{"id":16140,"date":"2005-11-04T07:57:00","date_gmt":"2005-11-04T07:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/die-krimi-verschwoerung\/"},"modified":"2022-06-06T15:34:40","modified_gmt":"2022-06-06T13:34:40","slug":"die-krimi-verschwoerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/die-krimi-verschwoerung\/","title":{"rendered":"Die Krimi-Verschw\u00f6rung"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/k_krimis.gif\" alt=\"k_krimis.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Mal ehrlich: Ist Ihnen das auch aufgefallen? Sobald ein Gro\u00dfkopf das Maul aufmacht, ist jedes zweite Wort \u201eteamf\u00e4hig\u201c und jedes dritte \u201eSynergieeffekt\u201c. Seit Jahren schon. Was das mit Krimis zu tun hat? Erkl\u00e4r ich jetzt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es ist doch so: Als der Krimi noch in den Kinderschuhen steckte, da ermittelte das einsame Superhirn. Herr Dupin bei Poe, Sherlock Holmes bei Doyle \u2013 die sind nicht p\u00fcnktlich jeden Morgen zum Dienst erschienen, haben ihre Brote ausgepackt und in die ewig gleichen m\u00fcrrischen Fressen der Kollegen geschaut. Na sch\u00f6n; sie hatten auch ihre Begleiter. Aber der namenlose Erz\u00e4hler bei Poe, Dr. Watson bei Doyle, das waren doch eher \u201eFans\u201c, die vor Staunen gar nicht mehr konnten und sp\u00e4ter alles aufgeschrieben haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter, im 20. Jahrhundert, wurden die Helden pl\u00f6tzlich einsam. Nun ja, \u201ehardboiled\u201c wird man am besten alleine, ob man nun Sam Spade hei\u00dft oder Philipp Marlowe. Aber dann: Ed McBain und das 87. Polizeirevier, die Schweden S \/ W (ich verschreib mich immer bei den Namen) und ihre Mitermittler \u2013 da war er endlich, der Teamgedanke. Und da blieb er bis heute. Als Henning Mankell beschloss, von seinen beiden Vorschweden abzukupfern, hat er sich \u201edas Team\u201c als erstes gegriffen. Wir leiden heute nicht nur unter Mankell, sondern \u00fcberhaupt unter all den Schreibern, die ihre Helden in \u201eDezernate\u201c und \u201eMordkommissionen\u201c stecken, und wie der Zufall so will, habe ich vor kurzem drei qualitativ h\u00f6chst unterschiedliche Krimis gelesen, die doch mehr gemeinsam haben als einem lieb sein kann, und w\u00e4hrend ich so las und dachte (wir hatten im B\u00fcro gerade wenig zu tun), ist bei mir endlich der Groschen gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, die drei Romane. Als ersten und besten: Reginald Hills \u201eDas Dorf der verschwundenen Kinder\u201c, als zweiten und recht mittelm\u00e4\u00dfigen Danielle Thi\u00e9rys \u201eDer t\u00f6dliche Charme des Doktor Martin\u201c und schlie\u00dflich, grauenvoll redundant und belanglos geschw\u00e4tzig, Unni Lindell mit \u201eSpurlos in der Nacht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In allen drei B\u00fcchern ermitteln Teams, aus denen jeweils eine Person herausragt. Das ist wie bei den Schweden, aber dort hatten die anderen, die so mitliefen, Gesichter und Geschichten und Ansichten und Macken, und das haben sie bei Hill auch noch, aber bei Thi\u00e9ry und Lindell sind sie nur das Fu\u00dfvolk, ohne eigene Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt kommen wir zu \u201eteamf\u00e4hig\u201c. Jetzt kommen wir zum Leser, weil jetzt wird es wirklich interessant. Beginnen wir bei Hill. Dessen Helden hei\u00dfen Dalziel und Pascoe, ihre Kollegen haben auch Namen und Geschichten, aber die sind nicht wirklich wichtig. Am Ende ernten der herrische und in einer Bettgeschichte reussierende Dalziel und der durch eine Familienangelegenheit (darauf komm ich gleich noch) fast v\u00f6llig aus dem dienstlichen Alltag gezogene Pascoe die Meriten. Die Schlappenschammesse k\u00f6nnen nur staunen und sind baff vor Bewunderung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Lindell