der Leser. Der eine Krimi-Seite im Internet aufgerufen hat, keine allgemeine Literaturseite. Der einen Ratschlag haben m\u00f6chte, der kaum auf seine Krimispannung verzichten will. Soll ich ihm sagen: Lies das mal, aber rechne damit, dass dein Urteil, das Kriminelle betreffend, ein negatives sein wird? Soll ich ihm weiter sagen: Aber rechne auch damit, dass du vielleicht trotz allem einen guten Roman liest? Soll ich ihm das sagen?<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich. Was denn sonst.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der Krimikritiker pl\u00f6tzlich zum Literaturkritiker wird &#8230; der er ja eigentlich auch ist, oder? Ja, ja, aber nur \u201eauch\u201c. 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