{"id":16159,"date":"2005-11-11T07:54:08","date_gmt":"2005-11-11T07:54:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/jan-costin-wagner-schattentag\/"},"modified":"2022-06-16T22:45:27","modified_gmt":"2022-06-16T20:45:27","slug":"jan-costin-wagner-schattentag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/jan-costin-wagner-schattentag\/","title":{"rendered":"Jan Costin Wagner: Schattentag"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/krimix.gif\" alt=\"krimix.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>(&#8222;KrimiX&#8220; sind Krimis, die keine sind und doch welche sind. Gemixtes halt. Diese Tierchen sind \u00fcbrigens der Regelfall in der Literatur, blo\u00df wissen es die wenigsten. In dieser Reihe sollen also B\u00fccher vorgestellt werden, die man als genretreuer Kritiker und Leser nicht &#8222;Krimi&#8220; nennen w\u00fcrde, die aber unbedingt dazugeh\u00f6ren. \u00dcbrigens ist der Leser durchaus zur Mitarbeit aufgefordert. Nutzt die Kommentarfunktion, um Gesch\u00f6pfe zu benennen, von denen ihr auch nicht so genau sind, ob sie nun oder ob eher nicht. Wer selbst etwas Ausf\u00fchrlicheres zu einem solchen Titel schreiben m\u00f6chte, schicke mir eine <a href=\"mailto:dpr@hinternet.de?subject=KrimiX\">Mail<\/a>.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Jan Costin Wagner h\u00e4tte es beinahe geschafft, mich reinzulegen. Naja, am Ende habe ich die Kurve gekriegt, aber knapp wars doch. \u201eSchattentag\u201c ist n\u00e4mlich ein Krimi, der keiner ist und einer ist, weil er keiner ist. Aber der Reihe nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst: die Sprache. Mager und asketisch, das ideale Transportmittel f\u00fcr nicht sonderlich originelle S\u00e4tze, die mich sehr unangenehm an jene \u201edeutsche Innerlichkeit\u201c gemahnten, die unsere Gegenwartsliteratur seit etlichen Jahrzehnten infiziert hat. Lesetendenz: nichts wie durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann: die Story. Ein Mann verliert von einem Moment auf den anderen sein Augenlicht, landet &#8211; wie auch immer &#8211; im Krankenhaus, trifft dort eine fl\u00fcchtige Bekannte namens Mara, die ihn gleich &#8211; warum auch immer &#8211; aus seinem Umwelt (Familie, Beruf) rei\u00dft und mit sich auf eine Insel &#8211; wo auch immer &#8211; nimmt. Aber hinter der Maske der barmherzigen Samariterin verbirgt sich ein noch unbekanntes, nicht ganz so mildt\u00e4tiges Gesicht, darauf jedenfalls weisen Indizien und Leseerfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Abends besuchen Mara und ihr Sch\u00fctzling ein Feuerwerk, bei dem eine Person von der Klippe in den Tod st\u00fcrzt. Auftritt eines Polizeibeamten. In der Tasche des unzweifelhaft von fremder Hand Get\u00f6teten fand sich ein Bild des erblindeten Mannes. Was hat es damit auf sich? Und was ist das f\u00fcr ein merkw\u00fcrdiger Polizist? Ist er einer? In welcher Beziehung steht er zu Mara?<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Zweifel: Ich befinde mich in einem Krimi. Nicht, dass sich dies konkret belegen lie\u00dfe. Aber Wagner hat, wie nur je ein literarischer Pavlov, meine diesbez\u00fcglichen Reflexe konditioniert. Ich w\u00e4hne mich in einem Krimi, weil alle Anzeichen darauf hinweisen. Ich beginne, aus diesen Anzeichen, die wie derbe Wegweiser aus der Textw\u00fcste wachsen, mir eine Krimistruktur zu stricken, die es erlaubt, die L\u00f6sung aller Geheimnisse zu antizipieren, oder sagen wir: zwei, drei Varianten von L\u00f6sungen, von denen eine wohl zutreffen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Konsequenz: Da ich mir ja denken kann, worauf es hinausl\u00e4uft (die geheimnisvolle Mara ist der Schl\u00fcssel zu allem), mir auch die Sprache weiterhin recht zuwider ist, fange ich an, sehr schnell, sehr kursiv, sehr oberfl\u00e4chlich zu lesen. Etwa ab Seite 100 wird das Ganze zur Turbolekt\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber so oberfl\u00e4chlich kann ich gar nicht lesen, um nicht irgendwann festzustellen, dass sich die Dinge nicht so entwickeln, wie sie es eigentlich sollten, weil mein Krimiinstinkt es so erwartet. Die Gegenwart des blinden Mannes r\u00fcckt in den Hintergrund, Mara mit ihr, die Vergangenheit des noch Gesunden taucht in immer l\u00e4ngeren Passagen auf und f\u00fchrt uns in sein Alltagsleben zur\u00fcck, zu seiner Familie, seiner Arbeit (Er ist, dies nur nebenbei, in der IT-Branche und baut Bildschirmschoner. Wie man davon leben kann, w\u00fcsste ich gerne.). Und jetzt, ganz allm\u00e4hlich, verlasse ich auch den Krimi. Die Dinge drehen sich, aus dem Krimi, der nur ein Krimi wurde, weil es mir so suggeriert worden ist oder ich glaubte, es werde mir suggeriert, wird ein psychologischer Roman, der am Ende dort ankommt, wo er nicht gestartet ist: in der Normalit\u00e4t, weitab von allen Verbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das ist gro\u00df, wirklich gro\u00df. Jan Costin Wagner hat einen Roman geschrieben, der die Elemente des Krimis souver\u00e4n einsetzt, den Leser d\u00fcpiert, ihn vielleicht auch ein wenig lehrt, nicht immer in \u201eGenregesetzen\u201c zu denken. Krimihundchen bekommt sein H\u00e4ppchen, wenn das Gl\u00f6cklein &#8222;Verbrechen!&#8220; l\u00e4utet und wenn nicht, l\u00e4uft ihm das Wasser auch ohne blutiges Leckerli im Mund zusammen. Das ist spannend wie ein Krimi, und dass ich den Verdacht nicht loswerde, \u201eSchattentag\u201c k\u00f6nnte DOCH ein Krimi sein, ist ein weiterer, vielleicht sehr auf meine Leserperson beschr\u00e4nkter Nebeneffekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sprache des Romans mag ich immer noch nicht. Auch am Aufbau h\u00e4tte ich einiges zu bem\u00e4keln, der ist mir ein wenig zu konventionell. Aber ein zweites Mal lesen werde ich den Roman schon.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jan Costin Wagner: Schattentag. <br \/>Eichborn 2005. 192 Seiten, 17,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(&#8222;KrimiX&#8220; sind Krimis, die keine sind und doch welche sind. Gemixtes halt. 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