und Thi\u00e9ry ist es noch viel schlimmer. Wie Lemuren hasten die Gehilfen von einer Vernehmung zur n\u00e4chsten, von einer falschen Spur zur anderen, w\u00e4hrend Herr und Frau Held tiefsinnig ein Loch ins Kissen gr\u00fcbeln, in dem das detektorische Haupt des Nachts schlaflos unruht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das also sind die Teams unserer Tage, und was f\u00e4llt uns auf? \u201eTeamf\u00e4higkeit\u201c bedeutet hier nichts anderes als: sch\u00f6n schaffen, nicht mucksen, blo\u00df keine individuellen L\u00f6sungen, keine Alleing\u00e4nge, immer aufpassen, wenn der Vorgesetzte spricht. \u2013 Ja, sagt sich da der Leser, wenn das so ist mit der Teamf\u00e4higkeit, dann werde ich doch lieber Chef! Nichts da! Wer will schon so werden wir diese depressiven, von Privatproblemen zerm\u00fcrbten, an Magengeschw\u00fcren wie an trocken Brot kauenden \u201eHelden und Heldinnen\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, so nicht! Der durchschnittliche Krimi entwirft ein staats- und gesellschaftserhaltendes Bild von Teams und ihren F\u00e4higkeiten, und wer jetzt sagt, der K. spinnt doch, dem sage ich folgendes: M\u00fcntefering.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, der. Aber zur\u00fcck zu Mankell und Wallander, dem modernen Prototyp des Ganzen. Was n\u00e4mlich macht Wallander, als ihm alles zu viel wird? Als er die ganzen Auerh\u00e4hne, die sein Vater malt, nicht mehr sehen kann, als auch st\u00e4ndiges Lamentieren die Wurstbrote nicht billiger macht? \u2013 Richtig. Er zieht sich zur\u00fcck und l\u00e4sst die Jungen ran, beziehungsweise die Tochter. Und jetzt wieder zur\u00fcck zu M\u00fcntefering, der ja auch nichts anderes gemacht hat. Er, der Chef im Kreise seiner willf\u00e4hrigen K\u00e4rrner und Stra\u00dfenfeger, schmei\u00dft den Bettel hin, als die Befehlsempf\u00e4nger \u201eTeamf\u00e4higkeit\u201c \u201eTeamf\u00e4higkeit\u201c sein lassen und aufmucken. So geht\u2019s doch! Krise wie im Krimi! Nein, nein, der Herr M\u00fcntefering ist schon der Herr Wallander der deutschen Politik, und das Ganze ein abgekartetes Spiel. Je mehr Teamkrimis so ein armes Luder wie unsereins liest, desto hochdosierter bekommt er es doch eingeimpft: Halts Maul, mach deine Arbeit, kusch und freu dich, wenn andere die Fr\u00fcchte einfahren. Das ist Deutschland heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich bin noch nicht fertig, es fehlt ja noch der \u201eSynergieeffekt\u201c. Synergieeffekt, das hei\u00dft: Sparen. Wenn bisher drei Personen eine gemeinsame Arbeit gemacht haben, schmei\u00dft man eine raus und die beiden anderen m\u00fcssen dann \u201eSynergieeffekte\u201c nutzen, um dem seine Arbeit mitzumachen. Im Krimi ist es \u00e4hnlich, aber eigentlich genau so, wenn auch viel diffiziler, aber das kann man von Literatur ja nun auch erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir uns noch einmal die drei Krimis an. Es geht um Verbrechen, aber auch um die Protagonisten, die verbeamteten Ermittler, die ein Privatleben haben und auch sonst Schwierigkeiten genug. Das zu schildern ist eigentlich viel Arbeit, und also nutzen die Autoren die Synergieeffekte, indem sie beides \u2013 das Verbrechen und die Geschichte der Protagonisten \u2013 verzahnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Hill ist es ganz eindeutig: Wie oben schon angedeutet, hat Pescoe Probleme, weil seine kleine Tochter an Hirnhautentz\u00fcndung erkrankt und er jetzt nat\u00fcrlich ganz verzweifelt ist. Da trifft es sich gut, dass das Verbrechen etwas mit verschwundenen und toten Kindern zu tun hat, ergo auch mit verzweifelten Eltern. Der Leser kann nun die Verzweifelung der Eltern auf die Verzweifelung Pascoes \u00fcbertragen und umgekehrt, und das nenne ich einen Synergieeffekt comme