{"id":16143,"date":"2005-11-07T08:01:06","date_gmt":"2005-11-07T08:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/schule-der-rezensenten-12\/"},"modified":"2022-06-07T01:13:59","modified_gmt":"2022-06-06T23:13:59","slug":"schule-der-rezensenten-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/schule-der-rezensenten-12\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten -12-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass 99 Kritiker 99 Meinungen zu einem Buch haben \u2013 der Leser registriert es mit Verwunderung. Dass EIN Kritiker zu EINEM Buch 99 Meinungen haben kann \u2013 da wird der Leser schier verr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In seinen Grundz\u00fcgen ist das Ph\u00e4nomen jedem Leser wohlbekannt. Man liest einen Kriminalroman, den Klappentext und die aus der Lekt\u00fcre der ersten Seiten gen\u00e4hrte Erwartungshaltung als klasssischen Whodunit ausweisen \u2013 und pl\u00f6tzlich steckt man mitten in einem komplexen Psychokrimi. Der mag auch seine Qualit\u00e4ten haben, kollidiert indes mit dem auf Whodunit justierten Blickwinkel des Lesers. Vielleicht spielt der Roman zudem in Bhutan, wo man schon immer mal hin wollte, und vielleicht ist die Schilderung von Land und Leuten, Sitten und Gebr\u00e4uchen schlie\u00dflich das, was alle Erwartung an einen Krimi \u00fcberlagert. Und ehe man es sich versieht, k\u00f6nnte man drei Rezensionen schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste w\u00fcrde der Entt\u00e4uschung Ausdruck verleihen, dass der vorgebliche Whodunit kein Whodunit ist, obwohl er zu Beginn so angelegt war. Das entscheidet alles. Nichts ist ern\u00fcchternder als die Erkenntnis, dass mein Kombinationsverm\u00f6gen nicht gebraucht wird, dass man mir die oberfl\u00e4chliche Spannung des M\u00f6rderratens nicht verg\u00f6nnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Rezension w\u00e4re Ausdruck meiner Flexibilit\u00e4t. Kein Whodunit \u2013 daf\u00fcr ein faszinierender Psychokrimi, mit einer anderen Spannung, anderen Spannungsbogen, ich wei\u00df wer\u2019s war, aber jetzt interessiert es mich, warum er\u2019s war.<\/p>\n\n\n\n<p>Und drittens: Eigentlich keine Krimirezension im eigentlichen Sinne, daf\u00fcr fokussiert auf erbaulichen geografischen Informationsgewinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle drei Varianten k\u00f6nnten mit klugen und logischen Argumenten gef\u00fcttert werden, eine w\u00e4re so \u201ewahr\u201c wie die andere. Aber es kommt noch schlimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor geraumer Zeit habe ich mir das Sp\u00e4\u00dfchen erlaubt, meine sehr \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/07\/david-peace-1974.php\">positive Kritik<\/a> von David Peace, \u201e1974\u201c, mit ein paar Handgriffen in eine \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/07\/david-peace-1974-die-alternativrezension.php\">sehr negative<\/a> zu verwandeln. Das mag einige Leute verbl\u00fcfft haben, mancher gar f\u00fchlte sich unwohl dabei und verunsichert. Warum eigentlich? Ich habe doch nur einige Grundeinsch\u00e4tzungen, die jeder Leser in sich tr\u00e4gt, neu gewichtet. Die Darstellung von Gewalt etwa. Ich kann dieses Schwelgen in Gewalt, wie es in Peaces Roman zu besichtigen ist, als etwas Realistisches und damit auch Abbildungsw\u00fcrdiges sehen, es quasi abstrahieren und auf die Gesellschaft, in der wir leben, hochrechnen. Ich kann aber auch \u2013 und mehr habe ich in dieser \u201eAlternativrezension\u201c kaum getan \u2013 das Ganze als reichlich zynischen Einsatz greller Mittel brandmarken, mit denen an die niederen Instinkte der Leser appelliert werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00e4tte ich \u201e1974\u201c auch aus diversen anderen Blickwinkeln betrachten k\u00f6nnen. Die Darstellung von Sexualit\u00e4t etwa. Die Moral, wie man sie von einem Krimi gemeinhin erwartet, und wie sie von Peace nicht erf\u00fcllt wird. Das kann ich negativ oder positiv sehen, das kann ich begr\u00fcnden, hier wie dort, das ergibt keine \u201everlogene Rezension\u201c, sondern zeigte, wenn ich mir die M\u00fche machen w\u00fcrde, tats\u00e4chlich 99 Versionen meiner Ansichten anzufertigen, dass \u2013 ja was eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr einfach: B\u00fccher sind komplexe Zeichen- und Deutungssysteme. ALLES steckt in einem Text, und trifft er auf den Leser, passiert meistens das: Ich suche jene Informationen, die meine Ansichten und Gesetze best\u00e4tigen und ignoriere den Rest, soweit er sich ignorieren l\u00e4sst. Wenn nicht, f\u00e4llt mein Urteil negativ aus. Sobald ich jedoch meine Individualit\u00e4t ausschalte und sehr n\u00fcchtern an die Sache gehe und versuche, m\u00f6glichst viele dieser Deutungsm\u00f6glichkeiten herauszuarbeiten, entstehen so viele m\u00f6gliche Rezensionen wie es m\u00f6gliche Deutungen gibt. Sie sind nicht mehr alle \u201emeine Deutungen\u201c, f\u00fcr den Leser m\u00f6gen sie indes genau \u201eseine Deutungen\u201c sein. Das ist so. Nicht leicht zu begreifen, aber was ist schon leicht zu begreifen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass 99 Kritiker 99 Meinungen zu einem Buch haben \u2013 der Leser registriert es mit Verwunderung. 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