il faut! Privat- und Alltagsleben kopulieren flei\u00dfig, der Autor spart sich dies und das, weil er dies und jenes ja schon dort erw\u00e4hnt hat, und der Leser kann jetzt schauen, wie er den Synergieeffekt verkraftet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Lindell scheint dem nicht so zu sein. Der Held ermittelt, weil ein M\u00e4dchen verschwunden ist, und bei ihm zu Hause geht zwar auch alles drunter und dr\u00fcber, aber die Sippschaft bleibt vollz\u00e4hlig. Bis \u2013 auf die Hauskatze! Die n\u00e4mlich kommt eines Nachts nicht mehr von ihrem Streifzug zur\u00fcck, und das trifft vor allem den Sohn des Helden, welcher wiederum beschwichtigend sagt: \u201eNa, der Kater wird schon wieder heimkommen\u201c, und genau so ist es, und auch das verschwundene M\u00e4dchen kommt heim, und jetzt kann man als Leser seine Schl\u00fcsse ziehen, wie eins mit dem anderen zusammenh\u00e4ngt oder auch nicht. Synergieeffekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz kompliziert ist es bei Thi\u00e9ry, und jetzt muss ich aufpassen, dass ich nichts durcheinander werfe. Die Kommissarin hat eine Pflegetochter, ist gleichzeitig schwanger, wei\u00df aber nicht, ob von ihrem Mann, der grauslig ermordet wurde, oder von eben jenem grausligen M\u00f6rder, der, wenn auch sehr vor\u00fcbergehend, auch mal ihr Mann gewesen ist, also one-night-stand-m\u00e4\u00dfig. Die Kleinigkeiten (\u00c4rger mit dem Chef, \u00c4rger mit dem Jugendamt) erw\u00e4hne ich gar nicht, aber dass die Kommissarin an einem Fall von Kindsmord arbeitet, erw\u00e4hne ich schon, weil hier kommt jetzt der Synergieeffekt: Ihre Pflegetochter n\u00e4mlich kannte das ermordete Kind und hat irgend etwas gesehen, und die Person, die schlie\u00dflich der Tat \u00fcberf\u00fchrt wird, h\u00e4lt das Pflegekind pl\u00f6tzlich f\u00fcr das ermordete, das folglich gar nicht tot sein kann \u2013 und dem Leser wird hier vor lauter Synergie (alles befruchtet sich gegenseitig und kann gar nicht mehr damit aufh\u00f6ren) ganz bl\u00fcmerant.<\/p>\n\n\n\n<p>So. Auch das ist nat\u00fcrlich \u201evon oben\u201c gewollt. Die wollen uns darauf vorbereiten, dass \u00fcberall gespart werden muss. Beim Krimiplot genauso wie bei den Sachbearbeiterstellen. Der moderne Krimi ist also affirmativ, konservativ, arbeitgeberfreundlich und gewisserma\u00dfen r\u00fcckschrittlich fortschrittlich. Krimis bilden nicht nur die Wirklichkeit ab, nein, sie manipulieren sie auch! In jedem Krimi sitzt ein kleiner Demagoge, der uns sagt, was wir zu tun haben. Jetzt wissen Sie\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr K.<\/p>\n\n\n\n<p>(Herr K. arbeitet als Sachbearbeiter bei der Oberfinanzdirektion Oberursel. Seine Lieblingskrimiautoren sind: Friedrich Schiller (\u201ekeiner mordet klassischer!\u201c), H\u00f6lderlin (\u201eMordslyriker!\u201c) und Garry Disher (\u201eMeine Schwester lebt auch in Australien\u201c). Wenn es ihm die Zeit erlaubt, wird Herr K. seine Mittagspausen weiterhin dazu nutzen, den Krimi zu erkl\u00e4ren.)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die erw\u00e4hnten Krimis:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Reginald Hill: Das Dorf der verschwundenen Kinder. Knaur 2005. Siehe \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/10\/reginald-hill-das-dorf-der-verschwundenen-kinder.php\">hier<\/a><br \/>Danielle Thi\u00e9ry: Der t\u00f6dliche Charme des Doktor Martin. Aufbau 2002.<br \/>Unni Lindell: Spurlos in der Nacht. Fischer 2005<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mal ehrlich: Ist Ihnen das auch aufgefallen? Sobald ein Gro\u00dfkopf das Maul aufmacht, ist jedes zweite Wort \u201eteamf\u00e4hig\u201c und jedes dritte \u201eSynergieeffekt\u201c. Seit Jahren schon. Was das mit Krimis zu tun hat? 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